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Geschlechterungleichheiten: Gender Pay Gap


11.8.2014
Die Gleichstellung von Frauen und Männern bedeutet in der Lohn- und Tarifpolitik vor allen Dingen geschlechterspezifische Entgeltungleichheiten abzubauen. Bereits seit einigen Jahren intensiviert sich dahingehend sowohl in den Unternehmen, aber ebenso in der Politik und in der Gesellschaft die Diskussion um dieses Thema. Es werden Antworten auf die drängendsten Fragen gesucht, um die Lohnlücken zu reduzieren.

Bei der Aktion "Schnauzbart" des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) lässt sich eine junge Frau am Montag (22.09.2008) vor dem Brandenburger Tor in Berlin einen Bart ankleben, um für gleichen Lohn von Männern und Frauen zu demonstrieren. Symbolisch für die Lohnunterschiede wurden 78 Euro-Geldscheine verteilt.Bei einer Demonstration des DGB für gleichen Lohn von Männern und Frauen lässt sich eine Demonstrantin einen falschen Bart ankleben. (© picture-alliance/dpa)


Aktuell sind mehr Frauen erwerbstätig als je zuvor, auch Frauen mit einem und mehr Kindern und ihre Qualifikationsniveaus sind im Vergleich zu Männern häufig sogar höher. Aber noch immer verdienen in Deutschland und in Europa Männer mehr als Frauen.

Dieser Abschnitt zeigt, wie hoch das Ausmaß der Lohnungleichheit ist, warum es zu Lohnunterschieden zwischen den Geschlechtern überhaupt kam und kommt und welche Maßnahmen ergriffen werden, um die geschlechterspezifische Lohnlücke zu reduzieren.

Lohnunterschiede zwischen den Geschlechtern in Deutschland und Europa



Die geschlechterspezifischen Lohnunterschiede haben sich in Deutschland und Europa in den letzten zwei Jahrzehnten sehr differenziert entwickelt. Reflektiert man die wachsende gesellschaftliche und politische Aufmerksamkeit zu diesem Thema, erstaunt es, dass die unbereinigten Unterschiede in den Bruttomonatsverdiensten zwischen Frauen und Männern nicht abgenommen, sondern deutlich zugenommen haben. Trotz zunehmender gesellschaftlicher und politischer Debatte und verstärkt eingeleiteten Maßnahmen wuchs die Lohnlücke zwischen den Geschlechtern. Lohnunterschiede zwischen den Geschlechtern werden in Deutschland als auch EU-weit über den Strukturindikator Gender Pay Gap dargestellt, der den prozentualen Unterschied im durchschnittlichen Bruttoverdienst von Männern und Frauen darstellt.

Im Folgenden wird differenziert die deutsche Situation dargestellt. Daran knüpft die Einordnung der deutschen Situation in die EU-weite Situation der geschlechterspezifischen Lohnunterschiede an.

Stand und Entwicklung der Lohnunterschiede in Deutschland

Differenz zwischen den durchschnittlichen Bruttomonatsverdiensten von Frauen und Männern
im Produzierenden Gewerbe und im DienstleistungsbereichDifferenz zwischen den durchschnittlichen Bruttomonatsverdiensten von Frauen und Männern im Produzierenden Gewerbe und im Dienstleistungsbereich (PDF-Icon Grafik zum Download 64 KB)
Deutschlandweit verdienten Frauen 1991 im produzierenden Gewerbe und Dienstleistungsbereich noch 566 Euro weniger als Männer; 2012 betrug dieser Unterschied bereits 670 Euro. Besonders gravierend sind die Unterschiede in den Lohnhöhen vor allem zwischen den alten und neuen Bundesländern: Eine ostdeutsche Frau verdiente 1991 lediglich 120 Euro weniger als ein ostdeutscher Mann (Westdeutschland: 620 Euro) und auch 2012 war der Unterschied mit 154 Euro noch wesentlich geringer als die westdeutsche Ungleichheit (725 Euro).

Insgesamt - für alle Wirtschaftszweige und Beschäftigte geltend - errechnete das Statistische Bundesamt für 2012 einen Gender Pay Gap in Höhe von 22 Prozent für Deutschland. Dieser Wert blieb seit 2010 unverändert. Zwischen 2006 und 2009 betrug er noch 23 Prozent. In den alten Bundesländern lag der Gender Pay Gap stabil bei 24 Prozent zwischen 2006 und 2012, in den neuen Bundesländern steigerte er sich seit 2006 von 6 auf 8 Prozent in 2012.

