Erde

Debatte um Atomkraftwerke

Der Energiekonzern Vattenfall steht weiter unter Druck. Laut Kieler Atomaufsicht habe der Betreiber der störanfälligen Atomkraftwerke Krümmel und Brunsbüttel der Öffentlichkeit bewusst Informationen vorenthalten und die rasche Aufklärung der Störfälle behindert.

Das umstrittene Atomkraftwerk in Brunsbüttel an der Elbmündung; Foto: APDas umstrittene Atomkraftwerk in Brunsbüttel an der Elbmündung; Foto: AP
Am Donnerstag legte die schleswig-holsteinische Sozialministerin Gitta Trauernicht, zuständig für die Atomaufsicht, dem Landtag einen Zwischenbericht über die Störfälle und Pannen in den AKW Krümmel und Brunsbüttel vor. Demzufolge habe das Unternehmen wichtige Informationen zunächst nur auf Druck des Ministeriums veröffentlicht. Zudem hätte es in seinen Pressemitteilungen Darstellungen gegeben, "die dem Betreiber zu dem Zeitpunkt als falsch bekannt gewesen sein müssen".

Bereits am Mittwoch hatte die Atomaufsicht eine Mängelliste zum Meiler Brunsbüttel ins Netz gestellt, deren Veröffentlichung Vattenfall bis dahin gerichtlich blockiert hatte. Die Liste führt 707 "offene Punkte" aus einer Sicherheitsanalyse im Jahr 2001 an, deren Behebung Vattenfall bis Juni 2006 noch nicht ausreichend nachgewiesen hatte. Mit der Veröffentlichung reagierte die Atomaufsicht auf die Deutsche Umwelthilfe, die am selben Tag eine Expertenanalyse veröffentlicht hatte, die von 650 offenen und 165 "besonders prekären" Punkten sprach. Laut Atomaufsicht ist jedoch keiner der 707 Punkte der höchsten von vier Mängel-Kategorien zuzuordnen; von den 185 Punkten der Kategorie 2 ("Nachweisdefizit: Kurzfristig zu beseitigen") habe Vattenfall bereits mehr als 100 geklärt.

In Reaktion auf die Pannenserie schlug Trauernicht nach einem Gespräch mit Bundesumweltminister Sigmar Gabriel am Donnerstag eine Änderung des Atomgesetzes vor. Gegenwärtig kann die Lizenz zum Betrieb von Atomkraftwerken nur entzogen werden, wenn dem Betreiber Unzuverlässigkeit nachgewiesen werden kann. Trauernicht regte dagegen eine "Beweislast-Umkehr" an: Demnach sollen die Betreiber die Sicherheit ihrer Nuklearanlagen künftig nachweisen müssen. Gabriel zeigte sich offen für eine Prüfung des Vorschlages und kündigte an, zunächst von den jeweils zuständigen Landesbehörden einen Bericht zur Sicherheit aller deutschen Atomkraftwerke anzufordern.

Ende Juni war es in den Kraftwerken Krümmel und Brunsbüttel zu Störfällen gekommen. Der drittgrößte deutsche Energiekonzern Vattenfall hatte nur zögerlich Informationen zu den Vorfällen preisgegeben. Ein Fehler, wie der Konzern jetzt mitteilte. Als erste Konsequenz musste der Chef der Atom-Sparte, Bruno Thomauske, gehen. Lars Göran Josefsson, Vorstandsvorsitzender des schwedischen Mutterkonzerns, räumte ein, das Unternehmen seiner gesellschaftlichen Verantwortung nicht gerecht geworden sei und stellte nun einen Neuanfang in Aussicht. Krümmel liefert seit dem Störfall keinen Strom mehr. Auch Brunsbüttel wurde erneut heruntergefahren. Laut Atomkonsens soll der Meiler 2009 vom Netz gehen.


Mehr zum Thema

Gerhard Jochum / Wolfgang Pfaffenberger

Die Zukunft der Stromerzeugung

Für die Gestaltung der "Stromzukunft" muss die Entscheidung für eine Marktöffnung konsequent durchgehalten werden. Die Erneuerbaren Energien bedürfen einer europäischen Dimension. Der Ausstieg aus der Atomenergie könnte sich als Bumerang erweisen. Weiter...

Birgit Mangels-Voegt

Erneuerbare Energien - Erfolgsgaranten einer nachhaltigen Politik?

Nachhaltig gestaltete Energiepolitik gehört zu den Prestigeprojekten der Bundesregierung. Besonders das novellierte EEG hat Vorbildcharakter. Einer Umsetzung des Nachhaltigkeitsgedankens als gesellschaftliches, ökonomisches und ökologisches Strukturprinzip stehen jedoch vielfältige Interessengegensätze im Wege. Weiter...