Arbeitsmarktpolitik Dossierbild

11.8.2014 | Von:
Birte Tiedemann

Teilzeitbeschäftigung

Mit der zunehmenden Heterogenität von Lebensläufen, Erwerbsbiographien und Familienmodellen nimmt das traditionelle Normalarbeitsverhältnis einen immer geringeren Stellenwert ein. Atypische Beschäftigungsverhältnisse gewinnen zunehmend an Bedeutung. Der folgende Text gibt einen Überblick über Entwicklung und Verbreitung von Teilzeitbeschäftigung. Es werden deren positive Effekte, aber auch Probleme und Risiken, die bei einer dauerhaften Ausübung von Erwerbstätigkeit in geringerer Stundenzahl auftreten können, aufgezeigt.

Angestellte in einer GroßwäschereiAngestellte in einer Großwäscherei. Fast jeder zehnte Mann aber fast jede zweite Frau ist in Teilzeit tätig. (© AP)


Entwicklung

Mit abnehmender Verbreitung des traditionellen Ernährermodells, bei der der Mann Vollzeit erwerbstätig ist und die Frau sich allein um Familien- und Hausarbeit kümmert, gewann das modernisierte Ernährermodell mit eineinhalb Einkommen - bei der die Frau jetzt in Teilzeit einer Erwerbsarbeit nachgeht - in vielen Familien zunehmend an Bedeutung. Auch wenn seit Längerem ein Anstieg männlicher Teilzeittätigkeit zu verzeichnen ist, sind es vorwiegend Frauen, die mit verringerter Wochenstundenzahl arbeiten und den Großteil der Teilzeitbeschäftigten stellen.

Die zunehmende Verbreitung von Teilzeitbeschäftigung ist vor allem auf den Wandel zugunsten des Dienstleistungssektors und die gestiegene Erwerbsbeteiligung von Frauen zurückzuführen. Das gesamte Arbeitsvolumen, also die Gesamtmenge geleisteter Arbeit, hat sich seit langer Zeit nicht erhöht. Es gibt einfach mehr Personen, die heute mit niedriger Stundenzahl einer Erwerbstätigkeit nachgehen. Zurzeit erfolgt ungefähr jede fünfte Neueinstellung in Teilzeit. Der Anstieg der Teilzeitbeschäftigung dürfte auch auf das Inkrafttreten des Teilzeit- und Befristungsgesetzes (TzBfG) 2001 zurückzuführen sein, in dem Arbeitnehmern ein Rechtsanspruch auf Ausübung einer Teilzeittätigkeit eingeräumt wird. Zudem fand in den letzten Jahren ein Umdenken in vielen Unternehmen statt, durch das vielen Familien eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf ermöglicht werden soll. Hierzu zählt beispielsweise die Ausweitung von Formen der Beschäftigung, die Arbeitnehmern mehr Flexibilität ermöglichen sollen. Dazu gehört die Teilzeitbeschäftigung.

Die Zahl der Teilzeitbeschäftigten hat sich von 1999 bis 2013 mehr als verdoppelt. Im Juni 2013 gab es fast 7,5 Millionen Menschen, die einer Teilzeitbeschäftigung nachgingen. Auch die Zahl aller sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten ist gestiegen, jedoch nicht im gleichen Ausmaß. Seit 1999 hat somit der Anteil der Teilzeitbeschäftigten an allen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten kontinuierlich zugenommen. Im Juni 2013 gingen mehr als ein Viertel aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten einer Teilzeittätigkeit nach.

Sozialversicherungspflichtig Beschäftigte nach ausgewählten MerkmalenSozialversicherungspflichtig Beschäftigte nach ausgewählten Merkmalen (PDF-Icon Grafik zum Download 70 KB) (© bpb)
Ein Vergleich der Geschlechter zeigt erhebliche Unterschiede. Bei den Männern erhöhte sich der Anteil der Teilzeitbeschäftigten an allen sozialversicherungspflichtig Voll- und Teilzeitbeschäftigten zwischen 1999 und 2013 von drei auf neun Prozent. Der Anteil der Teilzeitbeschäftigung der Frauen stieg im gleichen Zeitraum von 26,6 auf 44,9 Prozent an. Demnach war nur fast jeder zehnte Mann aber fast jede zweite Frau in Teilzeit tätig. Mit über sechs Millionen stellen Frauen 81 Prozent aller Teilzeitbeschäftigten. Demgegenüber stehen nur rund 1,4 Millionen Männer, die im Juni 2013 mit verringerter Stundenzahl arbeiteten.

Rechtliche Grundlagen

Das Teilzeit- und Befristungsgesetz (TzBfG) hat 2001 den Anspruch eingeführt, Teilzeitarbeit zu fördern, die Voraussetzungen für die Zulässigkeit befristeter Arbeitsverträge festzulegen und die Diskriminierung von teilzeitbeschäftigten und befristet beschäftigten Arbeitnehmern zu verhindern (§ 1). Das Gesetz soll Arbeitnehmer dabei unterstützen, Familienleben und Beruf besser vereinbaren zu können. Dies soll vor allem auch Personen in leitenden Positionen möglich sein.

