Arbeitsmarktpolitik Dossierbild

11.8.2014 | Von:
Frank Oschmiansky
Kathrin Schultheis
Stefan Sell

Förderung der Berufsausbildung

Berufsberatung und Berufsorientierung heute

Die Bundesagentur für Arbeit – neben zum Teil vielen anderen Akteuren - unterstützt die Jugendlichen schon während der Schulzeit bei der Berufswahl. Berufsorientierung gibt es dabei als schulisches und außerschulisches Angebot. Neben Gruppeninformationen an den Schulen, Besuchen im Berufsinformationszentrum (BIZ) und individuellen Beratungsgesprächen bietet die Bundesagentur für Arbeit (BA) ein breites Spektrum an berufskundlichen Medien, Eignungstests und Informationen rund um die Bewerbung an. Zahlreiche Informationsangebote für Eltern und Lehrer sowie Vorträge und Workshops ergänzen die Palette.

Kernstück der Berufsberatung ist das persönliche Gespräch mit den Jugendlichen. Im Mittelpunkt der Beratungsgespräche stehen zum einen die Neigungen, Interessen, Fähigkeiten und Leistungen der Jugendlichen. Zum anderen informieren die Berater/-innen über Ausbildungsberufe und Studiengänge, stellen auch weniger bekannte Alternativen vor und beraten über Chancen und Risiken auf dem Arbeits- und Ausbildungsmarkt. Noch immer ist es nämlich nur eine geringe Anzahl von unterschiedlichen Berufen, die auf dem "Wunschzettel" der Ausbildungsstellensuchenden steht.

Vermittlungswünsche der Ausbildungsstellensuchenden 2012/13, nach Geschlecht

Top 10 Frauen Top 10 Männer
1.Medizinische FachangestellteKFZ-Mechatroniker – PKW-Technik
2. Bürokauffrau Kaufmann im Einzelhandel
3.Verkäuferin Industriemechaniker
4.Kauffrau im Einzelhandel Verkäufer
5.Industriekauffrau Bürokaufmann
6. Friseurin Industriekaufmann
7.Zahnmedizinische Fachangestellte Tischler
8. Kauffrau für Bürokommunikation Fachkraft für Lagerlogistik
9. Bankkauffrau Fachlagerist
10. Hotelfachfrau Mechatroniker

Quelle: Bundesagentur für Arbeit 2013

Unbesetzt bleiben häufig Ausbildungsstellen im Bereich Lebensmittelhandwerk wie Koch/Köchin, Fachverkäufer/-in im Lebensmittelhandwerk, Bäcker/-in, Fleischer/-in und Stellen im Gastgewerbe.

Für einen Teil der Jugendlichen ist die "erste Schwelle" von der Schule in einen Ausbildungsplatz eine hohe Hürde. Vor allem, wenn die Schulnoten schlecht oder die Sprachkenntnisse nicht ausreichend sind, gelingt der Wechsel von der Schule in die Berufsausbildung nur mit großen Schwierigkeiten. Deshalb richtet die BA besonderes Augenmerk auf Schul- und Ausbildungsabbrecher, Jugendliche mit Migrationshintergrund, sozial Benachteiligte, behinderte Jugendliche, Rehabilitanden und Jugendliche, die schon in früheren Jahren vergeblich eine Ausbildungsstelle gesucht haben. Die Jugendlichen können bei Bedarf mit Fördermaßnahmen unterstützt werden. Einige Förderinstrumente werden im Folgenden kurz beschrieben. Fördermaßnahmen der BA richten sich überwiegend an Jugendliche, die als "nicht ausbildungsreif" gelten. Im Gesetzestext ist diesbezüglich von besonders förderungsbedürftigen jungen Menschen die Rede. Der Begriff der Ausbildungsreife ist umstritten, wie an dieser Stelle nachgelesen werden kann.

Fördermaßnahmen/-programme

Die Maßnahmen zur Berufswahl nach dem SGB III sind in §§ 48 ff. SGB III geregelt. Sie gliedern sich in Maßnahmen zum Übergang von der Schule in den Beruf (§§ 48 f. SGB III), Maßnahmen zur Berufsvorbereitung (§§ 51 ff.) und ausbildungsbegleitende Maßnahmen (§ 73 ff.). Die Maßnahmen sind teilweise dem Übergangssystem zuzurechnen, welches hier vorgestellt wird.

