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11.8.2014 | Von:
Tim Obermeier
Kathrin Schultheis

Selbstständigkeit

Erwerbstätigkeit wird nicht nur in abhängigen Beschäftigungsverhältnissen ausgeübt, sondern in einer dynamischen Volkswirtschaft gibt es auch immer Personen, die selbstständig sind. Gründungen sind wichtig für das Innovationspotential und die Weiterentwicklung einer Volkswirtschaft. Der folgende Text geht dieser Entwicklung nach und stellt weitere Erkenntnisse zum Thema Selbstständigkeit in Deutschland vor.

Die selbstständige Bauprüferin Saskia Frey sitzt am Montag (24.01.2011) an einem Schreibtisch im Betahaus im Hamburger Stadtteil St. Pauli. Im Betahaus werden auf rund 250 Quadratmetern 45 mobile Arbeitsplätze für Selbständige angeboten. Die Einheiten können ohne weitere Verpflichtungen flexibel auf Tages- oder Monatsbasis inklusive aller Nebenkosten gemietet werden. Foto: Bodo Marks dpa/lno (zu dpa-Korr: "Klub der Kreativen: Vernetzt arbeiten im Betahaus" vom 30.01.2011)Mietarbeitsplätze in einem Hamburger Bürohaus, das sich auf die sog. Neuen Selbstständigen aus der Kreativwirtschaft spezialisiert hat. (© picture-alliance/dpa)


Was ist unter Selbstständigkeit zu verstehen?

Selbstständig ist, wer auf seinen eigenen Namen und auf seine eigene Rechnung erwerbswirtschaftlich tätig ist. Dabei muss der Selbstständige seine Tätigkeit frei gestalten und Arbeitszeit sowie Arbeitsort frei bestimmen können. Selbstständige sind nicht weisungsgebunden. Die selbstständige Erwerbstätigkeit grenzt sich damit von einem abhängigen nichtselbstständigen Beschäftigungsverhältnis ab, bei dem der Arbeitnehmer seine Tätigkeit nach Weisungen und Eingliederung in die Arbeitsorganisation des Weisungsgebers ausführt. Die nichtselbstständige Beschäftigung ist in § 7 SGB IV definiert und die selbstständige Beschäftigung definiert sich durch eine Abgrenzung von den dort festgelegten Kriterien. Viele Selbstständige sind allein tätig und haben keine weiteren angestellten Mitarbeiter. Sie werden dann als Solo-Selbstständige bezeichnet. Das Feld der unternehmerischen Tätigkeit reicht von erfolgreichen Mittelständlern, Handwerkunterunternehmern über selbstständige IT-Berater bis hin zu Anwälten oder Ärzten mit eigener Praxis. Selbstständige unternehmerische Tätigkeit zeigt eine große Heterogenität.

Die Selbstständigkeit kann nach ihrer wirtschaftlichen Bedeutung für den Erwerbstätigen unterschieden werden. Wenn die Selbstständigkeit den Mittelpunkt der Erwerbstätigkeit darstellt, aus der der Großteil des Einkommens bezogen wird, spricht man von Selbstständigkeit im Haupterwerb. Einige Erwerbstätige üben neben ihrer regulären abhängigen Beschäftigung zusätzlich eine Selbstständigkeit im Nebenerwerb aus. Eine Tätigkeit, die als selbstständig gemeldet ist, jedoch Merkmale einer abhängigen Beschäftigung aufweist, bezeichnet man als Scheinselbstständigkeit. Eine exakte Abgrenzung zwischen Selbstständigkeit und Scheinselbstständigkeit ist schwierig.

Während bei einem abhängigen Beschäftigungsverhältnis in der Regel Versicherungspflicht für alle Zweige der Sozialversicherung besteht, die zur Hälfte von Arbeitgebern und zur Hälfte von Arbeitnehmern getragen werden, ist dies bei einer selbstständigen Tätigkeit nicht der Fall. Ausgenommen davon sind Kranken- und Pflegeversicherung, für die seit dem 01. Januar 2009 eine Versicherungspflicht besteht, wobei die Unternehmer ihre Beiträge alleine aufbringen müssen. Durch ihre Einnahmen müssen sie zudem selber für das Alter vorsorgen. Unter bestimmten Voraussetzungen können sich Selbstständige in den Zweigen der Sozialversicherung versichern.

Die Aufnahme einer selbstständigen Tätigkeit bezeichnet man als Existenzgründung. Im englischsprachigen Bereich wird häufig von Entrepreneurship gesprochen. Gründungen werden durch vielfältige Maßnahmen von der Politik gefördert. Das Gründungsgeschehen in Deutschland wird weiter unten vorgestellt.

Unter die Selbstständigen fallen auch die Freiberufler, die eine Tätigkeit ausüben, die nicht der Gewerbeordnung unterliegt. Dazu gehören Ärzte, Apotheker, Anwälte oder auch Künstler. Man unterscheidet selbstständige und unselbstständige Freiberufler, da Freie Berufe auch in einem sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnis ausgeführt werden können. Ungefähr ein Drittel der Erwerbstätigen in freien Berufen ist selbstständig.

Vielfach wird davon ausgegangen, dass Unternehmensgründungen und Gründer das wirtschaftliche Wachstum stärken und innovative Produkte und Dienstleistungen entwickeln. Sie können zur Erhöhung der Wettbewerbsfähigkeit einer Volkswirtschaft beitragen, indem sie mit neuen Technologien und Dienstleistungsangeboten in Konkurrenz zu bestehenden Unternehmen treten oder den Strukturwandel beschleunigen.

