Erde

Vertiefung der deutsch-indischen Beziehungen

Indien und Deutschland wollen künftig in wirtschaftlichen, politischen und wissenschaftlichen Fragen enger zusammenarbeiten. Im Mittelpunkt der ersten Indienreise von Angela Merkel standen auch die Armutsbekämpfung und der Klimaschutz in Indien.

Angela Merkel im Gespräch mit ihrem indischen Amtkollegen Manmohan Singh, Foto: APAngela Merkel im Gespräch mit ihrem indischen Amtkollegen Manmohan Singh, Foto: AP
Die Kanzlerin wertete ihren Aufenthalt in Indien als Erfolg: "Die Reise hat einen Schub gebracht für die Beziehungen zwischen Deutschland und Indien", sagte Merkel vor Journalisten in Bombay. Zusammen mit einer 140-köpfigen Delegation, darunter auch 30 Spitzenvertreter aus der deutschen Wirtschaft, war Merkel vier Tagen durch die indischen Metropolen Neu Delhi und Bombay gereist.

Im Mittelpunkt der Gespräche mit Regierungsmitgliedern und Wirtschaftsfachleuten stand der Ausbau der wirtschaftlichen Zusammenarbeit. Ziel sei es, so Merkel, die strategische Partnerschaft zwischen Indien und Deutschland auf allen Ebenen zu intensivieren. In den letzten Jahren hätten sich die deutsch-indischen Handelsbeziehungen sehr dynamisch entwickelt, das Potenzial der bilateralen Zusammenarbeit sei aber bei Weitem noch nicht ausgeschöpft, erklärte Merkel am zweiten Tag ihrer Reise. Allein im letzten Jahr sind die deutschen Exporte nach Indien um das Doppelte angestiegen. Das deutsch-indische Handelsvolumen hat 2006 zum ersten Mal die Grenze von 10 Milliarden Euro überschritten. Damit und mit einem Investionsanteil von 3,6 Prozent sei Deutschland in Indien jedoch noch nicht adäquat positioniert, so der Vorsitzende des Asien-Pazifik-Ausschusses des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), Jürgen Hambrecht, der Merkel auf ihrer Reise begleitete. Beide Regierungen vereinbarten, den Wirtschaftshandel in den kommenden fünf Jahren auf rund 20 Milliarden Euro zu verdoppeln.

Allerdings sieht die Kanzlerin auch noch Entwicklungsbedarf in dem Land mit der weltweit zweitgrößten Bevölkerungszahl: "Indien ist ein Land mit riesigen Chancen, aber auch großen Brüchen. Eines der zentralen Probleme wird sein, wie hier die Armutsbekämpfung geschafft wird." Die indische Wirtschaft wächst rasant, im letzten Jahr konnte das demokratische Land ein Wachstum von 9,2 Prozent verzeichnen, dabei liegen der sekundäre und der tertiäre Sektor immer noch weit vor der Landwirtschaft. Aber nur wenige profitieren bisher von dem Strukturwandel: Etwa 800 Millionen der insgesamt 1,1 Milliarden Einwohner gelten als wirtschaftlich schwach. Aufgabe der indischen Regierung müsse es daher sein, dass auf Dauer alle Inder an dem wirtschaftlichen Aufschwung teilhaben, sagte Merkel.

Vor allem im Bereich der Infrastruktur, der Energieversorgung und der Umwelttechnologie sieht Merkel noch Entwicklungspotenzial. Die Kanzlerin sprach sich daher für eine engere Kooperation auch in umweltpolitischen Fragen aus, um Klimaschutz und Wirtschaftswachstum effektiv zu gestalten. Zwar ist der Ausstoß des klimaschädlichen Kohlenstoffdioxid in Indien im Vergleich zu Deutschland mit weniger als einer Tonne pro Einwohner noch relativ gering. Deutschland verbraucht pro Kopf rund elf Tonnen. Die Kanzlerin machte aber darauf aufmerksam: "Was das Gesamtvolumen anbelangt, ist Indien auch schon nicht mehr zu vernachlässigen." Gegenüber ihrem indischen Amtskollegen Manmohan Singh kündigte sie an, die deutsche Entwicklungshilfe in Zukunft stärker an den Klimaschutz koppeln zu wollen. Dafür stellte die Bundesregierung der indischen Regierung einen zinsgünstigen Kredit über 150 Millionen Euro für die Förderung klimafreundlicher Technologie in Aussicht.

Als Signal für die Vertiefung des wissenschaftlichen Dialogs zwischen Deutschland und Indien schickten Merkel und Singh in Neu Delhi den so genannten "Science-Express" auf die Reise. Der "Wissenschaftszug" macht bis 2008 in 56 indischen Städten Halt und soll junge Menschen für die Forschung begeistern und dazu motivieren, ihre Ausbildung in Deutschland zu absolvieren.


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