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11.8.2014 | Von:
Birte Tiedemann

Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Flexible Arbeitsbedingungen

Einschulung: Kind mit SchultüteEinschulung: Kind mit Schultüte (© picture-alliance/AP)


Neben den wichtigen Punkten des Ausbaus und der Verbesserung von Kinderbetreuungsmöglichkeiten sowie der Gestaltung der Vereinbarkeit von Pflege und Beruf, müssen auch von unternehmerischer Seite Maßnahmen getroffen werden, um ihren Arbeitnehmern die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu erleichtern. Dabei sollten vor allem flexible Arbeitszeiten ermöglicht werden, die den unterschiedlichen und variierenden Wünschen und Bedürfnissen von Eltern gerecht werden.

Eine Möglichkeit sind gleitende Arbeitszeiten, damit Eltern diese mit den Öffnungszeiten von Kinderbetreuungseinrichtungen koordinieren können. Außerdem gibt es neben der klassischen Teilzeittätigkeit, mit einer täglichen Arbeitszeit von einigen Stunden am Vormittag, eine ganze Reihe weiterer Möglichkeiten für die Erwerbstätigkeit mit reduzierter Stundenzahl. Ein Beispiel sind egalitäre Modelle, bei denen sowohl Mutter als auch Vater zeitversetzt mit reduzierter Wochenstundenzahl (z.B. jeder 30 Stunden) arbeiten und somit gleichermaßen die Betreuung der Kinder und die Hausarbeit übernehmen und in der kürzeren restlichen Zeit eine externe Betreuung in Anspruch nehmen. Bisher sind Teilzeitangebote, die finanziell attraktiv sind, die Ansprüche an weitere berufliche Qualifikation erfüllen und dennoch eine gute Möglichkeit zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf bieten, eher Mangelware. Zudem haben es viele Mütter schwer, nach einer Erwerbsunterbrechung wieder ohne langfristige berufliche Nachteile in den Beruf zurückzukehren. Möglichkeiten, die Unternehmen bieten können, um es Familien zu erleichtern sind zum Beispiel Teilzeitarbeit, flexible Tages- und Wochenarbeitszeit, Lebens-/Langzeitarbeitszeitkonten, Home Office und interne betriebliche Kinderbetreuungsangebote.

Wichtig ist vor allem auch, dass familienbewusste Arbeitszeitmodelle auch eine Option für Führungskräfte sind und familienbedingte Reduzierungen der Arbeitszeit, Brüche im Erwerbsverlauf oder Probleme beim Wiedereintritt nicht zum Karriereknick führen dürfen. Die große Zahl hochqualifizierter Mütter und Väter sollte von den Unternehmen nicht vernachlässigt werden. Neben den regelmäßigen häuslichen Anforderungen der Arbeitnehmer, können spontan auftretende besondere Situationen entstehen, die natürlich auch eine angemessene Flexibilität und Toleranz des Arbeitgebers erfordern.

Positive Erfahrungen flexibler Arbeitszeitmodelle können innerhalb und zwischen Unternehmen weitergegeben werden, um die Akzeptanz in allen Branchen und Positionen zu erhöhen. Frauen sollten von Unternehmen nicht länger als Risiko betrachtet werden, weil sie Kinder bekommen könnten. Für die Unternehmen selbst können Familienfreundlichkeit und gute Arbeitsbedingungen ein wichtiger Standortfaktor sein und zur eigenen Attraktivität beitragen, vor allem vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels in einigen Branchen. Dabei spielen auch Faktoren wie geringe Kosten durch eine hohe Mitarbeiterzufriedenheit, geringe Fluktuation und niedrige Krankenstände eine Rolle.

Reformprogramme

Auch wenn in den letzten Jahren bereits weitreichende Rahmenbedingungen geschaffen wurden, die für viele Familien die Vereinbarkeit von Familie und Beruf schon deutlich erleichtert haben, müssen von politischer Seite weitere Anstrengungen unternommen werden, um Familien weiter zu unterstützen.

