Arbeitsmarktpolitik Dossierbild

11.8.2014

Die drei Sektoren der beruflichen Bildung – Schulberufssystem

Das Schulberufssystem bietet eine Vielzahl von Ausbildungsgängen an, die die Berufsschülerinnen und -schüler in überwiegend theoretisch ausgerichteten Ausbildungsgängen erlernen können. Einige Ausbildungsberufe können ausschließlich im Schulberufssystem erlernt werden, andere werden parallel zu den Angeboten des dualen Systems durchgeführt. Die schulische Berufsausbildung unterliegt landesrechtlichen Bestimmungen und ist nur in Teilbereichen bundesweit einheitlich organisiert.

Schulberufssystem

Hebammenausbildung in der Medizinischen Berufsfachschule an der Universität LeipzigHebammenausbildung in der Medizinischen Berufsfachschule an der Universität Leipzig. Die Ausbildung zur Hebamme dauert drei Jahre. (© picture-alliance/dpa)
Im Schulberufssystem werden Ausbildungsberufe in einem schulischen Kontext erlernt. Es handelt sich dabei um vollwertige und gesetzlich anerkannte Berufsausbildungen, die ohne eine betriebliche Bindung der Auszubildenden an den Berufsfachschulen durchgeführt werden. Den entscheidenden Unterschied zur dualen Berufsausbildung stellt also der Lernort dar – ein Lernort ausschließlich in der Berufsschule –, obgleich für eine Vielzahl von Ausbildungsberufen im Schulberufssystem auch Praxisphasen in Form von Betriebspraktika vorgesehen sind. Die Bedeutung der vollzeitschulischen Berufsausbildung stieg in den letzten Jahrzehnten stetig an.

Während Berufe des Gesundheits- und Erziehungswesens traditionell im Schulberufssystem ausgebildet werden, nahm auch die Zahl der Auszubildenden in anderen Ausbildungsgängen anhaltend zu. Die schulischen Ausbildungsgänge enden wie die des dualen Systems mit Abschlussprüfungen, die die berufliche Handlungsfähigkeit für den jeweiligen Ausbildungsberuf feststellen. Neben den Berufs(fach)schulen bestehen traditionell Schulen des Gesundheits- und Sozialwesens, an denen Berufe mit ebendiesen Schwerpunkten gelehrt werden.

Im Schulberufssystem werden Auszubildende in überwiegend staatlich anerkannten Ausbildungsberufen ausgebildet. Sie stehen dabei nicht mit einem Betrieb in einem Ausbildungsverhältnis, sondern die Berufs(fach)schule ist die Ausbilderin. Der vorrangige Lernort ist der Klassenraum, wobei die theoretischen Inhalte in den meisten Berufen durch betriebliche Praktika oder Übungen in Praxislaboren ergänzt werden. Der Unterricht findet von Montag bis Freitag in Vollzeit statt. Die Ausbildungsdauer beträgt zumeist zwei bis drei Jahre, kann aber in einigen Fällen insbesondere durch die Verpflichtung eines an die Ausbildung anschließenden Praxisjahres (Anerkennungsjahr) abweichen. Die Berufsfachschulen richten sich mit ihren Ausbildungsgängen hauptsächlich an Schülerinnen und Schüler mit einem mittleren Schulabschluss und formulieren daher in ihren Aufnahmevoraussetzungen qualifikatorische Mindestanforderungen an ihre Bewerber/-innen.

Die Auszubildenden des Schulberufssystems erhalten kein Ausbildungsgehalt. Sie können bei Erfüllung der gesetzlichen Voraussetzungen mit Leistungen nach dem Berufsausbildungsförderungsgesetz (BAföG) gefördert werden. Dafür werden die Einkommen der Eltern und Auszubildenden berücksichtigt, Leistungen also nur dann gezahlt, wenn das elterliche oder eigene Einkommen nicht ausreicht, um den Lebensunterhalt zu decken. Im Unterschied zum BAföG für Studierende müssen Auszubildende an Berufs(fach)schulen die Leistungen nach Beendigung der Ausbildung nicht zurückzahlen (auch nicht anteilig). In wenigen Fällen erhalten Berufsfachschüler/-innen vom Träger der Praxisphasen eine Ausbildungsvergütung. Auszubildende im Beruf der Gesundheits- und Krankenpflege an Schulen des Gesundheitswesens werden beispielsweise in enger Verzahnung von Berufsfachschulen und Krankenhäusern ausgebildet, sie erhalten ein tarifliches Ausbildungsentgelt. Streng genommen stellt diese Form der Berufsausbildung ein eigenes Modell dar, da sie einerseits dem Schulberufssystem zugeordnet werden kann, andererseits jedoch bundeseinheitlich geregelt wird und auch strukturell einer Berufsausbildung des dualen Systems ähnelt.

