Arbeitsmarktpolitik Dossierbild

19.2.2013 | Von:
Sabrina Bersheim
Frank Oschmiansky
Stefan Sell

Daten und Fakten: Arbeitslosigkeit

Strukturen der Arbeitslosigkeit

Arbeitslosigkeit ist vielschichtiger, als es die monatlich veröffentlichte Quote abbilden kann. Die Erwerbsbevölkerung ist in sehr unterschiedlichem Maße betroffen. Bestimmte Faktoren, darunter eine geringe Qualifikation, ein höheres Alter oder ein Wohnort in einer strukturschwachen Region erhöhen das Arbeitslosigkeitsrisiko.

Qualifikationsabhängige Arbeitslosigkeit

Ein niedriges Qualifikationsniveau gilt als einer der stärksten Risikofaktoren für Arbeitslosigkeit. Die Arbeitslosenquoten von Personen ohne Berufsabschluss liegen erheblich über der allgemeinen Arbeitslosenquote. Umgekehrt gilt: Je höher das Qualifikationslevel einer Personen, desto geringer das Risiko, arbeitslos zu werden.

Qualifikationsspezifische ArbeitslosenquotenQualifikationsspezifische Arbeitslosenquoten Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Altersabhängige ArbeitslosenquotenAltersabhängige Arbeitslosenquoten Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)


Altersabhängige Arbeitslosigkeit

Ältere Arbeitnehmer über 50 bzw. 55 Jahre haben ebenfalls ein erhöhtes Arbeitslosigkeitsrisiko. Bei ihnen kommt erschwerend hinzu, dass ihre Chancen, aus Arbeitslosigkeit heraus wieder in Beschäftigung zu kommen, vergleichsweise gering sind. Im Schnitt dauert es bei über 50-Jährigen 54,1 Wochen bis sie ihre Arbeitslosigkeit beenden, während die Arbeitslosigkeitsdauer aller Arbeitslosen durchschnittlich 36,9 Wochen beträgt.

Arbeitslosigkeit und Gesundheit

Auch gesundheitlich Beeinträchtigte sind stark von Arbeitslosigkeit betroffen. Sie haben ein höheres Risiko, entlassen zu werden und bleiben überdurchschnittlich lange arbeitslos. Umgekehrt wirkt sich Arbeitslosigkeit auch negativ auf die Gesundheit aus. Eine Untersuchung des Robert-Koch-Instituts (RKI) im Rahmen der Gesundheitsberichterstattung des Bundes hat ergeben, dass Arbeitslose häufiger krank sind. Besonders die psychische Gesundheit wird durch Arbeitslosigkeit beeinträchtigt. Hinzu kommt: Je länger die Arbeitslosigkeit andauert, desto stärker wird diese zum Gesundheitsrisiko.

Regionale Unterschiede der Arbeitslosigkeit

Die Arbeitslosigkeit in Deutschland weist seit Beginn der Phase der Massenarbeitslosigkeit Mitte der siebziger Jahre erhebliche regionale Unterschiede auf. In der alten Bundesrepublik wurde vom Nord-Süd-Gefälle gesprochen. Gemeint war damit, dass die Arbeitslosigkeit in den südlichen Bundesländern geringer war als in den nördlichen Bundesländern. Seit der Wiedervereinigung Deutschlands spricht man nunmehr von einem West-Ost-Gefälle. So erreicht die Arbeitslosigkeit in den neuen Bundesländern regelmäßig höhere Werte als in den alten Bundesländern. Im Jahresdurchschnitt 2011 lag sie in Ostdeutschland bei 11,3 Prozent, im Westen bei 6,0 Prozent.

Arbeitslosenquoten nach BundesländernArbeitslosenquoten nach Bundesländern Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
In den alten Bundesländern ist jedoch auch das Nord-Süd-Gefälle weiterhin vorhanden. Die Abbildung links zeigt die erhebliche Spannbreite zwischen den Arbeitslosenquoten der Bundesländer im Jahresdurchschnitt 2011.

