Arbeitsmarktpolitik Dossierbild

11.8.2014 | Von:
Guido Zinke

Lohnentwicklung in Deutschland und Europa

Folgen von Ungleichheit der Einkommensverteilung

Aber auch Veränderungen der makroökonomischen Rahmenbedingungen sind Ursachen für wachsende Lohnungleichheit, gerade im Vergleich der EU-Staaten. Die wirtschaftlich sehr starken nord- und westeuropäischen Industriestaaten erfahren aktuell eine starke Tertiärisierung (Übergang von einer durch Industrie hin zu einer durch Dienstleistungen geprägten Volkswirtschaft) ihrer Wirtschaftsstruktur. Hierdurch gewinnt der Dienstleistungssektor im enormen Maße an Bedeutung, was zu einer Wissensintensivierung und Hochtechnologisierung führt. Dies benötigt vor allem höchstqualifiziertes, entsprechend auch gut bezahltes Personal, während gleichzeitig niedriger qualifizierte Beschäftigte nicht mehr benötigt werden, oder aber niedrig qualifizierte Tätigkeiten ins Ausland ausgelagert werden. So lässt VW zum Beispiel seine Fahrzeuge in Wolfsburg konstruieren, jedoch in Bratislava zusammenbauen.

Durch Ungleichheiten der Einkommensverteilung konzentriert sich das Volkseinkommen auf kleinere, bereits hinreichend saturierte (gesättigte) Bevölkerungsgruppen. Daher kann die Entwicklungsdynamik von Volkswirtschaften beeinträchtigt werden, da die Nachfrage nach Gütern und Leistungen engen Konsumstrukturen folgt und geringer ausfällt. Zudem muss berücksichtigt werden, dass Vermögensungleichheiten in alternden Gesellschaften intergenerational (generationsübergreifend, zwischen den Generationen) sind: Junge Bevölkerung mit niedrigen Vermögen versus ältere Bevölkerung mit hohen Vermögen. Da ältere Bevölkerungsgruppen eher risikoavers (risikoscheu) investieren, sind Rückgänge der Investitionstätigkeit zu erwarten, was letztlich die volkswirtschaftliche Entwicklung hemmt. Ferner schränken Einkommensungleichheiten sowohl Bildungschancen (siehe oben) als auch die Mobilität der Bevölkerung ein, wodurch wiederum eine Gefahr besteht, dass ein vorhandenes Potenzial an Humankapital ungenutzt bleibt bzw. ineffizient eingesetzt wird.

Nimmt die Ungleichheit der Einkommensverteilung zu, nimmt also gleichzeitig das volkswirtschaftliche Entwicklungspotenzial ab. Dies hat wiederum Auswirkungen auf die Staatstätigkeit und dabei insbesondere auf die Bereitstellung von öffentlichen Gütern und Leistungen. So sind Versorgungssicherheiten und –qualitäten (Energie, Verteidigung, öffentliche Dienste, Gesundheitswesen, Verwaltung, Verkehr/Infrastruktur etc.) akut gefährdet, wenn die Einkommenshöhen breiter Bevölkerungsgruppen abnehmen und so der Steuerertrag sinken wird.

Ein weiterer Faktor ist, dass der Unmut der Bevölkerung durch die strukturellen Benachteiligungen, die eine wachsende Ungleichheit der Einkommensverteilung mit sich bringt, letztlich steigt. Ein gutes Beispiel, wie schnell die Diskussion um Einkommensgerechtigkeit bzw. soziale versus Leistungsgerechtigkeit aufbranden kann, ist die Debatte um Top-Managergehälter in den letzten Jahren. Dabei steht immer die Frage im Raum, was ein verträgliches Maß ist und worin gegebenenfalls ein Widerspruch besteht zwischen Leistungs- und sozialer Gerechtigkeit.

