Arbeitsmarktpolitik Dossierbild

11.8.2014 | Von:
Kathrin Schultheis
Stefan Sell

Hintergrund: Berufliche Bildung

Eine erste qualifizierte Berufsausbildung wird für den Arbeitsmarkt immer wichtiger, weil zunehmend weniger Arbeitsplätze für ungelernte oder angelernte Arbeitskräfte angeboten werden. Eine berufliche Qualifizierung kann durch betriebliche sowie schulische Berufsausbildung, durch "training on the job" oder durch eine akademische Ausbildung an Hochschulen erreicht werden.

Im Berufsschulzentrum "August von Parseval" in Bitterfeld erhalten 4.500 Schüler/Auszubildende Unterricht in verschiedenen Fachrichtungen und Schulformen.Im Berufsschulzentrum "August von Parseval" in Bitterfeld erhalten 4.500 Schüler/Auszubildende Unterricht in verschiedenen Fachrichtungen und Schulformen. (© AP)


Die sektorale Wirtschaftsstruktur Deutschlands hat zur Folge, dass grundsätzlich eine ausgeprägte Nachfrage an ausgebildeten Fachkräften in allen Wirtschaftssektoren vorhanden ist. Das deutsche Ausbildungssystem ist ein kollektives Ausbildungssystem, d.h. ein hohes Engagement der öffentlichen Hand trifft auf ein ebenso starkes betriebliches Engagement.

Die systematische Berufsausbildung hat in Deutschland traditionell einen hohen Stellenwert. Derzeit existieren 348 staatliche anerkannte Ausbildungsberufe in Deutschland. Während die Berufsausbildung in Betrieben auf die längste Tradition zurückblicken kann, hat sich auch die vollzeitschulische Berufsausbildung – vor allem in den Berufen des Gesundheits- und Sozialwesen - seit Beginn des 20. Jahrhunderts zunehmend etabliert. Heute stehen die duale Berufsausbildung und die Berufsausbildung im Schulberufssystem ebenbürtig nebeneinander. Erst seit kurzer Zeit, nämlich seit 2006, gilt das Übergangssystem als dritte Säule der Berufsausbildung.

Das Übergangssystem umfasst dabei alle (Berufs)Bildungsmaßnahmen, die für Personen angeboten werden, die die allgemeine Schulpflicht beendet haben und (noch) nicht in eine Berufsausbildung übergehen konnten. Im sogenannten Übergangssystem wird eine Vielzahl von Bildungsgängen angeboten, die eine berufliche oder persönliche Qualifizierung vermitteln sollen und die Eingliederung in eine Berufsausbildung zum Ziel haben. Sie führen die Teilnehmenden jedoch nicht zu einem vollwertigen Berufsabschluss. Der Gesetzgeber sieht hierzu auch finanzielle Fördermöglichkeiten vor.

Kennzeichnend für das deutsche Berufsausbildungssystem ist das hohe öffentliche Engagement. Die öffentliche Hand trägt nicht nur einen Großteil der Kosten für die vollzeitschulischen Berufsausbildungsgänge, sondern beteiligt sich auch maßgeblich an der dualen Berufsausbildung. Das öffentliche Engagement drückt sich überwiegend durch die Bereitstellung finanzieller Mittel aus: Berufsschulen, Lehrpersonal und Unterrichtsmaterial sowie die dazugehörige Infrastruktur werden den Betrieben und Auszubildenden kostenlos zur Verfügung gestellt. Die Betriebe übernehmen die Kosten der praktischen Berufsausbildung in ihren eigenen und externen Betriebsstätten und die Personalkosten (inkl. Bewerberauswahl und Ausbildungsvergütungen). Zudem stellen sie sicher, dass die Ausbildungsinhalte den zentral festgelegten Standards entsprechen, die der Sicherung einer bundesweiten Vergleichbarkeit der durch die Berufsausbildung erworbenen Kenntnisse und Fähigkeiten und somit der Einhaltung von Qualitätsstandards dienen.

Das duale System der Berufsausbildung wird aufgrund der Kooperation von Unternehmen und Öffentlichkeit auch als kooperatives System bezeichnet, welches in Deutschland durch das Berufsprinzip geprägt ist. Auszubildende werden frühzeitig in einem konkreten Berufsbild ausgebildet und spezialisieren sich auf ebendieses. Gleichermaßen erhalten die Auszubildenden aufgrund der zu großen Teilen bundesweit einheitlichen Zertifizierung der Berufsausbildung betriebsübergreifende Kenntnisse, sodass nach Berufsabschluss eine Mobilität der Nachwuchsfachkräfte innerhalb ihres erlernten Berufs betriebsübergreifend weitestgehend hindernisfrei möglich ist.