Entwicklung der Ausbildungsbeginne in vorqualifizierten schulischen AusbildungsgängenEntwicklung der Ausbildungsbeginne in vorqualifizierten schulischen Ausbildungsgängen (PDF-Icon Grafik zum Download 48 KB) (© bpb)
Jährlich beginnen mehr als 200.000 Schülerinnen und Schüler eine Berufsausbildung im Schulberufssystem. Mehr als die Hälfte von ihnen starten im Bereich der Sozial- und Gesundheitsdienstberufe. Den geringsten Anteil haben hingegen Berufe, die nach BBiG oder Handwerksordnung (HwO) ausgebildet werden und somit auch im Rahmen einer dualen Berufsausbildung erlernt werden können.

Historie

Die Berufs(fach)schulen waren in ihrem Ursprung Fortbildungsschulen, die eine Elitenausbildung vornahmen. Insbesondere Töchter gutsituierter Familien wurden dort im Handels- und Verwaltungsbereich ausgebildet, aber auch die Berufsausbildung in gewerblich-technischen Berufen wurde angeboten. Allgemein nahm die berufliche Ausbildung von Frauen einen entscheidenden Stellenwert im Voranschreiten des Schulberufssystems ein. So wurde die Berufsausbildung in Gesundheitsberufen, bis heute ein von Frauen dominiertes Berufsfeld, an Gesundheitsschulen speziell für Frauen eingeführt. Mit diesen Berufsausbildungen sollten junge Frauen nicht nur auf die Ausübung eines angemessenen Berufs, sondern insbesondere auch auf ihre Rolle als Hausfrau und Mutter vorbereitet werden.

Bis heute stellen die Ausbildungsgänge an Schulen des Gesundheits- und Sozialwesens die personenstärksten Ausbildungsgänge im Schulberufssystem dar. Zwischen 1933 und 1945 versuchte die nationalsozialistische deutsche Regierung im Rahmen ihrer Gleichschaltungspolitik auch das Schulberufssystem zu vereinheitlichen. Nach 1945 verblieb die Zuständigkeit des (Berufs-)Schulwesens in der Bundesrepublik Deutschland bei den Bundesländern. Seit Ende der 1960er Jahre wurde die gesetzliche Rahmung der Ausbildung im Schulberufssystem vorangetrieben, sodass schlussendlich weitestgehend einheitliche Standards hinsichtlich der Dauer und Ziele der Ausbildungsgänge festgelegt wurden. Zunehmend wurde das Schulberufssystem als Bestandteil der Berufsausbildungssystems und zudem als notwendige Ergänzung des dualen Ausbildungssystems erachtet.

In der DDR ging der Großteil der Berufsfachschulen in das staatliche System über. Eine betriebliche Anbindung erfolgte über Praxisphasen während der Schulferien. Sie diente der Förderung der betrieblichen Orientierung der Auszubildenden und zu ihrer Eingewöhnung in betriebliche Strukturen. Nach der Vereinigung Deutschlands erhielten auch die neuen Bundesländer die Zuständigkeit über das jeweilige (Berufs-)Schulwesen.

i

Schulen des Schulberufssystems

Berufsfachschulen
sind Schulen mit Vollzeitunterricht von mindestens einjähriger Dauer, für deren Besuch keine Berufsausbildung oder berufliche Tätigkeit vorausgesetzt wird. Sie haben die Aufgabe, allgemeine und fachliche Lerninhalte zu vermitteln und den Schüler zu befähigen, den Abschluss in einem anerkannten Ausbildungsberuf oder einem Teil der Berufsausbildung in einem oder mehreren anerkannten Ausbildungsberufen zu erlangen oder ihn zu einem Berufsausbildungsabschluss zu führen, der nur in Schulen erworben werden kann.

