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19.9.2007 | Von:
Peter Philipp

Hamas und Palästinensischer Islamischer Jihad

Hamas

"Hamas" (Abkürzung für "Harakat Al-Muqawama Al-Islamia" - "Islamische Widerstandsbewegung") wurde Ende 1987 bei Ausbruch der "Intifada" bekannt, als die Gruppe plötzlich im Gazastreifen und in der Westbank öffentlich auftrat und der weltlichen PLO das Terrain strittig machte. Für Israel erschwerte diese neue Situation die Reaktion auf den Palästinenseraufstand, da hier nun zwei verschiedene Gruppen aktiv waren. Aber genau diese Konkurrenz zur PLO war einmal Ziel der Unterstützung gewesen, die Israel den Leuten und Gruppen gegeben hatte, die nun plötzlich als "Hamas" auftraten:

Bereits 1978 meldete der damals 49-jährige Sheikh Ahmed Yassin, ein seit seiner Jugend gelähmter muslimischer Führer in Gaza, bei den israelischen Besatzungsbehörden eine "Islamische Vereinigung" ("Al-Mujamma Al Islami") an, die sich um bedürftige Palästinenser kümmern wollte. Israel stimmte zu: Seine Strategie war, den Alleinvertretungsanspruch der PLO zu entkräften und zu zeigen, dass es in den besetzten Gebieten selbst Kräfte gibt, die die Palästinenser besser vertreten als die – damals noch in Tunis residierende – PLO Yasser Arafats. In Jerusalem hoffte man vor der "Intifada" und vor Oslo, dass eine religiös gefärbte Bewegung, die bisher vor allem karitativ und humanitär tätig gewesen war, ein geeignetes Gegengewicht sein würde gegen den – damals noch – als Erzterroristen und Todfeind verschrienen Yasser Arafat.

Schon einmal hatte Israel den Führungsanspruch der PLO untergraben wollen, indem es in der Westbank die Gründung so genannter "Dorfligen" unterstützte. Der Versuch scheiterte ebenso wie das Projekt "Hamas": "Hamas" ergriff rasch die Initiative und rief ihren eigenen Aufstand aus: Mit eigenen Streiktagen, vor allem aber mit eigenen Anschlägen versuchte "Hamas", die Führungsrolle der Intifada zu übernehmen. Hierbei kam ihre radikale Ideologie zum Tragen: Der ideologische Hintergrund der "Muslimbruderschaft" macht "Hamas" kompromisslos antiisraelisch und sie betrachtet nicht nur die 1967 eroberten Gebiete, sondern ganz Israel als "besetztes Gebiet", das es zu befreien gilt: 1988 verabschiedete "Hamas" ihre Statuten, den "Islamischen Pakt". Darin steht unter anderem – bis heute unverändert – dass man die "Flagge Allahs über jedem Quadratmeter Palästinas hissen" wolle. Juden müssten umgebracht werden und man solle "nicht seine Zeit mit Initiativen, Vorschlägen und internationalen Konferenzen verschwenden": Palästina sei ein islamisches Land.

Als Israel und die PLO Yasser Arafats 1993 in Norwegen das Oslo-Abkommen aushandelten, da war "Hamas" sich mit dem "Jihad" einig, diese Politik als Verrat zu verurteilen, im Gegensatz zum "Jihad" aber operierte "Hamas" bald mit einem "politischen" und einem "militärischen" Flügel. Der politische Flügel versuchte, politisch an Einfluss zu gewinnen, ohne jedoch die neuen Realitäten anzuerkennen: So war "Hamas" 1996 nicht bereit, bei den Wahlen anzutreten, weil dies einer Anerkennung von Oslo – und damit Israels - gleichgekommen wäre. Der militärische Flügel führte weiter Anschläge gegen Israel durch.

Diese Anschläge nahmen an Zahl und Intensität während der zweiten Intifada ("Al Aqsa-Intifada") zu, die nach dem Scheitern von Verhandlungen zwischen Ehud Barak und Yasser Arafat in Camp David im Herbst 2000 ausbrach. "Hamas" und "Islamischer Dschihad" waren dabei mindestens ebenso an der Durchführung von Anschlägen und Terrorakten beteiligt wie Anhänger von PLO-Chef Arafat.

Zur Teilnahme an Wahlen war "Hamas" erst Anfang 2006 bereit – zwei Jahre nach Arafats Tod. Inzwischen war viel geschehen: Die israelische Armee hatte nicht nur Sheikh Yassin in Gaza ermordet , sondern auch einen Monat später seinen Nachfolger Abdel Aziz a-Rantisi. Die Führung von "Hamas" wurde immer mehr von Khaled Mashal vonDamaskus aus übernommen, Mitgründer der Organisation und seit 1996 Leiter des Politbüros.

Die Wahlen 2006 wurden für Hamas zum vollen Erfolg: Begünstigt durch ein regionales Wahlsystem, vor allem aber durch den wachsenden Unmut der Bevölkerung über Korruption und Vetternwirtschaft, gewann "Hamas" 74 der 132 Parlamentssitze und löste damit die bislang führende "Fatah" ab, die ihren Sieg für selbstverständlich gehalten hatte.Größer noch aber war der Schock im Ausland: Obwohl man immer demokratische Wahlen gefordert und gefördert hatte, war man doch nicht bereit, dieses Ergebnis hinzunehmen. Es sei denn, "Hamas" würde sich von ihrer radikalen Anti-Israel-Haltung verabschieden und Oslo wie die Notwendigkeit eines Friedensprozesses anerkennen. Solange dies nicht geschehe, werde der Westen – allen voran EU und USA – die gewählte Regierung nicht unterstützen.

"Hamas" unter ihrem Regierungschef Ismail Haniyeh war dazu nicht bereit. Der ehemalige Berater von "Hamas"-Gründer Yassin kann es sich offenbar nicht erlauben, mit der radikalen Ideologie der Vergangenheit zu brechen. Statt von Frieden begann "Hamas" deswegen von jahrzehntelanger Waffenruhe zu sprechen und sie hielt sich bis nach den Wahlen an eine im Jahre 2005 verkündete zeitweilige Einstellung der Angriffe auf Israel.

Andere Gruppen – darunter der "Jihad" – setzten ihre Angriffe jedoch fort, darunter Raketenangriffe von Gaza auf Israel, und Israel reagierte massiv. "Hamas" kündigte die Waffenruhe schließlich auf und die Situation im Gazastreifen eskalierte. Bis sie im Frühsommer 2007 in einen offen Bruderkampf zwischen "Hamas" und der "Fatah" von Palästinenser-Präsident Mahmoud Abbas mündete. Saudische und andere arabische Vermittlungsbemühungen (darunter die Bildung einer Koalitionsregierung zwischen "Hamas" und "Fatah") scheiterten und nach kurzen, heftigen Kämpfen übernahm "Hamas" im Juni 2007 den Gazastreifen. In der Westbank bleibt es zunächst ruhig. Dort ruft Abbas eine Notstandsregierung aus und beginnt unter anderem, mit dieser wieder an einem Friedensprozess zu arbeiten. Der Westen stellt sich hinter Abbas, auch als er von Neuwahlen spricht und mit einer Wahlrechtsreform schon einmal sicher stellen will, dass ein Sieg von "Hamas" sich nicht wiederholen kann.

"Hamas" lehnt die Bemühungen zwischen Abbas und dem israelischen Premier Ehud Olmert um eine Nahost-Konferenz und neue Verhandlungen als illegal ab. Solange hierbei keine Fortschritte erzielt werden, dürfte sich der Zuspruch für "Hamas" unter den Palästinensern wohl kaum verringern.