Auch zwischen Kreisen und Städten differieren die Arbeitslosenquoten erheblich. Das teils völlig unabhängig von der Zugehörigkeit zu den alten oder neuen Bundesländern. So gibt es in Ostdeutschland die so genannten "Leuchttürme", die vergleichsweise geringe Arbeitslosenquoten aufweisen. Dazu gehören Regionen wie Potsdam-Mittelmark (7,0 Prozent) oder Jena (7,1 Prozent). Auf der anderen Seite finden sich in den alten Bundesländern Regionen mit sehr hohen Arbeitslosenquoten, darunter Bremerhaven mit 16,3 Prozent, Gelsenkirchen mit 14,2 Prozent oder Duisburg mit 13,1 Prozent.

Die Spannweite der Arbeitslosenquoten reichte 2011 auf Ebene der Kreise und Städte von 1,4 Prozent in Eichstätt bis 16,7 Prozent in der Uckermark. (Stand: Jahresdurchschnitt 2011).

Unterschiede zwischen SGB II und SGB III

Arbeitslosigkeit hat in Deutschland zwei Gesichter, je nachdem, ob die betroffenen Personen dem Sozialgesetzbuch II (SGB II) oder III (SGB III) zugeordnet sind.

Verteilung der Arbeitslosigkeit auf SGB II und SGB IIIVerteilung der Arbeitslosigkeit auf SGB II und SGB III Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
SGB III-Arbeitslose erhalten das am letzten Einkommen bemessene Arbeitslosengeld und sind in der Regel selten länger als zwölf Monate arbeitslos. Sie stehen dem Arbeitsmarkt aufgrund der kurzen Arbeitslosigkeitsdauer und einem in der Regel höheren Qualifikationsniveau näher. Mit etwa einem Drittel stellen sie jedoch den kleineren Teil der Arbeitslosen, während über zwei Drittel der Arbeitslosen dem SGB II ("Hartz IV-System") zugeordnet sind.

SGB II-Arbeitslose sind "arbeitsmarktferner". Das bedeutet auch, dass ihre Chancen am Arbeitsmarkt auch bei guter Konjunktur vergleichsweise gering bleiben. Von den zuletzt sinkenden Arbeitslosenzahlen haben daher in erster Linie die Personen im SGB III-System profitiert. Ihre Zahl ist seit 2005 von knapp 2,1 Millionen auf rund 900.000 Personen um mehr als die Hälfte gesunken. Bei den SGB II-Arbeitslosen hingegen ging die Zahl lediglich von rund 2,8 auf etwa 2,1 Millionen Menschen um etwa 25 Prozent zurück.

Noch deutlicher werden die stark unterschiedlichen Arbeitsmarktchancen beim Blick auf die so genannte Abgangsrate. Während im Jahresdurchschnitt 2011 monatlich 14,5 Prozent der SGB III-Arbeitslosen eine Beschäftigung auf dem ersten Arbeitsmarkt fanden, waren es im SGB II nur 3,7 Prozent. Zudem sind Arbeitsverhältnisse bei SGB II-Arbeitslosen selten von Dauer. Über die Hälfte der Personen, die sich 2011 in das SGB II-System arbeitslos meldeten, hat in den vorherigen zwölf Monaten bereits Hartz IV-Leistungen bezogen, ein Drittel sogar in den vorherigen drei Monaten.

Bewegung am Arbeitsmarkt

Die monatliche Verkündung der Arbeitslosenzahlen legt den Eindruck nahe, es gäbe zwei dauerhaft getrennte Gruppen: Die Beschäftigten und die Arbeitslosen. Arbeitslosigkeit ist aber kein fester Block, vielmehr gibt es erhebliche Bewegung. So meldeten sich im Jahresverlauf 2011 rund 8,21 Millionen Menschen arbeitslos, während gleichzeitig 8,85 Millionen Menschen ihre Arbeitslosigkeit beendeten. Für viele ist die Phase der Arbeitslosigkeit nur ein kurzer Übergang in ein neues Beschäftigungsverhältnis. Dennoch verbleiben nicht wenige Arbeitsuchende längerfristig ohne Arbeit.

