Arbeitsmarktpolitik Dossierbild

11.8.2014 | Von:
Tim Obermeier
Kathrin Schultheis

Selbstständigkeit

Der Anstieg der Selbstständigkeit geht fast ausschließlich auf die Solo-Selbstständigkeit zurück, was sich zu einem großen Teil durch spezielle Förderinstrumente der Arbeitsverwaltung ("Ich-AG") erklären lässt, die sich ausschließlich an Solo-Selbstständige richteten. Weiterhin wird vermutet, dass abhängig Beschäftigte verstärkt in die Selbstständigkeit drängen oder gedrängt werden, es also Substitutionsprozesse gibt. Ein weiterer Grund ist der Strukturwandel hin zu einem oft kleinbetrieblich organisierten privaten Dienstleistungssektor. Solo-Selbstständigkeiten sind häufig nicht von Dauer und die Geschäftstätigkeit wird meist schnell wieder eingestellt. Für viele ist es nur eine vorübergehende Beschäftigungsform und sie wechseln anschließend in ein sozialversicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis. Das könnte ein Hinweis drauf sein, dass die Gründung nur eine Notlösung war und aufgrund mangelnder Beschäftigungsalternativen erfolgte.

Entwicklung der Zahlen der Selbstständigen in Freien Berufen in Deutschland 1950 – 2013Entwicklung der Zahlen der Selbstständigen in Freien Berufen in Deutschland 1950 – 2013 (PDF-Icon Grafik zum Download 65 KB) (© bpb)
Das Institut für Mittelstandsforschung (IfM) geht davon aus, dass es in Deutschland noch weit mehr Selbstständige gibt und die Zahl bisher unterschätzt wird. Anhand der amtlichen Einkommensteuerdaten berechneten die Forscher, dass es 2007 rund 2 Millionen Selbstständige mehr gab als bisher auf Basis des Mikrozensus geschätzt worden war. Die Daten der Einkommensteuerstatistik liegen nur mit einer großen zeitlichen Verzögerung vor, lassen aber differenzierte Aussagen über Selbstständigkeit zu.

Ein weiterer Grund für die Ausweitung beruflicher Selbstständigkeit ist der Anstieg der Freien Berufe (u.a. Ärzte, Künstler, Apotheker oder Architekten), der den Strukturwandel hin zur Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft markiert. 2013 gab es 1,23 Millionen Selbstständige in Freien Berufen, 3,1 % mehr als noch im Jahr 2012. Laut Daten des Instituts für Freie Berufe sind sie zudem Arbeitgeber für fast 3 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigte. Die Freien Berufe haben eine große wirtschaftliche Bedeutung, die im letzten Jahrzehnt im Vergleich zu anderen Wirtschaftsbereichen weit überdurchschnittlich zugenommen hat. Ihr geschätzter Anteil am Bruttoinlandsprodukt beträgt 10 %.

Vor allem die Branchen Gesundheits- und Sozialwirtschaft, Kultur, Bildung, Information, Kommunikation und Technik sowie rechts-, wirtschafts- und steuerberatende Berufe sind von den Freien Berufen geprägt. Im Dienstleistungssektor, in dem ein Großteil der Freien Berufe angesiedelt ist, gibt es insgesamt einen hohen Anteil von weiblichen Beschäftigten, der sich auch in der Anzahl der weiblichen Selbstständigen in Freien Berufen widerspiegelt, deren Anteile sich in den letzten Jahren durchgängig erhöht haben. Für die Zukunft sehen Experten in den Freien Berufen weitere Wachstumspotentiale.

Viele Unternehmensgründer wagen den Schritt in die Selbstständigkeit erst über einen Nebenerwerb. Der Gründer ist dann über seine abhängige Beschäftigung sozialversichert und kann seine Ideen zunächst testen und bei Erfolg ausweiten. Selbstständige im Nebenerwerb haben zunächst häufig keine weiteren Angestellten und sind Solo-Selbstständige.

