Erde

Machtkampf in Pakistan

Seit rund einer Woche hat sich eine Gruppe radikaler Islamisten in der Roten Moschee in Islamabad verschanzt. Sie halten mehrere hundert Koranschüler in ihrer Gewalt und fordern einen islamischen Gottesstaat.

Abdul Rashid Ghazi gilt als Wortführer der verschanzten Islamisten. Foto: APAbdul Rashid Ghazi gilt als Wortführer der verschanzten Islamisten. Foto: AP
Etwa 60 bewaffnete Radikale sollen sich seit Dienstag letzter Woche in der Moschee aufhalten, zu der die größte Koranschule des Landes gehört. Sie fordern die Errichtung eines islamischen Gottesstaates nach dem Vorbild der afghanischen Taliban. Die Nachrichtenagentur AFP meldet, die Besetzer würden von einer der al Quaida nahestehenden Gruppe namens "Harkatul-Jihad-e-Islami" ("Bewegung des heiligen islamischen Krieges") gelenkt, die in Pakistan verboten ist.

Obwohl seine Verbindung zu der radikalen Gruppe unklar ist, gilt der Leiter der angegliederten Koranschule, Abdul Rashid Ghazi, als ein Wortführer innerhalb der Moschee. Seit dem 11. September 2001 setzt er sich in Pakistan gegen den Anti-Terrorkampf der USA ein und kritisiert die Regierung des Präsidenten Pakistans Musharraf, der 1999 durch einen Militärputsch an die Macht kam. Musharraf gilt als enger Verbündeter der Amerikaner. Ghazi verkündete, dass die radikalen Islamisten bereit seien, für ihre Forderungen "als Märtyrer zu sterben."

Am Sonntagabend sprach die pakistanische Regierung eine letzte Warnung an diese aus: Sollten sie sich nicht ergeben, werde die Armee das Gebäude stürmen. Bislang hielten sich die Sicherheitskräfte mit Rücksicht auf die in der Moschee befindlichen Geiseln, darunter Kinder und Frauen, zurück. Um den Widerstand der Besetzer zu brechen, versuchte man sie von der Außenwelt abzuschneiden. Laut Ministerpräsident Shaukat Aziz erklärte Ghazi sich am Montag zu Verhandlungen mit der Regierung bereit. Allerdings soll dieser die Kontrolle im Komplex mittlerweile an militante Extremisten unter den Besatzern verloren haben - so zumindest eine Äußerung des pakistanischen Religionsministers Ijaz ul-Haq am Sonntag.

Nach Regierungsangaben kamen bei den Gefechten zwischen den Extremisten und pakistanischen Sicherheitskräften bis Montag 24 Menschen ums Leben. Ein Sprecher der Moscheeverwaltung sprach dagegen von 350 Opfern. 152 Koranschüler zwischen 15 und 18 Jahren konnten aus der Moschee fliehen. Eigenen Angaben zufolge studierten sie nicht in der Koranschule der Roten Moschee und waren am Dienstag bei Ausbruch der Gewalt nur zu Besuch. Zwischen 300 und 1.800 Personen sollen sich noch auf dem Moscheegelände befinden.

Die öffentliche Meinung in Pakistan scheint gespalten: Während sich in einer Umfrage des Fernsehsenders "Pakistan Television" 82 Prozent der Pakistaner für ein militärisches Vorgehen gegen die Besetzer der Roten Moschee aussprachen, kam es in den letzten Tagen gleichzeitig zu Protestzügen gegen die Regierung und mehrere Anschläge, die nach Ansicht der Regierung durch die Besetzung der Moschee motiviert waren.


Mehr zum Thema

Fischer Weltalmanach

Pakistan

Daten, Jahresüberblick, Innen- und Außenpolitik - der Fischer Weltalmanach liefert wichtige Informationen über das Pakistan der Gegenwart. Weiter...

Andreas Rieck

Der politische Kurswechsel in Pakistan

Nach den Terroranschlägen vom 11. September erklärte Pakistan seine Bereitschaft, den USA "volle Unterstützung im Kampf gegen den Terrorismus" zu gewähren. Dieser Schritt bedeutete eine Zäsur in der pakistanischen Außenpolitik. Weiter...

Dawud Gholamasad

Einige Thesen zum Islamismus als globaler Herausforderung

Nativistisch orientierte Muslime zeichnen sich durch zweierlei aus. Sie heben ihren eigenen Selbstwert demonstrativ hervor und streben die praktische Veränderung der bestehenden Macht- und Statusverhältnisse an. Weiter...