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Israel: Streit um Schulbuch

"Zusammenleben in Israel" heißt der Titel eines kürzlich zugelassenen Schulbuchs, das arabische Schüler in Israel künftig im Unterricht nutzen werden. Erstmals wird darin die Gründung des israelischen Staates 1948 auch aus arabischer Perspektive betrachtet.

Palästinensische Schülerinnen während des Unterrichts; Foto: APPalästinensische Schülerinnen während des Unterrichts; Foto: AP
Es sind nur wenige Sätze, aber sie haben in Israel eine Kontroverse ausgelöst. Das neue Schulbuch, das Erziehungsministerin Juli Tamir für die dritte Klasse bewilligt hat, thematisiert neben der offiziellen israelischen Geschichtsschreibung auch die Folgen des Unabhängigkeitskrieges von 1948 für die arabische Bevölkerung. "Einige arabische Bewohner waren zur Flucht gezwungen, und einige wurden vertrieben", heißt es darin. Im Verlauf des israelischen Unabhängigkeitskrieges von 1948 waren tausende palästinensische Araber zur Flucht gezwungen. In der arabischen Geschichtsauffassung wird dies als "nakba", Katastrophe, wahrgenommen.

Israel hingegen beruft sich in seiner Interpretation der Ereignisse auf die Tatsache, dass der junge Staat von den arabischen Nachbarstaaten angegriffen worden ist. Tamir, die früher für die Friedensorganisation "Frieden jetzt" aktiv war, begründete ihre Entscheidung, dass auch der arabischen Seite Raum für ihre Gefühle gegeben werden müsse. Knapp ein Fünftel der israelischen Bevölkerung sind (palästinensische) Araber.

Eine derartige Lesart des Krieges findet man bisher in keinem israelischen Geschichtsbuch. Ein Großteil der arabischen Schullektüre wird aus der hebräischen Version ins Arabische übersetzt. In der hebräischen Version des neuen Schulbuchs wird der arabische Blickwinkel allerdings auch weiterhin fehlen. Man wolle die jüdischen Kinder nicht mit zwei Versionen ein und desselben Ereignisses überfordern, teilte das Bildungsministerium dazu mit.

Arabische Israelis begrüßten den Vorstoß. Der arabische Parlamentarier Hana Sawid sagte, der Beschluss würde das Vertrauen der arabischen Gemeinschaft in das Bildungswesen stärken. Auch die konservative israelische Tageszeitung "Jerusalem Post" fand positive Worte. Die Erwähnung der arabischen "nakba" könne den Schülern dabei helfen, die Fakten ohne ideologische "Verzerrung" zu begreifen. Ganz anders hingegen reagierten Teile der israelischen Rechten: Durch diese Auslegung der israelisch-palästinensischen Geschichte könne man denken, Israel wolle sich für seine Existenz entschuldigen. Die ehemalige Erziehungsministerin Limor Livnat vom Likud sagte, die arabischen Schüler könnten sich durch den Passus über die "nakba" veranlasst sehen, ihre jüdischen Mitbürger zu bekämpfen. Sie forderten den Rücktritt der Bildungsministerin.

Tamir hatte bereits Ende letzten Jahres mit einer Entscheidung für Aufregung gesorgt. Damals forderte sie Schulbücher an, in denen die israelischen Grenzen aus der Zeit vor dem so genannten Sechs-Tage-Krieg von 1967 eingezeichnet waren. Aus dem Gazastreifen hatte sich die israelische Armee im August 2005 zurückgezogen.


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