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Vereinbarkeit von Familie und Beruf


11.8.2014
Aufgrund der gestiegenen Erwerbsbeteiligung von Frauen stehen in der heutigen Zeit viele Familien vor der Frage, wie sie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf organisieren können, um den Bedürfnissen aller Familienmitglieder gerecht zu werden. Der folgende Text zeigt zunächst die Problematik auf, die bei mangelnden Möglichkeiten der Vereinbarkeit entsteht und beschreibt die Wichtigkeit der Vereinbarkeit für alle betroffenen Akteure. Abschließend werden bereits durchgeführte Maßnahmen sowie mögliche zukünftige Reformprogramme zur Verbesserung der Situation von Familien beschrieben.

24-Stunden Kita in Schwerin. Die Kita ist vor allem bei Eltern, die im Schichtdienst und/oder an Sonn- und Feiertagen arbeiten müssen, beliebt.24-Stunden Kita in Schwerin. Die Kita ist vor allem bei Eltern, die im Schichtdienst und/oder an Sonn- und Feiertagen arbeiten müssen, beliebt. (© picture-alliance/dpa)


Problemlage



Auch wenn es in den letzten Jahrzehnten ein Umdenken hinsichtlich familialer Arbeitsteilung und gesellschaftlicher Akzeptanz von Müttererwerbstätigkeit gegeben hat, ist es auch in der heutigen Zeit für viele Menschen schwierig, die Betreuung von Kindern oder die Pflege von Angehörigen mit dem eigenen Beruf auf der anderen Seite zu vereinbaren. Das traditionelle Ernährermodell, bei dem der Mann Vollzeit erwerbstätig ist und das Haushaltseinkommen sichert und die Frau sich um Familien- und Hausarbeit kümmert, nimmt einen immer geringeren Stellenwert ein. In vielen Familien müssen oder wollen beide Elternteile arbeiten.

Dabei steht nicht allein die wirtschaftliche Funktion von Erwerbsarbeit im Vordergrund. Erwerbsarbeit bietet zusätzlich soziale Teilhabe, erhöht die Zufriedenheit und trägt generell zur Verbesserung der Lebensqualität bei. Die meisten Personen sind nicht bereit sich für Familie oder Beruf zu entscheiden. Sie wollen Familie und Beruf angemessen kombinieren. Frauen streben zunehmend nach beruflicher und finanzieller Unabhängigkeit. Durch diese veränderte Rolle der Frauen, die zunehmend Vollzeit erwerbstätig sind, aber immer noch den Großteil der Familien- und Hausarbeit erledigen, ist der Alltag vieler Familien allerdings geprägt von Zeitkonflikten und –knappheiten und der Problematik, den Bedürfnissen aller Familienmitglieder gerecht zu werden. In manchen Familien ist nach der Geburt eines Kindes sogar eine Retraditionalisierung der Geschlechterrollen zu beobachten. Aufgrund von Ehegattensplitting und beitragsfreier Mitversicherung in der Krankenkasse erscheint es für einige Frauen nicht lohnenswert, mehr als einer geringfügigen Beschäftigung nachzugehen. Stattdessen sehen sie ihre Rolle vermehrt in der Familien- und Hausarbeit.

Neben den alltäglichen Schwierigkeiten der Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist die Problematik auch aus der Perspektive des Lebens(ver)laufs zu berücksichtigen. Hier ist zunächst die Phase der Familiengründung bedeutend, die häufig parallel zur beruflichen Orientierung stattfindet. Elternschaft und Berufseinstieg müssen vereinbart werden. Die hohe Zahl atypischer Beschäftigungsverhältnisse und vor allem die Befristung vieler Arbeitsverträge tragen zur Unsicherheit vieler Paare bei. Hinzu kommen hohe Scheidungsraten, generell instabilere Partnerschaften sowie eine gestiegene berufliche Mobilität, durch die die Kinderplanung verschoben und/oder völlig gestrichen wird.