Schulen des Gesundheitswesen
Diese Einrichtungen vermitteln die Ausbildung für nichtakademische Gesundheitsdienstberufe (z.B. Gesundheits- und Krankenpfleger/innen, Gesundheits- und Kinderkrankenpfleger/ innen, Hebammen, Masseure/innen, Ergotherapeuten/innen, medizinische Bademeister/innen u.a.m.). Die Aufnahmebedingungen sind je nach Berufswahl recht unterschiedlich. In der Regel erfolgt die Aufnahme in diese Einrichtungen erst nach Vollendung des 18. Lebensjahres, also nach Beendigung der Schulpflicht. Vorausgesetzt wird deshalb bei nahezu allen Berufen eine einschlägige Berufsausbildung oder der erfolgreiche Besuch einer auf die Ausbildung vorbereitenden schulischen Einrichtung. Der erfolgreiche Abschluss an einer Schule des Gesundheitswesens wird durch ein staatlich anerkanntes Abschlusszeugnis bestätigt, das zur Ausübung des gewählten Berufes berechtigt.

Quelle: KMK – Definitionenkatalog zur Schulstatistik 2012

Heute bieten Berufsfachschulen Schülerinnen und Schülern eine Vielzahl von Ausbildungsgängen an. Bereits im frühen 20. Jahrhundert existierten zahlreiche verschiedene Schulformen und Ausbildungsgänge im Schulberufssystem, die Ausbildungsberufe nach Bundes- oder nach Landesrecht anbieten. Die Ausbildungen werden in- und außerhalb des Geltungsbereiches des BBiG und der HwO durchgeführt. Einige Berufe können ausschließlich im Schulberufssystem erlernt werden, andere Berufsausbildungen werden sowohl in dualer als auch in vollzeitschulischer Form angeboten.

Die Zahl der Ausbildungsanfänger/-innen im Schulberufssystem ist hoch. Dies ist vor allem auf die große Nachfrage nach Ausbildungen im Bereich des Gesundheits- und Sozialwesens zurückzuführen. Auszubildende weiblichen Geschlechts sind an den Schulen des Gesundheitswesens noch immer stark überrepräsentiert. Im Schuljahr 2012/13 waren 77,75 % der Ausbildungsbeginnenden in diesem Bereich weiblichen Geschlechts. Wie viele Ausbildungsplätze im Schulberufssystem jährlich angeboten werden ist nicht genau bekannt. Die Entwicklung kann lediglich anhand der tatsächlichen Ausbildungsbeginne gemessen werden. Hier stellt auch das föderale Bildungssystem Deutschlands eine Schwierigkeit dar, da die Schulen in den Bundesländern teilweise noch immer unterschiedlich kategorisiert und organisiert werden. Freie Ausbildungsplätze werden zudem weitgehend ohne Beteiligung der Berufsberatung der Arbeitsagenturen besetzt, sodass auch dort keine Daten über das tatsächliche Ausbildungsplatzangebot statistisch erfasst und verarbeitet werden.

Die Ausbildungsberufe des Schulberufssystems stellen sich ebenso vielfältig dar, wie die des dualen Systems. Neben den klassischen Berufen des Gesundheitswesens können heute beispielsweise Berufe wie staatlich geprüfte/-r informationstechnische/-r Assistent/-in, Wirtschaftsassistent/-in, Pharmazeutisch-technische/-r Assistent/-in, Fremdsprachenkorrespondent/-in und Mediengestalter/-in in verschiedenen Fachrichtungen erlernt werden.

Rechtliche Rahmenbedingungen

Die schulische Berufsausbildung steht als gleichwertige zweite Säule neben dem dualen Berufsausbildungssystem. Die Ausbildung wird nach den Vorgaben von BBiG und HwO oder nach Landesrecht durchgeführt. Berufe des Sozial- und Gesundheitsdienstwesens werden teilweise nach eigenen Gesetzen (z.B. Krankenpflegesetz) durchgeführt. Seit einer Novellierung des BBiG 2005 können Auszubildende des Schulberufssystems an einer Prüfung vor der für ihren Beruf zuständigen Kammer teilnehmen, wenn ihre Ausbildungsinhalte, -anforderungen und die Ausbildungsdauer mit denen des dualen Systems vergleichbar sind und ein angemessener Anteil von praktischen Lerninhalten geleistet wurde. Die Zulassungsvoraussetzungen sind in § 43 BBiG geregelt. In der aktuellen Fassung heißt es dort:

