Arbeitsmarktpolitik Dossierbild

11.8.2014 | Von:
Frank Oschmiansky
Kathrin Schultheis
Stefan Sell

Förderung der Berufsausbildung

Die Förderaktivitäten auf der Länderebene werden maßgeblich durch die Richtlinien der EU zur Verwendung der Mittel aus dem Europäischen Sozialfonds (ESF) bestimmt und werden in den operationellen Programmen der Länder unter verschiedenen strategischen Zielsetzungen angesiedelt. Typisches Merkmal der Förderlandschaft auf Länderebene sind zudem Programme, in denen unterschiedliche Maßnahmen zur Eingliederung Jugendlicher in Ausbildung umgesetzt werden. In nahezu allen Ländern finden sich Initiativen wie beispielsweise das "Fit for Work"-Programm in Bayern oder "Berufswahl Richtig Angehen Frühzeitig Orientieren" in Sachsen-Anhalt, die verschiedene Handlungsansätze, welche zu derselben Zielsetzung beitragen, zusammenfassen. Hierunter fallen beispielsweise Ansätze zum Aufbau von Strukturen zur Jugendförderung, die Unterstützung kleinerer und mittelgroßer Unternehmen bei der Ausbildung im Verbund sowie eine verstärkte Ausbildungsberatung. Zudem werden betriebliche Ausbildungsplätze für förderfähige Jugendliche direkt finanziell bezuschusst und die überbetriebliche Ausbildung gefördert.

Einige Länderministerien legen auch Programme auf, die passgenau auf den besonderen länderspezifischen Bedarf zugeschnitten werden. In den Stadtstaaten, die über einen hohen Ausländeranteil verfügen, werden diese Programme zum Beispiel verstärkt auf Jugendliche mit Migrationshintergrund oder junge Arbeitslosengeld II-Empfänger/-innen ausgerichtet. So implementierte das Land Berlin ein Instrument, welches auf die Integration in Ausbildung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund ausgerichtet ist. Dabei sollen der öffentliche Dienst und Unternehmen mit Landesbeteiligung mit gutem Beispiel voran gehen. Viele der neuen Bundesländer verbinden die Programme zur beruflichen Integration von Jugendlichen mit der regionalpolitischen Zielsetzung, der Abwanderung junger Arbeitskräfte in den betroffenen Ländern entgegenzuwirken. Das Land Sachsen-Anhalt führt daher schon seit dem Jahr 2004 ein Programm "Gegen Abwanderung junger Landeskinder" durch und auch die brandenburgischen Programme "LANDaktiv" und "Einstiegszeit für Jugendliche in Brandenburg" sollen verhindern, dass Jugendliche aufgrund drohender Arbeitslosigkeit nach Alternativen in anderen Bundesländern suchen.

Die umfangreichen Maßnahmen, die von EU, Bund, Ländern und Kommunen finanziert und durchgeführt werden haben sich zu einem fast undurchsichtigen Maßnahmendschungel entwickelt. Die Angebote der Förderung beim Übergang von Schule und Berufen sind so vielfältig, dass erste Bundesländer Programme aufgelegt haben, um das Übergangssystem zu systematisieren. Ein Beispiel ist die Landesinitiative Kein Abschluss ohne Anschluss - Übergang Schule - Beruf in NRW (bzw. http://www.berufsorientierung-nrw.de/start/).

Pro und Contra

Die Berufsausbildung gilt als zentraler Faktor für die niedrige Jugendarbeitslosenquote Deutschlands. Die Förderung der Berufsausbildung ist hingegen umstritten. Wie bereits dargestellt, ist das Konzept der mangelnden Ausbildungsreife ein vielfach diskutiertes. Die Qualität der Förderinstrumente wird ebenfalls kritisch betrachtet. Die fehlende Zertifizierung und Standardisierung von Maßnahmen der Berufsvorbereitung und -orientierung und das unübersichtliche Förderrepertoire (dessen Vielfältigkeit hier nur in Ansätzen wiedergegeben werden konnte) werden häufig kritisch hinterfragt. Die Kritik zielt weiterhin auf die Verteilung der Neuzugänge in die drei Sektoren der Berufsausbildung ab, da lediglich die Hälfte der Ausbildungsverträge derzeit noch im dualen System abgeschlossen wird. Die SPD möchte neben der Akquise neuer Ausbildungsplätze notfalls auch die beruflichen Fördermaßnahmen ausweiten, um jedem Schulabgänger einen Ausbildungsplatz garantieren zu können.

Zitat

Willy Brase (MdB, SPD)

Mit einer Ausbildungsplatzgarantie will die SPD-Bundestagsfraktion das Übergangssystem perspektivisch überwinden. Zentrale Voraussetzungen dafür sind der systematische Ausbau der persönlichen Begleitung und nachhaltige Beratung an den Schulen, die betriebliche Einstiegsqualifizierung als gezielte Fördermaßnahme und die Weiterentwicklung des regionalen Bildungsmanagements. Im Falle eines zu geringen Ausbildungsplatzangebots wollen wir zur Sicherung des Fachkräftebedarfs gemeinsam mit den Tarifpartnern Branchen- oder Qualifizierungsfonds einrichten.