2013 hat die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in ihrem Deutschlandbericht zur Studie "Skills beyond school"[1] der dualen Berufsausbildung einen besonderen Stellenwert zugemessen. Dort wurden der starke Praxisbezug der Berufsausbildung und der damit verbundene "reibungslose Übergang von der Schule in das Berufsleben" als "solides Fundament für eine spätere Weiterqualifizierung" hervorgehoben. Verbesserungsbedarf wurde weniger im Bereich der (dualen) Berufsausbildung identifiziert, sondern eher in der Flexibilität und Durchlässigkeit der Hochschulen und im Bereich der beruflichen Weiterbildung. Das duale System der Berufsausbildung eröffnet insbesondere Personen mit niedrigen und mittleren Schulabschlüssen berufliche Perspektiven, die idealtypisch auf die dauerhafte Integration in einem Betrieb ausgerichtet sind. Es verfügt also über eine besondere Integrationsfunktion.

Besondere Integrationsfunktion der dualen Berufsausbildung

Dem dualen System der Berufsausbildung wird eine besondere Integrationskraft zugeschrieben. Die Jugendarbeitslosigkeit Deutschlands ist im europäischen Vergleich sehr niedrig. Jüngst stellte die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) heraus, dass dies maßgeblich auf die Tradition der dualen Berufsausbildung zurückzuführen sei. Studien zeigen, dass Absolventen der dualen Berufsausbildung der Übergang in eine erste qualifizierte Berufstätigkeit am besten (d.h. am schnellsten) gelingt. Durch dieses System würden insbesondere Personen mit einem mittleren Bildungsabschluss gute berufliche Perspektiven aufgezeigt (OECD 2010). Forschungsberichte aus dem Bereich der "Varieties of Capitalism"-Forschung[2], die sich mit den unterschiedlichen Spielarten des Kapitalismus beschäftigt, machen zudem deutlich, dass das Innovationsvermögen des deutschen Produktionssystems in erheblichem Maß auf das System der dualen Berufsausbildung zurückzuführen sei.

Die Integrationsfunktion des dualen Ausbildungssystems lässt aber mit sinkendem Qualifikationsniveau der Schulabsolventinnen und -absolventen nach: Die Schülerschaft gewinnt zunehmend an Heterogenität und Jugendliche mit einer bestimmten sozialen oder kulturellen Sozialisation können in Verbindung mit schwierigen Bildungskarrieren kaum noch eine Berufsausbildung aufnehmen, weil sie keinen Ausbildungsbetrieb finden. Dies führt Manfred Kremer, ehemaliger Präsident des Bundesinstituts für berufliche Bildung (BiBB), mitunter auf das selektive Schulsystem zurück. Prof. Dr. Stefan Sell, Direktor des Instituts für Bildungs- und Sozialpolitik der Hochschule Koblenz (IBUS), weist daraufhin, dass hier die Ausbildungsbetriebe zum Umdenken aufgefordert sind: Möglicherweise muss die erzieherische Funktion der Berufsausbildung wieder hervorgehoben werden, die die Betriebe in Zeiten eines Überangebots (guter) Ausbildungsbewerber/-innen in der Vergangenheit vernachlässigen konnten. Manfred Kremer schlägt vor, das deutsche Ausbildungssystem durch eine Höherbewertung der vollzeitschulischen Berufsausbildung konjunkturresistenter zu gestalten[3].