Exkurs zur Höhe von Managergehältern und zur Frage nach sozialer Gerechtigkeit

Als Ursache von Ungleichheit der Einkommensverteilung wird grundlegend das qualifikationsabhängige Produktivitätsniveau von Beschäftigten und anschließend die Knappheit von Beschäftigten angeführt. Beide Argumente sind zentral in der kritischen Debatte zu der Höhe von Gehältern (z.B. von Topmanagern oder Investmentbankern). Diese Debatte ist angesichts der Zahlen, die diskutiert werden überaus nachvollziehbar: Denn durchaus fragwürdig ist es, worauf sich ein Bonus in Höhe von 80 Mio. Euro für einen Händler der Deutschen Bank zurückführen lässt oder warum ein Vorstandsvorsitzender trotz bescheidender Erfolgsbilanz mit 60 Mio. Euro abgefunden werden muss. Im Jahr 2013 geriet die Deutsche Bank unter anderem deswegen in die öffentliche Diskussion, weil sie bei einem Nettogewinn von "lediglich" 665 Mio. Euro Bonuszahlungen in Höhe von 3,2 Mrd. Euro veranlasste. Dies führte, gerade auch mit Blick auf die staatliche Rettung von deutschen Großbanken im Zuge der Bankenkrise, zu einiger Empörung in der Gesellschaft, in der Politik bis hin zur Wirtschaft.

Zur Veranschaulichung der Problematik zeigt die folgende Abbildung die Entwicklung der Vorstandsvergütung in den DAX 30 Unternehmen im Vergleich zur Entwicklung der Personalkosten je Arbeitnehmer dieser Unternehmen.

Entwicklung der Vorstandsvergütung und Relation zu den Personalkosten je ArbeitnehmerEntwicklung der Vorstandsvergütung und Relation zu den Personalkosten je Arbeitnehmer (PDF-Icon Grafik zum Download 65 KB) (© bpb)


Zu erkennen ist ein starkes Wachstum der Vorstandsvergütungen über alle DAX-Unternehmen hinweg. Im Jahre 1987 erhielt ein Vorstandsmitglied eines der 30 größten deutschen Unternehmen noch 439.000 Euro im Jahr; in 2010 betrug dieser Wert bereits 2,7 Mio. Euro pro Kopf. Dies entspricht einer Steigerung der Vorstandsvergütungen um den Faktor sechs. Parallel dazu wuchs die Kluft zwischen den Vorstandsvergütungen und durchschnittlichen Personalkosten der Arbeitnehmer um den Faktor 3,5 stetig an. Dass Vorstände das 20fache der durchschnittlichen Personalkosten von Arbeitnehmern verdienten, sorgte bereits 1997 für Diskussionen in Gesellschaft und Politik. Von daher verwundert es nicht, dass die Diskussionen nicht abbrachen, sondern sich weiter intensivierten, wenn heute eine Relation von 1 zu 49 festzustellen ist.

Interessant in der Entwicklungsdarstellung ist vor allem der Zeitraum seit 2001/2002. In diesen Jahren begannen die Diskussionen (insbesondere seitens der Vorstandsetagen deutscher Großbanken), dass das deutsche Gehaltsgefüge für Top-Manager zu niedrig wäre, um im internationalen Wettbewerb um die besten Köpfe zu bestehen. Aufgrund dessen nahmen nicht nur die Basisbezüge der Top-Manager, sondern auch die Vielfalt und Höhen von Bonusregelungen deutlich zu. Die Vergütungen der Top-Manager stiegen dadurch sprunghaft an und nicht selten auch die Anzahl der Vorstände. Besonders zu beobachten war dieser Trend in den deutschen Top-Banken (Deutsche Bank, Commerzbank und Dresdner Bank) im Jahr 2007. Im Jahr der Bankenkrise wurde der bisherige Höchstwert der durchschnittlichen Vorstandsvergütung erreicht. Krisenbedingt kam es entsprechend in den Folgejahren zu Abnahmen. Aktuell nähert man sich allerdings dem Vorkrisenniveau wieder deutlich an.

Diese Entwicklungen, insbesondere der Diskrepanzen (Widersprüchlichkeiten), stoßen deshalb auf die "geballte Wut der Medien und Stammtische", da solche Entgelthöhen – vor allem angesichts der Erfolgsbilanz der Manager – exorbitant, kaum greifbar und nicht nachvollziehbar auf 'Normalbürger' wirken.

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Autor: Guido Zinke für bpb.de
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