Mit der Einführung des Elterngeldes 2007 sollte es Eltern erleichtert werden, nach der Geburt eines Kindes vorübergehend auf die Ausübung der Erwerbstätigkeit zu verzichten und mehr Zeit für die Betreuung des Kindes zu haben. Es wird für maximal 14 Monate an Eltern gezahlt. Diese Zeit können Mutter und Vater untereinander aufteilen, wobei ein Elternteil zwischen zwei und zwölf Monaten diese Leistung in Anspruch nehmen kann. Die zwei zusätzlichen Monate erhält man, wenn der andere Elternteil auch mindestens zwei Monate seine berufliche Tätigkeit unterbricht und auch dieses Einkommen wegfällt. Alleinerziehende haben Anspruch auf die vollen 14 Monate Elterngeldbezug. Die Höhe des Elterngeldes bemisst sich am vorherigen Einkommen und ersetzt das Voreinkommen dabei in der Regel zu 65 Prozent.

Laut Elterngeldstatistik des Statistischen Bundesamtes haben über 27 Prozent der Väter von im Jahr 2011 geborenen Kindern Elterngeld in Anspruch genommen. Dies ist bisher der Höchststand seit Einführung des Elterngeldes. Der Anteil von Müttern, die Elterngeld bezogen, lag bei durchschnittlich 95 Prozent. Dabei ist der Regelfall. dass bei Vätern maximal zwei Monate (77 Prozent der Väter) und bei Müttern für ein Jahr (90 Prozent der Mütter) ein Bezug von Elterngeld stattfindet.

Quellentext

ElterngeldPlus und Partnerschaftsbonus

Im März 2014 stellte Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig die Eckpunkte für die Reform des Bundeselterngeld- und Elternzeitgesetzes vor. "Wir setzen mit dem ElterngeldPlus auf einen gesellschaftlichen Trend: Viele Mütter möchten früher wieder in ihren alten Beruf einsteigen – viele Väter möchten sich gerne mehr um ihre Kinder kümmern", erklärte die Ministerin. Eltern wollen also schon während des Bezugs des regulären Elterngeldes mit geringerer Stundenzahl wieder ihrer Arbeit nachgehen.

Das EltengeldPlus könnte dies erleichtern, in dem aufgrund der Teilzeitbeschäftigung das Elterngeld in geringerer Höhe aber für einen längeren Zeitraum gezahlt wird. So könne trotzdem das volle Elterngeldbudget ausgeschöpft werden. Wenn sich beide Elternteile entscheiden, jeweils zwischen 25 und 30 Stunden in der Woche zu arbeiten, erhielten sie als Partnerschaftsbonus zusätzlich vier weitere ElterngeldPlus-Monate. Damit soll der Nachteil ausgeglichen werden, den Eltern haben, die wieder früh in den Beruf einsteigen. Sie würden andernfalls einen Teil ihres Elterngeldanspruchs verlieren.

Quelle: Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig stellt Eckpunkte des ElterngeldPlus vor

Noch recht unterentwickelt ist der Bereich der familienunterstützenden und haushaltsnahen Dienstleistungen, obwohl sich viele Familien Hilfe im Haushalt wünschen. Sie werden bisher nur von sehr wenigen Familien legal und regelmäßig in Anspruch genommen, dabei könnten sie Familien unterstützen und vor allem Frauen im Haushalt entlasten und ihnen den Wiedereinstieg in den Beruf erleichtern.

Im achten Familienbericht des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) wird aus Sicht der Familien eine Reihe von Gründen genannt, die der Inanspruchnahme von Diensten Dritter entgegenstehen. Demnach schließen viele Familien Hilfe im Haushalt prinzipiell gar nicht aus, sie überschätzten allerdings die damit verbundenen Kosten und unterschätzten die entstehende zeitliche Entlastung. Weitere Gründe, die genannt werden sind ein unangenehmes Gefühl bei der Beschäftigung anderer Personen, zeitlicher und bürokratischer Aufwand, Sicherheitsbedenken und mangelnde Qualität der erbrachten Dienstleistung. Im aktuellen Koalitionsvertrag heißt es dazu: "Wir werden eine Dienstleistungsplattform aufbauen, auf der legale gewerbliche Anbieter haushaltsnaher familienunterstützender Dienstleistungen für Familien und ältere Menschen leicht zu finden und in Anspruch zu nehmen sind."

