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Das Normalarbeitsverhältnis


31.1.2014
Das Normalarbeitsverhältnis war lange Jahre grundlegender Bestandteil der sozialen Marktwirtschaft. Unbefristete "normale" Vollzeitarbeitsstellen verschwinden zunehmend zugunsten sogenannter atypischer Beschäftigungsformen. Was ist überhaupt ein Normalarbeitsarbeitsverhältnis?

Fertigung von Karmann Ghia-Fahrzeugen in Osnabrück 1960. In den 50er und 60er Jahren war die dauerhafte unbefristete Vollzeitbeschäftigung zumindest für Männer die Norm.Fertigung von Karmann Ghia-Fahrzeugen in Osnabrück 1960. In den 50er und 60er Jahren war die dauerhafte unbefristete Vollzeitbeschäftigung zumindest für Männer die Norm. (© picture-alliance/dpa)

Was ist unter einem Normalarbeitsverhältnis zu verstehen?



Der Begriff des Normalarbeitsverhältnisses, wie auch der atypischen Beschäftigung, wurde in der Bundesrepublik in den 1980er und 1990er Jahren geprägt und geht auf Ulrich Mückenberger zurück. Der Begriff wurde genutzt, um die "Krise des Normalarbeitsverhältnisses" und die sichtbar werdenden Wandlungsprozesse auf dem Arbeitsmarkt konzeptionell erfassen zu können. Der Begriff des Normalarbeitsverhältnisses wurde vielfach diskutiert und beschreibt zunächst eine unbefristete, soziale abgesicherte und tariflich entlohnte Vollzeittätigkeit. In den aktuellen Debatten hat man sich auf Definitionskriterien verständigt. Demnach gilt ein Beschäftigungsverhältnis als Normalarbeitsverhältnis wenn es folgende Kriterien erfüllt:
  • Dauerhafte Vollzeitbeschäftigung,
  • unbefristetes Beschäftigungsverhältnis,
  • regelmäßige monatliche und subsistenzsichernde Vergütung,
  • Möglichkeit zur kollektiven Interessenvertretung durch Betriebsrat und Gewerkschaft,
  • Identität von Arbeits- und Beschäftigungsverhältnis und
  • vollständige Integration in die sozialen Sicherungssysteme (vor allem Arbeitslosen-, Kranken-und Rentenversicherung).
Für die statistische Berichterstattung und zur trennscharfen Abgrenzung definiert auch das Statistische Bundesamt das Normalarbeitsverhältnis. Dabei legt es folgende Definition zugrunde:

Quellentext

Normalarbeitsverhältnis

Unter einem Normalarbeitsverhältnis wird ein abhängiges Beschäftigungsverhältnis verstanden, das in Vollzeit und unbefristet ausgeübt wird. Ein Normalarbeitnehmer arbeitet zudem direkt in dem Unternehmen, mit dem er einen Arbeitsvertrag hat. Bei Zeitarbeitnehmerinnen und -arbeitnehmern, die von ihrem Arbeitgeber – der Zeitarbeitsfirma – an andere Unternehmen verliehen werden, ist das nicht der Fall.

Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit Normalarbeitsverhältnis sind weiterhin voll in die sozialen Sicherungssysteme wie Arbeitslosenversicherung, Rentenversicherung und Krankenversicherung integriert. Das heißt, sie erwerben über die von ihrem Erwerbseinkommen abgeführten Beiträge Ansprüche auf Leistungen aus den Versicherungen (oder haben entsprechende Ansprüche als Beamter).

Quelle: Statistisches Bundesamt https://www.destatis.de/DE/Meta/AbisZ/Normalarbeitsverhaeltnis.html


Das Normalarbeitsverhältnis ist von individueller sowie gesamtgesellschaftlicher Bedeutung. Auf individueller Ebene verknüpft sich mit dem Normalarbeitsverhältnis eine Reihe von gesetzlichen und tariflichen Schutzbestimmungen. Ulrich Mückenberger hat es deswegen auch als dasjenige Arbeitsverhältnis bezeichnet, das optimal die Kriterien erfüllt, an die die geltende Rechtsordnung vorteilhafte Regelungen knüpft. So orientiert sich die Regulierung der Arbeitsbeziehungen am Normalarbeitsverhältnis. Die Sozialversicherungen und das Steuersystem finanzieren sich über Erwerbsbeteiligung und sind auf Beiträge und Steuern der Beschäftigten angewiesen. Beispielweise geht das Rentensystem von einer kontinuierlichen Vollzeiterwerbstätigkeit aus und Ansprüche an die Arbeitslosenversicherung sind an die Dauer der vorherigen Erwerbstätigkeit geknüpft. Normalität kann es auch deshalb erlangen, weil es auf individueller Ebene die vorherrschende Form der Erwerbsarbeit ist und für die Mehrheit der Bevölkerung Gültigkeit besitzt. Auf gesamtgesellschaftlicher Ebene hat das Normalarbeitsverhältnis eine Ordnungs- und Orientierungsfunktion und die dauerhaft und kontinuierliche Erwerbsbiografie wird zur handlungsleitenden Maxime. Hinter dem Begriff des Normalarbeitsverhältnisses verbergen sich deswegen zwei unterschiedliche Bedeutungen.

