Arbeitsmarktpolitik Dossierbild

11.8.2014 | Von:
Guido Zinke

Lohnentwicklung in Deutschland und Europa

Ungleichverteilung von Löhnen in Europa

Welchen Lohn eine Person generiert und wie sich die Löhne wiederum zwischen den Personen bzw. letztlich auch zwischen Staaten verteilen, hängt von einer Reihe von Faktoren ab. Individuell bestimmen im Wesentlichen natürlich Ausbildung, Qualifikation, Beschäftigungsart und Dauer der Beschäftigung (Arbeits- bzw. Markteinkommen) die Höhe der Einkommen. Welches Einkommen tatsächlich zur Verfügung steht (disponibles Einkommen) ist wiederum abhängig von der Abgabenlast (Steuern, Sozialabgaben etc.). Die daraus resultierende Kaufkraft wird über die Preise für den Lebensunterhalt (von Kleidung bis Wohnung) beeinflusst.

So unterschiedlich Markt- und disponible Einkommen und Kaufkraft zwischen einzelnen Personen sein können, so unterschiedlich ist die Einkommenssituation aufgrund unterschiedlichster wirtschafts-, tarif- und fiskalpolitischer Bedingungen zwischen den Staaten der Europäischen Union.

Überblick: Entwicklung der Einkommensverteilung in Europa

Die Einkommensverteilung ist ein wichtiger Indikator für die Bestimmung von wirtschaftlicher Ungleichheit innerhalb der Staaten und zwischen den Staaten der Europäischen Union. Immerhin liefert sie Hinweise auf das Ausmaß und die Tiefe der Armut – insbesondere Hinweise auf die Armutsentwicklung trotz Erwerbstätigkeit.

Die folgende Abbildung stellt die Ungleichheit der Einkommensverteilung in der EU für das Jahr 2011 dar. Abgebildet sind die jeweiligen Anteilsverhältnisse der Einkommensquintile. In der EU 27 lag das Einkommen der 20 Prozent der Bevölkerung mit den höchsten verfügbaren Äquivalenzeinkommen um den Faktor 5,1 höher als das Einkommen der einkommensärmsten 20 Prozent der Bevölkerung (niedrigstes verfügbares Äquivalenzeinkommen).

Definition

Verfügbares Äquivalenzeinkommen

Gesamteinkommen eines Haushalts nach Steuern und anderen Abzügen, das für Ausgaben und Sparen zur Verfügung steht, geteilt durch die Zahl der Haushaltsmitglieder, umgerechnet in Erwachsenenäquivalente; zur Ermittlung der Erwachsenenäquivalente wird eine Gewichtung der Haushaltsmitglieder nach ihrem Alter nach der modifizierten OECD-Äquivalenzskala vorgenommen.

Quelle: Eurostat: Statistics explained

Ungleichheit der Einkommensverteilung in der EU, 2011Ungleichheit der Einkommensverteilung in der EU, 2011 (PDF-Icon Grafik zum Download 62 KB) (© bpb)
Die Unterschiede zwischen den 27 Staaten sind sehr erheblich. Deutschlands Anteilsverhältnis der Einkommensquintile betrug 4,5 Prozent und war damit leicht unterdurchschnittlich. Die stärkste Ungleichverteilung ist in Spanien festzustellen. Dort generieren die einkommensreichsten 20 Prozent der Bevölkerung das Siebenfache des verfügbaren Äquivalenzeinkommens der einkommensärmsten 20 Prozent der Bevölkerung. Hohe Ungleichheiten sind auch bei den beiden Neumitgliedern Bulgarien (6,5) und Rumänien (6,2) festzustellen. Geringste Ungleichheiten bestehen in der Tschechischen Republik (3,5) sowie in Slowenien (3,5), Schweden (3,6) und Finnland (3,7).

Zwischen 2005 bis 2011 hat sich die Ungleichheit der Einkommensverteilung sehr dynamisch entwickelt – nicht zuletzt auch als Resultat der Banken- und Finanzkrise sowie der anhaltenden Staatsschuldenkrise in Südeuropa und der Eurokrise. Im Fall der Neumitglieder der EU wuchs die Ungleichheit aufgrund der Aufnahme in die EU.

Veränderung der Ungleichheit der Einkommensverteilung in der EUVeränderung der Ungleichheit der Einkommensverteilung in der EU (PDF-Icon Grafik zum Download 62 KB) (© bpb)
So verzeichnete Bulgarien (+75,7 Prozent) und Rumänien (+26,5 Prozent) sehr deutliche Zuwächse der Ungleichheit. Vom Transformationsprozess, den diese Staaten durchliefen und dem wirtschaftlichen Erstarken bis zum Ausbruch der Banken- und Finanzkrise mit drastischen Auswirkungen auch in diesen Staaten, profitierten vor allem kleine Bevölkerungsgruppen sehr erheblich, während sich die Einkommenssituation einer breiten Masse der Bevölkerung weiter verschlechterte. Ausgelöst durch die Staatsschuldenkrise stieg auch in Spanien die Ungleichheit in den Einkommen. Dies ist vor allem auf massenhafte Vermögensverluste bei Kleinst- und Kleinanlegern zurückzuführen, wodurch das Vermögen eine breite Bevölkerungsmasse beinahe vollständig erodierte. Zudem wuchs die Arbeitslosigkeit erheblich, so dass die verfügbaren Einkommen stetig absanken.