Unbereinigter Gender Pay Gap in den deutschen Bundesländern 2012Unbereinigter Gender Pay Gap in den deutschen Bundesländern 2012 (PDF-Icon Grafik zum Download 112 KB) (© bpb)
Zudem sind wachsende Entgeltungleichheiten mit zunehmenden Alter feststellbar: Bei Frauen zwischen 25 und 30 Jahren liegt der Abstand zu den Einkommen der gleichaltrigen Männer bei 15 Prozent, im Alter zwischen 36 und 40 Jahren bei 19 Prozent und in der Altersgruppe zwischen 51 und 55 Jahren bei 25 Prozent.

Die regionale Verteilung der unterschiedlichen Höhen ist in der folgenden Abbildung dargestellt. Neben dem generellen Unterschied zwischen Ost und West ist auch ein klarer Unterschied zwischen Nord und Süd erkennbar. Gerade die volkswirtschaftlich leistungsfähigsten Bundesländer, Baden-Württemberg, Bayern und Hessen, weisen die höchsten Gender Pay Gaps aus – während die ostdeutschen Bundesländer, aufgrund anderer historisch-bedingter Entwicklungen, geschlechterspezifischer Rollenbilder und höherer Erwerbsbeteiligung von Frauen, vergleichsweise sehr niedrige Lohnunterschiede aufweisen.

Deutschland im EU-Vergleich

Unbereinigter Gender Pay Gap im EU-Vergleich 2012Unbereinigter Gender Pay Gap im EU-Vergleich 2012 (PDF-Icon Grafik zum Download 57 KB) (© bpb)
Im EU-Vergleich liegt der Gender Pay Gap Deutschlands mit 22 Prozent über dem der meisten anderen Mitgliedsstaaten (2012). Durchschnittlich ist für die 27 Staaten (Vergleichsjahr: 2012) eine geschlechterspezifische Lohnlücke von 16,4 Prozent festzustellen gewesen. Vorreiter in der Lohngleichheit ist Slowenien, wo ein Gender Pay Gap von lediglich 2,5 Prozent besteht. Gute Beispiele sind auch Malta, Polen und Italien mit Gender Pay Gaps von 6,1 bis 6,7 Prozent. Neben Deutschland weisen Estland (30 Prozent), Österreich (23,4) sowie die Slowakische Republik (21,5) und die Tschechische Republik (22,0) überdurchschnittlich hohe Gender Pay Gaps auf. Für Griechenland wurde der Wert von 22 Prozent aus 2008 fortgeschrieben, da keine neueren Werte vorliegen.

Angesichts dieser Werte ist Deutschland im europäischen Vergleich in Zugzwang, sodass der Abbau der Lohnungleichheit zu einem immer wichtigeren Handlungsfeld wird: So ist die Verringerung der Einkommensunterschiede auf der gesellschaftspolitischen Agenda weiter nach vorne gerückt und hat in der wissenschaftlichen Diskussion um Lösungen und Ursachen an Gewicht gewonnen.

Ursachen für geschlechterspezifische Entgeltungleichheit und Gegenmaßnahmen



In zahlreichen Untersuchungen wurde möglichen Einflussfaktoren auf die Lohnlücke nachgegangen (unter dem Stichwort "Gender Pay Gap" weist allein die Datenbank des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg für den Zeitraum 2001-2013 216 Veröffentlichungen auf) und im Wesentlichen über drei Ursachenkomplexe identifiziert:
  • Segregation des Arbeitsmarktes,
  • Gestaltung und Verlauf der Erwerbsbiographien
  • Erwerbsunterbrechungen
Dass diese Faktoren einen erheblichen Anteil an der Entgeltungleichheit in Deutschland haben, ist unstrittig. Kein Konsens besteht jedoch, wenn es darum geht, ob diese Ursachen in der Berechnung des Gender Pay Gap miteinbezogen werden

Exkurs zur Kontroverse

Unbereinigter oder bereinigter Gender Gap

In der Berechnung von geschlechterspezifischen Lohnlücken kommen häufig zwei Methoden zum Einsatz. Üblich, gerade im Bereich der amtlichen Statistik, ist die Verwendung des sogenannten unbereinigten Gender Pay Gap. Daneben wird an anderen Stellen der bereinigte Gender pay Gap genutzt.

