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19.9.2007 | Von:
Peter Philipp

Hamas und Palästinensischer Islamischer Jihad

Bei den Wahlen in den Palästinenser-Gebieten Anfang 2006 wurde der Einfluss der islamistischen Hamas im Nahen Osten offensichtlich. Seit Juni 2007 herrscht die militante Gruppe im Gaza-Streifen.

Der Ägypter Hassan al Banna stammte aus ärmlichen Verhältnissen, er wurde zu Hause streng religiös erzogen und auf ein religiöses Lehrerseminar geschickt. Kurz nach Antritt seiner ersten Lehrerstelle in Ismailia tat er sich dort 1928 mit sechs Arbeitern der Suezkanal-Gesellschaft zusammen und gründete die "Gesellschaft der "Muslimbrüder"" ("Jamiyat al-ikhwan al-muslimin"). Ihr gemeinsames Motiv: Gegen den Einfluss der Briten anzutreten, die zwar nicht mehr Protektoratsmacht waren, das neue Königreich Ägypten (seit 1922) aber dennoch kontrollierten. Nach Überzeugung der ersten "Muslimbrüder" führte dieser westliche Einfluss dazu, dass die Gesellschaft sich immer mehr verweltlichte und von den Grundsätzen des Islam entfernte. Die "Muslimbrüder" versuchten, die Rückkehr zum Islam entgegenzusetzen und mit sozialer und wohltätiger Arbeit Anhänger hierfür zu gewinnen. Die Bewegung wuchs rasch an, verbreitete sich fast über die gesamte arabische Welt. und wurde bald zum Vorreiter der Auflehnung gegen deren traditionelle Regime.


Beim Versuch, die wichtigsten islamistischen Gruppen in der Region heute zu verstehen, wird man deswegen immer wieder auf diese Anfänge in Ägypten stoßen. Aus diesen Anfängen leiten sich die Grundthesen der verschiedensten islamistischen Gruppen ab und es spielt kaum noch eine Rolle, ob diese – wie "Islamischer Jihad" und "Hamas" - direkt aus der sunnitischen "Muslimbruderschaft" hervorgekommen sind oder ob es sich bei ihnen um eine schiitische Gruppe handelt – wie im Fall der libanesischen "Hisbollah".

Palästinensischer Islamischer Jihad

Der Gazastreifen stand von 1948 bis 1967 (mit kurzer Unterbrechung während des Sinaikrieges 1956) unter ägyptischer Verwaltung und der ägyptische Einfluss war deswegen hier besonders stark. Ideen wie die der "Muslimbrüder" fielen hier sofort auf fruchtbaren Boden und vermengten sich mit militanten Widerstandsideologien gegen den Staat Israel, die ihre Wurzeln meist auch im Gazastreifen hatten.

Die eher säkulare PLO unter ihrem langjährigen Führer Yasser Arafat enttäuschte mit der Zeit viele Palästinenser, weil sie nach dem Sechstagekrieg und der Eroberung des Gazastreifens wie auch der Westbank durch Israel (im Juni 1967) zwar schrittweise weltweite Anerkennung gewann, die Situation der Palästinenser sich aber nicht verbesserte. Diese Enttäuschung trieb besonders im Gazastreifen immer mehr Palästinenser in die Arme der Islamisten und führte auch zu deren Radikalisierung. Die "Muslimbrüder" aber waren in den Siebziger Jahren längst auf dem Weg, ein zwar nicht willkommener, aber tolerierter Faktor zu sein.

Die Lage änderte sich mit der Revolution im Iran: Der Sturz des Schahs und die Errichtung eines islamischen Gottesstaates im Iran sollten Signalwirkung haben: Nur kurz danach spaltete sich ein militanter Flügel der "Muslimbrüder" ab, um dem Beispiel des Iran nachzueifern: Der "Palästinensische Islamische Jihad" wurde 1979 von Fathi Shaqaqi und gleichgesinnten palästinensischen Studenten gegründet. Die "Muslimbrüder" waren ihnen zu gemäßigt, ebenso die PLO, sie wollten den Kampf gegen Israel aufnehmen und hofften, dass am Ende dieses Kampfes ein großer islamischer Staat für alle Muslime entstehen würde– und zwar nicht nur in der Arabischen Welt. Anhänger des "Islamischen Jihad" sollen Kontakte zu den Mördern des ägyptischen Präsidenten Sadat (ermordet 1981) unterhalten haben. Ihre ersten Überfälle und Terroranschläge auf israelische Ziele nahm die Gruppe in den achtziger Jahren auf, noch bevor in den besetzten Gebieten die erste "Intifada" ausbrach, der erste Aufstand der Palästinenser.