Eine nachlassende Integrationsfunktion bescheinigt auch der Deutsche Gewerkschaftsbund dem dualen System. Als Reaktion auf den Berufsbildungsbericht 2014 und die zurückgegangene Anzahl neu abgeschlossener Ausbildungsverträge konstatierte er im Jahr 2013: "Insgesamt haben von den 816.540 jungen Menschen, die 2013 ein ernsthaftes Interesse an einer Ausbildung hatten und als "ausbildungsreif" deklariert wurden, lediglich 530.714 einen Ausbildungsvertrag unterschrieben. Damit haben nur 65,0 Prozent dieser jungen Menschen einen Ausbildungsplatz gefunden. Dies ist trotz robuster Konjunktur gegenüber dem Jahr 2010 (68,3 Prozent) ein deutlicher Rückgang. Die Integrationskraft des dualen Systems lässt nach.[4]"

Das duale System der Berufsausbildung zeichnet sich auch durch eine Trägheit gegenüber Fortschritt und Anpassung aus. Eben gerade weil jeder Ausbildungsberuf bundesweiten Standards entspricht, ist eine Anpassung von Ausbildungsinhalten nicht in den Betrieben möglich. Weiterführende Lehrgänge zur Vermittlung spezifischer Kenntnisse können von den Ausbildungsbetrieben zwar durchgeführt und angeboten werden, jedoch werden sie nicht im Rahmen des Ausbildungsberufes sondern gesondert zertifiziert. Um die Berufsausbildung zu flexibilisieren wurden bereits in der Vergangenheit Ausbildungsordnungen prozessorientierter gestaltet. Um diese Entwicklung weiter und effektiver voranzutreiben schlugen Brötz et al. bereits 2008 vor, Ausbildungsberufe zusammenzufassen und anhand von Berufsfamilien zu ordnen. Auf diese Weise sollen Auszubildende einer Berufsfamilie gemeinsam unterrichtet werden können und die Berufsausbildung von den Betrieben besser koordiniert werden. Ziel ist es auch, dass Ausbildungsabsolventinnen und -absolventen leichter Berufe ergreifen können, die der gleichen Berufsfamilie angehören, wie der von ihnen erlernte Beruf. Bisher ist die berufsübergreifende Berufsausbildung innerhalb von Berufsfamilien jedoch nur wenig verbreitet.

Durchschnittliche Lebensverdienste nach höchstem BildungsabschlussDurchschnittliche Lebensverdienste nach höchstem Bildungsabschluss (PDF-Icon Grafik zum Download 49 KB) (© bpb)
Die Entscheidung zu einer Berufsausbildung oder zu einem Studium nimmt einen starken Einfluss auf die durchschnittlichen Verdienste nach Eintritt in die Erwerbstätigkeit. Forscher des IAB berechneten die durchschnittlichen Lebensverdienste abhängig vom höchsten formalen Bildungsabschluss. Sie stellten fest, dass bisher die höchsten Durchschnittseinkommen von Personen mit einem Hochschulabschluss erzielt wurden. Absolventen von Fachhochschulen liegen mit knappem Abstand auf dem zweiten Platz. Personen ohne abgeschlossene Berufsausbildung erzielen durchschnittlich das geringste Einkommen: Sie erzielten weniger als die Hälfte des durchschnittlichen Lebensverdienstes der Absolventen von Hochschulen (siehe Abbildung). Wie sich die Einkommenssituation in Zukunft bei steigenden Akademikerzahlen und einer abnehmenden Zahl von Auszubildenden entwickeln wird bleibt offen.

Berufsprinzip

Die berufliche Bildung in Deutschland folgt dem Berufsprinzip. Es ist ein Konzept, auf dem Ausbildungsberufe beruhen. Auszubildende werden in vertraglich festgelegten Berufen ausgebildet und erlernen die für den jeweiligen Ausbildungsberuf verbindlich festgelegten Fertigkeiten. Nach der Ausbildungszeit sind die Fachkräfte dazu in der Lage eine Tätigkeit auszuüben, die (überwiegend bundesweit) standardisierte Kenntnisse erfordert. Diese Fachkenntnisse können sie betriebsübergreifend anwenden. Absolventen einer Berufsausbildung, die dem Berufsprinzip folgt, verfügen also einerseits über spezielle Fachkenntnisse, andererseits jedoch auch über generalisierte (standardisierte) Kenntnisse, die es ihnen ermöglichen ihre Berufstätigkeit bei verschiedenen Arbeitgebern auszuüben. Durch den Nachweis ihres Berufsabschlusses erkennen Arbeitgeber, über welche Kenntnisse ein Bewerber/-in verfügt und können daher den Wert der Arbeitskraft relativ gut einschätzen ohne sie individuell feststellen zu müssen.

