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Schule und Integration

Schule in Not: Der schriftliche Hilferuf des Lehrerkollegiums an der Rütli-Hauptschule in Berlin-Neukölln hat eine bundesweite Debatte über scheiternde Integration und Gewalt an deutschen Schulen ausgelöst.

Klassenzimmer: nicht immer ein friedlicher Ort. 
Foto: stock.xchngKlassenzimmer: nicht immer ein friedlicher Ort. Foto: stock.xchng
Am Donnerstag vergangener Woche war die Rütli-Schule binnen Stunden deutschlandweit bekannt. In einem dreiseitigen Brief an den Berliner Bildungssenator Klaus Böger (SPD) bat die kommissarische Schulleiterin Petra Eggebrecht um die Auflösung der Schule. Angesichts der Aggressivität, Respektlosigkeit, "totalen Ablehnung des Unterrichtsstoffes und menschenverachtendem Auftreten" ihrer Schülerinnen und Schüler sei die Hauptschule "am Ende der Sackgasse angekommen", so der vom Lehrerkollegium der Schule einstimmig beschlossene Brief. Die Schule im sozial schwachen Stadtteil Neukölln werde zur überwiegenden Mehrheit (82,3 Prozent) von Kindern aus Migrantenfamilien besucht. Der Berliner Senat lehnte die Schulschließung ab, am Freitag und Samstag wurde zwischenzeitlich ein Streifenwagen mit sechs Beamten vor der Schule postiert, die den Schülern Gespräche über eskalierende Gewalt anboten. Laut einem Interview mit der "Berliner Morgenpost" plant Schulsenator Böger nun, je 50 neue Stellen für Lehrer und Sozialarbeiter in "Brennpunkt-Schulen" zu schaffen.

Die öffentliche Debatte dreht sich derweil vor allem um die Voraussetzungen für eine gelingende Integration an Schulen. Das deutsche Schulsystem sei nicht auf die Einwanderergesellschaft eingerichtet und würde lernschwache, sozial auffällige Kinder aus armen und nichtdeutschen Familien chancenlos in Hauptschulen "abschieben", so der Tenor vieler Zeitungskommentare. Es fehle an Mitteln für die individuelle Förderung und frühen Deutschunterricht. Auch das dreigliedrige Schulsystem geriet unter Beschuss. So forderte die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft die langfristige Abschaffung aller Hauptschulen. Ein weiteres Thema der Debatte ist die Gewalt an Schulen. Zwar ist die Zahl so genannter Raufunfälle an deutschen Schulen zwischen 1993 und 2003 ebenso zurückgegangen wie die Gewaltakte gegen Lehrer, wie die "Süddeutsche Zeitung" am Samstag berichtete. Dennoch wurden Stimmen nach härteren Sanktionen für Jugendstraftäter laut. In einem Interview mit der "FAZ" wies der Bielefelder Gewalt- und Konfliktforscher Wilhelm Heitmeyer darauf hin, die wirkliche Ursache der Gewalt liege in der Desintegration an Schulen: "Wer nicht integriert ist, verschafft sich seine Anerkennung auf andere Art."


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