Obwohl diese "Intifada" als gewaltloser Widerstand geplant war, bot sie den Militanten einen idealen Ansatzpunkt. Israel erkannte diese Gefahr nicht gleich: Es deportierte Shaqaqi in den Libanon, wo dieser Beziehungen mit der gerade entstandenen "Hisbollah" und mit iranischen wie syrischen Stellen anknüpfte und der "Islamische Jihad" wurde radikaler. Als es nach Abebben der "Intifada" 1993 zum Oslo-Abkommen zwischen Israel und der PLO kam, übernahm der "Jihad" die Führungsrolle in der militanten Ablehnungsfront. Shaqaqi wurde 1995 in Malta –ermordet und sein Nachfolger, Dr. Ramadan Abdallah Shalah, residiert seitdem in Damaskus mit engen Kontakten zum syrischen Regime, zum Iran und der libanesischen Hisbollah. Der "Islamische Jihad" ist bis heute unverändert gegen jede Verständigung mit oder Anerkennung von Israel.

Dasselbe ist offiziell auch der Fall bei "Hamas", deren Geschichte unterscheidet sich aber vom "Jihad" und entbehrt auch nicht einer gewissen Ironie, weil die Gründer von "Hamas" zunächst von Israel unterstützt worden waren:

Hamas

"Hamas" (Abkürzung für "Harakat Al-Muqawama Al-Islamia" - "Islamische Widerstandsbewegung") wurde Ende 1987 bei Ausbruch der "Intifada" bekannt, als die Gruppe plötzlich im Gazastreifen und in der Westbank öffentlich auftrat und der weltlichen PLO das Terrain strittig machte. Für Israel erschwerte diese neue Situation die Reaktion auf den Palästinenseraufstand, da hier nun zwei verschiedene Gruppen aktiv waren. Aber genau diese Konkurrenz zur PLO war einmal Ziel der Unterstützung gewesen, die Israel den Leuten und Gruppen gegeben hatte, die nun plötzlich als "Hamas" auftraten:

Bereits 1978 meldete der damals 49-jährige Sheikh Ahmed Yassin, ein seit seiner Jugend gelähmter muslimischer Führer in Gaza, bei den israelischen Besatzungsbehörden eine "Islamische Vereinigung" ("Al-Mujamma Al Islami") an, die sich um bedürftige Palästinenser kümmern wollte. Israel stimmte zu: Seine Strategie war, den Alleinvertretungsanspruch der PLO zu entkräften und zu zeigen, dass es in den besetzten Gebieten selbst Kräfte gibt, die die Palästinenser besser vertreten als die – damals noch in Tunis residierende – PLO Yasser Arafats. In Jerusalem hoffte man vor der "Intifada" und vor Oslo, dass eine religiös gefärbte Bewegung, die bisher vor allem karitativ und humanitär tätig gewesen war, ein geeignetes Gegengewicht sein würde gegen den – damals noch – als Erzterroristen und Todfeind verschrienen Yasser Arafat.

Schon einmal hatte Israel den Führungsanspruch der PLO untergraben wollen, indem es in der Westbank die Gründung so genannter "Dorfligen" unterstützte. Der Versuch scheiterte ebenso wie das Projekt "Hamas": "Hamas" ergriff rasch die Initiative und rief ihren eigenen Aufstand aus: Mit eigenen Streiktagen, vor allem aber mit eigenen Anschlägen versuchte "Hamas", die Führungsrolle der Intifada zu übernehmen. Hierbei kam ihre radikale Ideologie zum Tragen: Der ideologische Hintergrund der "Muslimbruderschaft" macht "Hamas" kompromisslos antiisraelisch und sie betrachtet nicht nur die 1967 eroberten Gebiete, sondern ganz Israel als "besetztes Gebiet", das es zu befreien gilt: 1988 verabschiedete "Hamas" ihre Statuten, den "Islamischen Pakt". Darin steht unter anderem – bis heute unverändert – dass man die "Flagge Allahs über jedem Quadratmeter Palästinas hissen" wolle. Juden müssten umgebracht werden und man solle "nicht seine Zeit mit Initiativen, Vorschlägen und internationalen Konferenzen verschwenden": Palästina sei ein islamisches Land.