Namen von bekannten Gründern, die häufig als wirtschaftspolitische Leitfiguren gesehen werden, sind Steve Jobs (Apple), Theo und Karl Albrecht (Aldi), Larry Page und Sergey Brin (Google), Marc Zuckerberg (Facebook) oder Bill Gates (Microsoft). Die gegründeten Unternehmen sind inzwischen weltbekannt und beschäftigen tausende Angestellte. Mit ihren Ideen haben sie zum wirtschaftlichen Wachstum beigetragen und ganze Branchen revolutioniert.

Man kann Gründungen hinsichtlich ihrer Innnovationsrelevanz unterscheiden. Innovative Gründungen, die neue und innovative Produkte oder Dienstleistungen einführen und nicht-innovative (imitative bzw. replikative) Gründungen, die auf einem bestehenden Markt mit einem neuen Angebot auftreten.

In der Forschung werden unterschiedliche Motive beschrieben, die zur Gründung eines Unternehmens führen. Gründungen können aus einer Notlage heraus entstehen, um drohender oder bestehender Arbeitslosigkeit zu entgehen. Das Motiv kann auch eine günstige Gelegenheit sein, um eine bereits bestehende Idee zu realisieren. Eine weitere Möglichkeit der Typisierung ist der Grad der Vorerfahrung von Unternehmensgründern. Handelt es sich um die erste Unternehmensgründung oder hat die Person den Schritt in die Selbstständigkeit schon früher gewagt?

Selbstständige Tätigkeit und ihre Bedeutung für den Arbeitsmarkt und das wirtschaftliche Geschehen insgesamt unterlagen ständigen Wandlungen. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war die Bedeutung abhängiger Beschäftigung noch nicht so groß und Erwerbstätigkeit fand in der Landwirtschaft oder in traditionellen Handwerksberufen vor allem selbstständig statt. Mit dem Wandel von der Agrar- zur Industriegesellschaft veränderte sich zum Ende des 19. Jahrhunderts die Struktur der Erwerbstätigkeit. Mit der Industrialisierung ging ein Anstieg der abhängigen Erwerbstätigkeit einher und die Arbeitnehmer konzentrierten sich in teilweise sehr großen Fabriken. Immer mehr Menschen zogen vom Land in die wachsenden Städte. Die Massenproduktion im Fordismus am Anfang des 20. Jahrhunderts ließ die Befürchtungen aufkommen, dass der Niedergang der Kleinunternehmern und der selbstständigen Tätigkeit nicht mehr aufzuhalten ist. Rückblickend haben sich die Befürchtungen nicht bestätigt.

Verbreitung

Die Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland hat die Marke von 40 Millionen längst durchbrochen. Der kontinuierliche Anstieg der Erwerbstätigkeit in Deutschland wird auch zu einem Teil von einem Zuwachs der Zahl der Selbstständigen getragen. Sie ist in den letzten Jahren viel stärker gestiegen als die Zahl der Arbeitnehmer. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat auf Basis des Mikrozensus berechnet, dass sich jedes Jahr rund ein Prozent der erwerbsfähigen Bevölkerung für eine Selbstständigkeit im Vollerwerb entscheidet. Im europäischen Vergleich ist selbstständige Erwerbsarbeit in Deutschland jedoch wenig verbreitet.

Es gibt unterschiedliche Datenquellen zur Erfassung von Gründungen und Selbstständigkeit in Deutschland. Der umfangreichste und zuverlässigste Datensatz ist der Mikrozensus, eine repräsentative Haushaltsbefragung von rund und 830.000 Personen mit Daten zur Bevölkerungsstruktur sowie zur wirtschaftlichen und sozialen Lage der Bevölkerung.

Die Statistik der Selbstständigen erfasst selbstständig Erwerbstätige einschließlich mithelfender Familienangehöriger und Solo-Selbstständiger. 2012 gab es in Deutschland 4,42 Millionen Selbstständige. Der Großteil der Selbstständigen geht seinem Gewerbe in Westdeutschland nach. In der ehemaligen DDR gab es so gut wie keine Selbstständigkeit und nur eine schwach ausgeprägte unternehmerische Kultur. Berufliche Selbstständigkeit war nur in wenigen ökonomischen Bereichen erlaubt. Diese Form der Erwerbstätigkeit musste sich nach der Wiedervereinigung erst (neu) entwickeln. Die Entwicklung verlief nach dem Ende des Sozialismus und der Anpassung der zentralen Planwirtschaft an die soziale Marktwirtschaft sehr rasant und die Zahl der Selbstständigen hat sich in Ostdeutschland seit 1991 fast verdreifacht. Ursachen dieses Booms sind zum einen zu finden in dem durch die überwiegende Unterdrückung der Selbstständigkeit in der DDR entstandenem Nachholbedarf. Zum anderen spielten Faktoren, wie eine steigende Nachfrage nach Produktions- und Dienstleistungsgütern in Ostdeutschland sowie der dortige Anstieg der Arbeitslosigkeit eine wesentliche Rolle.

Entwicklung der beruflichen Selbstständigkeit in DeutschlandEntwicklung der beruflichen Selbstständigkeit in Deutschland (PDF-Icon Grafik zum Download 68) (© bpb)
In Westdeutschland ist die Zahl der Selbstständigen von einem höheren Niveau in den letzten 20 Jahren um rund 30 Prozent gestiegen. Mit Ausnahme der Wirtschaftskrise 2008 ist fast jährlich ein Anstieg der Selbstständigkeit zu verzeichnen, der seit 2005 jedoch etwas an Dynamik einbüßte. Die gute konjunkturelle Lage nach der Wirtschaftskrise kann teilweise den geringen Anstieg der Selbstständigkeit nach der Krise erklären, da beispielweise staatliche Förderungen von Existenzgründungen in wirtschaftlich guten Zeiten seltener in Anspruch genommen werden und weiterhin die Nachfrage nach Arbeitskräften nach der Krise sehr hoch war.