Eine weitere zeitkritische Lebensphase kann zwischen dem 40. und 60. Lebensjahr auftreten. Personen in diesem Alter sind häufig (Vollzeit) erwerbstätig, übernehmen aber zusätzlich und oft unerwartet die Pflege eines Angehörigen. In dieser Situation werden sich, vor dem Hintergrund des demografischen Wandels mit steigender Lebenserwartung und höherem Pflegebedarf Älterer, in der Zukunft immer mehr Menschen befinden. Auch hiervon sind vor allem Frauen betroffen, die in den meisten Fällen die Pflegetätigkeit übernehmen. Für sie stellt sich dann die Frage, wie Beruf und Pflegetätigkeit vereinbart werden können.

Generell muss sich die Gesellschaft weiter öffnen und sollte sich nicht auf traditionelle Familienmodelle und Rollenbilder festlegen. Vielfach ist die alltägliche Vereinbarkeit von Familie und Beruf noch immer von kulturell verankerten Männlichkeits- und Weiblichkeitsbildern geprägt. Eine gleichberechtigte Beteiligung von Vätern an Hausarbeit und Kinderbetreuung ist noch keine Normalität. Wenn Väter dies tun oder in Erwägung ziehen, zeitweilig ihre Erwerbstätigkeit zu unterbrechen, kann Müttern die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erheblich erleichtert werden.

Warum ist Vereinbarkeit wichtig?



Es gibt vielerlei Gründe, die dafür sprechen, entsprechende Rahmenbedingungen zu schaffen, um eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu ermöglichen. In der heutigen Zeit sind Frauen so gut ausgebildet sind, wie niemals zuvor. Dieses Potenzial sollte nicht ungenutzt bleiben. Noch immer ist zum Beispiel der Anteil von Frauen in Führungspositionen gering. Neben Gründen wie der "gläsernen Decke", bei der Männer den Aufstieg von Frauen erschweren und zum Teil geringeren Karriereambitionen von Frauen, ist ein Grund dafür die Tatsache, dass sie Bedenken haben, in einer gehobenen Stellung nicht mehr ausreichend Zeit für ihre Familie zur Verfügung zu haben. Auch um dem derzeitigen Fachkräftemangel in einigen Branchen entgegenzuwirken, ist ein hoher Anteil erwerbstätiger Frauen unabdingbar.

Vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung ist es zudem wichtig, möglichst vielen Menschen eine Teilnahme am Erwerbsleben zu ermöglichen. Aufgrund niedriger Geburtenraten und steigender Lebenserwartung sind die sozialen Sicherungssysteme stark belastet. Eine hohe Zahl sozialversicherungspflichtig Beschäftigter ist die Grundlage für eine entsprechende Absicherung im Alter. Dabei ist besonders wichtig, vielen Frauen die Ausübung einer regulären Beschäftigung zu ermöglichen, da hauptsächlich sie es sind, die ansonsten von drohender Altersarmut bedroht sind. Durch die Bereitstellung von Kinderbetreuungseinrichtungen und flexiblen Beschäftigungsmodellen kann zudem der Anreiz für die Familiengründung erhöht werden. Vor allem durch eine zunehmende Erwerbsbeteiligung von Müttern kann einem Rückgang des Erwerbspersonenpotenzials begegnet werden. Hinzu kommt die individuelle Perspektive, dass bei längeren Erwerbsunterbrechungen fachliche und betriebsspezifische Kenntnisse abnehmen. Durch kontinuierliche Erwerbsbiografien können diese beibehalten und gesteigert werden, was zu höheren Löhnen und langfristig zu einem höheren Lebenseinkommen führt. Wenn zumindest eine Teilzeitbeschäftigung ausgeführt wird und kein längerer vollständiger Ausstieg aus der Erwerbsarbeit erfolgt, fallen Einkommenseinbußen folglich geringer aus. Eine gute Möglichkeit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf fördert eine stabile wirtschaftliche Situation in Familien und trägt zum Wohlergehen aller Mitglieder bei.

