Arbeitsmarktpolitik Dossierbild
1 | 2 | 3 | 4 | 5 Pfeil rechts

Förderung der Berufsausbildung


11.8.2014
Eine erste qualifizierte Berufsausbildung wird für den Arbeitsmarkt immer wichtiger, da zunehmend mehr Arbeitsplätze für ungelernte oder angelernte Arbeitskräfte wegfallen. Das Arbeitsförderungsrecht (SGB III) sieht deshalb vielfältige Möglichkeiten zur Förderung von jungen Menschen vor, die eine Ausbildung anstreben.

Jugendliche im Berufsinformationszentrum BIZ der Agentur für Arbeit in HannoverJugendliche im Berufsinformationszentrum BIZ der Agentur für Arbeit in Hannover (© picture-alliance/dpa)


Historie



Nach dem Sozialgesetzbuch III (SGB III) können Maßnahmen zum Übergang von der Schule in den Beruf, zur Berufsvorbereitung und zur Berufsausbildung unterschieden werden. Zudem werden die Ausbildungsstellenvermittlung, die im Kapitel "Ausbildungsvermittlung" erläutert wird und die finanzielle Förderung der Berufsausbildung durch die Arbeitsverwaltung angeboten.

Berufsberatung ist an der Schnittstelle zwischen Bildungs- und Beschäftigungssystem angesiedelt. Während die Berufsberatung in anderen Staaten enger an das Bildungssystem angekoppelt ist, wurde sie in Deutschland der Arbeitsverwaltung übertragen. Die Berufsberaterinnen und Berufsberater bemühen sich jedoch um eine enge Kooperation mit den allgemeinbildenden Schulen, um Schülerinnen und Schüler frühzeitig bei der beruflichen Orientierung und der Bewerbung um einen Ausbildungsplatz unterstützen zu können.

Die Berufsberatung entstand im Zuge des Mitte der 1890er Jahre einsetzenden Wirtschaftsbooms. Jugendliche Schulabgänger zogen es vor, sofort als ungelernte Arbeitskräfte Geld zu verdienen, anstatt eine Lehre anzutreten. Daher setzte in den Handwerksberufen ein starker Nachwuchsmangel ein. Der entscheidende Impuls zur Fortentwicklung der Lehrstellenvermittlung in Richtung Berufsberatung ging jedoch von den Bemühungen der bürgerlichen Frauenbewegung aus, um höheren Töchtern eine berufliche Perspektive zu eröffnen. Daneben trieb vor allem die für die Jugendpflege zuständige "Zentralstelle für Volkswohlfahrt" die Entwicklung der Berufsberatung voran. Der von ihr gegründete "Deutsche Ausschuss für Berufsberatung" schlug den Aufbau einer öffentlichen Berufsberatung vor, die die Jugendlichen nach Eignung und Interesse und unter Berücksichtigung des Arbeitsmarktes ins Berufsleben eingliedern sollte.

Dieser Grundsatz ist für die Berufsberatung auch heute noch bestimmend. Im entsprechenden Gesetzestext des SGB III heißt es daher: "Die Agentur für Arbeit hat durch Vermittlung darauf hinzuwirken, dass Ausbildungsuchende eine Ausbildungsstelle, Arbeitsuchende eine Arbeitsstelle und Arbeitgeber geeignete Auszubildende sowie geeignete Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer erhalten. Sie hat dabei die Neigung, Eignung und Leistungsfähigkeit der Ausbildungsuchenden und Arbeitsuchenden sowie die Anforderungen der angebotenen Stellen zu berücksichtigen." (§ 35 Abs. 2 SGB III).

Der erste Weltkrieg gab der Berufsberatung wichtige Impulse im Hinblick auf ihre institutionelle Verankerung. Durch den Arbeitskräftemangel während des Krieges war der Lehrstellenmarkt zusammengebrochen. Richtungsweisend war eine bayerische Verordnung, nachdem Berufsberatungsstellen den Arbeitsämtern zugeordnet werden sollten.

Nach Kriegsende wurde den Ländern die Möglichkeit eröffnet, in ihren Städten und Gemeinden eine öffentliche Berufsberatung und Lehrstellenvermittlung einzuführen. Die Regierungen in Preußen, Württemberg und Thüringen wiesen ihre Arbeitsämter (die damals überwiegend noch Arbeitsnachweis hießen) an, Berufsberatung und Lehrstellenvermittlung mit den Aufgaben der Arbeitsämter zu verbinden.

Im Jahr 1923 erließ die Reichsarbeitsverwaltung allgemeine Grundsätze für die Berufsberatung und Lehrstellenvermittlung innerhalb wie außerhalb der Zuständigkeit der Arbeitsämter:
  • Orientierung an Eignung und Neigung der Ratsuchenden,
  • Unparteilichkeit in der Beratung und Vermittlung und
  • Berücksichtigung der allgemeinen Lage auf dem Arbeitsmarkt.
Innerhalb der Arbeitsämter sollten Berufsberatung und Lehrstellenvermittlung räumlich und organisatorisch eng verknüpft sein.