Sengenberger (1987) hat die Theorie eines dreigeteilten Arbeitsmarkts[5] entwickelt. Der deutsche Arbeitsmarkt zeichnet sich durch das Vorherrschen des berufsfachlichen Segments aus. Das bedeutet, dass der überwiegende Teil des Arbeitsmarktes den Nachweis von zertifizierten Belegen über die beruflichen Kenntnisse der Arbeitnehmer/-innen erfordert. Arbeitnehmer/-innen, die über ein solches Zertifikat, z.B. einen Gesellenbrief verfügen, können im Bereich ihres Spezialgebiets, also im Bereich eines Teilarbeitsmarktes, weitgehend mobil agieren und ihre Arbeitskraft unterschiedlichen Unternehmen anbieten, die diese auch nachfragen und verwerten können. Der unstrukturierte Arbeitsmarkt stellt ein anderes Segment dar, den sogenannten unstrukturierten Arbeitsmarkt. Ein unstrukturierter Arbeitsmarkt ist von unqualifizierter Tätigkeit geprägt. Das dritte Segment nach Sengenberger stellt das betriebsinterne Segment dar. Das betriebsinterne Segment zeichnet sich durch das Vorhandensein von überwiegend betriebsspezifischen Fachkenntnissen aus, die nur durch einen geringen Mobilitätsgrad gezeichnet sind. Die betriebsspezifischen Kenntnisse werden von anderen Betrieben nicht oder nicht in der vorhandenen Form nachgefragt, sodass die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern keine Betriebswechsel anstreben.

Recht auf Ausbildung

In Deutschland herrscht Schulpflicht. Damit soll gewährleistet sein, dass Kinder und Jugendliche eine allgemeinbildende Schule besuchen und grundlegende Kenntnisse und Fertigkeiten erlernen. Die Schulpflicht wird staatlich sichergestellt und durchgesetzt. Der Zugang zur Berufsausbildung wird im Gegensatz zur Schulpflicht zu großen Teilen marktlich organisiert. Das heißt, dass sich die Schüler/-innen auf dem Ausbildungsmarkt um Lehrstellen bewerben und gegen Mitbewerber/-innen durchsetzen müssen. Ein individuelles Recht auf Berufsausbildung existiert in Deutschland nicht Allerdings besteht die (gesellschaftliche und wirtschaftliche) Erwartung, dass jeder entsprechend seinen Neigungen und seines Leistungsvermögens eine Berufsausbildung aufnimmt und absolviert.

Zweifelsohne ist die Berufsausbildung – wie bereits dargelegt – ein Grundstein des deutschen Arbeitsmarktsystems. Die Implementation eines Rechts auf berufliche Erstausbildung wird dennoch gefordert: Selbst bei guter wirtschaftlicher Lage und einem Ausbildungsstellenangebot, das das Bewerberangebot quantitativ übersteigt, gelingt es nicht allen Ausbildungsuchenden, eine Berufsausbildung aufzunehmen. Dafür lassen sich vielzählige Gründe annehmen. So könnten beispielsweise Angebot und Nachfrage inhaltlich nicht übereinstimmen: die Berufsbilder der angebotenen Ausbildungsstellen entsprechen nicht den von den Ausbildungsuchenden angestrebten Ausbildungsberufen. Die Betriebe unterstellen den Ausbildungsuchenden aber auch die fehlende Ausbildungsreife, weshalb sie trotz vakanter Ausbildungsstellen nicht ausgebildet werden könnten. Gerade, wenn Ausbildungsstellen unbesetzt bleiben und gleichzeitig Ausbildungssuchende keine Ausbildungsstelle finden können, wird die Einführung eines individuellen Rechtsanspruchs auf berufliche Erstausbildung diskutiert.

Jüngst hat Volkmar Herkner, Professor für Berufspädagogik an der Universität Flensburg, die Möglichkeit zur Einführung eines solchen Rechtsanspruchs untersucht. Um ein Recht auf Berufsausbildung durchsetzen zu können, sind nach seinen Ausführungen vier Kriterien erforderlich:
  1. Availability: Das Ausbildungsplatzangebot muss ausreichen, um allen Ausbildungsplatzsuchenden eine Ausbildungsstelle bieten zu können.

  2. Accessibility: Der Zugang zu den Ausbildungsstellen muss gewährleistet sein. Hier ist insbesondere die individuelle Mobilität der Ausbildungsuchenden anzuführen, das Lehrstellenangebot muss also geografisch weitestgehend zur Nachfrage passen. Zudem müssen die angebotenen Lehrstellen diskriminierungsfrei und unentgeltlich zur Verfügung gestellt werden (physischer, psychischer und ökonomischer Zugang).