Anteil aktiver Erwerbstätigkeit 15- bis 65-jähriger Frauen nach Alter des jüngsten KindesAnteil aktiver Erwerbstätigkeit 15- bis 65-jähriger Frauen nach Alter des jüngsten Kindes (PDF-Icon Grafik zum Download 57 KB) (© bpb)
Die Erwerbstätigenquote der Frauen ist seit 1996 kontinuierlich angestiegen. Seit dem Jahr 2004 um fast 10 Prozentpunkte. Der Anstieg der Quote von Müttern, deren jüngstes Kind sich im Alter zwischen drei und sechs Jahren befand, verlief seit 2006 fast parallel dazu. Mütter, die ein Kind im Alter von unter drei Jahren haben, sind in den letzten Jahren allerdings nicht vermehrt einer aktiven Erwerbstätigkeit nachgekommen. Sie sind eher selten erwerbstätig. Dies deutet darauf hin, dass viele Frauen nach der Geburt eines Kindes die volle Elternzeit in Anspruch nehmen und erst wenn das Kind das dritte Lebensjahr vollendet hat, wieder in das Berufsleben einsteigen.

Ansätze aus anderen Ländern



In Deutschland und vielen anderen westeuropäischen Staaten dominiert ein modernisiertes Ernährermodell mit Vollzeiterwerbstätigkeit des Mannes und beruflicher Auszeit der Frau nach der Geburt von Kindern und anschließender Teilzeitbeschäftigung. Dieses Modell bringt jedoch die bereits beschriebenen Nachteile mit sich. Andere Länder haben hingegen entsprechende Rahmenbedingungen geschaffen, die Familien eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf ermöglichen.

In Frankreich ist das Doppelernährermodell seit langer Zeit eine Selbstverständlichkeit und dort institutionell verankert. Es herrscht eine eher kinderfreundliche Grundhaltung und großes Vertrauen in öffentliche Betreuungseinrichtungen. Zudem besteht eine Vielzahl an unterschiedlichen Betreuungsmöglichkeiten (beispielsweise staatliche Kinderkrippen und staatlich geförderte Tagesmütter-Modelle). Ab dem Alter von drei Jahren geht fast jedes Kind in die französische Vorschule. Generell hat sich die Ganztagsbetreuung im französischen Schulsystem seit langem etabliert. Daraus resultieren eine hohe Geburtenrate und eine hohe Erwerbsquote von Müttern. Dabei ist die überwiegende Zahl der Frauen in Vollzeit erwerbstätig – auch mit zwei und mehr Kindern. Als Anreiz für die Geburt mehrerer Kinder gibt es auch finanzielle Hilfen, die erst mit Geburt des zweiten oder dritten Kindes gewährt werden. Darüber hinaus gibt es in Frankreich die Besteuerungsmethode des Familiensplittings, bei der Familien gemeinsam veranlagt werden und somit steuerliche Vorteile für kinderreiche Familien bestehen.

Anzahl der Kinder pro FrauAnzahl der Kinder pro Frau (PDF-Icon Grafik zum Download 53 KB) (© bpb)
Auch die skandinavischen Länder haben traditionell eine Vorreiterrolle, wenn es um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf geht. In Schweden beispielsweise ist das Doppelverdienermodell, bei dem beide Elternteile sowohl einer Erwerbstätigkeit nachgehen als auch Haus- und Familienarbeit teilen, seit langem vorherrschend. Einkommen werden individuell besteuert, wodurch – im Gegensatz zum Ehegattensplitting – auch für den Ehepartner, der weniger verdient ein ebenso großer Anreiz zur Ausübung von Erwerbsarbeit besteht.

Darüber hinaus ist das öffentliche Kinderbetreuungssystem sehr gut ausgebaut und jedes Kind hat Anspruch auf einen Betreuungsplatz in einer öffentlichen Kita. Außerdem gibt es ein einkommensabhängiges Elterngeld, das auch Väter ermutigen soll, für einige Zeit die Betreuung des Kindes zu übernehmen. Diese Rahmenbedingungen haben dafür gesorgt, dass in Schweden seit Jahrzehnten eine hohe Frauenerwerbsquote besteht und die durchschnittliche Kinderzahl je Frau weit über der Deutschlands liegt.


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Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Birte Tiedemann für bpb.de
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