Entwicklung der beruflichen Selbstständigkeit in Deutschland nach GeschlechtEntwicklung der beruflichen Selbstständigkeit in Deutschland nach Geschlecht (PDF-Icon Grafik zum Download 53 KB) (© bpb)
Wenn man die Zahl der Selbstständigen nach Geschlecht betrachtet fällt auf, dass 2012 68,4 % der Selbstständigen Männer waren, wobei ihr Anteil seit 1991 abgenommen hat. Vor allem die Selbstständigkeit von Frauen hat seit 1991 zugenommen und ihr Anteil hat sich von 25,7 % auf 31,6 % erhöht.

Die Statistik zählt zu den Selbstständigen auch mithelfende Familienangehörige. Darunter werden Familienangehörige verstanden, die in einem Unternehmen mithelfen, das von einem Familienmitglied als Selbstständigem geleitet wird ohne hierfür Lohn oder Gehalt zu erhalten. Diese Sonderform der Erwerbstätigkeit war früher vor allem in der Landwirtschaft relevant, die Bedeutung nimmt aber kontinuierlich ab. Der Anteil der mithelfenden Familienangehörigen an den Selbstständigen betrug im Jahr 2012 5 %. Daneben zählen zu den Selbstständigen auch die Selbstständigen in Freien Berufen und die Solo-Selbstständigen.

Anteile der Solo-Selbstständigen und der Selbstständigen mit Beschäftigten in DeutschlandAnteile der Solo-Selbstständigen und der Selbstständigen mit Beschäftigten in Deutschland (PDF-Icon Grafik zum Download 52 KB) (© bpb)
Die Zahl der Selbstständigen mit Beschäftigten ist in den letzten Jahren zurückgegangen. Dagegen ist die Zahl der Solo-Selbstständigen insgesamt gestiegen, so dass im Jahr 2012 57 % der Beschäftigten keine weiteren Angestellten hatten. Das waren 2,5 Millionen Solo-Selbstständige, 1,1 Millionen mehr als noch im Jahr 1991. Damit wird ein erster Wandel der selbstständigen Beschäftigung in Deutschland sichtbar: Immer mehr Selbstständige üben ihr Gewerbe ohne weitere Angestellte aus und schaffen als Unternehmer keine weiteren Arbeitsplätze.

Solo-Selbstständigkeit ist bei Frauen noch deutlich stärker verbreitetet als bei Männern, was vor allem auf die Verbreitung im Dienstleistungsgewerbe zurückführen ist. Das Dienstleistungsgewerbe wird in Deutschland insgesamt stark von weiblichen Beschäftigten dominiert.
Der Anstieg der Selbstständigkeit geht fast ausschließlich auf die Solo-Selbstständigkeit zurück, was sich zu einem großen Teil durch spezielle Förderinstrumente der Arbeitsverwaltung ("Ich-AG") erklären lässt, die sich ausschließlich an Solo-Selbstständige richteten. Weiterhin wird vermutet, dass abhängig Beschäftigte verstärkt in die Selbstständigkeit drängen oder gedrängt werden, es also Substitutionsprozesse gibt. Ein weiterer Grund ist der Strukturwandel hin zu einem oft kleinbetrieblich organisierten privaten Dienstleistungssektor. Solo-Selbstständigkeiten sind häufig nicht von Dauer und die Geschäftstätigkeit wird meist schnell wieder eingestellt. Für viele ist es nur eine vorübergehende Beschäftigungsform und sie wechseln anschließend in ein sozialversicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis. Das könnte ein Hinweis drauf sein, dass die Gründung nur eine Notlösung war und aufgrund mangelnder Beschäftigungsalternativen erfolgte.

Entwicklung der Zahlen der Selbstständigen in Freien Berufen in Deutschland 1950 – 2013Entwicklung der Zahlen der Selbstständigen in Freien Berufen in Deutschland 1950 – 2013 (PDF-Icon Grafik zum Download 65 KB) (© bpb)
Das Institut für Mittelstandsforschung (IfM) geht davon aus, dass es in Deutschland noch weit mehr Selbstständige gibt und die Zahl bisher unterschätzt wird. Anhand der amtlichen Einkommensteuerdaten berechneten die Forscher, dass es 2007 rund 2 Millionen Selbstständige mehr gab als bisher auf Basis des Mikrozensus geschätzt worden war. Die Daten der Einkommensteuerstatistik liegen nur mit einer großen zeitlichen Verzögerung vor, lassen aber differenzierte Aussagen über Selbstständigkeit zu.

Ein weiterer Grund für die Ausweitung beruflicher Selbstständigkeit ist der Anstieg der Freien Berufe (u.a. Ärzte, Künstler, Apotheker oder Architekten), der den Strukturwandel hin zur Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft markiert. 2013 gab es 1,23 Millionen Selbstständige in Freien Berufen, 3,1 % mehr als noch im Jahr 2012. Laut Daten des Instituts für Freie Berufe sind sie zudem Arbeitgeber für fast 3 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigte. Die Freien Berufe haben eine große wirtschaftliche Bedeutung, die im letzten Jahrzehnt im Vergleich zu anderen Wirtschaftsbereichen weit überdurchschnittlich zugenommen hat. Ihr geschätzter Anteil am Bruttoinlandsprodukt beträgt 10 %.