Entwicklung der Langzeitarbeitslosigkeit

Arbeitslose und LangzeitarbeitsloseArbeitslose und Langzeitarbeitslose Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Langzeitarbeitslose sind Personen, die länger als 12 Monate ohne Arbeit sind. Im Jahr 2011 ist ihre Zahl nach einem Anstieg 2010 wieder gesunken und lag im Jahresdurchschnitt bei etwa einer Million Menschen. Allerdings liegt der Anteil der Langzeitarbeitslosen an allen Arbeitslosen (siehe rechte Achse im Diagramm) nach wie vor auf einem sehr hohen Niveau. Zudem hat er 2011 trotz Rückgang der Gesamtzahl der Langzeitarbeitslosen sogar auf 35,4 Prozent zugenommen. Eine entsprechende Entwicklung resultiert daraus, dass vermehrt kurzzeitig arbeitslose Menschen in Arbeit kommen, während die Langzeitarbeitslosen, deren Chancen am Arbeitsmarkt deutlich niedriger liegen, zurück bleiben.

Langzeitarbeitslosenquote in ausgewählten OECD-Ländern 2011Langzeitarbeitslosenquote in ausgewählten OECD-Ländern 2011 Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Der internationale Vergleich zeigt: Der hohe Anteil von Langzeitarbeitslosen an allen Arbeitslosen ist ein Problem des deutschen Arbeitsmarktes. Im OECD-Vergleich rangiert Deutschland mit 48 Prozent (abweichende Zahlen aufgrund der unterschiedlichen Erfassung von Arbeitslosigkeit durch die OECD) auf einem der hinteren Plätze und auf einem vergleichbaren Niveau mit den EU-Krisenländern Griechenland und Spanien.

Durch eine Änderung der statistischen Erfassung von Langzeitarbeitslosigkeit (vgl. Abschnitt Arbeitslosigkeit messen) im Jahr 2008 sind die Zahlen der Bundesagentur für Arbeit allerdings nur bedingt aussagekräftig.

Verweildauer im SGB II bei erwerbsfähigen LeistungsberechtigtenVerweildauer im SGB II bei erwerbsfähigen Leistungsberechtigten Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Die Erfassung der Arbeitslosigkeitsdauer beginnt von neuem, wenn Personen ihre Arbeitslosigkeit beispielsweise durch eine auch nur einen Tag andauernde Beschäftigung unterbrechen. Gleiches gilt für arbeitsunfähig erkrankte Arbeitslose nach einer Erkrankung von mehr als sechs Wochen oder für die Teilnahme an einer arbeitsmarktpolitischen Maßnahme (z.B. Trainingsmaßnahme, Qualifizierungsmaßnahme, Arbeitsgelegenheit). Diese rein statistischen Unterbrechungen der Arbeitslosigkeit sorgen dafür, dass das Ausmaß der Langzeitarbeitslosigkeit erheblich unterzeichnet ist und eine Vergleichbarkeit mit früheren Daten untergraben wird.

Verweildauer im SGB II

Ein klareres Bild, um die Verfestigung von Langzeitarbeitslosigkeit beurteilen zu können, zeigt die Verweildauerstatistik des SGB II. Diese erfasst die Dauer, die Personen Leistungen aus der Grundsicherung für Arbeitssuchende beziehen. Sie verdeutlicht: Über 60 Prozent der arbeitslosen Bezieher von Leistungen aus der Grundsicherung waren Ende 2011 bereits länger als zwei Jahre im System.

Weiterhin zeigt eine Sonderauswertung der Statistik der Bundesagentur für Arbeit, dass im Februar 2013 mehr als eine Million Menschen (24,4 % aller erwerbsfähigen Leistungsberechtigten) seit Einführung der Grundsicherung für Arbeitssuchende im Januar 2005 mit einer Unterbrechung von höchstens 31 Tagen durchgängig im SGB II-Leistungsbezug waren.

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