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EU-Sozialbericht beklagt Kinderarmut

Fast jedes fünfte Kind in Europa lebt in Armut oder ist davon bedroht. Das stellte die EU-Kommission am Montag bei der Vorstellung ihres Jahresberichts über Sozialschutz und soziale Eingliederung in Brüssel fest. Insgesamt 19 Millionen Kinder und Jugendliche bis 17 Jahre seien betroffen.

Vladimir Spidla, EU-Kommissar für Beschäftigung, soziale Angelegenheiten und Chancengleichheit  Foto: APVladimir Spidla, EU-Kommissar für Beschäftigung, soziale Angelegenheiten und Chancengleichheit
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78 Millionen Europäer insgesamt leiden unter Armut - ein Viertel davon sind Kinder. Ihr Armutsrisiko ist inzwischen durchschnittlich größer als das der Erwachsenen. Während von der Gesamtbevölkerung nur 16 Prozent von Armut bedroht sind, steigt dieser Anteil bei Kindern auf 19 Prozent, das ist fast jedes fünfte Kind. Europaweit gibt es dabei große Unterschiede. So sind in Dänemark gerade einmal 10 Prozent der Kinder durch Armut gefährdet, in Portugal, England, Italien, Ungarn und einigen anderen Staaten aber bereits 20-25 Prozent der Kinder betroffen. Nur Polen und Litauen übertreffen diesen Satz mit 26 Prozent. Die Hälfte der Kinder, die in Armut leben, wachsen in Haushalten mit nur einem Elternteil (23 Prozent) auf oder aber in sehr großen Familien (27 Prozent). Besonders groß ist ihr Armutsrisiko, wenn die Eltern noch jung sind: bei Eltern unter 30 Jahren liegt es bei 27 Prozent. Sind die Eltern zwischen 30 und 39 Jahren alt, sinkt es auf 19 Prozent. Die Kommissionsexperten gehen davon aus, dass ein Armutsrisiko besteht, wenn die Familie der Kinder nur über maximal 60 Prozent des Durchschnitts-Einkommens verfügt.

Seit sechs Jahren ist das Niveau der Kinderarmut in der EU unverändert hoch. Und die Experten der EU-Kommission machten bei der Präsentation des Berichts wenig Hoffnung, dass sich das sobald ändern werde. Zwar machte EU-Sozialkommissar Vladimir Spidla klar, dass die Kinderarmut eine große gesellschaftliche Herausforderung sei. Sie schmälere die "Chancen für eine gute Zukunft", denn arme Kinder seien schlechter in der Schule und anfälliger für kriminelle Taten. Bislang aber haben sich die Sozialminister der 27 EU-Staaten nicht auf gemeinsame Zielwerte einigen können. Die Armutsbekämpfung bleibt damit allein Sache der Mitgliedsländer.

Besonders erfolgreich sind dabei laut EU-Kommission die skandinavischen Länder, die Niederlande, Zypern, Slowenien und Österreich. Eine aktive Beschäftigungspolitik werde hier mit "relativ hohen und effektiven Sozialleistungen" verbunden. Zusätzlich gebe es meist gute Betreuungsangebote für Kinder berufstätiger Eltern.

In Deutschland liegt die Kinderarmut laut Bericht mit 12 Prozent unter dem EU-Durchschnitt. Dennoch mahnte der EU-Bericht, dass die Beschäftigungsrate von Müttern in Deutschland mit 60 Prozent "relativ niedrig" sei. Und obwohl die Arbeitslosenraten in Deutschland merklich gesunken sei, seien bei fast jedem zehnten Kind beide Eltern arbeitslos. Schätzungen besagen, dass in Deutschland inzwischen mehr als 2,5 Millionen Kinder mit dem Sozialhilfeniveau von 207 Euro pro Monat oder sogar weniger auskommen müssen.

Es gibt aber auch eine gute Nachricht: Die Alterarmut ist fast überall in Europa in den letzten drei Jahrzehnten kontinuierlich zurückgegangen. Am Freitag befassen sich die Sozialminister in Brüssel mit dem Bericht.


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