Vor allem die Branchen Gesundheits- und Sozialwirtschaft, Kultur, Bildung, Information, Kommunikation und Technik sowie rechts-, wirtschafts- und steuerberatende Berufe sind von den Freien Berufen geprägt. Im Dienstleistungssektor, in dem ein Großteil der Freien Berufe angesiedelt ist, gibt es insgesamt einen hohen Anteil von weiblichen Beschäftigten, der sich auch in der Anzahl der weiblichen Selbstständigen in Freien Berufen widerspiegelt, deren Anteile sich in den letzten Jahren durchgängig erhöht haben. Für die Zukunft sehen Experten in den Freien Berufen weitere Wachstumspotentiale.

Viele Unternehmensgründer wagen den Schritt in die Selbstständigkeit erst über einen Nebenerwerb. Der Gründer ist dann über seine abhängige Beschäftigung sozialversichert und kann seine Ideen zunächst testen und bei Erfolg ausweiten. Selbstständige im Nebenerwerb haben zunächst häufig keine weiteren Angestellten und sind Solo-Selbstständige.

Unter den Selbstständigen finden sich im Vergleich zu den abhängig beschäftigten Arbeitnehmern mehr ältere Personen. Jüngere sind eher unterrepräsentiert und nutzen zum Berufseinstieg Ausbildung, Studium und anschließend eine abhängige Beschäftigung, bevor sie sich für den Weg in die Selbstständigkeit entscheiden. Wenn Jüngere den Weg in die Selbstständigkeit wagen, dann häufig als Solo-Selbstständige. Während für abhängig Beschäftigte das Arbeitsleben in der Regel mit dem Erreichen der Regelaltersgrenze der Rentenversicherung endet, sind 7 % der Selbstständigen auch über 65 Jahre noch erwerbstätig. Die Selbstständigkeit und insbesondere die Solo-Selbstständigkeit ist für viele Ältere häufig der einzige Weg weiter am Erwerbsleben teilzuhaben und ihre Alterseinkünfte zu erhöhen.

Migranten sind unter den Selbstständigen häufiger vertreten als bei den Arbeitnehmern insgesamt. Fehlende Anerkennung von Berufsabschlüssen und höhere Arbeitslosenquoten können Gründe für den größeren Ausländeranteil bei den Selbstständigen sein.

Ein weiterer wichtiger Faktor, der die Selbstständigen von den abhängig Beschäftigten unterscheidet, ist das Bildungsniveau. Hochschulabsolventen haben eine höhere Neigung zur Unternehmensgründung und Selbstständigkeit. Im Mikrozensus machen bisher noch Personen mit einer abgeschlossen Berufsausbildung den größten Anteil an allen Selbstständigen aus, wobei ihr Anteil zurückgeht. In den letzten Jahren ist die Gruppe der Hochschulabsolventen unter den Selbstständigen enorm angestiegen. Insgesamt finden sich unter den Selbstständigen in Deutschland wesentlich mehr Personen mit höheren Bildungsabschlüssen (48 %) nach der Internationalen Standardklassifikation des Bildungswesens als unter den Arbeitnehmern (27 %). Gründungen von Hochschulabsolventen in wissensintensiven Dienstleistungen haben in den letzten Jahren stark zugenommen. In einer Auswertung des Mikrozensus kommen Forscher des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung zu dem Ergebnis, dass sich nahezu jeder fünfte Hochschulabsolvent in seiner weiteren beruflichen Laufbahn irgendwann selbstständig macht. Auch Forscher des Statistischen Bundesamtes halten fest: "Je höher der Bildungsabschluss ist, umso häufiger wird die Selbstständigkeit ganz bewusst als Alternative zur abhängigen Beschäftigung gewählt."

Nicht wenige Selbstständige haben Probleme mit den Arbeits- und Einkommensbedingungen ihrer Tätigkeit. Gerade mangelnde soziale Absicherung kann ein Problem sein. Das gilt vor allem für viele Kleinselbstständige, wie Kioskbesitzer oder kleine Handwerksbetriebe. Daneben existieren aber auch viele Selbstständige, die mit ihrer Tätigkeit, beispielsweise in der Unternehmensberatung oder in Freien Berufen wie Ärzte und Anwälte, ein überdurchschnittliches Einkommen erzielen.

Quellentext

Keine Mindest- oder Schutzstandards für Selbstständige

Anders als bei abhängig Beschäftigten bestehen für Selbstständige keine Mindest- oder Schutzstandards, die sie vor übermäßigen Arbeitsanforderungen und (Selbst)Ausbeutung schützen oder sie zu angemessener sozialer Sicherung verpflichten. Der Gesetzgeber geht davon aus, dass der/die Selbstständige selbst für seine Arbeitsbedingungen verantwortlich ist und grundsätzlich nicht des Schutzes der Solidargemeinschaft in der Sozialversicherung bedarf.

Quelle: Sozialpolitik und soziale Lage in Deutschland. Band 1 Grundlagen, Arbeit, Einkommen und Finanzierung. 4. Auflage. S. 449.

Die Einkommenssituation stellt sich bei den Selbstständigen sehr heterogen dar. Interessant ist zum einem der Vergleich von Solo-Selbstständigen und Selbstständigen mit Beschäftigten und zum anderen der Vergleich mit abhängig Beschäftigten. Zudem ist es mit dem Mikrozensus möglich zu analysieren, ob sich der Schritt in die Selbstständigkeit finanziell gelohnt hat, das Einkommen, das aus der selbstständigen Tätigkeit erzielt wird, also über dem vorherigen Einkommen aus abhängiger Beschäftigung liegt.