§

Berufsbildungsgesetz

43 BBiG

(1) Zur Abschlussprüfung ist zuzulassen,
  1. wer die Ausbildungszeit zurückgelegt hat oder wessen Ausbildungszeit nicht später als zwei Monate nach dem Prüfungstermin endet,
  2. wer an vorgeschriebenen Zwischenprüfungen teilgenommen sowie vorgeschriebene schriftliche Ausbildungsnachweise geführt hat und
  3. wessen Berufsausbildungsverhältnis in das Verzeichnis der Berufsausbildungsverhältnisse eingetragen oder aus einem Grund nicht eingetragen ist, den weder die Auszubildenden noch deren gesetzliche Vertreter oder Vertreterinnen zu vertreten haben.
(2) Zur Abschlussprüfung ist ferner zuzulassen, wer in einer berufsbildenden Schule oder einer sonstigen Berufsbildungseinrichtung ausgebildet worden ist, wenn dieser Bildungsgang der Berufsausbildung in einem anerkannten Ausbildungsberuf entspricht. Ein Bildungsgang entspricht der Berufsausbildung in einem anerkannten Ausbildungsberuf, wenn er:
  1. nach Inhalt, Anforderung und zeitlichem Umfang der jeweiligen Ausbildungsordnung gleichwertig ist,
  2. systematisch, insbesondere im Rahmen einer sachlichen und zeitlichen Gliederung, durchgeführt wird und
  3. durch Lernortkooperation einen angemessenen Anteil an fachpraktischer Ausbildung gewährleistet.

Vor der Gesetzesreform 2005 mussten die zuständigen Bundesministerien im Einvernehmen mit dem Bundesministerium für Bildung und Forschung nach Anhörung des ständigen Ausschusses des Bundesinstitut für Berufsbildung per Rechtsverordnung darüber bestimmen, welche Ausbildungsberufe, die im Schulberufssystem unterrichtet wurden, der dualen Berufsausbildung gleichgestellt wurden. Mit der Reform wurde die Position der Bundesländer gestärkt, die nun selbst per Rechtsverordnung festlegen konnten, welche Ausbildungsgänge die Anforderungen erfüllen und deren Besuch daher zur Teilnahme an der Kammerprüfung berechtigt.

Nach Landesrecht wird vor allem eine Vielzahl von Assistenz-Ausbildungen durchgeführt (technische Assistenten, Wirtschaftsassistenten u.a.). Die Vergleichbarkeit der Berufe, die nach Landesrecht ausgebildet werden ist bundesweit nur eingeschränkt möglich. Sie variieren zwischen den Bundesländern nicht nur hinsichtlich der Ausbildungsdauer, sondern auch in Bezug auf die Ausbildungsinhalte. Die Kultusministerkonferenz hat deshalb Rahmenvereinbarungen über die Berufsschulen und über die Ausbildung zu staatlich geprüften technischen bzw. kaufmännischen Assistent/-innen getroffen, um Qualitätsstandards sicherzustellen und die Anerkennung der Berufsausbildung bundesweit zu erleichtern.

Position der vollqualifizierenden Berufsfachschulen im beruflichen BildungssystemPosition der vollqualifizierenden Berufsfachschulen im beruflichen Bildungssystem (PDF-Icon Grafik als Download 56 KB) (© bpb)
Im Jahr 2011 haben fast ein Viertel (23,2 %) aller Ausbildungsbeginner/-innen im Schulberufssystem eine Ausbildung nach Landesrecht begonnen.

Im Juni 2012 hat sich die Wirtschaftsministerkonferenz der Bundesländer darauf verständigt, die vollzeitschulischen Ausbildungsangebote zugunsten der Berufsausbildung des dualen Systems zu reduzieren. Dies soll überall dort geschehen, wo analog zu den schulischen Ausbildungsgängen die duale Berufsausbildung angeboten wird. Seither wurden regional bereits erste vollzeitschulische Ausbildungsgänge eingestellt. Die Gründe dafür werden weiter unten im Diskurs über die Ausbildung im Schulberufssystem vorgestellt.

