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Junge Frauen verlassen den Osten

1,5 Millionen Menschen haben seit dem Fall der Mauer dem Osten den Rücken gekehrt - darunter sind besonders viele junge und gut ausgebildete Frauen. Das ist das Ergebnis einer Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, die am Mittwoch vorgestellt wurde.

In Ostdeutschland erzielen Jungen im Durchschnitt schlechtere Schulabschlüdse als ihre weiblichen Altersgenossen. Foto: APIn Ostdeutschland erzielen Jungen im Durchschnitt schlechtere Schulabschlüdse als ihre weiblichen Altersgenossen. Foto: AP
Vor allem gut qualifizierte Frauen zwischen 18 und 29 Jahren verlassen ihre Heimat und ziehen in den Westen. Darunter leiden strukturschwache Regionen besonders, denn dort herrscht ein Männerüberschuss von 25 Prozent und mehr. Dieser Frauenmangel sei europaweit einzigartig, sagt Reiner Klingholz, Institutsleiter und Mitautor der Studie. Selbst Polarkreisregionen im Norden Schwedens und Finnlands reichten an die ostdeutschen Zahlen nicht heran.

Eine Ursache für das Abwandern der jungen Frauen sieht das Forscher-Team in ihrem "Bildungsvorsprung". So erreichten zwischen 1999 und 2004 rund 30 Prozent der ostdeutschen Schulabgängerinnen das Abitur, während das nur jedem fünften Jungen aus dem Osten gelang. Knapp 50.000 Jungen weniger als ihre weiblichen Altersgenossen verließen in den vergangenen Jahren die Schule mit einem Hauptschulabschluss. Ein besonders drastisches Beispiel ist das brandenburgische Elbe-Elster: Hier waren von allen Schulabgängern seit 1995, die keinen oder höchstens einen Hauptschulabschluss erreichten, 70 Prozent männlich. Die besseren Schulnoten erleichtern es den Frauen einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz zu finden. "Zusammen mit einer hohen Arbeitslosigkeit und den schlechteren Chancen auf einen Ausbildungsplatz führt dieses Bildungsgefälle dazu, dass viele junge Frauen ihr Glück in Westdeutschland versuchen", erklärt der Leiter der Studie Steffen Kröhnert.

Was in den neuen Bundesländern zurückbleibe, sei eine "neue männerdominierte Unterschicht" ohne Ausbildung und Job. Mit fatalen Folgen für die ohnehin strukturschwachen Regionen: Der wirtschaftliche Abwärtstrend im Osten werde so forciert. Die zurückbleibende "Unterschicht" sei laut Klingholz besonders anfällig für rechtsextremes Gedankengut: "In Kreisen mit hohem Männerüberschuss erzielen rechte Parteien besonders gute Wahlergebnisse." Einen direkten Zusammenhang zwischen Männerüberschuss und einer Zunahme der Kriminalität konnte das Berlin Institut nicht nachweisen. Jedoch ist die Zahl der Körperverletzungen in bestimmten Regionen mit hoher Jugendarbeitslosigkeit gegenüber anderen Regionen erhöht. Eine weitere Folge ist der Geburtenrückgang. Rund 100.000 Kinder fehlten bereits durch die Abwanderung der Frauen in den neuen Bundesländern.


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