Arbeitsmarktpolitik Dossierbild

11.8.2014 | Von:
Kathrin Schultheis
Stefan Sell

Die drei Sektoren der beruflichen Bildung – Übergangssystem

Unter dem Begriff des Übergangssystems werden Bildungsgänge zusammengefasst, die zu keinem berufsqualifizierenden Abschluss führen, sondern auf eine Chancenverbesserung der Teilnehmenden ausgerichtet sind: Sie sollen nach erfolgreicher Beendigung des Ausbildungsganges bessere Chancen zur Aufnahme einer dualen oder schulischen Berufsausbildung haben.

Arbeitslose Jugendliche lernen in berufsbildenden Maßnahmen, wie hier im Ökologischen Bildungszentrum Lasker Höfe,  wichtiges Know-How für die Zukunft. Foto: APArbeitslose Jugendliche lernen in berufsbildenden Maßnahmen, wie hier im Ökologischen Bildungszentrum Lasker Höfe, wichtiges Know-How für die Zukunft. (© AP)


Das Übergangssystem bietet vor allem jungen Menschen ohne oder mit niedrigen Schulabschlüssen eine Übergangsmöglichkeit zwischen dem Verlassen der allgemeinbildenden Schule und der Aufnahme einer Berufsausbildung, wenn dies nicht lückenlos gelang. Die Ausbildungsgänge sind zum Großteil weder standardisiert noch zertifiziert, sodass die arbeitsmarktliche Verwertung der Ausbildungsinhalte schwierig ist. Während die Zahl der Anfänger/-innen im Übergangssystem bis vor einigen Jahren stark anstieg, ist derzeit ein Rückgang zu verzeichnen. Das System steht weiterhin in der Kritik.

Übergangssystem

Wenn weder das Schulberufssystem noch das duale Ausbildungssystem genügend Ausbildungsplätze für die Ausbildungswilligen anbieten, entsteht eine Versorgungslücke. Diese soll durch das sogenannte Übergangssystem insoweit kompensiert werden, als dass Jugendlichen ein Bildungsangebot unterbreitet werden soll, in dem sie erste berufliche Erfahrungen sammeln, einen Schulabschluss nachholen, sich beruflich orientieren können oder durch pädagogische Angebote auf einen Ausbildungsbeginn vorbereitet werden. Ausbildungsgänge des Übergangssystem sollen zudem auch bei ausreichendem Ausbildungsplatzangebot denjenigen eine Perspektive aufzeigen, die als nicht "ausbildungsreif" gelten (siehe Diskurs zum Übergangssystem am Ende dieses Textes), die also aus persönlichen Gründen (noch) nicht zur Aufnahme einer Berufsausbildung geeignet sind.

Dr. Christian Schmidt von der Universität Duisburg-Essen bezeichnet das "Übergangssystems" als einen "Zwischenraum, der zwischen Allgemeinbildung und berufliche Ausbildung angesiedelt ist"[1]. Die Bildungsgänge werden von Berufsschulen, Qualifizierungsträgern und einer Vielzahl weiterer Einrichtungen erbracht. Die Maßnahmen folgen zumeist individuellen Lehrplänen und Zielen. Sind die Maßnahmen des Übergangssystems sinnlose Warteschleifen oder notwendige Voraussetzung für einen Teil der Bewerber/-innen, um adäquat auf eine Berufsausbildung vorbereitet zu werden oder um zusätzliche Qualifikationen zu erlangen?

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Definition

Das Übergangssystem

"Das Übergangssystem umfasst "(Aus-)Bildungsangebote", die unterhalb einer qualifizierten Berufsausbildung liegen bzw. zu keinem anerkannten Ausbildungsabschluss führen, sondern auf eine Verbesserung der individuellen Kompetenzen von Jugendlichen zur Aufnahme einer Ausbildung oder Beschäftigung zielen und zum Teil das Nachholen eines allgemein bildenden Schulabschlusses ermöglichen."

Quelle: Konsortium Bildungsberichterstattung - 2006


Als eigenständiger Sektor wird das Übergangssystem erst seit vergleichsweise kurzer Zeit betrachtet und systematisch beobachtet. Erst im Bildungsbericht 2006 wurde das Übergangssystem von den Autoren erstmalig als eigenständiger Teil des Berufsbildungssystems aufgeführt, obgleich entsprechende Bildungsgänge bereits seit mehreren Jahrzehnten existieren. Dies ist auch auf die Entwicklung des Übergangssystems zurückzuführen: Während bis Mitte der 2000er Jahre sehr viele Schulabsolventen und Schulabsolventinnen einen Bildungsgang im Übergangssystem begannen, ist ihre Zahl erst in den letzten Jahren zurückgegangen. 2005 begannen noch rund 417.000 Jugendliche und junge Erwachsene einen Bildungsgang, der dem Übergangssystem zugrechnet wird, 2012 waren es nur noch 266.000[2].