Eine gegenläufige Entwicklung lässt sich für die Berufe des Sozial- und Gesundheitswesens feststellen. Hier lässt sich ein Bedeutungszuwachs identifizieren, obgleich die Zugangsbedingungen häufig strikter sind als für andere vollzeitschulische Ausbildungsgänge. Für die Aufnahme in einen Ausbildungsgang im Bereich des Sozial- und Gesundheitswesens wird häufig eine einschlägige Vorerfahrung vorausgesetzt, die zum Beispiel durch eine vorangegangene Berufsausbildung oder den Besuch einer Fachoberschule erlangt werden kann. Die Ausbildungsgänge dieses Berufsfeldes folgen teilweise bundesrechtlichen und teilweise aber auch landesrechtlichen Regelungen. Insgesamt verfügen die meisten Auszubildenden (rund 60 %) im Schulberufssystem über einen mittleren Schulabschluss. Das relativ hohe formale Qualifikationsniveau der Auszubildenden im Schulberufssystem resultiert aus den durch die Schulen festgelegten Zulassungsbedingungen.

Die Zahl der Auszubildenden ohne Schulabschluss tendiert gegen null: lediglich 0,2 % aller Auszubildenden des Schulberufssystems verfügten 2010 nicht mindestens über einen Hauptschulabschluss. (Fach)Abiturienten entscheiden sich hingegen häufiger für eine schulische Berufsausbildung: Jeder fünfte Auszubildende des Schulberufssystems verfügt mindestens über die Fachhochschulreife.

Ein Teil der Berufs(fach)schulen befindet sich in privater Trägerschaft, sodass für die Ausbildung an einigen Instituten Schulgeld und Lehrgangskosten von den Auszubildenden getragen werden müssen. Diese variieren in ihrer Höhe. Die meisten Ausbildungsberufe werden gleichermaßen an staatlichen Schulen unterrichtet, die (für die Auszubildenden) kostenfrei sind. Das Angebot ist jedoch knapp.

Übergang in Berufstätigkeit

Über die Übergänge von dualer Berufsausbildung in qualifizierte Erwerbsarbeit lassen sich anhand von Statistiken und Studienergebnissen differenzierte Aussagen treffen. Im Unterschied dazu fällt es deutlich schwerer allgemeine Aussagen zum Übergang in die qualifizierte Erwerbsarbeit von Auszubildenden des Schulberufssystems zu treffen. Nur wenige Studien beschäftigen sich mit dieser Auszubildendengruppe und meist werden nur für einzelne Berufe Übergänge dargestellt.

Das Bundesinstitut für Berufsbildung fand mithilfe einer Befragung von Absolventen (Abschlussjahr 1995) einer vollzeitschulischen Assistenz-Ausbildung heraus, dass ein Jahr nach erfolgreichem Ausbildungsabschluss rund 50 % der Befragten einer Erwerbsarbeit nachgingen. Aus der gleichen Befragung ging hervor, dass jeder vierte Auszubildende Schwierigkeiten hinsichtlich der Akzeptanz seines Berufsabschlusses auf dem Arbeitsmarkt habe. Wolfgang Ludwig-Mayerhofer stellte zu Beginn der 1990er Jahre fest, dass Absolventen des Schulberufssystems im Vergleich zu Auszubildenden des dualen Systems überdurchschnittlich häufig von Arbeitslosigkeit betroffen seien. Diese Ergebnisse basieren jedoch auf Studien, die bereits über 15 Jahre alt sind und somit evtl. Veränderungen, die aus Gesetzesnovellierungen, strukturellem Wandel und veränderten Anforderungen am Arbeitsmarkt resultieren, nicht abbilden. Was hat sich also verändert?

Forscher des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung kamen 2005 zu dem Schluss, dass langfristig keine Unterschiede zwischen den Übergangserfolgen dualer und schulisch ausgebildeter Absolventen feststellbar sind, obgleich der lückenlose Übergang von Berufsausbildung in den Beruf den Vollzeitschülern schwerer fällt. Dies lässt sich u.a. darauf zurückführen, dass es für die Berufsschüler/-innen keine Möglichkeit des Verbleibs im Ausbildungsbetrieb gibt.

