Arbeitsmarktpolitik Dossierbild

11.8.2014 | Von:
Tim Obermeier
Kathrin Schultheis

Selbstständigkeit

Bei Selbstständigen finden sich häufig überlange Arbeitszeiten von mehr als 48 Stunden pro Woche. Laut Daten des Statistischen Bundesamtes arbeitet mehr als die Hälfte aller Selbstständigen besonders lang. Selbstständige mit Beschäftigten (67 %) arbeiten dabei wesentlich öfter als Solo-Selbstständige (45 %) sehr lange. Im Vergleich dazu arbeiten nur 7,7 % aller vollzeitbeschäftigten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mehr als 48 Stunden pro Woche.

Selbstständigkeit tritt in unterschiedlichsten Facetten auf. Sie zeichnet sich durch eine große Heterogenität hinsichtlich Einkommen, Arbeitsumfang und Tätigkeitsbereichen aus. 77,7 % der Selbstständigen arbeiten im Dienstleistungssektor. Die Selbstständigen folgen damit dem Trend der Tertiarisierung (Umwandlung) der deutschen Volkswirtschaft in Richtung einer Dienstleistungsökonomie, der sich auch bei allen Arbeitnehmern beobachten lässt. Innerhalb des Dienstleistungssektors dominieren die Bereiche Handel, Gastgewerbe und Verkehr. Im Dienstleitungssektor ist auch der Anteil der Solo-Selbstständigen höher als in den anderen Sektoren. Der Anteil der Selbstständigen an allen Erwerbstätigen ist im Baugewerbe und der Landwirtschaft am höchsten. Zum Trend der Solo-Selbstständigkeit tragen vor allem folgende Berufe bei: Ausbauberufe, Steuer- und Wirtschaftsberater, IT-Kräfte, Lehrer und Dozenten, Kosmetiker und Reinigungsberufe.

Über das Gründungsgeschehen gibt es in Deutschland unterschiedliche Statistiken. Das Institut für Mittelstandsforschung Bonn (IfM) hat mit seiner Gründungs- und Liquidationsstatistik für das Jahr 2013 insgesamt knapp 337.900 Existenzgründungen im Gewerbe (2012: 346.400) nachgewiesen. Der Gründungsmonitor der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW), eine repräsentative, jährlich durchgeführte, telefonische Bevölkerungsbefragung zum Gründungsgeschehen in Deutschland, verzeichnete 2012 insgesamt 775.000 Gründerpersonen, darunter 315.000 im Vollerwerb und 460.000 im Nebenerwerb. Das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) diagnostizierte auf Basis des Mannheimer Unternehmenspanels einen Einbruch der Gründungstätigkeit und ging für 2012 von etwa 168.000 neuen wirtschaftlich aktiven Unternehmensgründungen aus. Die Diskrepanz der Daten, Methoden und Abgrenzungen von beruflicher Selbstständigkeit machen deutlich, wie schwer die Erfassung von Unternehmensneugründungen ist.

Die durchschnittliche Selbstständigenquote in der Europäischen Union liegt bei 15,2 %, was 32,8 Millionen Selbstständigen in der EU entspricht. Im europäischen Vergleich liegt Deutschland mit einer Selbstständigenquote von 11 % im Jahr 2012 auf einem hinteren Platz. Nur wenige Staaten wie Bulgarien, Schweden oder Dänemark, haben eine niedrigere Quote. Auf den vorderen Plätzen liegen Staaten wie Griechenland (31,9 %), Italien (23,4 %), Portugal (21,1 %) und Rumänien (20,1 %). Die hohen Quoten in diesen Ländern haben vor allem mit der Selbstständigkeit im Bereich der Landwirtschaft zu tun. Damit haben speziell die Staaten überdurchschnittlich hohe Selbstständigenquoten, die besonders von der Wirtschafts- und Finanzkrise betroffen sind. In Teilen der südeuropäischen Staaten findet sich zudem ein ausgeprägter Anteil an Solo-Selbstständigen unter den Selbstständigen.

Eine Hypothese besagt, dass in Phasen hoher Arbeitslosigkeit vermehrt Gründungen zu beobachten sind, während bei guter konjunktureller Lage und niedriger Arbeitslosigkeit das Gründungsgeschehen eher schwach ausgeprägt ist. Man spricht auch von einem antizyklischen Verlauf der Gründungsaktivitäten. Eine andere Hypothese geht davon aus, dass sich gerade in Zeiten wirtschaftlicher Prosperität viele Möglichkeiten für eine Unternehmensgründung ergeben und die Zahl der Selbstständigen steigt. Eine Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung kommt zu dem Ergebnis, dass in Deutschland die Zahl der Gründungen gerade in konjunkturellen Schwächephasen mit hoher Arbeitslosigkeit steigt. Wirtschaftliche Leistungsschwäche geht häufig, mit einer hohen Selbstständigenquote einher und kann somit auch die hohe Zahl der Selbstständigen in den südeuropäischen Ländern erklären.