Nettoeinkommensklassen nach Erwerbstätigengruppen 2012Nettoeinkommensklassen nach Erwerbstätigengruppen 2012 (PDF-Icon Grafik zum Download 53 KB) (© bpb)
In den unteren Einkommensklassen sind die Anteile der abhängig beschäftigten Arbeitnehmer höher als bei den Selbstständigen. Wobei es bei Solo-Selbstständigen anders ist: 35 % haben ein Nettoeinkommen bis 1.100 Euro während es bei den Arbeitnehmern 31 % waren (Selbstständige mit Beschäftigten 12 %). Im Vergleich zu den Arbeitnehmern erzielen bei den Selbstständigen mit Beschäftigten wesentlich mehr Personen ein höheres Nettoeinkommen von über 2.600 Euro. Ein Vergleich der zuvor bezogenen Einkommen aus abhängiger Beschäftigung mit den Einkommen aus selbstständiger Tätigkeit zeigt, dass sich für viele Gründer der Schritt in die Selbstständigkeit gelohnt hat und sie ihre Einkommenssituation verbessern konnten.

Solo-Selbstständige sind insgesamt wesentlich häufiger in unteren Einkommensklassen zu finden. Ein großer Teil von ihnen erzielt nur ein Einkommen, das in den Niedriglohnsektor fällt ("Kümmerexistenzen"). Forscher sprechen von einem Prekären Unternehmertum, bei dem die Selbstständigen um das wirtschaftliche Überleben kämpfen und sich in einer schwierigen sozialen Lage befinden. Jedoch gibt es auch einen Teil der Selbstständigen, die höhere Einkommen erzielen als die Mehrzahl der Erwerbstätigen.

Quellentext

Prekäres Unternehmertum

Ein Unternehmertum [kann] als prekär gelten, wenn sich die unternehmerisch Tätigen objektiv an der Armutsgrenze und/ oder sich subjektiv in einer als heikel empfundenen sozialen Lebenslage befinden und ihre Lebensführung entsprechend ausrichten (müssen), d.h., wenn das Einkommens-, Schutz- und Inklusionsniveau auf längere Sicht unter den gesellschaftlichen Standard zu sinken droht bzw. sinkt und/ oder die unternehmerisch Tätigen darauf hoffen müssen, unternehmerisch erfolgreich zu sein, und doch permanent befürchten, (noch) weiter sozial abzusteigen.

Bührmann, Andrea D. (2012): Unternehmertum jenseits des Normalunternehmertums: Für eine praxistheoretisch inspirierte Erforschung unternehmerischer Aktivitäten. Berliner Journal für Soziologie 22: 129 – 156. S. 141.

Bei einigen Selbstständigen reicht das erzielte Einkommen nicht aus, um ihren Lebensunterhalt zu finanzieren und sie beziehen gleichzeitig Leistungen aus der Grundsicherung, um ihr Einkommen aufzustocken. Unter den 1,31 Millionen erwerbstätigen Arbeitslosengeld- II-Empfängern im Jahr 2013 befanden sich 127.000 Selbstständige (2,9 %), wobei jüngere Selbstständige und Frauen überdurchschnittlich häufig betroffen sind. Das Institut für Mittelstandsforschung schlussfolgert in einer Analyse, dass der Bezug von Grundsicherungsleistungen und Selbstständigkeit aus volkswirtschaftlicher Sicht kritisch zu sehen ist. Die Rentabilitätsschwelle der selbstständigen Tätigkeit sinkt mit der Folge eines Preis- und Verdrängungswettbewerbs. Durch den Bezug von Arbeitslosengeld II bei Selbstständigkeit wird eine Marktaustrittsbarriere für unrentable Gründungen errichtet.

Anders als abhängig Beschäftigte sind Selbstständige nicht in den Zweigen der Sozialversicherung versichert. Sie müssen sich in einer privaten Krankenversicherung versichern, selbstständig für das Alter vorsorgen und haben keine Absicherung bei Arbeitslosigkeit. In einigen Fällen besteht jedoch die Möglichkeit sich freiwillig zu versichern, um beispielsweise beim Scheitern der Existenzgründung Leistungen der Arbeitslosenversicherung in Anspruch zu nehmen. Unter bestimmten Bedingungen sind Selbstständige nach einer Unternehmensgründung auch in der gesetzlichen Rentenversicherung weiterhin pflichtversichert. In der Regel sind sie jedoch selbst für ihre soziale Absicherung und ihre Arbeitsbedingungen verantwortlich. Es besteht die Gefahr, dass Selbstständige nur einen geringen Anteil für ihre Altersvorsorge aufwenden, wenn ihr Einkommen zu gering ist, der Kapitalbedarf des Unternehmens zu groß oder sie eher kurzfristige Konsumpräferenzen haben.

Der Präsident der Deutschen Rentenversicherung befürchtet gerade bei Solo-Selbstständigen mit geringem Einkommen, deren Zahl in den letzten Jahren beträchtlich gestiegen ist, eine wachsende Altersarmut. Solo-Selbstständige haben kaum Möglichkeiten aus ihren geringen Einkommen für das Alter vorzusorgen und es besteht die Gefahr, dass sie im Alter auf die Grundsicherung angewiesen sein werden. 2005 wurde mit der Basisrente oder auch "Rürup-Rente", benannt nach dem Ökonomen und damaligen Berater der Bundesregierung Bert Rürup, eine steuerlich begünstigte Form der privaten Altersvorsorge eingeführt. Die Rürup-Rente richtet sich an Selbstständige, die keinen Anspruch auf die staatlich geförderte "Riester-Rente" und keinen Zugang zu einer betrieblichen Altersvorsorge haben.
Bei Selbstständigen finden sich häufig überlange Arbeitszeiten von mehr als 48 Stunden pro Woche. Laut Daten des Statistischen Bundesamtes arbeitet mehr als die Hälfte aller Selbstständigen besonders lang. Selbstständige mit Beschäftigten (67 %) arbeiten dabei wesentlich öfter als Solo-Selbstständige (45 %) sehr lange. Im Vergleich dazu arbeiten nur 7,7 % aller vollzeitbeschäftigten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mehr als 48 Stunden pro Woche.

