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11.8.2014

Die drei Sektoren der beruflichen Bildung – Schulberufssystem

Das Schulberufssystem bietet eine Vielzahl von Ausbildungsgängen an, die die Berufsschülerinnen und -schüler in überwiegend theoretisch ausgerichteten Ausbildungsgängen erlernen können. Einige Ausbildungsberufe können ausschließlich im Schulberufssystem erlernt werden, andere werden parallel zu den Angeboten des dualen Systems durchgeführt. Die schulische Berufsausbildung unterliegt landesrechtlichen Bestimmungen und ist nur in Teilbereichen bundesweit einheitlich organisiert.

Schulberufssystem

Hebammenausbildung in der Medizinischen Berufsfachschule an der Universität LeipzigHebammenausbildung in der Medizinischen Berufsfachschule an der Universität Leipzig. Die Ausbildung zur Hebamme dauert drei Jahre. (© picture-alliance/dpa)
Im Schulberufssystem werden Ausbildungsberufe in einem schulischen Kontext erlernt. Es handelt sich dabei um vollwertige und gesetzlich anerkannte Berufsausbildungen, die ohne eine betriebliche Bindung der Auszubildenden an den Berufsfachschulen durchgeführt werden. Den entscheidenden Unterschied zur dualen Berufsausbildung stellt also der Lernort dar – ein Lernort ausschließlich in der Berufsschule –, obgleich für eine Vielzahl von Ausbildungsberufen im Schulberufssystem auch Praxisphasen in Form von Betriebspraktika vorgesehen sind. Die Bedeutung der vollzeitschulischen Berufsausbildung stieg in den letzten Jahrzehnten stetig an.

Während Berufe des Gesundheits- und Erziehungswesens traditionell im Schulberufssystem ausgebildet werden, nahm auch die Zahl der Auszubildenden in anderen Ausbildungsgängen anhaltend zu. Die schulischen Ausbildungsgänge enden wie die des dualen Systems mit Abschlussprüfungen, die die berufliche Handlungsfähigkeit für den jeweiligen Ausbildungsberuf feststellen. Neben den Berufs(fach)schulen bestehen traditionell Schulen des Gesundheits- und Sozialwesens, an denen Berufe mit ebendiesen Schwerpunkten gelehrt werden.

Im Schulberufssystem werden Auszubildende in überwiegend staatlich anerkannten Ausbildungsberufen ausgebildet. Sie stehen dabei nicht mit einem Betrieb in einem Ausbildungsverhältnis, sondern die Berufs(fach)schule ist die Ausbilderin. Der vorrangige Lernort ist der Klassenraum, wobei die theoretischen Inhalte in den meisten Berufen durch betriebliche Praktika oder Übungen in Praxislaboren ergänzt werden. Der Unterricht findet von Montag bis Freitag in Vollzeit statt. Die Ausbildungsdauer beträgt zumeist zwei bis drei Jahre, kann aber in einigen Fällen insbesondere durch die Verpflichtung eines an die Ausbildung anschließenden Praxisjahres (Anerkennungsjahr) abweichen. Die Berufsfachschulen richten sich mit ihren Ausbildungsgängen hauptsächlich an Schülerinnen und Schüler mit einem mittleren Schulabschluss und formulieren daher in ihren Aufnahmevoraussetzungen qualifikatorische Mindestanforderungen an ihre Bewerber/-innen.