Förderung

Die Förderung von Gründungen aus der Arbeitslosigkeit ist ein wichtiges Instrument der aktiven Arbeitsmarktpolitik. In der Vergangenheit wurde eine Vielzahl verschiedener Förderinstrumente erprobt. Sowohl in der Arbeitslosenversicherung (SGB III) als auch in der Grundsicherung für Arbeitsuchende (SGB II) ist eine geförderte Existenzgründung derzeit mit jeweils einem Förderinstrument möglich. Arbeitslose, die Arbeitslosengeld nach dem SGB III beziehen, können mit dem Gründungszuschuss nach §93 SGB III gefördert werden, wenn sie über einen Arbeitslosengeldanspruch von mindestens 150 Tagen verfügen, wenn die Tragfähigkeit ihres Gründungsvorhabens nachgewiesen werden kann und wenn sie Kenntnisse und notwendige Fertigkeiten, die für ihre Existenzgründung notwendig sind, darlegen können. Es besteht jedoch kein Rechtsanspruch auf die Förderung, da es sich hierbei um eine Ermessensentscheidung handelt, die der zuständige Arbeitsvermittler trifft. Der Gründungszuschuss kann dann für zunächst sechs Monate in Höhe des zuletzt bezogenen Arbeitslosengelds zuzüglich eines Betrags von monatlich 300 Euro geleistet werden. Der Gründungszuschuss kann im Anschluss für weitere neun Monate gewährt werden, wenn die Geschäftstätigkeit nachgewiesen wird. Er beträgt dann monatlich 300 Euro.

Für Arbeitslosengeld II Bezieher kann eine Existenzgründung mit Einstiegsgeld gefördert werden. Auch beim Einstiegsgeld handelt es sich um eine Ermessensleistung auf die kein Rechtsanspruch besteht. Das Einstiegsgeld (nach §16b SGB II) kann für die Dauer von bis zu 24 Monaten gewährt werden. Seine Höhe wird einzelfallbezogen bemessen und ist von der Familiensituation des Existenzgründers abhängig und anhand eines gestaffelten Systems zu bestimmen. Es beträgt maximal die Höhe des Regelsatzes, der sich für Arbeitslosengeld II-Bezieher nach §20 SGB II ergibt.

Eine tiefergehende Übersicht über die Förderung von Existenzgründungen finden Sie im Dossier Arbeitsmarktpolitik im Text "Förderung der Aufnahme einer Erwerbstätigkeit".

Die Förderinstrumente der Agentur für Arbeit und der Jobcenter richten sich ausschließlich an Personen, die sich aus der Arbeitslosigkeit heraus selbstständig machen wollen. Da Unternehmensgründungen für das Innovationspotential einer Volkswirtschaft sehr wichtig sind, gibt es weitere (staatliche) Fördermöglichkeiten zur Finanzierung des Schritts in die Selbstständigkeit.

Von der Förderung erhofft sich die Politik häufig positive Effekte auf Beschäftigung, wirtschaftliches Wachstum und Wohlstand. Gründungsförderung ist ein wichtiges Handlungsfeld der Wirtschaftspolitik. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie stellt auf einem speziellen Internetportal Informationen für potentielle Gründer zusammen und informiert über Fördermöglichkeiten. Eine weitere Fördermöglichkeit sind Gründerwettbewerbe, die besondere innovative Gründungen prämieren und somit Kapitel für die Gründer zur Verfügung stellen. Zusätzlich werden die Gründer häufig von Experten beraten, um ihre Ideen weiterzuentwickeln. Die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) als eine Anstalt des öffentlichen Rechts, dessen Kapital ausschließlich vom Bund und den Ländern gehalten wird, fördert mit günstigen Förderkrediten und durch innovative Finanzierungen Existenzgründungen. Die KfW unterstützt Unternehmensgründer auch durch Infrastrukturmaßnahmen und zahlt einen Zuschuss zu einer professionellen externen Beratung, die Unterstützung bei wirtschaftlichen, finanziellen und organisatorischen Fragen liefern soll.