Selbstständigkeit tritt in unterschiedlichsten Facetten auf. Sie zeichnet sich durch eine große Heterogenität hinsichtlich Einkommen, Arbeitsumfang und Tätigkeitsbereichen aus. 77,7 % der Selbstständigen arbeiten im Dienstleistungssektor. Die Selbstständigen folgen damit dem Trend der Tertiarisierung (Umwandlung) der deutschen Volkswirtschaft in Richtung einer Dienstleistungsökonomie, der sich auch bei allen Arbeitnehmern beobachten lässt. Innerhalb des Dienstleistungssektors dominieren die Bereiche Handel, Gastgewerbe und Verkehr. Im Dienstleitungssektor ist auch der Anteil der Solo-Selbstständigen höher als in den anderen Sektoren. Der Anteil der Selbstständigen an allen Erwerbstätigen ist im Baugewerbe und der Landwirtschaft am höchsten. Zum Trend der Solo-Selbstständigkeit tragen vor allem folgende Berufe bei: Ausbauberufe, Steuer- und Wirtschaftsberater, IT-Kräfte, Lehrer und Dozenten, Kosmetiker und Reinigungsberufe.

Über das Gründungsgeschehen gibt es in Deutschland unterschiedliche Statistiken. Das Institut für Mittelstandsforschung Bonn (IfM) hat mit seiner Gründungs- und Liquidationsstatistik für das Jahr 2013 insgesamt knapp 337.900 Existenzgründungen im Gewerbe (2012: 346.400) nachgewiesen. Der Gründungsmonitor der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW), eine repräsentative, jährlich durchgeführte, telefonische Bevölkerungsbefragung zum Gründungsgeschehen in Deutschland, verzeichnete 2012 insgesamt 775.000 Gründerpersonen, darunter 315.000 im Vollerwerb und 460.000 im Nebenerwerb. Das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) diagnostizierte auf Basis des Mannheimer Unternehmenspanels einen Einbruch der Gründungstätigkeit und ging für 2012 von etwa 168.000 neuen wirtschaftlich aktiven Unternehmensgründungen aus. Die Diskrepanz der Daten, Methoden und Abgrenzungen von beruflicher Selbstständigkeit machen deutlich, wie schwer die Erfassung von Unternehmensneugründungen ist.

Die durchschnittliche Selbstständigenquote in der Europäischen Union liegt bei 15,2 %, was 32,8 Millionen Selbstständigen in der EU entspricht. Im europäischen Vergleich liegt Deutschland mit einer Selbstständigenquote von 11 % im Jahr 2012 auf einem hinteren Platz. Nur wenige Staaten wie Bulgarien, Schweden oder Dänemark, haben eine niedrigere Quote. Auf den vorderen Plätzen liegen Staaten wie Griechenland (31,9 %), Italien (23,4 %), Portugal (21,1 %) und Rumänien (20,1 %). Die hohen Quoten in diesen Ländern haben vor allem mit der Selbstständigkeit im Bereich der Landwirtschaft zu tun. Damit haben speziell die Staaten überdurchschnittlich hohe Selbstständigenquoten, die besonders von der Wirtschafts- und Finanzkrise betroffen sind. In Teilen der südeuropäischen Staaten findet sich zudem ein ausgeprägter Anteil an Solo-Selbstständigen unter den Selbstständigen.

Eine Hypothese besagt, dass in Phasen hoher Arbeitslosigkeit vermehrt Gründungen zu beobachten sind, während bei guter konjunktureller Lage und niedriger Arbeitslosigkeit das Gründungsgeschehen eher schwach ausgeprägt ist. Man spricht auch von einem antizyklischen Verlauf der Gründungsaktivitäten. Eine andere Hypothese geht davon aus, dass sich gerade in Zeiten wirtschaftlicher Prosperität viele Möglichkeiten für eine Unternehmensgründung ergeben und die Zahl der Selbstständigen steigt. Eine Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung kommt zu dem Ergebnis, dass in Deutschland die Zahl der Gründungen gerade in konjunkturellen Schwächephasen mit hoher Arbeitslosigkeit steigt. Wirtschaftliche Leistungsschwäche geht häufig, mit einer hohen Selbstständigenquote einher und kann somit auch die hohe Zahl der Selbstständigen in den südeuropäischen Ländern erklären.