Laut TzBfG ist ein Arbeitnehmer teilzeitbeschäftigt, wenn seine regelmäßige Wochenarbeitszeit kürzer ist als die eines vergleichbaren vollzeitbeschäftigten Arbeitnehmers (§ 2 Abs. 1 TzBfG). Darüber hinaus werden auch geringfügig Beschäftigte nach § 8 I Nr. 1 SGB IV zu den Teilzeitbeschäftigten gezählt (§ 2 Abs. 2 TzBfG). Es gibt also keine konkrete Wochenstundenzahl, die Arbeitnehmer pauschal in Vollzeit- und Teilzeitbeschäftigte unterteilt. Oft wird aber in vollzeitnah und vollzeitfern unterschieden, wobei bei einer durchschnittlichen Arbeitszeit von 30 Stunden und mehr von vollzeitnaher Teilzeit gesprochen wird. Wenn die Teilzeitarbeit weniger als 15 Stunden wöchentlich beträgt und ein Arbeitsentgelt von 450 Euro nicht übersteigt, spricht man von einer geringfügigen Beschäftigung ("Mini-Job").

Eine Intention der Einführung des TzBfG war, dass es dazu beitragen sollte, eine ablehnende Haltung von Arbeitgebern gegenüber dem Wunsch nach Teilzeitbeschäftigung zu überwinden. So muss ein solcher Wunsch vom Arbeitnehmer auch nicht begründet werden, z. B. mit Kinderbetreuungs- oder anderen familiären Pflichten. Das TzBfG garantiert dem Arbeitnehmer ein Recht auf Teilzeitarbeit, sofern sein Arbeitgeber mehr als 15 Arbeitnehmer beschäftigt, das Arbeitsverhältnis seit mindestens sechs Monaten ununterbrochen besteht und der Arbeitnehmer seinen Anspruch drei Monate vor dem gewünschten Termin geltend macht (§ 8 TzBfG). Die konkrete Ausgestaltung der Arbeitszeitverringerung soll dabei einvernehmlich zwischen den Beteiligten geregelt werden.

Das Gesetz berücksichtigt aber auch Interessen der Arbeitgeber. So muss dem Wunsch nach Teilzeitbeschäftigung oder der vom Arbeitnehmer gewünschten Verteilung der Arbeitszeit nicht stattgegeben werden, wenn betriebliche Gründe dem entgegenstehen. "Ein betrieblicher Grund liegt insbesondere vor, wenn die Verringerung der Arbeitszeit die Organisation, den Arbeitsablauf oder die Sicherheit im Betrieb wesentlich beeinträchtigt oder unverhältnismäßige Kosten verursacht" (§ 8 (4) TzBfG). Neben dem Anspruch auf Teilzeitbeschäftigung regelt das Gesetz auch einen Anspruch auf Rückkehr zu einer Vollzeitstelle. Bei der Besetzung einer entsprechenden Stelle muss der ehemals Teilzeitbeschäftigte bevorzugt berücksichtigt werden, sofern keine dringenden betrieblichen Gründe oder Arbeitszeitwünsche anderer teilzeitbeschäftigter Arbeitnehmer vorliegen (§ 9 TzBfG). Im aktuellen Koalitionsvertrag der schwarz-roten Bundesregierung wird eine Weiterentwicklung des Teilzeitrechts erwähnt.

Quellentext

Teilzeitbeschäftigung im Koalitionsvertrag

Für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die sich zum Beispiel wegen Kindererziehung oder Pflege von Angehörigen zu einer zeitlich befristeten Teilzeitbeschäftigung entschieden haben, wollen wir sicherstellen, dass sie wieder zur früheren Arbeitszeit zurückkehren können. Dazu werden wir das Teilzeitrecht weiterentwickeln und einen Anspruch auf befristete Teilzeitarbeit schaffen (Rückkehrrecht).

Quelle: Deutschlands Zukunft gestalten. Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD. 18. Legislaturperiode. S. 50.

Das TzBfG regelt durch das Verbot der Diskriminierung, dass Mitarbeiter in Teilzeit- oder geringfügiger Beschäftigung gegenüber Vollzeitbeschäftigten nicht nachteilig behandelt werden dürfen, es sei denn, sachliche Gründe (z. B. eine geringere Qualifikation oder Berufserfahrung) rechtfertigen eine unterschiedliche Behandlung (§ 4 Abs. 1 TzBfG). Eine Gleichbehandlung muss auch hinsichtlich des Arbeitsentgeltes erfolgen, das anteilig zur Arbeitszeit der Höhe des Gehalts eines vergleichbaren Vollzeitbeschäftigten entsprechen muss.

Nicht immer muss sich der Anspruch auf Teilzeitbeschäftigung auf dem TzBfG begründen. Spezielle gesetzliche Regelungen zur Teilzeitarbeit, je nach persönlicher Situation des Arbeitnehmers, gibt es im Bundeselterngeld- und Elternzeitgesetz (BEEG), Pflegezeitgesetz (PflegezeitG), Sozialgesetzbuch 9. Buch (SGB IX) und im Altersteilzeitgesetz (AltersteilzeitG).

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Autor: Birte Tiedemann für bpb.de
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