Quellentext

Normalarbeitsverhältnis

Einerseits kann das Normalarbeitsverhältnis einen rein deskriptiven Bedeutungsgehalt aufweisen, indem es sich empirisch auf das tatsächlich typische (im Sinne des mehrheitlich vorherrschenden) Beschäftigungsmuster bezieht. Andererseits lässt sich das Normalarbeitsverhältnis als normatives Konzept verstehen, das als Orientierungsgrundlage rechtlicher Vorschriften im Bereich des Arbeits- und Sozialrechts fungiert und somit wesentlich zur Verteilung von Lebenschancen beiträgt.

Giesecke, Johannes (2006): Arbeitsmarktflexibilisierung und Soziale Ungleichheit. Wiesbaden: VS-Verlag. S. 56


Ob das Normalarbeitsverhältnis empirisch bestand hatte, also für die Mehrheit der Menschen galt und somit Normalität war bzw. ist, wird weiter unten geprüft. Hinter dem Normalarbeitsverhältnis steht auch die Vorstellung der Vorhersagbarkeit und Planbarkeit von Lebensereignissen, die in Deutschland zu einer starken Vorstellung von Normalarbeit führte und sich als wünschenswerte Ausgestaltung eines regulären Arbeitsverhältnisses manifestierte. Andere Autoren beschreiben das Normalarbeitsverhältnis deswegen auch nur als Denkkonstrukt, das eine spezifische Organisation der Arbeit darstellt oder als herrschende Fiktion, wie es Ulrich Mückenberger ausdrückte.

Quellentext

Beschluss des 68. Deutschen Juristentages 2010

Das unbefristete Vollzeitarbeitsverhältnis bildet das Rückgrat der Rechtsbeziehungen zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber. Es birgt eine hohe Ertragskraft und bietet eine hohe Gewähr der Einhaltung von Schutzstandards. Aus- und Fortbildung sind hier stark ausgeprägt, die Identifikation mit den Zielen des Unternehmens ist groß. Der Gesetzgeber sollte durch intelligente Lösungen diese Form der Rechtsbeziehungen stützen.

Quelle: Deutscher Juristentag 2010
http://www.djt.de/fileadmin/downloads/68/68_djt_beschluesse.pdf


Der Begriff des Normalarbeitsverhältnisses wurde in den 1980er Jahren auch genutzt, um die zunehmende Verbreitung atypischer Erwerbsformen und Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt zu beschreiben. In negativer Abgrenzung zum Normalarbeitsverhältnis sind demnach folgende Beschäftigungsformen als atypisch zu beschreiben, da sie entweder eine oder mehrere Voraussetzung des Normalarbeitsverhältnisses nicht erfüllen:

  • Teilzeitarbeit,
  • geringfügige Beschäftigung,
  • Leiharbeit,
  • befristete Beschäftigung,
  • (Schein-)Selbständigkeit,
  • Beschäftigung in Kleinbetrieben,
  • Niedriglohnbeschäftigung und
  • Schwarzarbeit.
Auch das Statistische Bundesamt definiert, neben dem Normalarbeitsverhältnis, den Begriff der atypischen Beschäftigung.

Quellentext

Atypische Beschäftigung

Zu den atypischen Beschäftigungsformen werden – in Abgrenzung vom Normalarbeitsverhältnis – Teilzeitbeschäftigungen mit 20 oder weniger Arbeitsstunden pro Woche, geringfügige Beschäftigungen, befristete Beschäftigungen sowie Zeitarbeitsverhältnisse gezählt.

Im Gegensatz zum Normalarbeitsverhältnis, das in der Regel darauf ausgerichtet ist, den eigenen Lebensunterhalt und eventuell den von Angehörigen voll zu finanzieren, können atypische Beschäftigungsformen diesen Anspruch häufig nur bedingt erfüllen. Sie sind jedoch nicht mit prekärer Beschäftigung gleichzusetzen. Prekäre Beschäftigung zeichnet sich durch ein erhöhtes Armutsrisiko des/der Beschäftigten aus, welches zusätzlich von der persönlichen Berufsbiografie und dem persönlichen Haushaltskontext abhängig ist. Die hier angesprochenen Formen atypischer Beschäftigung können durchaus absichtlich gewählt sein, weil sich beispielsweise im konkreten Fall dadurch berufliche und andere persönliche Interessen besser kombinieren lassen.