Absolventinnen und Absolventen des dualen Systems werden häufig auch aufgrund tariflicher Bestimmungen zumindest für einen befristeten Zeitraum von ihren Ausbildungsbetrieben in ein Arbeitsverhältnis übernommen. Dies ist für Absolventinnen und Absolventen von Ausbildungsgängen des Schulberufssystems nicht zutreffend. Ursula Beicht, Wissenschaftlerin am BIBB, fand zusammen mit weiteren Kollegen heraus, dass Absolventinnen und Absolventen von Ausbildungen im Schulberufssystem noch immer längere Zeit für den Übergang in eine Erwerbstätigkeit benötigen als Auszubildende des dualen Systems. Anhand einer Befragung von Fachkräften, die 2005 oder früher ihre Ausbildung erfolgreich abgeschlossen hatten, konnten sie belegen, dass sich dieser Unterschied nach einer Frist von zwölf Monaten bereits deutlich verringert hat. Rund jede/r dritte Absolvent/-in einer schulischen Berufsausbildung nimmt innerhalb von 12 Monaten nach Ausbildungsabschluss eine zweite Berufsausbildung oder ein Studium auf (30 %). Unter den Absolventen einer dualen Berufsausbildung sind es lediglich halb so viele.

Absolventinnen und Absolventen von Ausbildungsgängen des Schulberufssystems benötigen bis zur Aufnahme einer Erwerbstätigkeit nach Ausbildungsende also durchschnittlich länger als Absolventinnen und Absolventen des dualen Systems. Zwölf Monate nach Ausbildungsende haben sich die Übergangsquoten der Auszubildenden beider Systeme angenähert. In eine weitere Berufsausbildung oder ein Studium gehen mehr Personen aus dem Schulberufssystem über als aus dem dualen System.

Diskurs über die Ausbildung im Schulberufssystem

Um den Pakt für Ausbildung und Fachkräftenachwuchs erfüllen zu können, beschloss die Wirtschaftsministerkonferenz 2012 einen Rückbau der vollzeitschulischen Berufsausbildungsangebote für die analoge Angebote im dualen System bestehen. Begründet wird dieser Entschluss mit drei Argumenten: Erstens überträfen die angebotenen Ausbildungsplätze inzwischen die Nachfrage der Ausbildungsuchenden und zweitens fiele es den Absolventinnen und Absolventen schulischer Ausbildungsgänge nach Ausbildungsabschluss schwerer, eine Arbeitsstelle zu finden als den Absolventen aus dem dualen System. Das dritte Argument zielt auf die Ressourcenknappheit ab: Durch den Rückbau des Schulberufssystems ließen sich Kosten zugunsten der öffentlichen Hand einsparen. Die Kosten für die duale Berufsausbildung trägt zu einem Großteil der Ausbildungsbetrieb, die Kosten für die Ausbildung im Schulberufssystem hingegen die Öffentlichkeit.

Seit vielen Jahren stehen auch die enorme Vielfalt und die damit verbundene mangelnde Transparenz über die Ausbildungsgänge im Schulberufssystem in der Kritik. Die Planung und Koordination der schulischen Berufsausbildung obliegt aufgrund der föderalen Struktur Deutschlands den Bundesländern. Darüber hinaus bieten auch private Schulträger Berufsausbildungsgänge an, die die Komplexität des Schulberufssystems weiter erhöhen. Eine Vereinheitlichung der Ausbildungsberufe und bezeichnungen, ihrer Ausbildungsrahmenpläne und Strukturen zu bundeseinheitlichen Regelungen ist bisher nicht in ausreichendem Maß gelungen. Eine starke und immer wieder auftauchende Kritik betrifft daher die Tatsache, dass das Schulberufssystem im Vergleich zum dualen System faktisch ein noch immer eher unsystematisches Ausbildungskonstrukt darstellt. Auch politisch wird die Ausbildung im Schulberufssystem häufig als eine nachrangige Alternative zur betrieblichen Ausbildung betrachtet. So fokussiert sich die CDU in Ihrem Vorhaben zur Neustrukturierung des Übergangssystems und Förderung des Fachkräftenachwuchses auf den Übergang der Ausbildungsuchenden in eine betriebliche Berufsausbildung, nicht aber auf einen Übergang in das Schulberufssystem.

Quellentext

Vorfahrt für die Ausbildung im Betrieb

Obwohl sich die Situation auf dem Ausbildungsmarkt entspannt, mündet nach wie vor eine hohe Zahl junger Menschen in den Übergangsbereich ein. Dabei könnte sie mit vertretbarem Aufwand unmittelbar nach der Schule eine betriebliche Ausbildung aufnehmen. Eine zentrale Herausforderung besteht deshalb darin, diese Jugendlichen ohne Umweg über eine Vorbereitungs- oder Warteschleife direkt in eine duale betriebliche Ausbildung zu bringen. Das setzt den Abschluss eines regulären Ausbildungsvertrags und einer entsprechenden Vergütung voraus.