Förderung

Die Förderung von Gründungen aus der Arbeitslosigkeit ist ein wichtiges Instrument der aktiven Arbeitsmarktpolitik. In der Vergangenheit wurde eine Vielzahl verschiedener Förderinstrumente erprobt. Sowohl in der Arbeitslosenversicherung (SGB III) als auch in der Grundsicherung für Arbeitsuchende (SGB II) ist eine geförderte Existenzgründung derzeit mit jeweils einem Förderinstrument möglich. Arbeitslose, die Arbeitslosengeld nach dem SGB III beziehen, können mit dem Gründungszuschuss nach §93 SGB III gefördert werden, wenn sie über einen Arbeitslosengeldanspruch von mindestens 150 Tagen verfügen, wenn die Tragfähigkeit ihres Gründungsvorhabens nachgewiesen werden kann und wenn sie Kenntnisse und notwendige Fertigkeiten, die für ihre Existenzgründung notwendig sind, darlegen können. Es besteht jedoch kein Rechtsanspruch auf die Förderung, da es sich hierbei um eine Ermessensentscheidung handelt, die der zuständige Arbeitsvermittler trifft. Der Gründungszuschuss kann dann für zunächst sechs Monate in Höhe des zuletzt bezogenen Arbeitslosengelds zuzüglich eines Betrags von monatlich 300 Euro geleistet werden. Der Gründungszuschuss kann im Anschluss für weitere neun Monate gewährt werden, wenn die Geschäftstätigkeit nachgewiesen wird. Er beträgt dann monatlich 300 Euro.

Für Arbeitslosengeld II Bezieher kann eine Existenzgründung mit Einstiegsgeld gefördert werden. Auch beim Einstiegsgeld handelt es sich um eine Ermessensleistung auf die kein Rechtsanspruch besteht. Das Einstiegsgeld (nach §16b SGB II) kann für die Dauer von bis zu 24 Monaten gewährt werden. Seine Höhe wird einzelfallbezogen bemessen und ist von der Familiensituation des Existenzgründers abhängig und anhand eines gestaffelten Systems zu bestimmen. Es beträgt maximal die Höhe des Regelsatzes, der sich für Arbeitslosengeld II-Bezieher nach §20 SGB II ergibt.

Eine tiefergehende Übersicht über die Förderung von Existenzgründungen finden Sie im Dossier Arbeitsmarktpolitik im Text "Förderung der Aufnahme einer Erwerbstätigkeit".

Die Förderinstrumente der Agentur für Arbeit und der Jobcenter richten sich ausschließlich an Personen, die sich aus der Arbeitslosigkeit heraus selbstständig machen wollen. Da Unternehmensgründungen für das Innovationspotential einer Volkswirtschaft sehr wichtig sind, gibt es weitere (staatliche) Fördermöglichkeiten zur Finanzierung des Schritts in die Selbstständigkeit.

Von der Förderung erhofft sich die Politik häufig positive Effekte auf Beschäftigung, wirtschaftliches Wachstum und Wohlstand. Gründungsförderung ist ein wichtiges Handlungsfeld der Wirtschaftspolitik. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie stellt auf einem speziellen Internetportal Informationen für potentielle Gründer zusammen und informiert über Fördermöglichkeiten. Eine weitere Fördermöglichkeit sind Gründerwettbewerbe, die besondere innovative Gründungen prämieren und somit Kapitel für die Gründer zur Verfügung stellen. Zusätzlich werden die Gründer häufig von Experten beraten, um ihre Ideen weiterzuentwickeln. Die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) als eine Anstalt des öffentlichen Rechts, dessen Kapital ausschließlich vom Bund und den Ländern gehalten wird, fördert mit günstigen Förderkrediten und durch innovative Finanzierungen Existenzgründungen. Die KfW unterstützt Unternehmensgründer auch durch Infrastrukturmaßnahmen und zahlt einen Zuschuss zu einer professionellen externen Beratung, die Unterstützung bei wirtschaftlichen, finanziellen und organisatorischen Fragen liefern soll.

Neue (Solo-)Selbstständigkeit

Mit dem Zeitgeist der Individualisierung gehen auch Phänomene in der Arbeitswelt einher. Die selbstständige Erwerbsarbeit gewinnt für die deutsche Volkswirtschaft immer mehr an Bedeutung. Dabei wird die herkömmliche Selbstständigkeit durch die sogenannte neue Selbstständigkeit abgelöst, die sich häufig auf neuartige Tätigkeitsprofile begründet, die auf persönlichen Erfahrungen und Fertigkeiten basieren und zugleich geringe Anforderungen an ökonomische und personelle Ressourcen stellen. Sie zeichnet sich zudem durch eine wachsende Heterogenität und Diversität der Selbständigen aus. Ihren Beitrag zum wirtschaftlichen Wachstum leisten sie mit ihren flexiblen Arbeitsmodellen, ihrer Kreativität und ihrer Innovations- und Verwirklichungsfähigkeit. Der Zunahme von Solo-Selbstständigen und Mikrofirmen wird dabei eine große Bedeutung zugeschrieben. Hier ist es vor allem die Kreativwirtschaft in der diese Entwicklung zu beobachten ist. Die Mikroselbstständigen in der Kreativwirtschaft, wozu auch Freie Mitarbeiter (sog. Freelancer) gehören, sind dabei mit einer Unstetigkeit ihrer beruflichen Tätigkeit und einer Reihe von sozialen Risiken betroffen. Sie werden auch als Idealtypen des Arbeitskraftunternehmers bezeichnet, der seine Arbeitskraft wie ein Unternehmer behandelt und auf dem Arbeitsmarkt verkaufen muss. Diese neuen Selbstständigen haben sich in einigen Städten in Coworking-Spaces zusammengefunden. Diese Bürogemeinschaften bieten ihnen die Infrastruktur für ihre Geschäftsideen, die häufig in der digitalen Wirtschaft zu verorten sind.

