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Lohnentwicklung in Deutschland und Europa


11.8.2014
Deutschland- als auch europaweit sind die Löhne gestiegen. Führte dies auch zu Steigerungen der Einkommen und der Vermögen? Zumindest für die letzten 14 Jahre lässt sich feststellen, dass Lohnerhöhungen nicht gleichzeitig zu einem Anwachsen der verfügbaren Einkommen führten. Aufgrund relativ hoher Inflationsraten und nur sukzessiver Lohnsteigerungen haben die Deutschen und die Europäer heute weniger Geld im Portemonnaie als noch im Jahre 2000.

Schornsteinfeger aus Mecklenburg-Vorpommern demonstrieren für die Lohnangleichung auf Westniveau. Thema vieler Tarifauseinandersetzungen sind immer noch die unterschiedlichen Lohnniveaus in Ost und West.Schornsteinfeger aus Mecklenburg-Vorpommern demonstrieren für die Lohnangleichung auf Westniveau. Thema vieler Tarifauseinandersetzungen sind immer noch die unterschiedlichen Lohnniveaus in Ost und West. (© picture-alliance, ZB)


Lohnentwicklung in Deutschland und Europa



Für die Einordnung der Lohnentwicklung Deutschlands im Europavergleich wird zunächst eine differenzierte Bestandsaufnahme der Lohnentwicklung Deutschlands vorgenommen, dieser schließt sich der Vergleich zur EU 27 an.

Entwicklung der Nominal- und Reallöhne in Deutschland

Reallohnindex, Normallohnindex und Verbraucherpreisindex in DeutschlandReallohnindex, Normallohnindex und Verbraucherpreisindex in Deutschland (PDF-Icon Grafik zum Download 62 KB) (© bpb)
Die Reallöhne sind in Deutschland zwischen 1991 und 2012 um lediglich 3,1 Prozent gestiegen, obwohl im gleichen Zeitraum eine Nominallohnsteigerung von 36,7 Prozent festzustellen ist. Zurückzuführen ist dies auf die Entwicklung der Verbraucherpreise (Steigerung um 33,9 Prozent zwischen 1991 und 2012), die die jährlichen Raten der Reallohnentwicklung nivellierten. Insbesondere seit 2000 ist ein kontinuierliches Sinken der Reallöhne zu beobachten gewesen, weil die Höhe der Inflationsrate (Steigerungsrate der Verbraucherpreise) beinahe durchweg über der Höhe der Nominallohnrate lag. Die folgende Abbildung verdeutlicht dies. Zwischen 1992 und 2004 lag die Jahresrate der Nominallohnentwicklung stets über der Inflationsrate, ab 2005 bis 2010 war jedoch eine Umkehr festzustellen. Dies führte letztlich zu dem sukzessiven Absinken der Reallöhne.

Zurückzuführen sind diese Entwicklungen auf Konjunktureinbrüche zwischen 2007 und 2009 durch die Banken- und Finanzkrise. Außerdem sind die Arbeitsmarktreformen, vor allem die "Hartz-Reformen" dafür ursächlich. Der ohnehin durch die schwache konjunkturelle Entwicklung ausgelöste Lohndruck wurde durch die Arbeitsmarktreformen, mit der einhergehenden Ausdehnung des Niedriglohnsektors, weiter verschärft.

Veränderung der Reallöhne und Nominallöhne nach Wirtschaftszweigen zwischen 2007 und 2012Veränderung der Reallöhne und Nominallöhne nach Wirtschaftszweigen zwischen 2007 und 2012 (PDF-Icon Grafik zum Download 63 KB) (© bpb)
Insbesondere branchenspezifisch zeigen sich erhebliche Unterschiede in der Lohnentwicklung. Zwischen 2007 bis 2012 stiegen die Nominallöhne um 11,5 Prozent, die Verbraucherpreise um 8,0 Prozent, wodurch die Reallöhne in diesen fünf Jahren um lediglich 3,5 Prozent anstiegen. Die höchsten Lohnsteigerungen erfuhren Beschäftigte im Bereich Bergbau und Gewinnung von Steinen und Erden und im Finanz- und Bankenbereich. Hier erhöhten sich die Reallöhne um 6,8 bzw. 5,5 Prozent. Beschäftigte in den Bereichen freiberuflicher, wissenschaftlicher und technischer Dienstleistungen und besonders im Bereich Kunst, Unterhaltung und Erholung musste dagegen faktische Reallohnkürzungen hinnehmen - zum Teil im empfindlichen Ausmaß (Kunst, Unterhaltung und Erholung).

Veränderung der Reallöhne und Nominallöhne nach Gebietsstand, Beschäftigungsart,
Geschlecht und Leistungsgruppe zwischen 2007 und 2012Veränderung der Reallöhne und Nominallöhne nach Gebietsstand, Beschäftigungsart, Geschlecht und Leistungsgruppe zwischen 2007 und 2012 (PDF-Icon Grafik zum Download 61 KB) (© bpb)
Im gleichen Zeitraum waren leicht höhere Lohnentwicklungen in den neuen gegenüber den alten Bundesländern festzustellen. So erhöhte sich der Reallohn der Beschäftigten in Ostdeutschland um 4,9 Prozent zwischen 2007 und 2012, während in Westdeutschland Reallohnsteigerungen von durchschnittlich 3,3 Prozent erreicht wurden.

Dass gerade durch die Arbeitsmarktreformen ein erheblicher Lohndruck ausgelöst wurde, zeigt die 0-Prozent-Steigerung der Reallöhne für geringfügig Beschäftigte ("Minijobber"), die auf eine Ausweitung des Niedriglohnsektors bei gleichzeitig sehr geringer Lohnentwicklung in diesem Bereich zurückzuführen ist.

