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Selbstständigkeit


11.8.2014
Erwerbstätigkeit wird nicht nur in abhängigen Beschäftigungsverhältnissen ausgeübt, sondern in einer dynamischen Volkswirtschaft gibt es auch immer Personen, die selbstständig sind. Gründungen sind wichtig für das Innovationspotential und die Weiterentwicklung einer Volkswirtschaft. Der folgende Text geht dieser Entwicklung nach und stellt weitere Erkenntnisse zum Thema Selbstständigkeit in Deutschland vor.

Die selbstständige Bauprüferin Saskia Frey sitzt am Montag (24.01.2011) an einem Schreibtisch im Betahaus im Hamburger Stadtteil St. Pauli. Im Betahaus werden auf rund 250 Quadratmetern 45 mobile Arbeitsplätze für Selbständige angeboten. Die Einheiten können ohne weitere Verpflichtungen flexibel auf Tages- oder Monatsbasis inklusive aller Nebenkosten gemietet werden. Foto: Bodo Marks dpa/lno (zu dpa-Korr: "Klub der Kreativen: Vernetzt arbeiten im Betahaus" vom 30.01.2011)Mietarbeitsplätze in einem Hamburger Bürohaus, das sich auf die sog. Neuen Selbstständigen aus der Kreativwirtschaft spezialisiert hat. (© picture-alliance/dpa)


Was ist unter Selbstständigkeit zu verstehen?



Selbstständig ist, wer auf seinen eigenen Namen und auf seine eigene Rechnung erwerbswirtschaftlich tätig ist. Dabei muss der Selbstständige seine Tätigkeit frei gestalten und Arbeitszeit sowie Arbeitsort frei bestimmen können. Selbstständige sind nicht weisungsgebunden. Die selbstständige Erwerbstätigkeit grenzt sich damit von einem abhängigen nichtselbstständigen Beschäftigungsverhältnis ab, bei dem der Arbeitnehmer seine Tätigkeit nach Weisungen und Eingliederung in die Arbeitsorganisation des Weisungsgebers ausführt. Die nichtselbstständige Beschäftigung ist in § 7 SGB IV definiert und die selbstständige Beschäftigung definiert sich durch eine Abgrenzung von den dort festgelegten Kriterien. Viele Selbstständige sind allein tätig und haben keine weiteren angestellten Mitarbeiter. Sie werden dann als Solo-Selbstständige bezeichnet. Das Feld der unternehmerischen Tätigkeit reicht von erfolgreichen Mittelständlern, Handwerkunterunternehmern über selbstständige IT-Berater bis hin zu Anwälten oder Ärzten mit eigener Praxis. Selbstständige unternehmerische Tätigkeit zeigt eine große Heterogenität.

Die Selbstständigkeit kann nach ihrer wirtschaftlichen Bedeutung für den Erwerbstätigen unterschieden werden. Wenn die Selbstständigkeit den Mittelpunkt der Erwerbstätigkeit darstellt, aus der der Großteil des Einkommens bezogen wird, spricht man von Selbstständigkeit im Haupterwerb. Einige Erwerbstätige üben neben ihrer regulären abhängigen Beschäftigung zusätzlich eine Selbstständigkeit im Nebenerwerb aus. Eine Tätigkeit, die als selbstständig gemeldet ist, jedoch Merkmale einer abhängigen Beschäftigung aufweist, bezeichnet man als Scheinselbstständigkeit. Eine exakte Abgrenzung zwischen Selbstständigkeit und Scheinselbstständigkeit ist schwierig.

Während bei einem abhängigen Beschäftigungsverhältnis in der Regel Versicherungspflicht für alle Zweige der Sozialversicherung besteht, die zur Hälfte von Arbeitgebern und zur Hälfte von Arbeitnehmern getragen werden, ist dies bei einer selbstständigen Tätigkeit nicht der Fall. Ausgenommen davon sind Kranken- und Pflegeversicherung, für die seit dem 01. Januar 2009 eine Versicherungspflicht besteht, wobei die Unternehmer ihre Beiträge alleine aufbringen müssen. Durch ihre Einnahmen müssen sie zudem selber für das Alter vorsorgen. Unter bestimmten Voraussetzungen können sich Selbstständige in den Zweigen der Sozialversicherung versichern.

Die Aufnahme einer selbstständigen Tätigkeit bezeichnet man als Existenzgründung. Im englischsprachigen Bereich wird häufig von Entrepreneurship gesprochen. Gründungen werden durch vielfältige Maßnahmen von der Politik gefördert. Das Gründungsgeschehen in Deutschland wird weiter unten vorgestellt.