Der achte Familienbericht des BMFSFJ trägt den Titel "Zeit für Familie – Familienzeitpolitik als Chance einer nachhaltigen Familienpolitik". Darin wird Zeit als wichtiger Bestandteil von Lebensqualität bezeichnet – vor allem für Familien. Das Ziel muss es sein, "effizientere gesellschaftliche Zeitstrukturen zu schaffen und dadurch zusätzliche Zeitreserven für Familien zu erschließen".

Quellentext

Aus dem Koalitionsvertrag CDU, CSU und SPD

Familien brauchen Zeit füreinander. Deshalb machen wir uns stark für eine moderne lebenslauforientierte Zeitpolitik, die Frauen und Männer dabei unterstützt, Beruf, Familie und Engagement zu vereinbaren. Wir wollen Familien wieder zum Taktgeber des Lebens machen: Arbeitgeber, Betreuungseinrichtungen, Schulen, Ämter und Behörden, Dienstleistungsanbieter und Verkehrsbetriebe sollen die zeitlichen Bedürfnisse von Familien besser berücksichtigen und ihre Öffnungs- und Sprechzeiten aufeinander abstimmen. Zeitpolitik befördert wesentlich Wahlfreiheit und ein partnerschaftliches Zusammenleben in Familien.

Im achten Familienbericht werden zwei Dimensionen der Zeitpolitik genannt. Zum einen Zeitressourcen und Zeitorganisation von Familien im Alltag. Dazu gehöre etwa die Synchronisation von Öffnungs-, Arbeits- und Ferienzeiten. Zum anderen Zeitknappheit und Zeitkonflikte in bestimmten Phasen des Lebensverlaufs, z.B. die Familiengründung oder ein Zeitraum der Pflege eines Angehörigen. Oberstes Ziel familienpolitischen Handelns sei die Wahlfreiheit der Lebensführung. Um dies zu erreichen, gebe es vier konkrete Handlungsfelder:
  • Erhöhung individueller Zeitsouveränität
  • Umverteilung von Zeit zwischen Personen und im Lebensverlauf
  • Verbesserung der Synchronisation disponibler Zeit (z.B. Arbeitszeiten und Öffnungszeiten von Kinderbetreuungseinrichtungen)
  • Stärkung der Zeitkompetenz durch zielgerichtete Nutzung von Zeit Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist ein Thema, das unter Arbeitnehmervertretern genauso positiv beurteilt wird wie unter Vertretern von Arbeitgebern. Auch unter den politischen Parteien herrscht Einigkeit darüber, dass Maßnahmen zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein wichtiger Baustein für die Zukunft sind. Familien, Unternehmen und Politik müssen dafür allesamt Anstrengungen unternehmen, können aber in Folge dessen auch davon profitieren.

Quellentext

Michael Sommer

Von familienfreundlichen Arbeitsbedingungen profitieren alle Beteiligten. Zufriedene und motivierte Beschäftigte, die ihrem Unternehmen treu bleiben, zahlen sich auch für die Unternehmen aus. Nun kommt es darauf an, diese Grundsätze in der betrieblichen Wirklichkeit mit Leben zu erfüllen.

Quellentext

Eric Schweitzer

Was wir brauchen, sind passende Lösungen im Betrieb, die es schaffen, Familien- und Berufsleben besser zu vereinbaren – und zwar für Männer und Frauen gleichermaßen.

Quelle: Eric Schweitzer, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Gemeinsame Pressemeldung des DIHK und des BMFSFJ vom 07.04.2014

Arbeitgeber sehen ihren Beitrag zur Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf hauptsächlich darin, Arbeitszeiten flexibler zu gestalten und Kontakt zu Mitarbeitern in Elternzeit zu halten. Weitere Maßnahmen, die von ihrer Seite umsetzbar sind, sind eine Flexibilisierung des Arbeitsortes und die Unterstützung bei der Kinderbetreuung durch betriebliche Angebote. Sie sehen aber auch weiterhin die Politik in der Pflicht, z. B. beim weiteren Ausbau der Kinderbetreuung sowie einem Abbau von Bürokratie bei der Schaffung betrieblicher Betreuungsangebote.

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Autor: Birte Tiedemann für bpb.de
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