Unter den Selbstständigen finden sich im Vergleich zu den abhängig beschäftigten Arbeitnehmern mehr ältere Personen. Jüngere sind eher unterrepräsentiert und nutzen zum Berufseinstieg Ausbildung, Studium und anschließend eine abhängige Beschäftigung, bevor sie sich für den Weg in die Selbstständigkeit entscheiden. Wenn Jüngere den Weg in die Selbstständigkeit wagen, dann häufig als Solo-Selbstständige. Während für abhängig Beschäftigte das Arbeitsleben in der Regel mit dem Erreichen der Regelaltersgrenze der Rentenversicherung endet, sind 7 % der Selbstständigen auch über 65 Jahre noch erwerbstätig. Die Selbstständigkeit und insbesondere die Solo-Selbstständigkeit ist für viele Ältere häufig der einzige Weg weiter am Erwerbsleben teilzuhaben und ihre Alterseinkünfte zu erhöhen.

Migranten sind unter den Selbstständigen häufiger vertreten als bei den Arbeitnehmern insgesamt. Fehlende Anerkennung von Berufsabschlüssen und höhere Arbeitslosenquoten können Gründe für den größeren Ausländeranteil bei den Selbstständigen sein.

Ein weiterer wichtiger Faktor, der die Selbstständigen von den abhängig Beschäftigten unterscheidet, ist das Bildungsniveau. Hochschulabsolventen haben eine höhere Neigung zur Unternehmensgründung und Selbstständigkeit. Im Mikrozensus machen bisher noch Personen mit einer abgeschlossen Berufsausbildung den größten Anteil an allen Selbstständigen aus, wobei ihr Anteil zurückgeht. In den letzten Jahren ist die Gruppe der Hochschulabsolventen unter den Selbstständigen enorm angestiegen. Insgesamt finden sich unter den Selbstständigen in Deutschland wesentlich mehr Personen mit höheren Bildungsabschlüssen (48 %) nach der Internationalen Standardklassifikation des Bildungswesens als unter den Arbeitnehmern (27 %). Gründungen von Hochschulabsolventen in wissensintensiven Dienstleistungen haben in den letzten Jahren stark zugenommen. In einer Auswertung des Mikrozensus kommen Forscher des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung zu dem Ergebnis, dass sich nahezu jeder fünfte Hochschulabsolvent in seiner weiteren beruflichen Laufbahn irgendwann selbstständig macht. Auch Forscher des Statistischen Bundesamtes halten fest: "Je höher der Bildungsabschluss ist, umso häufiger wird die Selbstständigkeit ganz bewusst als Alternative zur abhängigen Beschäftigung gewählt."

Nicht wenige Selbstständige haben Probleme mit den Arbeits- und Einkommensbedingungen ihrer Tätigkeit. Gerade mangelnde soziale Absicherung kann ein Problem sein. Das gilt vor allem für viele Kleinselbstständige, wie Kioskbesitzer oder kleine Handwerksbetriebe. Daneben existieren aber auch viele Selbstständige, die mit ihrer Tätigkeit, beispielsweise in der Unternehmensberatung oder in Freien Berufen wie Ärzte und Anwälte, ein überdurchschnittliches Einkommen erzielen.

Quellentext

Keine Mindest- oder Schutzstandards für Selbstständige

Anders als bei abhängig Beschäftigten bestehen für Selbstständige keine Mindest- oder Schutzstandards, die sie vor übermäßigen Arbeitsanforderungen und (Selbst)Ausbeutung schützen oder sie zu angemessener sozialer Sicherung verpflichten. Der Gesetzgeber geht davon aus, dass der/die Selbstständige selbst für seine Arbeitsbedingungen verantwortlich ist und grundsätzlich nicht des Schutzes der Solidargemeinschaft in der Sozialversicherung bedarf.

Quelle: Sozialpolitik und soziale Lage in Deutschland. Band 1 Grundlagen, Arbeit, Einkommen und Finanzierung. 4. Auflage. S. 449.

Die Einkommenssituation stellt sich bei den Selbstständigen sehr heterogen dar. Interessant ist zum einem der Vergleich von Solo-Selbstständigen und Selbstständigen mit Beschäftigten und zum anderen der Vergleich mit abhängig Beschäftigten. Zudem ist es mit dem Mikrozensus möglich zu analysieren, ob sich der Schritt in die Selbstständigkeit finanziell gelohnt hat, das Einkommen, das aus der selbstständigen Tätigkeit erzielt wird, also über dem vorherigen Einkommen aus abhängiger Beschäftigung liegt.