Mit dem im Oktober 1927 in Kraft getretenen Gesetz über Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung (AVAVG) wurde der neuen Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung die Berufsberatung und Lehrstellenvermittlung als gleichberechtigte Pflichtaufgaben neben Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung übertragen. Die Grundsätze aus dem Jahr 1923 blieben weitgehend erhalten. Ergänzend kam hinzu, dass die Berufsberatung unentgeltlich zu sein hatte und weibliche Ratsuchende möglichst von Frauen in besonderen Abteilungen betreut werden sollten.

In der Zeit des Nationalsozialismus mutierten Berufsberatung und Lehrstellenvermittlung zur "Berufsnachwuchslenkung". Die Berufsberatung wurde zu einem Instrument, um junge Menschen in Mangelberufe zu dirigieren. Zudem kooperierte die Reichsanstalt auf dem Gebiet der Berufsberatung eng mit der Hitlerjugend und dem Bund Deutscher Mädel.

Erst das Grundgesetz beendete die Praxis der "Berufsnachwuchslenkung" und griff wieder auf die demokratischen Wurzeln aus der Weimarer Zeit zurück. Die 1952 gegründete "Bundesanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung" wurde fortan zum Träger der Berufsberatung. Zu den wichtigsten Aufgaben der neuen Bundesanstalt gehörte zunächst die Finanzierung von Ausbildungsmaßnahmen als Ersatz für fehlende Lehrstellen.

Im Jahr 1957 wurden Berufsberatung, Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung in einer Gesetzesnovelle gleichberechtigt auf eine Stufe gestellt. Die gesetzliche Neufassung definierte Berufsberatung als "jede Erteilung von Rat und Auskunft in Fragen der Berufswahl" und die zu ihren Aufgaben zählende Lehrstellenvermittlung als "jede Tätigkeit, die auf das Zustandekommen von beruflichen Ausbildungsverhältnissen gerichtet ist". Die Aufgaben der Bundesanstalt wurden um die Berufsaufklärung erweitert, die der Berufsberatung vorangehen und sie vorbereiten sollen. Berufsaufklärung bedeutete ein allgemeinverständliches Unterrichten und Interessieren von Einzelpersonen, Personengruppen (Schülergruppen, Eltern, Lehrerinnen und Lehrern) oder der Öffentlichkeit über Aufgaben, Bedeutung, Anforderungen, Ausbildungsgang, Verdienstmöglichkeiten, Aussichten und Entwicklung von Berufen. Zugleich wurde das Alleinrecht der Bundesanstalt auf die Berufsberatung bestätigt.

Das Arbeitsförderungsgesetz (AFG) von 1969 schuf eine neue rechtliche Grundlage für die Berufsberatung. Es wertete die Berufsaufklärung (ab 1977 Berufsorientierung genannt) deutlich auf und erhob sie in den Rang einer eigenständigen Fachaufgabe. Die Berufswahl wurde nicht mehr als einmalige Entscheidung verstanden, sondern als ein längerer Prozess, der von Anfang bis Ende vom Arbeitsamt begleitet werden sollte. Diese Konzeption kann als Reaktion auf den Strukturwandel der Wirtschaft, auf Rationalisierung und Automatisierung verstanden werden. Für die Durchführung von Berufsaufklärung, Berufsberatung und Vermittlung in berufliche Ausbildungsstellen schrieb das AFG der Bundesanstalt eine enge Zusammenarbeit mit den "Einrichtungen der allgemeinen und beruflichen Bildung" vor. Die Regelung, dass Beratung und Vermittlung von Frauen durch Frauen auszuüben sei, wurde aufgegeben, da eher Nachteile für die Frauen bei einer Trennung der Ratsuchenden nach Geschlechtern befürchtet wurden. Begutachtungen und Untersuchungen des Ärztlichen Dienstes und des zu Beginn der 1950er Jahre eingerichteten und der Berufsberatung organisatorisch angeschlossenen Psychologischen Dienstes wurden im AFG erstmals gesetzlich verankert.

In der ehemaligen DDR entwickelte sich die Berufsberatung anders, sie wurde den Betrieben übertragen. Die Betriebe sollten eigenständig Auszubildende entsprechend ihrem Fachkräftebedarf ausbilden. Um interessierte Schülerinnen und Schüler anzuwerben, bildeten die Betriebe Kommissionen, die in den Schulen ausgewählte Berufe vorstellten und bewarben. Die neue Verfassung der DDR, die am 6. April 1968 in Kraft trat, sah für alle Jugendlichen das Recht und die Pflicht zur Aufnahme einer Berufsausbildung vor. Die neuen polytechnischen Oberschulen richteten ihren Unterricht in Teilen bereits auf die Arbeitswelt aus. In den 1970er und 1980er Jahren wurden dann staatliche Stellen zur Berufsberatung eingeführt und auch Studienberatung angeboten. Berufsberatung wurde von staatlichen Stellen stets im Hinblick auf den Fachkräftebedarf durchgeführt.