Quelle: Statistisches Bundesamt https://www.destatis.de/DE/Meta/AbisZ/AtypischeBeschaeftigung.html


Atypische Erwerbsformen weichen von vielen Standards des Normalarbeitsverhältnisses ab, müssen jedoch nicht mit einer problematischen Lage auf dem Arbeitsmarkt einhergehen oder mit individuellen Risiken verbunden sein. Trotz des zunächst negativ klingenden Worts "atypisch" können sie bewusst gewählt werden, um beispielweise Familie und Beruf besser miteinander zu vereinbaren und sind damit aus Sicht der Beschäftigten positiv. Zur Beschreibung von Problemlagen am Arbeitsmarkt sind daher in den letzten Jahren die Begriffe Prekariat und prekären Beschäftigungsverhältnisse in die wissenschaftliche und politische Debatte eingeführt worden.

Quellentext

Prekariat

Prekarität beinhaltet die Unterschreitung
  • von materiellen Standards,
  • von durch Arbeits- und Sozialrecht, Tarifvertrag oder Betriebsvereinbarung festgelegten rechtlichen Standards sowie
  • von "normalen" betrieblichen Integrationsstandards, die vor allem in der geringen Einbindung in kollegiale Strukturen und der eingeschränkten Repräsentanz durch betriebliche und gewerkschaftliche Interessenvertretungen zum Ausdruck kommt."
Mayer-Ahuja, Nicole (2003). Wieder dienen lernen? Vom westdeutschen "Normalarbeitsverhältnis" zu prekärer Beschäftigung seit 1973; Berlin, S. 15.


Atypische Beschäftigung kann häufig mit prekärer Beschäftigung einhergehen, ist mit dieser aber nicht gleichzusetzen. Atypische Beschäftigungsverhältnisse sind nicht durchweg als prekär anzusehen, da ihre Auswirkungen neben dem Individualeinkommen von Kontextfaktoren sowie von ihrer rechtlich-institutionellen Ausgestaltung abhängen. Bei der Einstufung als prekär sind auch persönliche Lebensumstände des Arbeitnehmers, wie die bisherige Erwerbsbiografie und der Haushaltskontext, zu beachten. Prekäre Beschäftigung beinhaltet im Gegensatz zur atypischen Beschäftigung immer auch eine subjektive Komponente.

Definition

Prekäre Beschäftigung

Als prekär kann ein Arbeitsverhältnis bezeichnet werden, wenn die Beschäftigten aufgrund ihrer Tätigkeit deutlich unter ein Einkommens-, Schutz- und soziales Integrationsniveau sinken, das gesellschaftlich als Standard definiert ist. Prekär ist eine Erwerbsarbeit auch, wenn sie subjektiv mit Sinnverlusten, Anerkennungsdefiziten und Planungsunsicherheit in einem Ausmaß verbunden ist, das gesellschaftliche Standards deutlich zuungunsten der Beschäftigten unterläuft. Atypische Beschäftigungsverhältnisse müssen nicht prekär sein.

Friedrich-Ebert-Stiftung (Hrsg.) (2006): Prekäre Arbeit. Ursachen, Ausmaß, soziale Folgen und subjektive Verarbeitungsformen unsicherer Beschäftigungsverhältnisse. Bonn. S. 17


Diese Definition von prekärer Beschäftigung steht in enger Verbindung mit den Vorstellungen eines Normalarbeitsverhältnisses, dass in der Gegenwartsgesellschaft als Standard definiert und mehrheitlich anerkannt wird, also als Orientierungsgrundlage und Maßstab dient.

Heute wird die Vorstellung einer dauerhaften Vollzeitbeschäftigung allerdings nicht mehr von allen geteilt und zeitweise Unterbrechungen aus familiären oder wirtschaftlichen Gründen sind freiwillig gewählt. Das Normalarbeitsverhältnis behält jedoch weiterhin eine große Prägekraft. Doch wie kam es überhaupt dazu, dass sich das Normalarbeitsverhältnis entwickelte und wie stellte sich die Deregulierung dar, die zur Verbreitung atypischer und prekärer Beschäftigungsverhältnisse führt?



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Autoren: Frank Oschmiansky, Jürgen Kühl, Tim Obermeier für bpb.de
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