Maßnahmen zur Berufsorientierung nach § 48 SGB III sollen Jugendlichen, die noch keine Entscheidung über ihre Berufswahl getroffen haben, eine vertiefte Berufsorientierung ermöglichen. Die BA beteiligt sich an den Kosten für Maßnahmen zur Berufsorientierung hälftig. Die andere Hälfte der Kosten wird von Dritten, zum Beispiel Schulen oder Bildungsträgern getragen. Die Teilnahme an Maßnahmen der Berufsorientierung ist für die Jugendlichen kostenfrei.

Um besonders förderungsbedürftigen jungen Menschen den Übergang von der Schule in eine Berufsausbildung zu erleichtern, können zudem Berufseinstiegsbegleiter/-innen eingesetzt werden (§ 49 SGB III). Die Berufseinstiegsbegleitung hat zum Ziel, die Chancen leistungsschwächerer Schüler/-innen auf Integration in den Ausbildungsmarkt zu erhöhen. Sie basiert auf dem Konzept der frühzeitigen und lückenlosen Begleitung durch professionelle, berufs- und lebenserfahrene Ausbildungspaten. Das Angebot umfasst die Zeit von der Vorabgangsklasse bis zur Einmündung in die Ausbildung. Es endet ein halbes Jahr nach Ausbildungsbeginn, spätestens aber 24 Monate nach Beendigung der allgemeinbildenden Schule. Dieses Arrangement soll den Aufbau eines vertrauensvollen Verhältnisses zwischen Jugendlichen und Paten ermöglichen, auf dessen Grundlage die Paten Unterstützung bei allen Stationen des Berufsfindungs- und Einmündungsprozesses leisten (Berufsorientierung, Berufswahl, Ausbildungsbefähigung, Bewerbungsprozess, Ausbildungsbeginn).

Ein zentrales Förderinstrument nach dem SGB III sind Berufsvorbereitende Bildungsmaßnahmen (BvB) (§ 51 ff. SGB III). Berufsvorbereitende Bildungsmaßnahmen haben die Funktion, die Ausbildungsfähigkeit (Ausbildungsreife) herzustellen oder sie dienen der beruflichen Eingliederung. Eine berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme kann gefördert werden, wenn sie
  • nicht den Schulgesetzen der Länder unterliegt und
  • nach Ausbildung und Berufserfahrung des Leiters und des Ausbildungs- und Betreuungspersonals, Gestaltung des Lehrplans, Unterrichtsmethode und Güte der zum Einsatz vorgesehenen Lehr- und Lernmittel eine erfolgreiche berufliche Bildung erwarten lässt.
Von der Konzeption her sind BvB eine Mischung aus praktisch-anwendungsbezogenen und theoretischen Elementen. Nach § 53 SGB III haben förderungsbedürftige jungen Menschen das Recht, einen Hauptschulabschluss nachzuholen und durch die Bundesagentur für Arbeit hierzu gefördert zu werden. Die Leistung wird jedoch nur dann erbracht, wenn nicht Dritte eine gleiche Förderung erbringen. Aus diesem Grund können BvB nicht nur zur Erleichterung der beruflichen Eingliederung auch allgemeinbildende Fächer enthalten, sie können auch auf den nachträglichen Erwerb des Hauptschulabschlusses vorbereiten.

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Berufsvorbereitende Bildungsmaßnahmen (BvB)

2012 legt die Bundesagentur für Arbeit ein neues Fachkonzept für die berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahmen vor. Die Inhalte von BvB umfassen demnach
  • Berufsorientierung/Berufswahl,
  • berufliche Grundfertigkeiten,
  • betriebliche Qualifizierung,
  • Grundlagenqualifizierung IT- und Medienkompetenz,
  • arbeitsplatzbezogene Einarbeitung,
  • Bewerbungstraining,
  • Sprachförderung,
  • einen allgemeinen Grundlagenbereich und nachträglichen Erwerb des Hauptschulabschlusses bzw. eines gleichwertigen Schulabschlusses
und weiter
  • Mobilitätstraining,
  • interkulturelles Training,
  • zielgruppenspezifische Angebote (z. B. Frauenförderung) und
  • Gendertraining.
Quellen: Bundesagentur für Arbeit (2012): Fachkonzept für berufsvorbereitende Bildungsmaßnahmen nach §§ 51 ff. SGB III (BvB 1 bis 3) (November 2012)