Ursachen von Ungleichheit der Einkommen und Folgen für die soziale Gerechtigkeit

Natürlich bleiben Ungleichheiten von Einkommen, insbesondere dann, wenn sie wachsen, oder aber im Vergleich zu anderen Staaten sehr hoch sind, nicht folgenlos. Deshalb ist gerade auch die Frage nach ihren Ursachen und den zu erwartenden Folgen der Ungleichheit der Einkommen von erheblicher politischer und ökonomischer Brisanz.

Ursachen von Ungleichheit der Einkommensverteilung

Grundsätzliche Ursachen für Lohn- und Einkommensunterschiede sind qualifikationsabhängige Produktivitätsunterschiede der Beschäftigten. Diese bilden die Leistungsfähigkeit der Beschäftigten ab, die über das Qualifikationsniveau und der Einsatzfähigkeit der Beschäftigten definiert ist. Das heißt also: je höher (niedriger) das Qualifikationsniveau und die Einsatzfähigkeit und umso höher (niedriger) die Produktivität, desto höher (niedriger) das Einkommen. Diese Ursache für Lohnungleichheit ist also vor allem individuell bestimmt, weil grundsätzlich jeder Beschäftigte über spezifische Grundkompetenzen verfügt und für sich selbst entschieden hat bzw. entscheidet, inwieweit er sich (aus)bildet, welches Qualifikationsniveau er erreichen möchte, welchen Arbeitseinsatz er leistet und wie lange er arbeitet. Insofern sind Lohn- und Einkommensunterschiede angesichts der Heterogenitäten in der Ausbildung, Qualifikation, Erfahrungen und Knappheit der Beschäftigten völlig natürlich und angesichts der Funktionsfähigkeit einer Volkswirtschaft auch absolut notwendig und vorteilhaft.

Weder natürlich noch volkswirtschaftlich notwendig oder gar vorteilhaft sind indes jene Ursachen von Ungleichheit der Einkommensverteilung, die aufgrund von äußeren Einflussnahmen, Grundvoraussetzungen oder Rahmenbedingungen erzeugt werden. Soll die obige Funktion, dass hohe Einkommen aus guten Qualifikationen (Bildungsprämie) bzw. hohen Leistungsfähigkeiten resultieren, funktionieren, dann sind auch die Möglichkeiten und Zugänge zu schaffen bzw. für alle auch offen zu halten, um ihre Produktivitätspotenziale einbringen zu können.

Darüber hinaus sind natürlich auch arbeitsmarktliche Ursachen dafür zu benennen, dass es zu Ungleichheiten in der Einkommensverteilung kommt. So führt natürlich die Knappheit von Arbeitskräften zu Lohnsteigerungen, während wiederum Überangebote Lohnsenkungen auslösen.

Europaweit und vor allem in zunehmender Intensität in Deutschland dynamisiert sich der Trend, dass Zugang zu (Aus)Bildung immer weniger eine Frage individueller Grundvoraussetzungen und Kompetenzen ist, aber immer mehr eine Frage der individuellen – oftmals elterlichen – Finanzkraft. Je höher also die Investitionsmöglichkeiten, umso offener die Zugänge zu einer qualitativen Bildung und Ausbildung und vice versa. Für Einkommensschwächere bestehen also "gläserne Decken", um hinreichende Qualifikationsniveaus zu erreichen. Damit sind allerdings unter ökonomischen, sozialen und politischen Gesichtspunkten zwei Risiken verbunden:
  • Zum einen das Risiko der Intergenerationalisierung von Einkommensungleichheiten, da es für Einkommensschwache zunehmend schwieriger wird, ihren Kindern bessere Bildungschancen zu verschaffen, wodurch diese wiederum ggfs. in die Situation kommen, ebenfalls aufgrund geringerer Qualifikationsniveaus nur geringe Einkommen zu erzielen. Hieraus entsteht eine Verstetigung der Einkommensungleichheit über Generationen hinweg.
  • Zum anderen das Risiko einer De-Humankapitalisierung, da der Zugang zu Bildungschancen bereits heute vielen aufgrund geringer Finanzkraft verwehrt bleibt, wodurch ggfs. ein hohes Humankapitalpotenzial nicht ausgeschöpft wird. Beide Situationen sind bereits heute keine neuen Phänomene mehr in Europa, sondern eine bekannte und wachsende Herausforderung.
Weiterhin sind geschlechterspezifische Ursachen für Lohnunterschiede anzuführen. Die Entwicklung der Erwerbsbeteiligung von Frauen verlief insbesondere in den letzten drei Jahrzehnten äußert dynamisch. Damit stehen aktuell mehr Frauen in einem Beschäftigungsverhältnis als je zuvor. Und noch viel dynamischer verlief die Entwicklung der Qualifikationsniveaus von Frauen. Aber dennoch werden Frauen, trotz gleicher Qualifikationen, Erfahrungen und Produktivitäten sehr häufig geringer entlohnt als Männer. Hier besteht das Problem der "gläsernen Decke", da aufgrund von sozial konstruierten Vorurteilen Frauen der Zugang zu mehr Verantwortung, letztlich auch zu höheren Gehältern, häufig verwehrt wird. Zugleich arbeiten Frauen, deutlich häufiger als Männer, in Teilzeit und im Niedriglohnsektor, wodurch wiederum erhebliche Lohnunterschiede entstehen.

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Autor: Guido Zinke für bpb.de
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