Unter die Selbstständigen fallen auch die Freiberufler, die eine Tätigkeit ausüben, die nicht der Gewerbeordnung unterliegt. Dazu gehören Ärzte, Apotheker, Anwälte oder auch Künstler. Man unterscheidet selbstständige und unselbstständige Freiberufler, da Freie Berufe auch in einem sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnis ausgeführt werden können. Ungefähr ein Drittel der Erwerbstätigen in freien Berufen ist selbstständig.

Vielfach wird davon ausgegangen, dass Unternehmensgründungen und Gründer das wirtschaftliche Wachstum stärken und innovative Produkte und Dienstleistungen entwickeln. Sie können zur Erhöhung der Wettbewerbsfähigkeit einer Volkswirtschaft beitragen, indem sie mit neuen Technologien und Dienstleistungsangeboten in Konkurrenz zu bestehenden Unternehmen treten oder den Strukturwandel beschleunigen.

Namen von bekannten Gründern, die häufig als wirtschaftspolitische Leitfiguren gesehen werden, sind Steve Jobs (Apple), Theo und Karl Albrecht (Aldi), Larry Page und Sergey Brin (Google), Marc Zuckerberg (Facebook) oder Bill Gates (Microsoft). Die gegründeten Unternehmen sind inzwischen weltbekannt und beschäftigen tausende Angestellte. Mit ihren Ideen haben sie zum wirtschaftlichen Wachstum beigetragen und ganze Branchen revolutioniert.

Man kann Gründungen hinsichtlich ihrer Innnovationsrelevanz unterscheiden. Innovative Gründungen, die neue und innovative Produkte oder Dienstleistungen einführen und nicht-innovative (imitative bzw. replikative) Gründungen, die auf einem bestehenden Markt mit einem neuen Angebot auftreten.

In der Forschung werden unterschiedliche Motive beschrieben, die zur Gründung eines Unternehmens führen. Gründungen können aus einer Notlage heraus entstehen, um drohender oder bestehender Arbeitslosigkeit zu entgehen. Das Motiv kann auch eine günstige Gelegenheit sein, um eine bereits bestehende Idee zu realisieren. Eine weitere Möglichkeit der Typisierung ist der Grad der Vorerfahrung von Unternehmensgründern. Handelt es sich um die erste Unternehmensgründung oder hat die Person den Schritt in die Selbstständigkeit schon früher gewagt?

Selbstständige Tätigkeit und ihre Bedeutung für den Arbeitsmarkt und das wirtschaftliche Geschehen insgesamt unterlagen ständigen Wandlungen. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war die Bedeutung abhängiger Beschäftigung noch nicht so groß und Erwerbstätigkeit fand in der Landwirtschaft oder in traditionellen Handwerksberufen vor allem selbstständig statt. Mit dem Wandel von der Agrar- zur Industriegesellschaft veränderte sich zum Ende des 19. Jahrhunderts die Struktur der Erwerbstätigkeit. Mit der Industrialisierung ging ein Anstieg der abhängigen Erwerbstätigkeit einher und die Arbeitnehmer konzentrierten sich in teilweise sehr großen Fabriken. Immer mehr Menschen zogen vom Land in die wachsenden Städte. Die Massenproduktion im Fordismus am Anfang des 20. Jahrhunderts ließ die Befürchtungen aufkommen, dass der Niedergang der Kleinunternehmern und der selbstständigen Tätigkeit nicht mehr aufzuhalten ist. Rückblickend haben sich die Befürchtungen nicht bestätigt.

Verbreitung



Die Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland hat die Marke von 40 Millionen längst durchbrochen. Der kontinuierliche Anstieg der Erwerbstätigkeit in Deutschland wird auch zu einem Teil von einem Zuwachs der Zahl der Selbstständigen getragen. Sie ist in den letzten Jahren viel stärker gestiegen als die Zahl der Arbeitnehmer. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat auf Basis des Mikrozensus berechnet, dass sich jedes Jahr rund ein Prozent der erwerbsfähigen Bevölkerung für eine Selbstständigkeit im Vollerwerb entscheidet. Im europäischen Vergleich ist selbstständige Erwerbsarbeit in Deutschland jedoch wenig verbreitet.

Es gibt unterschiedliche Datenquellen zur Erfassung von Gründungen und Selbstständigkeit in Deutschland. Der umfangreichste und zuverlässigste Datensatz ist der Mikrozensus, eine repräsentative Haushaltsbefragung von rund und 830.000 Personen mit Daten zur Bevölkerungsstruktur sowie zur wirtschaftlichen und sozialen Lage der Bevölkerung.