Die Auszubildenden des Schulberufssystems erhalten kein Ausbildungsgehalt. Sie können bei Erfüllung der gesetzlichen Voraussetzungen mit Leistungen nach dem Berufsausbildungsförderungsgesetz (BAföG) gefördert werden. Dafür werden die Einkommen der Eltern und Auszubildenden berücksichtigt, Leistungen also nur dann gezahlt, wenn das elterliche oder eigene Einkommen nicht ausreicht, um den Lebensunterhalt zu decken. Im Unterschied zum BAföG für Studierende müssen Auszubildende an Berufs(fach)schulen die Leistungen nach Beendigung der Ausbildung nicht zurückzahlen (auch nicht anteilig). In wenigen Fällen erhalten Berufsfachschüler/-innen vom Träger der Praxisphasen eine Ausbildungsvergütung. Auszubildende im Beruf der Gesundheits- und Krankenpflege an Schulen des Gesundheitswesens werden beispielsweise in enger Verzahnung von Berufsfachschulen und Krankenhäusern ausgebildet, sie erhalten ein tarifliches Ausbildungsentgelt. Streng genommen stellt diese Form der Berufsausbildung ein eigenes Modell dar, da sie einerseits dem Schulberufssystem zugeordnet werden kann, andererseits jedoch bundeseinheitlich geregelt wird und auch strukturell einer Berufsausbildung des dualen Systems ähnelt.

Entwicklung der Ausbildungsbeginne in vorqualifizierten schulischen AusbildungsgängenEntwicklung der Ausbildungsbeginne in vorqualifizierten schulischen Ausbildungsgängen (PDF-Icon Grafik zum Download 48 KB) (© bpb)
Jährlich beginnen mehr als 200.000 Schülerinnen und Schüler eine Berufsausbildung im Schulberufssystem. Mehr als die Hälfte von ihnen starten im Bereich der Sozial- und Gesundheitsdienstberufe. Den geringsten Anteil haben hingegen Berufe, die nach BBiG oder Handwerksordnung (HwO) ausgebildet werden und somit auch im Rahmen einer dualen Berufsausbildung erlernt werden können.

Historie

Die Berufs(fach)schulen waren in ihrem Ursprung Fortbildungsschulen, die eine Elitenausbildung vornahmen. Insbesondere Töchter gutsituierter Familien wurden dort im Handels- und Verwaltungsbereich ausgebildet, aber auch die Berufsausbildung in gewerblich-technischen Berufen wurde angeboten. Allgemein nahm die berufliche Ausbildung von Frauen einen entscheidenden Stellenwert im Voranschreiten des Schulberufssystems ein. So wurde die Berufsausbildung in Gesundheitsberufen, bis heute ein von Frauen dominiertes Berufsfeld, an Gesundheitsschulen speziell für Frauen eingeführt. Mit diesen Berufsausbildungen sollten junge Frauen nicht nur auf die Ausübung eines angemessenen Berufs, sondern insbesondere auch auf ihre Rolle als Hausfrau und Mutter vorbereitet werden.

Bis heute stellen die Ausbildungsgänge an Schulen des Gesundheits- und Sozialwesens die personenstärksten Ausbildungsgänge im Schulberufssystem dar. Zwischen 1933 und 1945 versuchte die nationalsozialistische deutsche Regierung im Rahmen ihrer Gleichschaltungspolitik auch das Schulberufssystem zu vereinheitlichen. Nach 1945 verblieb die Zuständigkeit des (Berufs-)Schulwesens in der Bundesrepublik Deutschland bei den Bundesländern. Seit Ende der 1960er Jahre wurde die gesetzliche Rahmung der Ausbildung im Schulberufssystem vorangetrieben, sodass schlussendlich weitestgehend einheitliche Standards hinsichtlich der Dauer und Ziele der Ausbildungsgänge festgelegt wurden. Zunehmend wurde das Schulberufssystem als Bestandteil der Berufsausbildungssystems und zudem als notwendige Ergänzung des dualen Ausbildungssystems erachtet.

In der DDR ging der Großteil der Berufsfachschulen in das staatliche System über. Eine betriebliche Anbindung erfolgte über Praxisphasen während der Schulferien. Sie diente der Förderung der betrieblichen Orientierung der Auszubildenden und zu ihrer Eingewöhnung in betriebliche Strukturen. Nach der Vereinigung Deutschlands erhielten auch die neuen Bundesländer die Zuständigkeit über das jeweilige (Berufs-)Schulwesen.