Neue (Solo-)Selbstständigkeit

Mit dem Zeitgeist der Individualisierung gehen auch Phänomene in der Arbeitswelt einher. Die selbstständige Erwerbsarbeit gewinnt für die deutsche Volkswirtschaft immer mehr an Bedeutung. Dabei wird die herkömmliche Selbstständigkeit durch die sogenannte neue Selbstständigkeit abgelöst, die sich häufig auf neuartige Tätigkeitsprofile begründet, die auf persönlichen Erfahrungen und Fertigkeiten basieren und zugleich geringe Anforderungen an ökonomische und personelle Ressourcen stellen. Sie zeichnet sich zudem durch eine wachsende Heterogenität und Diversität der Selbständigen aus. Ihren Beitrag zum wirtschaftlichen Wachstum leisten sie mit ihren flexiblen Arbeitsmodellen, ihrer Kreativität und ihrer Innovations- und Verwirklichungsfähigkeit. Der Zunahme von Solo-Selbstständigen und Mikrofirmen wird dabei eine große Bedeutung zugeschrieben. Hier ist es vor allem die Kreativwirtschaft in der diese Entwicklung zu beobachten ist. Die Mikroselbstständigen in der Kreativwirtschaft, wozu auch Freie Mitarbeiter (sog. Freelancer) gehören, sind dabei mit einer Unstetigkeit ihrer beruflichen Tätigkeit und einer Reihe von sozialen Risiken betroffen. Sie werden auch als Idealtypen des Arbeitskraftunternehmers bezeichnet, der seine Arbeitskraft wie ein Unternehmer behandelt und auf dem Arbeitsmarkt verkaufen muss. Diese neuen Selbstständigen haben sich in einigen Städten in Coworking-Spaces zusammengefunden. Diese Bürogemeinschaften bieten ihnen die Infrastruktur für ihre Geschäftsideen, die häufig in der digitalen Wirtschaft zu verorten sind.

Das Internet bietet Selbstständigen und Unternehmensgründungen eine Reihe innovativer Tätigkeitsfelder und die aufsehenerregenden Unternehmensgründungen der letzten Jahrzehnte stammen aus diesem Sektor. Gerade das Internet verändert den Arbeitsmarkt heute nachhaltig und die Digitalisierung der Arbeitswelt schreitet zunehmend voran. Online-Jobbörsen, digitale Karrierenetzwerke und Cloud-Computing, also zum Beispiel der Datenspeicher in einem Netzwerk auf das weltweit von jedem Rechner mit Internetzugang zugegriffen werden kann, hinterlassen auch auf dem Arbeitsmarkt Spuren. Das Internet ermöglicht es den Erwerbstätigen heute theoretisch ihren Arbeitsplatz an jedem beliebigen Platz der Welt einzurichten. Sie benötigen lediglich ihr Notebook, welches das Büro ersetzt. Dieser Wandel hat auch Auswirkungen auf die Arbeitsverhältnisse und selbstständige Erwerbstätigkeit ist eine Beschäftigungsform, die gut zu dieser Entwicklung zu passen scheint.

Auf Mikrojobbingportalen veröffentlichen Unternehmern Kleinaufträge, beispielsweise zur Textproduktion, auf die sich jeder bewerben kann. Häufig üben freiberufliche Solo-Selbstständige diese Tätigkeiten aus und akquirieren somit ihre Aufträge. In der Kritik steht dieses Beschäftigungsmodell, da es zu einem Unterbietungswettbewerb kommen kann und sich Solo-Selbstständige häufig am Rande der Selbstausbeutung befinden. Ein weiteres Beispiel neu aufkommender Dienstleistungs- bzw. Selbstständigkeitsformen sind Internetportale für Handwerks- und Dienstleistungsaufträge, die sich in Deutschland großer Beliebtheit erfreuen. Diese Portale sind Beispiele für eine zunehmende Vermarktlichung und prekäre selbstständige Dienstleistungsarbeit im Internet bei der es zu einer Verschiebung der Marktgrenzen in Arbeitsorganisation und Privatleben kommt.

In den letzten Jahren verbreitet sich für neu gegründete Unternehmen zunehmend der englische Begriff "Start-up". Darunter versteht man häufig "Garagenfirmen" in der Tradition von Apple, die für die Umsetzung ihrer Ideen zunächst meist nur wenig Kapital zur Verfügung haben. Mittlerweile haben sich spezielle Risikokapitalfirmen gebildet, die unter den Start-ups nach besonders vielversprechenden Ideen suchen, um diese zu finanzieren und an der Entwicklung teilzuhaben. Start-ups finden sich vorwiegend in der digitalen Wirtschaft und drehen sich um Internetthemen. In letzter Zeit gewinnen auch Start-ups an Bedeutung, die sich mit der Lösung sozialer Probleme beschäftigen. Unter den Gründern von Start-ups finden sich viele kreative, junge und hochqualifizierte Personen.

Eine weitere neue Form von Selbstständigkeit ist das Franchising, bei dem ein Franchisegeber sein Geschäftskonzept einem Franchisenehmer kostenpflichtig zur Verfügung stellt. In Deutschland gibt es verschiedene Franchisesysteme. Bekannte Marken sind beispielsweise McDonald‘s oder Backwerk. Der Franchisenehmer ist ein rechtlich selbstständiger Unternehmer, der durch den Franchisegeber an bestimmte Vertragsinhalte gebunden ist und wesentlich weniger Entscheidungsfreiheit als ein klassischer Selbstständiger genießt. Franchisemodelle erfreuen sich großer Beliebtheit, weil potentiell Unternehmer (Franchisenehmer) auf ein bekanntes und erprobtes Geschäftsmodell zurückgreifen können und somit ihre Risiken minimieren können. Gleichzeig fallen für die Nutzung der Marke jedoch teilweise hohe Gebühren an.

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