Quelle: CDU – Positionspapier zum Übergang Schule – Beruf 2012

Ebenfalls defizitorientiert, aber mit einer anderen Schlussfolgerung verweist die Sprecherin der SPD-Fraktion und Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst, Dr. Eva-Maria Stange, im Sächsischen Landtag im Mai 2012 auf die Notwendigkeit des Erhalts der Schulberufssystems. Sie sieht gerade im Rückbau der zweijährigen Assistentenausbildung nach Landesrecht die Gefahr, dass Ausbildungsuchenden mit niedrigem Schulabschluss, die keinen betrieblichen Ausbildungsplatz erlangen konnten, nunmehr die letzte Chance auf eine Berufsausbildung genommen wird.

Zitat

Dr. Eva-Maria Stange (Sprecherin der SPD-Fraktion im Sächsischen Landtag)

Die Landesregierung plant einen Kahlschlag in der beruflichen Ausbildung. Um den Lehrerbedarf an sächsischen Schulen zu decken, sollen bereits im Schuljahr 2013/2014 tausende Ausbildungsplätze an den Berufsfachschulen zusammengestrichen werden. Betroffen sind mehr als 10.000 zukünftige Berufsfachschüler in landesrechtlich geregelten Ausbildungsberufen, sogenannten Assistenzberufe […]. Tausenden Jugendlichen [sic!], vor allem solchen ohne Schulabschluss und Chance auf eine direkte duale oder eine dreijährige bundesrechtlich geregelte Ausbildung gehen damit in den nächsten Jahren leer aus. Dazu kommen unabsehbare Folgen für die Wirtschaft, die bisher über die Fachschulen im Rahmen der Weiterbildung Mitarbeiter für das mittlere Management qualifizieren. Die Landesregierung versucht damit das Loch beim Lehrermangel zu stopfen und reißt einen neuen Krater auf. Das ist kurzsichtig und nimmt vielen Jugendlichen aber auch Arbeitnehmern ihre Zukunftschancen.

Quelle: Sächsischer Landtag im Mai 2012

Befürworter/-innen des Schulberufssystems stellen seine geringe Konjunkturanfälligkeit in den Fokus. Das Ausbildungsplatzangebot kann bei schlechter wirtschaftlicher Lage nicht nur gleichbleibend angeboten werden, es könnte bei Bedarf sogar erhöht werden. Zudem stellt sich das Schulberufssystem weniger träge dar, als das duale System. Einer wandelnden Wirtschaftsstruktur kann es sich schneller anpassen. Neue Ausbildungsinhalte können schneller umgesetzt werden, neue Berufe zügig ausgebildet werden. Eine derartige Planung ist jedoch nur dann sinnvoll, wenn von einer Akzeptanz der Berufsabschlüsse des Schulberufssystems bei den Unternehmen ausgegangen werden kann und die Ausbildung im Schulberufssystem als der dualen Berufsausbildung ebenbürtig wahrgenommen wird. Das Schulberufssystem kann dann als Kompensator schlechter konjunktureller Wirtschaftslagen fungieren und flexibel auf die Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt reagieren. Ein Beispiel dafür sind die Schulen des Gesundheitswesens:

Die Berufsausbildung an den Schulen des Gesundheitswesens nimmt vor dem Hintergrund des zunehmenden Pflegekräftemangels in Deutschland eine zentrale Rolle ein. Die Zahl der Pflegebedürftigen nimmt in Zeiten des demografischen Wandels zu, sodass der Bedarf an Pflegefachkräften steigt. Im Schuljahr 2012/2013 haben etwa 47.600 Personen eine Ausbildung als Altenpfleger/-in, Gesundheit- und Krankenpfleger/-in oder Gesundheits- und Kinderkrankenpfleger/-in begonnen. In keinem anderen Ausbildungsberuf wurden mehr neue Ausbildungsverträge geschlossen. Nichtsdestotrotz reicht dies Zahl von Ausbildungsbeginnenden nicht, um den prognostizierten Fachkräftemangel abzuwenden.

Die Literaturhinweise und Hinweise auf weitergehende Texte finden Sie hier.

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