Aufgrund einer wachsenden Erwerbsbeteiligung von Frauen sind leicht höhere Raten in der Lohnentwicklung bei weiblichen Beschäftigten festzustellen gewesen. Dies ist mit Blick auf die nach wie vor bestehenden geschlechterspezifischen Lohnunterschiede positiv, aber angesichts der Veränderungsgröße auch nur ein sehr marginaler Beitrag.

Dass sich zudem die Fachkräfteknappheit zunehmend auf die Lohnbildung auswirkt, illustriert die Veränderung der Real- und Nominallöhne nach Leistungsgruppen. Von besonders deutlichen Lohnsteigerungen konnten Arbeitnehmer in leitender Stellung profitieren, gefolgt von herausgehobenen Fachkräften. Beide Gruppen sind allerdings auch, mehr als andere in der Lage, Lohn- und Gehaltssteigerungen aufgrund ihrer Qualifikationen und Bedeutung für die Unternehmen durchzusetzen.

Entwicklung von Nominal- und Reallöhnen: Deutschland im EU-Vergleich

Veränderung der Reallöhne und Nominallöhne in der EU-27 zwischen 2009 und 2012Veränderung der Reallöhne und Nominallöhne in der EU-27 zwischen 2009 und 2012 (PDF-Icon Grafik zum Download 62 KB) (© bpb)
Im Betrachtungszeitraum 2009 bis 2012 steigerten sich die Nominallöhne in der EU 27 um 8,4 Prozent, während die Reallöhne um 0,4 Prozent faktisch sanken. Die deutschen Lohnentwicklungen sind im Vergleich dazu überdurchschnittlich gewesen. Immerhin steigerte sich der Reallohn um 1,5 Prozent und auch generell zeigt sich europaweit ein sehr differenziertes Bild in der Lohnentwicklung. Nach wie vor sind die nationalen politischen Rahmenbedingungen prägend für die jeweilige Lohnbildung in den Staaten und gleichzeitig die nationalen, aber auch supranationalen ökonomischen Rahmenbedingungen, woraus sehr große Unterschiede in den Lohnentwicklungen resultieren.

Stabile, wenn auch nur geringe Reallohnentwicklungen sind in Nordeuropa festzustellen (Dänemark, Schweden, Finnland). Diese Ländergruppe durchlebte in den letzten vier Jahren eine vergleichsweise sehr stabile ökonomische Entwicklung ohne wesentliche Kriseneffekte.

Ganz anders demgegenüber die südeuropäischen Staaten, allen voran Griechenland. Die in Südeuropa seit 2010 andauernden Haushalts- und Staatsschuldenkrisen beschränkten im erheblichen Maße die Leistungsfähigkeit der öffentlichen Hand, die Arbeitslosigkeit stieg rapide an und ebenso die Zahl der Unternehmensinsolvenzen. Entsprechend wirkte sich dies auf die Lohnentwicklungen aus.

Auch in den baltischen Staaten machte sich die Banken- und Finanzkrise deutlich in der Lohnentwicklung bemerkbar. Nach Jahren dynamischen Wachstums, insbesondere nach den EU-Beitritten, kam es erstmals zum einem Negativwachstum des Bruttoinlandsproduktes - zum Beispiel in Lettland um 4,6 Prozent in 2008 und im Folgejahr um drastische 18 Prozent. Gleichzeitig erreichten die Arbeitslosenquoten Rekordhöhen.

Bulgariens Lohnentwicklung ist, ganz anders als etwa in Rumänien, auf ein sehr starkes wirtschaftliches Aufblühen in den letzten Jahren zurückzuführen. Das "Armenhaus Europas" profitiert von beträchtlichen Direktinvestitionen, die insbesondere seit dem EU-Beitritt ins Land fließen. Dies wirkt sich positiv auf die Lohnbildung aus und höhere Löhne sind die Folge. Rumäniens ökonomische Perspektiven wurden bis 2005 als sehr gut bewertet. Dass Land steigerte seine Standortattraktivität durch eine liberale Wirtschafts- und Finanzpolitik (z.B Einführung einer Einheitsteuer in Höhe von 16 Prozent) und durch eine umfassende Flexibilisierung des Arbeitsmarktes. Dies lockte Direktinvestoren und ließ einen Boom, vor allem im Zuge des EU-Beitritts, vermuten. Aber auch Rumänien geriet unter dem Einfluss der Banken- und Finanzkrise in erhebliche Schwierigkeiten. Die Arbeitslosigkeit stieg deutlich an und führte zu erheblichen Einschnitten in der Lohnentwicklung.

Stärker als alle anderen mittel- und osteuropäischen Staaten war Ungarn von der Banken- und Finanzkrise betroffen. Nach Jahren guten Wachtsums war 2009 erstmals ein Negativwachstum von 5,5 Prozent zu verkraften. Hinzu kamen ein Doppeldefizit aus Importüberschuss und Staatsverschuldung sowie eine enorme Verschuldung der privaten Haushalte. Letztere führten, weil die privaten Vermögen überwiegend in Fremdwährungen angelegt waren, zu massiven Kursverlusten des Forint gegenüber dem Euro (2008). Dies führte zunächst zu einem Anheben des Leitzinses durch die ungarische Zentralbank und machte später Kredithilfen von der Europäischen Zentralbank und dem Internationalen Währungsfonds erforderlich. Auf die Lohnentwicklung hatte dabei zunächst die gestiegene Arbeitslosigkeit aufgrund vieler Unternehmensinsolvenzen negative Auswirkungen. Gleichzeitig führten der Kursverlust des Forint und der Importüberschuss zu einem heftigen Anstieg der Inflationsrate, der jede Nominallohnsteigerung zunichtemachte.


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Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Guido Zinke für bpb.de
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