  3. Acceptability: Das Ausbildungsstellenangebot muss mindestens annähernd der Nachfrage entsprechen, d.h. die angebotenen Ausbildungsstellen müssen zumindest in der Nähe der gesuchten Wunschberufe liegen und die Ausbildungsbedingungen zumutbar sein.

  4. Adaptability: Ausbildungsberufe müssen individuell wahrgenommen werden und adaptierbar sein. So kann etwa das Angebot von Berufsausbildung in Teilzeit oder individueller ausbildungsbegleitender Unterstützung Ausbildungsuchenden in besonderen Lagen die Integration in Berufsausbildung und den erfolgreichen Berufsabschluss ermöglichen.
Anhand dieser Kriterien wird klar, dass selbst eine gute Arbeitsmarkt- und Ausbildungsmarktlage nicht ausreichende Bedingung ist, um darauf aufbauend ein individuelles Recht auf Ausbildung durchsetzen zu können. Die Leitfragen müssen deshalb selbst bei quantitativ ausreichendem Ausbildungsangebot sein: Ist der Ausbildungsplatz erreichbar und inwieweit kann von Auszubildenden eine bundesweite (europaweite) Mobilität verlangt und unterstellt werden? Passt das Ausbildungsplatzangebot zu den Neigungen und Fähigkeiten der Ausbildungsplatzsuchenden und wie kann ein passgenaues Angebot gestaltet werden, dass gleichzeitig dem Fachkräftebedarf entspricht? Wie können Ausbildungsplatzsuchende, die eine Berufsausbildung nicht in Vollzeit aufnehmen können (z.B. Alleinerziehende, körperlich und/oder psychisch weniger belastbare Personen) oder die besondere ausbildungsbegleitende Hilfen für den erfolgreichen Berufsabschluss benötigen (z.B. Kurse zur Verbesserung der Sprachkenntnisse, sozialpädagogische flankierende Leistungen, Nachhilfeunterricht) dennoch eine Berufsausbildung beginnen?

Quellentext

"Ausbildung für alle"

Berufschancen hängen immer stärker von einer guten Ausbildung ab. Ohne sie läuft heute nichts mehr. Im Sinne eines Grundrechts auf Ausbildung muss allen jungen Menschen die Möglichkeit zu einer qualifizierenden Ausbildung gegeben werden. Die Arbeitgeber müssen endlich ihrer Ausbildungspflicht nachkommen.

Initiative "Ausbildung für alle" des DGB und der Gewerkschaften


Herkner untersucht in seiner Studie weiter, unter welchen Bedingungen ein individuelles Recht auf Ausbildung implementierbar ist und stellt seine Ergebnisse folgendermaßen dar:

Varianten zur Umsetzung eines Rechts auf berufliche Ausbildung unter der Annahme, dass das duale System als grundsätzliche Form bestehen bleibt

Die "zusätzliche Ausbildung" bewirkt…Mögliche Folgen kurz- und mittelfristige Um-
setzungswahrscheinlichkeit
1. Ausbau vollschulischer AusbildungBerufsausbildung "erster" (dualer" und "zweiter Klasse) (vollschulisch)denkbar und in Teilen bereits Realität
2. Ausbildung dualer Ausbildung
a) Mit betrieblichen Partnern, ohne staatliche ZuwendungenBetriebe werden zur Ausbildung zwangsverpflichtet.unrealistisch und verfassungsrechtlich bedenklich
b) Mit betrieblichen Partnern, mit staatlicher ZuwendungBetriebe verlassen die bisherige duale Ausbildung und lassen sich – von Ausnahmen abgesehen – alimentieren. Es entsteht ein staatlich finanzierter Ausbildungsmarkt.im bundesweiten Maßstab eher unrealistisch, in ostdeutschen Bundesländern teilweise vorherrschend
c) Mit überbetrieblichen oder schulischen PartnernBerufsausbildung "erster" (dual) und "zweiter Klasse" (überbetrieblich/schulisch); beim "Zusatz" handelt es sich nur noch bedingt um eine Ausbildung im dualen System.wird in einigen Fällen bereits praktiziert; speziell in ostdeutschen Bundesländern
3. Aufbau vollbetrieblicher AusbildungLearning on the job. Eine im engeren Sinne "berufliche Ausbildung" wird verlassen. Im Ansatz ist dieses in der "Einstiegsqualifizierung für Jugendliche" erkennbar.bedingt denkbar, durch Schulpflicht nur für Jugendliche/Erwachsene ab 18 Jahren möglich (sonst: verfassungsrechtlich bedenklich)