2007 wurde mit der Einstiegsqualifizierung ein neues Förderinstrument in das SGB III aufgenommen. Sie startete 2004 als Sonderprogramm des Bundes im Rahmen des "Nationalen Pakts für Ausbildung und Fachkräftenachwuchs in Deutschland". Wesentliches Ziel war die von den Spitzenverbänden der Wirtschaft zugesagte Steigerung der Ausbildungsleistung durch die Einwerbung von 30.000 neuen Ausbildungsplätzen jährlich. Flankiert wurde dieses Ziel durch die Einführung der betrieblichen Einstiegsqualifizierung Jugendlicher. Die Wirtschaftsvertreter verpflichteten sich, für die Dauer des Paktes jährlich 25.000 Plätze für eine Einstiegsqualifizierung bereitzustellen; die Bundesregierung sagte im Gegenzug zu, den Betrieben die Vergütung der Praktikanten sowie pauschaliert die Sozialversicherungsbeiträge zu erstatten. Die Praktikumsvergütung konnte mit bis zu 192 Euro monatlich zuzüglich des pauschalierten Sozialversicherungsbeitrages gefördert werden. Seit Oktober 2007 werden Einstiegsqualifizierungen durch die Agenturen für Arbeit und die Träger der Grundsicherung für Arbeitsuchende als gesetzliche Regelleistung (§ 54a SGB III) gefördert. Derzeit beträgt die monatliche Förderung 216 Euro zuzüglich der pauschalisierten Sozialversicherungsbeiträge. Die Einstiegsqualifizierung wird für die Dauer von sechs bis zwölf Monaten gefördert. Eine einschlägige Einstiegsqualifizierung kann auf die Berufsausbildung angerechnet werden und ihre Gesamtdauer verkürzen. Ein Rechtsanspruch auf die Anrechnung existiert jedoch nicht.

Förderung der Berufsausbildung für besonders förderungsbedürftige junge Menschen

Jugendliche und junge Erwachsene, die einen besonderen Förderungsbedarf aufweisen, um eine Ausbildungsstelle oder einen Ausbildungsabschluss erreichen zu können, können hierfür eine Förderung durch die Agenturen für Arbeit erhalten. Die Leistungen werden größtenteils den Ausbildungsbetrieben gewährt und insbesondere finanzielle Leistungen überwiegend nicht an die Auszubildenden ausgezahlt. Die Leistungen sind in § 73 ff. SGB III gesetzlich geregelt.

Einen Zuschuss zur Ausbildungsvergütung können Betriebe erhalten, die behinderte oder schwerbehinderte Menschen ausbilden, die die Ausbildung ohne die Zuschüsse nicht erfolgreich abschließen können. Den Betrieben kann 60 % der Ausbildungsvergütung (80 % bei schwerbehinderten Auszubildenden) zuzüglich eines pauschalierten Beitrags für die Sozialversicherungsbeiträge erstattet werden.

Junge Menschen können während ihrer Berufsausbildung ausbildungsbegleitende Hilfen (abH) erhalten, wenn der Ausbildungsabschluss gefährdet ist. Nach § 75 SGB III können als ausbildungsbegleitende Hilfen Maßnahmen
  1. zum Abbau von Sprach- und Bildungsdefiziten,
  2. zur Förderung fachpraktischer und fachtheoretischer Fertigkeiten, Kenntnisse und Fähigkeiten und
  3. zur sozialpädagogischen Begleitung
gewährt werden. Diese Maßnahmen werden zumeist von Bildungsträgern erbracht, deren Kosten nach § 74 SGB III bei Erfüllung der gesetzlichen Voraussetzungen durch die Agentur für Arbeit erstattet werden. Eine klassische Form der abH ist der außerschulische Nachhilfeunterricht für Berufsschüler/-innen.

Eintritte in Maßnahmen der Berufsausbildung 2012, nach GeschlechtEintritte in Maßnahmen der Berufsausbildung 2012, nach Geschlecht (PDF-Icon Grafik zum Download 52 KB) (© bpb)
Wenn Träger junge Menschen in einer außerbetrieblichen Einrichtung ausbilden (Berufsausbildung in einer außerbetrieblichen Einrichtung (BaE)), die Ausbildung also durch Beschäftigte des Trägers durchgeführt wird, weil kein Ausbildungsvertrag mit einem Ausbildungsbetrieb erreicht werden konnte, können die Maßnahmeträger durch die Agenturen für Arbeit eine Kostenerstattung für ihre Maßnahmekosten erhalten (§ 74 SGB III). Es wird ein frühzeitiger Übergang in eine betriebliche Ausbildung, möglichst bereits im ersten Ausbildungsjahr, angestrebt. Gelingt der Übergang nicht, wird die Ausbildung bis zum Abschluss außerbetrieblich fortgeführt. Für die Durchführung erhalten die Bildungsträger die erforderlichen Maßnahmekosten sowie Zuschüsse zu der vom Bildungsträger an die Auszubildenden bezahlte Ausbildungsvergütung.

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