Die Statistik der Selbstständigen erfasst selbstständig Erwerbstätige einschließlich mithelfender Familienangehöriger und Solo-Selbstständiger. 2012 gab es in Deutschland 4,42 Millionen Selbstständige. Der Großteil der Selbstständigen geht seinem Gewerbe in Westdeutschland nach. In der ehemaligen DDR gab es so gut wie keine Selbstständigkeit und nur eine schwach ausgeprägte unternehmerische Kultur. Berufliche Selbstständigkeit war nur in wenigen ökonomischen Bereichen erlaubt. Diese Form der Erwerbstätigkeit musste sich nach der Wiedervereinigung erst (neu) entwickeln. Die Entwicklung verlief nach dem Ende des Sozialismus und der Anpassung der zentralen Planwirtschaft an die soziale Marktwirtschaft sehr rasant und die Zahl der Selbstständigen hat sich in Ostdeutschland seit 1991 fast verdreifacht. Ursachen dieses Booms sind zum einen zu finden in dem durch die überwiegende Unterdrückung der Selbstständigkeit in der DDR entstandenem Nachholbedarf. Zum anderen spielten Faktoren, wie eine steigende Nachfrage nach Produktions- und Dienstleistungsgütern in Ostdeutschland sowie der dortige Anstieg der Arbeitslosigkeit eine wesentliche Rolle.

Entwicklung der beruflichen Selbstständigkeit in DeutschlandEntwicklung der beruflichen Selbstständigkeit in Deutschland (PDF-Icon Grafik zum Download 68) (© bpb)
In Westdeutschland ist die Zahl der Selbstständigen von einem höheren Niveau in den letzten 20 Jahren um rund 30 Prozent gestiegen. Mit Ausnahme der Wirtschaftskrise 2008 ist fast jährlich ein Anstieg der Selbstständigkeit zu verzeichnen, der seit 2005 jedoch etwas an Dynamik einbüßte. Die gute konjunkturelle Lage nach der Wirtschaftskrise kann teilweise den geringen Anstieg der Selbstständigkeit nach der Krise erklären, da beispielweise staatliche Förderungen von Existenzgründungen in wirtschaftlich guten Zeiten seltener in Anspruch genommen werden und weiterhin die Nachfrage nach Arbeitskräften nach der Krise sehr hoch war.

Entwicklung der beruflichen Selbstständigkeit in Deutschland nach GeschlechtEntwicklung der beruflichen Selbstständigkeit in Deutschland nach Geschlecht (PDF-Icon Grafik zum Download 53 KB) (© bpb)
Wenn man die Zahl der Selbstständigen nach Geschlecht betrachtet fällt auf, dass 2012 68,4 % der Selbstständigen Männer waren, wobei ihr Anteil seit 1991 abgenommen hat. Vor allem die Selbstständigkeit von Frauen hat seit 1991 zugenommen und ihr Anteil hat sich von 25,7 % auf 31,6 % erhöht.

Die Statistik zählt zu den Selbstständigen auch mithelfende Familienangehörige. Darunter werden Familienangehörige verstanden, die in einem Unternehmen mithelfen, das von einem Familienmitglied als Selbstständigem geleitet wird ohne hierfür Lohn oder Gehalt zu erhalten. Diese Sonderform der Erwerbstätigkeit war früher vor allem in der Landwirtschaft relevant, die Bedeutung nimmt aber kontinuierlich ab. Der Anteil der mithelfenden Familienangehörigen an den Selbstständigen betrug im Jahr 2012 5 %. Daneben zählen zu den Selbstständigen auch die Selbstständigen in Freien Berufen und die Solo-Selbstständigen.

Anteile der Solo-Selbstständigen und der Selbstständigen mit Beschäftigten in DeutschlandAnteile der Solo-Selbstständigen und der Selbstständigen mit Beschäftigten in Deutschland (PDF-Icon Grafik zum Download 52 KB) (© bpb)
Die Zahl der Selbstständigen mit Beschäftigten ist in den letzten Jahren zurückgegangen. Dagegen ist die Zahl der Solo-Selbstständigen insgesamt gestiegen, so dass im Jahr 2012 57 % der Beschäftigten keine weiteren Angestellten hatten. Das waren 2,5 Millionen Solo-Selbstständige, 1,1 Millionen mehr als noch im Jahr 1991. Damit wird ein erster Wandel der selbstständigen Beschäftigung in Deutschland sichtbar: Immer mehr Selbstständige üben ihr Gewerbe ohne weitere Angestellte aus und schaffen als Unternehmer keine weiteren Arbeitsplätze.

Solo-Selbstständigkeit ist bei Frauen noch deutlich stärker verbreitetet als bei Männern, was vor allem auf die Verbreitung im Dienstleistungsgewerbe zurückführen ist. Das Dienstleistungsgewerbe wird in Deutschland insgesamt stark von weiblichen Beschäftigten dominiert.


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Autoren: Tim Obermeier, Kathrin Schultheis für bpb.de
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