Das Übergangssystem steht unter fortwährender Kritik: Es habe keine Struktur, die Bildungsgänge seien aufgrund fehlender Standardisierung und Zertifizierung nicht zielführend und die dort erworbenen Kenntnisse auf dem Arbeitsmarkt nicht verwertbar. Für die Teilnehmenden würde sich daher kein Mehrwert ergeben, ihre Chancen auf eine Ausbildungsstelle im dualen oder Schulberufssystem seien auch nach Verlassen des Übergangssystems schlecht. Quantitativ ist das Übergangssystem zweifelsfrei als ebenbürtige dritte Säule des deutschen Berufsausbildungssystems anzuerkennen, da es aber in seiner Logik der Integration in ein Ausbildungsverhältnis vorgeschaltet ist, ist es in dieser Hinsicht gerade nicht als ebenbürtig zu bezeichnen.

Historie

Als in den 1960er und 1970er Jahren die Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland wuchs und diese Entwicklung schließlich auch politisch als Problem wahrgenommen wurde, erprobte man das – zunächst sehr umstrittene – Berufsgrundschuljahr (BGJ), in dem junge Menschen ohne Ausbildungsplatz eine berufliche Grundbildung erhalten sollten. Betriebe und Gewerkschaften standen dem BGJ kritisch gegenüber. Während die Betriebe um ihre hervorgehobene Rolle auf dem Ausbildungsmarkt und eine Verschulung der betrieblichen, insbesondere handwerklichen, Berufsausbildung fürchteten, standen die Gewerkschaften ihm zunächst positiv gegenüber. In zunehmendem Maße beklagten sie jedoch das durch die schulische Ausbildungsform entfallende Ausbildungsgehalt und damit einhergehend ein sinkendes Familieneinkommen. Bei der Ausbildung von Absolventen eines BGJ bestand für die Ausbildungsbetriebe die Pflicht, das BGJ als erstes Ausbildungsjahr anzuerkennen. Industrie und Handwerk reagierten mit dem Erlass eigener Richtlinien zur Anrechnung des BGJ auf die Ausbildungszeit. Seit 2009 ist die Anrechnung des BGJ auf die Ausbildungsdauer nur noch dann möglich, wenn der Ausbildungsbetrieb dem zustimmt. Das Modell des BGJ wird heute überwiegend als ein gescheitertes Modell angesehen.

Analog zum BGJ hat auch die zweijährige Berufsfachschule einen funktionellen Wandel durchlebt. Zunächst als Vermittlerin beruflicher Teilqualifikationen entwickelt, wandelte sie sich zu einem Auffangbecken für jugendliche Schulabgänger/-innen, denen der Übergang in die Berufsausbildung nicht gelang. Auch hier bleibt die Anerkennung der schulischen Ausbildung von den Betrieben nicht selten verwehrt. Im gleichen Jahr wie das BGJ wurde in den ersten Bundesländern ein Berufsvorbereitungsjahr eingerichtet, das weder zu einem Berufsabschluss noch zu einem Teilberufsabschluss führte und daher von Beginn an als ein Übergangssystem auf dem Weg von der Schule in die Berufsausbildung konzipiert wurde. Das Bundesinstitut für Berufsbildung zählt neben den bereits genannten Programmen auch betriebliche Praktika und die Einstiegsqualifizierung zum beruflichen Übergangssystem. Inzwischen sind eine Reihe weiterer Schul-, Bundes- und Landesprogramme aufgelegt worden, die sich unter dem Begriff des beruflichen Übergangssystems subsummieren lassen. Als Besonderheit des Übergangssystems stellt sich die Sichtweise auf die Jugendlichen ohne Ausbildungsstelle dar, die frühzeitig die individuellen Defizite der Ausbildungssuchenden fokussierte. So richten sich die Programme zumeist an eine Bearbeitung der festgestellten individuellen Defizite und sind weniger häufig an den Stärken der Jugendlichen ausgerichtet.

Entwicklung der Teilnahmezahlen in Maßnahmen des ÜbergangssystemsEntwicklung der Teilnahmezahlen in Maßnahmen des Übergangssystems (PDF-Icon Grafik zum Download 50 KB) (© bpb)
In Folge eines Ausbildungsstellenmangels stieg die Zahl der Teilnehmenden in Programmen des Übergangssystems bis zum Jahr 2005 rapide an. Zu seinem Höhepunkt mündeten rund 40 % aller Schulabgänger/-innen in Bildungsgänge ein, die dem Übergangssystem zugerechnet werden. Seit 2005 geht die Zahl der Neubeginne wieder zurück und Experten prognostizieren, insbesondere vor dem Hintergrund des demografischen Wandels und der damit einhergehend sinkenden Schülerzahl, eine weiter rückläufige Entwicklung. Inwiefern die Jugendlichen des Übergangssystems vom Fachkräftemangel profitieren und ausbildungsbereite Betriebe finden können, bleibt abzuwarten.