Als Israel und die PLO Yasser Arafats 1993 in Norwegen das Oslo-Abkommen aushandelten, da war "Hamas" sich mit dem "Jihad" einig, diese Politik als Verrat zu verurteilen, im Gegensatz zum "Jihad" aber operierte "Hamas" bald mit einem "politischen" und einem "militärischen" Flügel. Der politische Flügel versuchte, politisch an Einfluss zu gewinnen, ohne jedoch die neuen Realitäten anzuerkennen: So war "Hamas" 1996 nicht bereit, bei den Wahlen anzutreten, weil dies einer Anerkennung von Oslo – und damit Israels - gleichgekommen wäre. Der militärische Flügel führte weiter Anschläge gegen Israel durch.

Diese Anschläge nahmen an Zahl und Intensität während der zweiten Intifada ("Al Aqsa-Intifada") zu, die nach dem Scheitern von Verhandlungen zwischen Ehud Barak und Yasser Arafat in Camp David im Herbst 2000 ausbrach. "Hamas" und "Islamischer Dschihad" waren dabei mindestens ebenso an der Durchführung von Anschlägen und Terrorakten beteiligt wie Anhänger von PLO-Chef Arafat.

Zur Teilnahme an Wahlen war "Hamas" erst Anfang 2006 bereit – zwei Jahre nach Arafats Tod. Inzwischen war viel geschehen: Die israelische Armee hatte nicht nur Sheikh Yassin in Gaza ermordet , sondern auch einen Monat später seinen Nachfolger Abdel Aziz a-Rantisi. Die Führung von "Hamas" wurde immer mehr von Khaled Mashal vonDamaskus aus übernommen, Mitgründer der Organisation und seit 1996 Leiter des Politbüros.

Die Wahlen 2006 wurden für Hamas zum vollen Erfolg: Begünstigt durch ein regionales Wahlsystem, vor allem aber durch den wachsenden Unmut der Bevölkerung über Korruption und Vetternwirtschaft, gewann "Hamas" 74 der 132 Parlamentssitze und löste damit die bislang führende "Fatah" ab, die ihren Sieg für selbstverständlich gehalten hatte.Größer noch aber war der Schock im Ausland: Obwohl man immer demokratische Wahlen gefordert und gefördert hatte, war man doch nicht bereit, dieses Ergebnis hinzunehmen. Es sei denn, "Hamas" würde sich von ihrer radikalen Anti-Israel-Haltung verabschieden und Oslo wie die Notwendigkeit eines Friedensprozesses anerkennen. Solange dies nicht geschehe, werde der Westen – allen voran EU und USA – die gewählte Regierung nicht unterstützen.

"Hamas" unter ihrem Regierungschef Ismail Haniyeh war dazu nicht bereit. Der ehemalige Berater von "Hamas"-Gründer Yassin kann es sich offenbar nicht erlauben, mit der radikalen Ideologie der Vergangenheit zu brechen. Statt von Frieden begann "Hamas" deswegen von jahrzehntelanger Waffenruhe zu sprechen und sie hielt sich bis nach den Wahlen an eine im Jahre 2005 verkündete zeitweilige Einstellung der Angriffe auf Israel.

Andere Gruppen – darunter der "Jihad" – setzten ihre Angriffe jedoch fort, darunter Raketenangriffe von Gaza auf Israel, und Israel reagierte massiv. "Hamas" kündigte die Waffenruhe schließlich auf und die Situation im Gazastreifen eskalierte. Bis sie im Frühsommer 2007 in einen offen Bruderkampf zwischen "Hamas" und der "Fatah" von Palästinenser-Präsident Mahmoud Abbas mündete. Saudische und andere arabische Vermittlungsbemühungen (darunter die Bildung einer Koalitionsregierung zwischen "Hamas" und "Fatah") scheiterten und nach kurzen, heftigen Kämpfen übernahm "Hamas" im Juni 2007 den Gazastreifen. In der Westbank bleibt es zunächst ruhig. Dort ruft Abbas eine Notstandsregierung aus und beginnt unter anderem, mit dieser wieder an einem Friedensprozess zu arbeiten. Der Westen stellt sich hinter Abbas, auch als er von Neuwahlen spricht und mit einer Wahlrechtsreform schon einmal sicher stellen will, dass ein Sieg von "Hamas" sich nicht wiederholen kann.

"Hamas" lehnt die Bemühungen zwischen Abbas und dem israelischen Premier Ehud Olmert um eine Nahost-Konferenz und neue Verhandlungen als illegal ab. Solange hierbei keine Fortschritte erzielt werden, dürfte sich der Zuspruch für "Hamas" unter den Palästinensern wohl kaum verringern.
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