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Schulen des Schulberufssystems

Berufsfachschulen
sind Schulen mit Vollzeitunterricht von mindestens einjähriger Dauer, für deren Besuch keine Berufsausbildung oder berufliche Tätigkeit vorausgesetzt wird. Sie haben die Aufgabe, allgemeine und fachliche Lerninhalte zu vermitteln und den Schüler zu befähigen, den Abschluss in einem anerkannten Ausbildungsberuf oder einem Teil der Berufsausbildung in einem oder mehreren anerkannten Ausbildungsberufen zu erlangen oder ihn zu einem Berufsausbildungsabschluss zu führen, der nur in Schulen erworben werden kann.

Schulen des Gesundheitswesen
Diese Einrichtungen vermitteln die Ausbildung für nichtakademische Gesundheitsdienstberufe (z.B. Gesundheits- und Krankenpfleger/innen, Gesundheits- und Kinderkrankenpfleger/ innen, Hebammen, Masseure/innen, Ergotherapeuten/innen, medizinische Bademeister/innen u.a.m.). Die Aufnahmebedingungen sind je nach Berufswahl recht unterschiedlich. In der Regel erfolgt die Aufnahme in diese Einrichtungen erst nach Vollendung des 18. Lebensjahres, also nach Beendigung der Schulpflicht. Vorausgesetzt wird deshalb bei nahezu allen Berufen eine einschlägige Berufsausbildung oder der erfolgreiche Besuch einer auf die Ausbildung vorbereitenden schulischen Einrichtung. Der erfolgreiche Abschluss an einer Schule des Gesundheitswesens wird durch ein staatlich anerkanntes Abschlusszeugnis bestätigt, das zur Ausübung des gewählten Berufes berechtigt.

Quelle: KMK – Definitionenkatalog zur Schulstatistik 2012


Heute bieten Berufsfachschulen Schülerinnen und Schülern eine Vielzahl von Ausbildungsgängen an. Bereits im frühen 20. Jahrhundert existierten zahlreiche verschiedene Schulformen und Ausbildungsgänge im Schulberufssystem, die Ausbildungsberufe nach Bundes- oder nach Landesrecht anbieten. Die Ausbildungen werden in- und außerhalb des Geltungsbereiches des BBiG und der HwO durchgeführt. Einige Berufe können ausschließlich im Schulberufssystem erlernt werden, andere Berufsausbildungen werden sowohl in dualer als auch in vollzeitschulischer Form angeboten.

Die Zahl der Ausbildungsanfänger/-innen im Schulberufssystem ist hoch. Dies ist vor allem auf die große Nachfrage nach Ausbildungen im Bereich des Gesundheits- und Sozialwesens zurückzuführen. Auszubildende weiblichen Geschlechts sind an den Schulen des Gesundheitswesens noch immer stark überrepräsentiert. Im Schuljahr 2012/13 waren 77,75 % der Ausbildungsbeginnenden in diesem Bereich weiblichen Geschlechts. Wie viele Ausbildungsplätze im Schulberufssystem jährlich angeboten werden ist nicht genau bekannt. Die Entwicklung kann lediglich anhand der tatsächlichen Ausbildungsbeginne gemessen werden. Hier stellt auch das föderale Bildungssystem Deutschlands eine Schwierigkeit dar, da die Schulen in den Bundesländern teilweise noch immer unterschiedlich kategorisiert und organisiert werden. Freie Ausbildungsplätze werden zudem weitgehend ohne Beteiligung der Berufsberatung der Arbeitsagenturen besetzt, sodass auch dort keine Daten über das tatsächliche Ausbildungsplatzangebot statistisch erfasst und verarbeitet werden.

Die Ausbildungsberufe des Schulberufssystems stellen sich ebenso vielfältig dar, wie die des dualen Systems. Neben den klassischen Berufen des Gesundheitswesens können heute beispielsweise Berufe wie staatlich geprüfte/-r informationstechnische/-r Assistent/-in, Wirtschaftsassistent/-in, Pharmazeutisch-technische/-r Assistent/-in, Fremdsprachenkorrespondent/-in und Mediengestalter/-in in verschiedenen Fachrichtungen erlernt werden.


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