Worin liegt der Unterschied...
Der unbereinigte Gender Pay Gap misst die konkreten Einkommensunterschiede; während mit dem bereinigten Gender Pay Gap versucht wird, unterschiedliche Qualifikationsgrade, Ausbildungshintergründe, Alter etc. herauszurechnen, um so Verzerrungen zu minimieren.

…und worin die Kontroverse?
Werden Ursachen in die Berechnung des Gender Pay Gap einbezogen, entstehen beträchtliche Wertunterschiede zwischen beiden Methoden. So würde der unbereinigte Gender Pay Gap (Deutschland 2012) in Höhe von 22 Prozent in der bereinigten Version lediglich sieben Prozent betragen. Am bereinigten Gender Pay Gap wird kritisiert, dass Ungleichheitsstrukturen auf dem Arbeitsmarkt nicht berücksichtigt werden. So seien es überwiegend Frauen, die ihre Erwerbsarbeit für Kinder unterbrechen. Ebenfalls seien es Frauen, die schon nach ihrer Ausbildung schlechter bezahlte Positionen erhielten, erst recht, wenn sie nach einer Unterbrechung zurückkehrten.

Demgegenüber wird am unbereinigten Gender Pay Gap kritisiert, dass dieser den tatsächlichen Verdienstabstand überschätzt und unzutreffend („Äpfel mit Birnen“) vergleicht. Zwar seien die Erwerbsbiographien von Frauen und Männern tatsächlich unterschiedlich und die oben aufgeführten Diskrepanzen auch existent, doch sei dies keineswegs eine strukturelle Diskriminierung, sondern beruhe vielmehr auf freien und individuellen Entscheidungen der Frauen selbst. So setze die freie Berufswahl voraus, dass Frauen sich über die Beschäftigungs- und Verdienstmöglichkeiten informierten und in einer marktwirtschaftlichen Ordnung auch die Entwicklungs- und Verdienstperspektiven in bestimmten Berufen bzw. in einem Unternehmen gemeinsam vereinbarte Bedingungen des Beschäftigungsverhältnisses akzeptierten.

Ein aktuelles Beispiel für die Kontroverse ließ sich Anfang 2013 finden. In der taz – die tageszeitung nahm Jutta Allemndinger, Leiterin des Wissenschaftszentraums Berlin für Soziaalforschung (WZB), an einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) Anstoß. Stein des Anstoßes war, dass das IW in seiner Studie einen geschlechterspezifischen Gehaltsvergleich vornahm, in dem die Einkommensunterschiede um die Faktoren Teilzeitbeschäftigung, Bildungsstand und Betriebszugehörigkeit bereinigt und Auszeiten für familiäre Aufgaben berücksichtigt wurden. Im Ergebnis stellt das IW eine Lohnlücke von zwei Prozent fest. Dieser Wert unterscheidet sich natürlich deutlich vom unbereinigten Gender Pay Gap (22 Prozent) aber auch vom weithin bekannten Wert von 7 Prozent für den bereinigten Gender Pay Gap. Und, um einiges interessanter: das IW stellte fest, dass die Lohnlücke umso geringer ist, je kürzer Frauen nicht erwerbstätig sind. Jutta Allmendinger nun, dass den IW-Forschern der „Blick für das Ganze“ fehlte. Aus ihrer Sicht berücksichtigt die Studie nicht, dass die Vollzeitquote erwerbstätiger Frauen kontinuierlich sank, während gleichzeitig die Beschäftigungsquote anstieg. „Frauen arbeiten mehr als dreimal so häufig in Teilzeit wie Männer“ und das nicht selten in „Kleinst-Teilzeit“. Auch hätte die Studie nicht reflektiert, dass Frauen typischerweise in schlechter bezahlten „Frauenberufen“ arbeiten, längere familienbedingte Auszeiten nehmen müssen. Dies hemmt die Aufstiegschancen, hält die Erwerbszeiten niedrig und führt zu geringerem Lohn.

Quellen: Jutta Allmendinger: Rheinische Zahlenspiele, taz.de, 01.02.2013, Institut der deutschen Wirtschaft: Nur 2 Prozent Gehaltsunterschied




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Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Guido Zinke für bpb.de
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