Nettoeinkommensklassen nach Erwerbstätigengruppen 2012Nettoeinkommensklassen nach Erwerbstätigengruppen 2012 (PDF-Icon Grafik zum Download 53 KB) (© bpb)
In den unteren Einkommensklassen sind die Anteile der abhängig beschäftigten Arbeitnehmer höher als bei den Selbstständigen. Wobei es bei Solo-Selbstständigen anders ist: 35 % haben ein Nettoeinkommen bis 1.100 Euro während es bei den Arbeitnehmern 31 % waren (Selbstständige mit Beschäftigten 12 %). Im Vergleich zu den Arbeitnehmern erzielen bei den Selbstständigen mit Beschäftigten wesentlich mehr Personen ein höheres Nettoeinkommen von über 2.600 Euro. Ein Vergleich der zuvor bezogenen Einkommen aus abhängiger Beschäftigung mit den Einkommen aus selbstständiger Tätigkeit zeigt, dass sich für viele Gründer der Schritt in die Selbstständigkeit gelohnt hat und sie ihre Einkommenssituation verbessern konnten.

Solo-Selbstständige sind insgesamt wesentlich häufiger in unteren Einkommensklassen zu finden. Ein großer Teil von ihnen erzielt nur ein Einkommen, das in den Niedriglohnsektor fällt ("Kümmerexistenzen"). Forscher sprechen von einem Prekären Unternehmertum, bei dem die Selbstständigen um das wirtschaftliche Überleben kämpfen und sich in einer schwierigen sozialen Lage befinden. Jedoch gibt es auch einen Teil der Selbstständigen, die höhere Einkommen erzielen als die Mehrzahl der Erwerbstätigen.

Quellentext

Prekäres Unternehmertum

Ein Unternehmertum [kann] als prekär gelten, wenn sich die unternehmerisch Tätigen objektiv an der Armutsgrenze und/ oder sich subjektiv in einer als heikel empfundenen sozialen Lebenslage befinden und ihre Lebensführung entsprechend ausrichten (müssen), d.h., wenn das Einkommens-, Schutz- und Inklusionsniveau auf längere Sicht unter den gesellschaftlichen Standard zu sinken droht bzw. sinkt und/ oder die unternehmerisch Tätigen darauf hoffen müssen, unternehmerisch erfolgreich zu sein, und doch permanent befürchten, (noch) weiter sozial abzusteigen.

Bührmann, Andrea D. (2012): Unternehmertum jenseits des Normalunternehmertums: Für eine praxistheoretisch inspirierte Erforschung unternehmerischer Aktivitäten. Berliner Journal für Soziologie 22: 129 – 156. S. 141.

Bei einigen Selbstständigen reicht das erzielte Einkommen nicht aus, um ihren Lebensunterhalt zu finanzieren und sie beziehen gleichzeitig Leistungen aus der Grundsicherung, um ihr Einkommen aufzustocken. Unter den 1,31 Millionen erwerbstätigen Arbeitslosengeld- II-Empfängern im Jahr 2013 befanden sich 127.000 Selbstständige (2,9 %), wobei jüngere Selbstständige und Frauen überdurchschnittlich häufig betroffen sind. Das Institut für Mittelstandsforschung schlussfolgert in einer Analyse, dass der Bezug von Grundsicherungsleistungen und Selbstständigkeit aus volkswirtschaftlicher Sicht kritisch zu sehen ist. Die Rentabilitätsschwelle der selbstständigen Tätigkeit sinkt mit der Folge eines Preis- und Verdrängungswettbewerbs. Durch den Bezug von Arbeitslosengeld II bei Selbstständigkeit wird eine Marktaustrittsbarriere für unrentable Gründungen errichtet.

Anders als abhängig Beschäftigte sind Selbstständige nicht in den Zweigen der Sozialversicherung versichert. Sie müssen sich in einer privaten Krankenversicherung versichern, selbstständig für das Alter vorsorgen und haben keine Absicherung bei Arbeitslosigkeit. In einigen Fällen besteht jedoch die Möglichkeit sich freiwillig zu versichern, um beispielsweise beim Scheitern der Existenzgründung Leistungen der Arbeitslosenversicherung in Anspruch zu nehmen. Unter bestimmten Bedingungen sind Selbstständige nach einer Unternehmensgründung auch in der gesetzlichen Rentenversicherung weiterhin pflichtversichert. In der Regel sind sie jedoch selbst für ihre soziale Absicherung und ihre Arbeitsbedingungen verantwortlich. Es besteht die Gefahr, dass Selbstständige nur einen geringen Anteil für ihre Altersvorsorge aufwenden, wenn ihr Einkommen zu gering ist, der Kapitalbedarf des Unternehmens zu groß oder sie eher kurzfristige Konsumpräferenzen haben.