Quelle: Herkner 2013, S. 19

Die tabellarische Übersicht bietet einen guten ersten Überblick über denkbare Weiterentwicklungen des deutschen Berufsausbildungssystems. Beobachtet man den politischen Diskurs wird jedoch klar, dass einige Varianten zwar realistisch erscheinen, politisch jedoch derzeit ungewollt sind. Der Ausbau der vollzeitschulischen Berufsausbildung wurde jüngst in einigen Bundesländern zugunsten der dualen Systems gestoppt und das Angebot sogar reduziert (siehe Schulberufssystem). Die Einstiegsqualifizierung hingegen ist als Instrument konzipiert, das die Absolventen auf die Aufnahme einer Berufsausbildung vorbereiten soll und daher ein duales Angebot zum schulischen Berufsgrundschuljahr darstellt. In beiden Fällen erkennen die Arbeitgeber die Lerninhalte des "trainings on the job" aber nur selten als ausbildungsrelevante anrechenbare Kenntnisse an, sodass sich annehmen lässt, dass Betriebe in Deutschland derzeit (noch) nicht in großem Umfang an einer Ablösung des dualen Systems durch "training on the job" interessiert sind.

Das Recht auf Berufsausbildung in der Form einer Ausbildungsgarantie ist auch von der Bertelsmann Stiftung fokussiert worden. In Zusammenarbeit mit neun Bundesländern und der Bundesagentur für Arbeit erarbeitete Prof. Dr. Klaus Klemm im Auftrag der Stiftung bereits 2011 das Konzept "Übergänge mit System". Ziel dieses Konzeptes ist es, Warteschleifeneffekte des Übergangssystems zu vermeiden, allen Ausbildungsuchenden eine berufliche Erstausbildung anzubieten und möglichst viele Auszubildende zu einem Berufsabschluss zu führen. Sie stellen fest, dass die Umsetzung des Konzeptes Mehrausgaben von rund 1,5 Mrd. Euro pro Jahr bedeuten würden. Dies entspricht rund 11.000 Euro Mehrkosten je zusätzlichem Auszubildenden. Diese Mehrkosten stehen jedoch wiederum Mehreinnahmen wie Lohnsteuer Sozialversicherungsbeiträge gegenüber, die sich insbesondere langfristig positiv auf die öffentlichen Haushalte auswirken würden. Prof. Dr. Jutta Allmendinger errechnete Mehreinnahmen von 22.000 Euro je zusätzlichen Ausbildungsabsolventen über einen Zeitraum von 25 Jahren.

Verglichen damit würde die Bilanz der Ausbildungsgarantie schlussendlich positiv zu bewerten sein. Die Einnahmen würden jedoch überwiegend nicht den Bundesländern zufließen, die jedoch die Mehrkosten tragen müssten. Dieses Missverhältnis von Kosten und Einnahmen ist auf die "föderale Finanzierungsverflechtungsfalle" zurückzuführen: Kostenträger und Profiteur stimmen nicht überein.

Fußnoten

1.
vgl.: http://www.oecd.org/edu/innovation-education/skillsbeyondschool.htm
2.
vgl. dazu die einflussreiche Arbeit von Peter A. Hall/David Soskice, Varieties of Capitalism. The Institutional Foundations of Comparative Advantage, Oxford 2001. Zusammenfassend: Alexander Ebner, Wirtschaftskulturforschung. Ein sozialökonomisches Forschungsprogramm, in: Volker Caspari (Hrsg.), Theorie und Geschichte der Wirtschaft, Marburg 2009, S. 121–146
3.
vgl. http://www.kooperation-international.de/detail/info/bibb-praesident-manfred-kremer-quotmehr-kooperationen-zwischen-den-bildungsbereichen-wagenquot.html
4.
vgl. http://www.dgb.de/presse/++co++69146a12-bf0c-11e3-b32f-52540023ef1a
5.
vgl. http://www.isf-muenchen.de/pdf/isf-archiv/1987-sengenberger-struktur-arbeitsmarkt.pdf
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Autoren: Kathrin Schultheis, Stefan Sell für bpb.de
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