Erde

Neue Kopftuchdebatte

Ihre Aufforderung an muslimische Frauen, die Kopftücher abzulegen, brachte der Grünen-Bundestagsabgeordneten Ekin Deligöz Anfeindungen und Morddrohungen ein. Muslimische Verbände unterstützen Deligöz nun in ihrem Recht auf freie Meinungsäußerung - trotz Kritik an ihrer Aussage.

Kopftuch als Symbol von Religiosität oder Zeichen von Unterdrückung?
Foto: stock.xchngKopftuch als Symbol von Religiosität oder Zeichen von Unterdrückung?
Foto: stock.xchng
Nach einem Treffen mit Politikern der Grünen distanzierten sich Vertreter islamischer Verbände von den Drohungen gegen die 35-jährige Politikerin, die seit 1998 Mitglied des Bundestages ist. So erklärte der Vorsitzende der Türkischen Gemeinschaft in Deutschland, Kenan Kolat, im Anschluss an das Treffen, für ihn sei Unsinn, was Deligöz gesagt habe, wichtig sei aber auch, "dass sie diesen Unsinn verbreiten darf". Auch Mounir Azzaoui vom Zentralrat der Muslime in Deutschland lehnte den Aufruf zum Ablegen des Kopftuches ab. Sein Verband stelle sich aber dennoch vor Deligöz und die Meinungsfreiheit, die in Deutschland eine Selbstverständ-
lichkeit sei.

Vor rund zwei Wochen hatte die im türkischen Tokat geborene Migrations- und Kinderpolitikerin in einem Interview muslimische Frauen und Mädchen dazu aufgefordert, das Kopftuch abzulegen. Das Kopftuch sei "ein Symbol der Frauen-Unterdrückung". In der Folge erhielt sie per Brief und E-Mail Anfeindungen und auch Morddrohungen. Laut Deligöz stammten die beleidigenden Briefe zu "über 90 Prozent von Männern". Das bestätige sie in ihrer Ansicht, dass das Kopftuch "für eine bestimmte Form von Rollenzuweisung und von Patriarchat" stehe. Wegen der Bedrohung stellte das Bundeskriminalamt sie nun unter Polizeischutz.

Dennoch will Deligöz die Debatte um das Tragen von Kopftüchern auf jeden Fall fortsetzen. Angst habe sie nicht, "weil das, was ich verteidige, ein kostbares Gut ist - die Freiheit". Sie forderte zu einer sachlichen Auseinandersetzung auf. Es gehe nicht darum, das Kopftuch zu verteufeln oder die Meinungs- gegen die Religionsfreiheit auszuspielen. Wichtig sei: muslimische Frauen sollen selbst entscheiden können, ob sie ein Kopftuch tragen oder nicht. Deutsche Politiker hatten sich parteiübergreifend vor Deligöz gestellt und die Meinungsfreiheit eingefordert.

Mehr zum Thema

Islamische Mode in Berlin

Yasemin Karakasoglu

Frauen mit Kopftuch in Deutschland

Symbol der Religiosität, Zeichen von Unterdrückung, Ausdruck neuer Identitäten? Yasemin Karakasoglu erläutert, wie das Tragen eines Kopftuches in Geschichte und Gegenwart gedeutet wird. Weiter...

Zu sehen ist die europäische Flagge. Durch die Flagge hindurch ist die Quadriga zu sehen, die auf dem Brandenburger Tor in Berlin befestigt ist. (24.03.2007). Hintergrund: Europäer feiern den 50. Jahrestag der Verträge von Rom.

Heide Oestreich

Das Kopftuch als Zeichen mangelnden Integrationswillens?

Die Autorin wirft einen Blick in die europäische Länder: Wie gehen andere Staaten mit den muslimischen Kopftüchern um? Weiter...

Necla Kelek

Die muslimische Frau in der Moderne

Mindestens die Hälfte der in Deutschland lebenden Türken hält an türkisch-muslimischen Traditionen fest. Gleichberechtigung und Rechtstaatlichkeit, Schutz und Verwirklichung der Grundrechte des Einzelnen sind Voraussetzungen für die Integration. Weiter...