Der Präsident der Deutschen Rentenversicherung befürchtet gerade bei Solo-Selbstständigen mit geringem Einkommen, deren Zahl in den letzten Jahren beträchtlich gestiegen ist, eine wachsende Altersarmut. Solo-Selbstständige haben kaum Möglichkeiten aus ihren geringen Einkommen für das Alter vorzusorgen und es besteht die Gefahr, dass sie im Alter auf die Grundsicherung angewiesen sein werden. 2005 wurde mit der Basisrente oder auch "Rürup-Rente", benannt nach dem Ökonomen und damaligen Berater der Bundesregierung Bert Rürup, eine steuerlich begünstigte Form der privaten Altersvorsorge eingeführt. Die Rürup-Rente richtet sich an Selbstständige, die keinen Anspruch auf die staatlich geförderte "Riester-Rente" und keinen Zugang zu einer betrieblichen Altersvorsorge haben.

Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/ Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autoren: Tim Obermeier, Kathrin Schultheis für bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


Dossier

Rentenpolitik

Die Alterssicherung stellt, egal wie sie organisiert ist, in allen modernen Gesellschaften einen erheblichen Anteil an der Verwendung des Sozialprodukts dar. Sie ist quantitativ der Kernbereich des Sozialstaats.

Mehr lesen

Dossier

Gesundheitspolitik

Der Reformdruck im deutschen Gesundheitswesen hat deutlich zugenommen. Während noch vor wenigen Jahren nur Experten über die Finanzierbarkeit und Qualitätssicherung des Gesundheitssystems nachdachten, suchen heute viele Bürgerinnen und Bürger nach Antworten.

Mehr lesen

Publikationen zum Thema

Coverbild APuZ 26-2017 Arbeitsmarktpolitik

Arbeitsmarkt-
politik

Arbeitsmarktpolitik versucht den Rahmen zu setzen, in dem wir arbeiten. Dass sie dabei nicht immer a...

APuZ_15/2011_80.jpg

Humanisierung der Arbeit

"Hauptsache Arbeit!" lautet oft der Ruf – die Qualität der Arbeitsplätze rückt dabei in den Hin...

Gewerkschaften

Gewerkschaften

Mit dem Übergang vom wohlfahrts-
staatlichen Kapitalismus zum Finanzmarkt-Kapitalismus setzte ei...

Migration und Arbeitsmarkt

Migration und Arbeitsmarkt

Durch den demografischen Wandel droht der deutschen Gesellschaft nicht nur die Überalterung, sonder...

Arbeitsmarktpolitik

Arbeitsmarkt-
politik

Die Instrumente der Arbeitsmarkt- und Beschäftigungs-
politik haben sich im Laufe der Jahre stä...

APuZ48_2010.jpg

Arbeitslosigkeit

2003 verkündete Gerhard Schröder ein umfassendes Reformprogramm für Deutschland: die "Agenda 2010...

Arbeitslosigkeit: Psychosoziale Folgen

Arbeitslosigkeit: Psychosoziale Folgen

Der Verlust der eigenen Arbeit kann kann zu psychischen Beeinträchtigungen führen, die den Betroff...

Abstieg - Prekarität - Ausgrenzung

Abstieg - Prekarität - Ausgrenzung

Die Mittelschicht schrumpft. Immer mehr Menschen haben Angst vor dem sozialen Abstieg. Die aktuelle ...

Entgrenzung von Arbeit und Leben

Entgrenzung von Arbeit und Leben

Die Ansprüche der Arbeitswelt wachsen, dabei bleibt das Privatleben oft auf der Strecke. Aber wie l...

Grundeinkommen?

Grund-
einkommen?

Seit einiger Zeit diskutiert Deutschland über die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens. Ist e...

Zum Shop

Dossier

Demografischer Wandel

Zu- und Auswanderung, Geburtenrate, Sterblichkeit - die sind die drei zentralen Faktoren für die demografische Entwicklung. Der demografische Wandel wird unsere Gesellschaft spürbar verändern - ob auf Kommunal-, Landes- oder Bundesebene, im Bereich der Sozialversicherungen, der Arbeitswelt, der Infrastruktur oder der Familienpolitik. Das Dossier beleuchtet die wichtigsten Bereiche und skizziert den Stand der Debatte.

Mehr lesen