Mit dem Übergang vom AFG zum SGB III zu Beginn des Jahres 1998 wurden die Aufgabenfelder "Beratung und Vermittlung" neu definiert. Zur Beratung gehören neben Berufsberatung auch Eignungsfeststellung, Berufsorientierung und Arbeitsmarktberatung. Unter "Berufsberatung" versteht das SGB III die Erteilung von Auskunft und Rat zur Berufswahl, beruflichen Entwicklung und zum Berufswechsel, zur Lage und Entwicklung des Arbeitsmarktes und der Berufe, zu den Möglichkeiten der beruflichen Bildung, zur Ausbildungs- und Arbeitsstellensuche und zu Leistungen der Arbeitsförderung. Die Berufsberatung erstreckt sich auch auf die Erteilung von Auskunft und Rat zu den Fragen der Ausbildungsförderung und der schulischen Bildung, soweit sie für die Berufswahl und die berufliche Bildung von Bedeutung sind (§ 30 SGB III).


Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/
Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autoren: Frank Oschmiansky, Kathrin Schultheis, Stefan Sell für bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.

 

Dossier

Rentenpolitik

Die Alterssicherung stellt, egal wie sie organisiert ist, in allen modernen Gesellschaften einen erheblichen Anteil an der Verwendung des Sozialprodukts dar. Sie ist quantitativ der Kernbereich des Sozialstaats. Weiter... 

Dossier

Gesundheitspolitik

Der Reformdruck im deutschen Gesundheitswesen hat deutlich zugenommen. Während noch vor wenigen Jahren nur Experten über die Finanzierbarkeit und Qualitätssicherung des Gesundheitssystems nachdachten, suchen heute viele Bürgerinnen und Bürger nach Antworten. Weiter... 

Publikationen zum Thema

Coverbild APuZ 26-2017 Arbeitsmarktpolitik

Arbeitsmarkt-
politik

Arbeitsmarktpolitik versucht den Rahmen zu setzen, in dem wir arbeiten. Dass sie dabei nicht immer a...

APuZ_15/2011_80.jpg

Humanisierung der Arbeit

"Hauptsache Arbeit!" lautet oft der Ruf – die Qualität der Arbeitsplätze rückt dabei in den Hin...

Gewerkschaften

Gewerkschaften

Mit dem Übergang vom wohlfahrts-
staatlichen Kapitalismus zum Finanzmarkt-Kapitalismus setzte ei...

Migration und Arbeitsmarkt

Migration und Arbeitsmarkt

Durch den demografischen Wandel droht der deutschen Gesellschaft nicht nur die Überalterung, sonder...

Arbeitsmarktpolitik

Arbeitsmarkt-
politik

Die Instrumente der Arbeitsmarkt- und Beschäftigungs-
politik haben sich im Laufe der Jahre stä...

APuZ48_2010.jpg

Arbeitslosigkeit

2003 verkündete Gerhard Schröder ein umfassendes Reformprogramm für Deutschland: die "Agenda 2010...

Arbeitslosigkeit: Psychosoziale Folgen

Arbeitslosigkeit: Psychosoziale Folgen

Der Verlust der eigenen Arbeit kann kann zu psychischen Beeinträchtigungen führen, die den Betroff...

Abstieg - Prekarität - Ausgrenzung

Abstieg - Prekarität - Ausgrenzung

Die Mittelschicht schrumpft. Immer mehr Menschen haben Angst vor dem sozialen Abstieg. Die aktuelle ...

Entgrenzung von Arbeit und Leben

Entgrenzung von Arbeit und Leben

Die Ansprüche der Arbeitswelt wachsen, dabei bleibt das Privatleben oft auf der Strecke. Aber wie l...

Grundeinkommen?

Grund-
einkommen?

Seit einiger Zeit diskutiert Deutschland über die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens. Ist e...

WeiterZurück

Zum Shop

Dossier

Demografischer Wandel

Zu- und Auswanderung, Geburtenrate, Sterblichkeit - die sind die drei zentralen Faktoren für die demografische Entwicklung. Der demografische Wandel wird unsere Gesellschaft spürbar verändern - ob auf Kommunal-, Landes- oder Bundesebene, im Bereich der Sozialversicherungen, der Arbeitswelt, der Infrastruktur oder der Familienpolitik. Das Dossier beleuchtet die wichtigsten Bereiche und skizziert den Stand der Debatte. Weiter...