Blick auf den Erdball vom Weltall aus. Im Zentrum des Betrachters ist die nördliche Halbkugel zu sehen. Sie ist kaum von Wolken bedeckt. Im Westen liegt der amerikanisch Kontinent, im Osten liegt Europa. Dazwischen leuchtet blau der Ozean Atlantik.

27.8.2007 | Von:
Guido Steinberg

Al-Qaida

2. Organisations- und Führungsstruktur

al-Qaida war im Jahr 2001 keine homogene Organisation, sondern vor allem die Summe von Einzelgruppierungen, die meist landsmannschaftlich organisiert waren und eine innere Homogenität bewahrten, die al-Qaida als Gesamtorganisation fehlte. Die Ägypter waren eine dieser Einheiten; die saudi-arabischen Gefolgsleute Usama Bin Ladens stellten eine weitere Landsmannschaft. Viele Teilgruppierungen formierten sich um 1998 in informellen Zusammenschlüssen wie beispielsweise der Marokkanischen Kämpfenden Gruppe. Obwohl al-Qaida versuchte, die Differenzen zwischen den einzelnen Nationalitäten abzubauen, blieb ihr Integrationsgrad niedrig. Zwischen den einzelnen Teilgruppen verlief die Zusammenarbeit keineswegs spannungsfrei. So kritisierten viele Angehörige der al-Qaida die Dominanz der Ägypter in der Organisation.

Letztere spielten in der Führungsspitze von al-Qaida tatsächlich eine zentrale Rolle. Usama Bin Laden war und ist seit 1998 der unbestrittene Führer der al-Qaida, doch sein Stellvertreter Zawahiri nimmt eine sehr prominente Position ein. Dem unmittelbaren Führungskreis gehörte mit dem "Militärchef" Muhammad Atif (Abu Hafs al-Masri) bis zu dessen Tode 2001 ein weiterer Ägypter an. Um diese drei Hauptfiguren bildete sich ein informelles Beratungsgremium, genannt Shura (= Konsultations-)-Rat, in dem der erweiterte Führungszirkel der al-Qaida in Gestalt der Leiter einzelner "Fachausschüsse" vertreten war. Bei diesen handelte es sich zunächst nur um die Zuständigkeitsbereiche führender Persönlichkeiten der Organisation, weniger um fest gefügte Institutionen.

Für die Leitung der "Fachausschüsse" und der Trainingslager sowie für die Planung von terroristischen Operationen verfügte al-Qaida über eine etwas größere Zahl von mittleren Führungskadern. Der prominenteste unter ihnen war der Kuwaiti Khalid Shaikh Muhammad, der Chefplaner des 11. September. Das Fußvolk der al-Qaida bestand aus wenigen tausend Rekruten aus der gesamten arabischen Welt. Nur in Ausnahmefällen schlossen sich Nichtaraber der Organisation an.

3. Ideologie und Ziele

Die Ideologie der al-Qaida ist eine eigentümliche Verbindung des revolutionären Denkens des Ägypters Sayyid Qutbs (1906-1966) und seiner militanten Adepten im Ägypten der 1960er und 1970er Jahre mit der Gedankenwelt der saudi-arabischen Wahhabiya. Ihre Ziele hat die al-Qaida bisher nicht genau und umfassend definiert, vermutlich, um für möglichst viele Jihadisten weltweit attraktiv zu sein. Entsprechend ihrer landsmannschaftlichen Struktur (und in der Nachfolge Sayyid Qutbs) betreibt sie in erster Linie den Sturz der Regierungen aller arabischen Länder – bis 2001 in erster Linie in Ägypten und Saudi-Arabien. Mit der Internationalisierung ihrer Strategie ab 1997 beschlossen Bin Laden und Zawahiri zusätzlich, den gemeinsamen "fernen Feind", die USA, anzugreifen, um die Amerikaner zum Rückzug aus Saudi-Arabien sowie zum Einstellen ihrer Finanzhilfen an Ägypten zu zwingen und auf diese Weise die Regime ihrer Heimatländer zu schwächen.

Darüber hinaus sind die Ziele der al-Qaida nur ungenau bekannt. Seit 2001 propagiert die Organisation auch die Vernichtung Israels als ein wichtiges Ziel. In den daraufhin befreiten Staaten der arabischen und islamischen Welt will die al-Qaida einen übernationalen islamischen Staat begründen, der von einem Kalifen geführt werden soll. Darüber hinausgehende politische Ordnungsvorstellungen hat al-Qaida bisher noch nicht publik gemacht. Es ist aufgrund der wahhabitischen Prägung Bin Ladens und vieler seiner Gefolgsleute allerdings davon auszugehen, dass der al-Qaida-Führung der Staat der Taliban in Afghanistan und das wahhabitische Saudi-Arabien im 18. Jahrhundert als Modelle dienen. Kurzfristig geht es al-Qaida insbesondere um das Ende der amerikanischen Besatzung des Irak und die Destabilisierung des neuen irakischen Staates. Von dort plant sie eine Ausweitung des Kampfes auf dessen unmittelbare Nachbarstaaten und Ägypten.

Über die "Befreiung" der arabischen und islamischen Welt hinaus zielt al-Qaida darauf ab, all diejenigen Territorien zu erobern, in denen zwar Muslime leben, die gegenwärtig jedoch von Nichtmuslimen beherrscht werden. Hierzu gehören neben Israel vor allem Tschetschenien, Ost-Timor, die südlichen Philippinen, Südthailand, Nordnigeria und einige weitere Länder. Bin Laden und Zawahiri haben keine Grenzen der Expansion benannt. Dasselbe gilt für ihre Intentionen jenseits der islamischen Welt. Zwar geht es al-Qaida um den Rückzug der USA nicht nur aus der arabischen und islamischen Welt, sondern aus der Weltpolitik insgesamt. Ob sie allerdings nach dem Erreichen ihrer unmittelbaren Ziele eine Fortsetzung des Kampfes gegen den Westen anstrebt, ist unbekannt.