Rechtliche Rahmenbedingungen

Die rechtlichen Rahmenbedingungen für Bildungsgänge des Übergangssystems sind nicht einheitlich, sondern sind abhängig von der Art des Programmes und den Anbieterinnen und Anbietern. Rechtliche Rahmenbedingungen liegen zumeist nur für die Fördervoraussetzungen der Teilnehmenden (überwiegend Berufsausbildungsbeihilfe oder Leistungen nach dem BAföG) oder die finanzielle Förderung der Bildungsträger (z.B. durch die Bundesagentur für Arbeit oder den Europäischen Sozialfonds) vor. Berufsvorbereitungsjahr, Berufsgrundschuljahr und Berufsfachschulen, die keinen Abschluss vermitteln, sind in jedem Bundesland den Landesschulgesetzen entsprechend geregelt. Besondere Bestimmungen gelten für unter 18-Jährige, soweit sie nicht in eine Berufsausbildung übergehen konnten und einer Berufsschulpflicht unterliegen. Sie müssen nach Verlassen der allgemeinbildenden Schule weiterhin eine Berufsschule besuchen und nehmen daher häufig an schulischen Ausbildungsgängen des Übergangssystems teil, um die Berufsschulpflicht zu erfüllen. Schülerinnen und Schüler der Ausbildungsgänge an o.g. Schulformen können Leistungen nach dem BAföG erhalten.

Auch die Bundesagentur für Arbeit (BA) bietet Bildungsgänge, sogenannte "Maßnahmen" an, die dem Übergangssystem zugerechnet werden. Sie folgen den Bestimmungen des Sozialgesetzbuches III. Die Maßnahmen zur Berufsvorbereitung werden von Bildungs- und Qualifizierungsträgern im Auftrag der BA durchgeführt. Die Berufsberater und Berufsberaterinnen stellen dafür zunächst den Förderbedarf der Jugendlichen fest. Dieser richtet sich im Grundsatz nach § 52 SGB III.

Dort heißt es, dass diejenigen Personen für eine Berufsvorbereitung förderungsfähig sind, die ohne Teilnahme an einer berufsvorbereitenden Maßnahme oder aufgrund in ihrer Person liegender Gründe keine Berufsausbildung beginnen können. Zudem müssen die potenziellen Teilnehmenden die Vollzeitschulpflicht nach den Gesetzen des jeweiligen Bundeslandes bereits erfüllt haben. Außerdem muss aufgrund der individuellen Fähigkeiten ein erfolgreicher Abschluss der Maßnahme erwartet werden können, das Bildungsziel also erreichbar sein. Für die Personen werden die angemessenen Kosten der Maßnahmeteilnahme übernommen. Die Maßnahmeteilnahme bleibt somit für die teilnehmenden Jugendlichen und jungen Erwachsenen kostenfrei. Auch die Jugendberufshilfe (nach Sozialgesetzbuch VIII) bietet Programme an, die dem Übergangssystem zugerechnet werden können und gleichermaßen besonderen gesetzlichen Vorgaben folgen.

Auch für die Inhalte der Maßnahmen gibt es keine einheitlichen rechtlichen Vorgaben, worauf die fehlende Standardisierung und die enorme Programmvielfalt zurückzuführen sind. Sie reichen von Schulvermeider/-innenprogrammen mit dem Ziel einen Schulabschluss zu erreichen über Programme speziell für junge Mütter bis hin zur Vermittlung beruflicher Grundqualifikationen und dem Erwerb von zertifizierten Teilqualifikationen. Für schulische Bildungsgänge sind häufig zumindest landesweit einheitliche Regelungen getroffen worden. Die fehlende Standardisierung stellt einen der relevantesten Kritikpunkte des Übergangssystems dar. Die Bundesländer Hamburg und Nordrhein-Westfalen bemühen sich derzeit um eine Systematisierung und Strukturierung ihrer Übergangssysteme, um Warteschleifeneffekte zu verringern bzw. zu vermeiden (siehe hierzu auch den Abschnitt zum Diskurs über das Übergangssystem).

Fußnoten

1.
Schmidt, Krisensymptom Übergangssystem, 2011
2.
vgl. Bundesministerium für Bildung und Forschung (Hrsg.) (2013): Berufsbildungsbericht 2013. Bonn/Berlin.
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Autoren: Kathrin Schultheis, Stefan Sell für bpb.de
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