Das Internet bietet Selbstständigen und Unternehmensgründungen eine Reihe innovativer Tätigkeitsfelder und die aufsehenerregenden Unternehmensgründungen der letzten Jahrzehnte stammen aus diesem Sektor. Gerade das Internet verändert den Arbeitsmarkt heute nachhaltig und die Digitalisierung der Arbeitswelt schreitet zunehmend voran. Online-Jobbörsen, digitale Karrierenetzwerke und Cloud-Computing, also zum Beispiel der Datenspeicher in einem Netzwerk auf das weltweit von jedem Rechner mit Internetzugang zugegriffen werden kann, hinterlassen auch auf dem Arbeitsmarkt Spuren. Das Internet ermöglicht es den Erwerbstätigen heute theoretisch ihren Arbeitsplatz an jedem beliebigen Platz der Welt einzurichten. Sie benötigen lediglich ihr Notebook, welches das Büro ersetzt. Dieser Wandel hat auch Auswirkungen auf die Arbeitsverhältnisse und selbstständige Erwerbstätigkeit ist eine Beschäftigungsform, die gut zu dieser Entwicklung zu passen scheint.

Auf Mikrojobbingportalen veröffentlichen Unternehmern Kleinaufträge, beispielsweise zur Textproduktion, auf die sich jeder bewerben kann. Häufig üben freiberufliche Solo-Selbstständige diese Tätigkeiten aus und akquirieren somit ihre Aufträge. In der Kritik steht dieses Beschäftigungsmodell, da es zu einem Unterbietungswettbewerb kommen kann und sich Solo-Selbstständige häufig am Rande der Selbstausbeutung befinden. Ein weiteres Beispiel neu aufkommender Dienstleistungs- bzw. Selbstständigkeitsformen sind Internetportale für Handwerks- und Dienstleistungsaufträge, die sich in Deutschland großer Beliebtheit erfreuen. Diese Portale sind Beispiele für eine zunehmende Vermarktlichung und prekäre selbstständige Dienstleistungsarbeit im Internet bei der es zu einer Verschiebung der Marktgrenzen in Arbeitsorganisation und Privatleben kommt.

In den letzten Jahren verbreitet sich für neu gegründete Unternehmen zunehmend der englische Begriff "Start-up". Darunter versteht man häufig "Garagenfirmen" in der Tradition von Apple, die für die Umsetzung ihrer Ideen zunächst meist nur wenig Kapital zur Verfügung haben. Mittlerweile haben sich spezielle Risikokapitalfirmen gebildet, die unter den Start-ups nach besonders vielversprechenden Ideen suchen, um diese zu finanzieren und an der Entwicklung teilzuhaben. Start-ups finden sich vorwiegend in der digitalen Wirtschaft und drehen sich um Internetthemen. In letzter Zeit gewinnen auch Start-ups an Bedeutung, die sich mit der Lösung sozialer Probleme beschäftigen. Unter den Gründern von Start-ups finden sich viele kreative, junge und hochqualifizierte Personen.

Eine weitere neue Form von Selbstständigkeit ist das Franchising, bei dem ein Franchisegeber sein Geschäftskonzept einem Franchisenehmer kostenpflichtig zur Verfügung stellt. In Deutschland gibt es verschiedene Franchisesysteme. Bekannte Marken sind beispielsweise McDonald‘s oder Backwerk. Der Franchisenehmer ist ein rechtlich selbstständiger Unternehmer, der durch den Franchisegeber an bestimmte Vertragsinhalte gebunden ist und wesentlich weniger Entscheidungsfreiheit als ein klassischer Selbstständiger genießt. Franchisemodelle erfreuen sich großer Beliebtheit, weil potentiell Unternehmer (Franchisenehmer) auf ein bekanntes und erprobtes Geschäftsmodell zurückgreifen können und somit ihre Risiken minimieren können. Gleichzeig fallen für die Nutzung der Marke jedoch teilweise hohe Gebühren an.

Zum Weiterlesen

IAB Infoplattform "Existenzgründungen aus Arbeitslosigkeit"

IAB Infoplattform "Solo-Selbstständige – zwischen Selbstverwirklichung und Prekariat"

IAB Infoplattform "Beschäftigungseffekte von Unternehmensgründungen"

Regelmäßig aktualisierte Übersicht des Instituts für Mittelstandsforschung (IfM) zu Gründungen und Unternehmensschließungen

Übersicht über die Möglichkeiten der Gründungsförderung des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS)

Existenzgründungsportal des Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi)

Institut für Freie Berufe an der Friederich-Alexander-Universität Erlangen Nürnberg

Literaturverzeichnis

Bäcker, Gerhard; Naegele, Gerhard; Bispinck, Reinhard; Hofemann, Klaus; Neubauer, Jennifer (2008): Sozialpolitik und soziale Lage in Deutschland. 4. Grundlegend überarb. und erw. Auflage. VS-Verlag. Wiesbaden.

Bernhard, Stefan; Wolff, Joachim (2011): Die Praxis des Gründungszuschusses. Eine qualitative Implementationsstudie zur Gründungsförderung im SGB III. IAB-Forschungsbericht 03/2011. Nürnberg.

Bührmann, Andrea D. (2012): Unternehmertum jenseits des Normalunternehmertums: Für eine praxistheoretisch inspirierte Erforschung unternehmerischer Aktivitäten. Berliner Journal für Soziologie 22: 129 – 156.

Bögenhold, Dieter; Fachinger, Uwe (2012): Neue Selbstständigkeit. Wandel und Differenzierung der Erwerbstätigkeit. Expertise im Auftrag der Abteilung Wirtschafts- und Sozialpolitik der Friedrich-Ebert-Stiftung. Bonn.

Brehm, Thorsten; Eggert, Kerstin, Oberlander, Willi (2012): Die Lage der Freien Berufe. Nürnberg.

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