Die CDU hingegen möchte die Fördermaßnahmen überprüfen und konsolidieren, um die Übersichtlichkeit zu erhöhen und Kosten einzusparen.

Zitat

Albert Rupprecht (MdB, CSU

Gut gemeint ist noch lange nicht gut gemacht. Mit unzähligen Programmen versuchen Bund und Länder seit der Lehrstellenkrise unter Rot-Grün unversorgte Ausbildungsplatzbewerber zu qualifizieren – mit mäßigem Erfolg. Viele, die unter Bundeskanzler Gerhard Schröder die Schule verlassen haben, sind heute noch immer ohne Berufsabschluss und arbeitslos. Bei ihnen hat das Übergangssystem versagt. Daraus müssen wir unsere Lehren ziehen. Das gesamte Übergangssystem gehört auf den Prüfstand. Die Überprüfung und Konsolidierung hat für unsere Arbeitsgruppe höchste Priorität. Ein ‚Weiter So‘ können wir gegenüber den Jugendlichen und auch den Steuerzahlern nicht verantworten.

Unter denjenigen Personen, die das Konzept der (mangelnden Ausbildungsreife) anerkennen wird allgemein befürwortet, dass Jugendliche, die nicht ausbildungsreif sind oder die aus unterschiedlichsten Gründen keine Chance auf einen Ausbildungsplatz haben, in Vorbereitungsmaßnahmen oder außerbetrieblichen Einrichtungen auf die Aufnahme einer Berufsausbildung vorbereitet bzw. ausgebildet werden.

Vergleichsweise unumstritten sind Berufsberatung und Berufsorientierung. Hier keimt ab und an die Frage auf, ob diese überwiegend aus Beitragsmitteln der BA finanziert werden sollen. Zugleich wird darauf verwiesen, dass kaum Analysen zur Qualität vorliegen. Im Koalitionsvertrag für die 18. Legislaturperiode haben sich CDU/CSU und die SPD darauf verständigt bundesweit sog. Jugendberufsagenturen nach Hamburger Vorbild einzuführen.

Quellentext

Übergang Schule – Ausbildung – Beruf

Die beste und effizienteste Vorsorge gegen Ausbildungsabbrüche und lange Zeiten von Arbeitslosigkeit im Lebensverlauf sind passgenaue und tragfähige Übergänge von der Schule in Ausbildung und Beruf. Daher wollen wir den erfolgreichen Ausbildungs- und Berufseinstieg für leistungsschwache Jugendliche erleichtern und gezielt begleiten.

Flächendeckend einzurichtende Jugendberufsagenturen sollen die Leistungen nach den Sozialgesetzbüchern II, III und VIII für unter 25-Jährige bündeln. Datenschutzrechtliche Klarstellungen sollen den notwendigen Informationsaustausch erleichtern. Junge Menschen, deren Eltern seit Jahren von Grundsicherung leben, sollen gezielt Unterstützung bekommen.

Quelle: Deutschlands Zukunft gestalten. Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD 18. Legislaturperiode


In Jugendberufsagenturen sollen für Jugendliche und junge Erwachsenen, die eine Ausbildungsstelle suchen, alle Informationen und Hilfestellungen "unter einem Dach" angeboten werden. Vereinzelt werden Jugendberufsagenturen bereits seit einigen Jahren betrieben. Das erst Ende 2012 errichtete Hamburger Modell der Jugendberufsagentur gilt als Vorzeigemodell. Dort sollen Mitarbeiter/-innen der Arbeitsagenturen, der Jobcenter und der Jugendämter (insbesondere Jugendberufshilfe) die Jugendlichen umfassend beraten und durch Informationsbündelung zur Transparenz des Ausbildungsmarktes beitragen. Die Einrichtung von Jugendberufsagenturen ist nicht verpflichtend. Auch die Zielgruppe, also welche Personen genau die Jugendberufsagenturen in Anspruch nehmen können, soll vor Ort nach den lokalen Gegebenheiten entschieden werden.

Ziel der Einrichtung von Jugendberufsagenturen ist die Verbesserung der Transparenz über das Angebot von Ausbildungsstellen und insbesondere der Förderungen und des Maßnahmeangebots. Zudem soll mit der Einrichtung der Jugendberufsagenturen gewährleistet werden, dass alle Jugendlichen und jungen Erwachsenen umfassend beraten werden und keine Nachteile für Einzelne aufgrund der unterschiedlichen gesetzlichen Förder- und Zuständigkeitsstrukturen entstehen. Für die Fachkräfte, die in den Jugendberufsagenturen tätig sind, kann ebenfalls eine größere Transparenz geschaffen werden, wenn im Rahmen von gemeinsamen Dienstbesprechungen der Entstehung von Doppelstrukturen vorgebeugt werden kann.

Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/ Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autoren: Frank Oschmiansky, Kathrin Schultheis, Stefan Sell für bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


Dossier

Rentenpolitik

Die Alterssicherung stellt, egal wie sie organisiert ist, in allen modernen Gesellschaften einen erheblichen Anteil an der Verwendung des Sozialprodukts dar. Sie ist quantitativ der Kernbereich des Sozialstaats.

Mehr lesen

Dossier

Gesundheitspolitik

Der Reformdruck im deutschen Gesundheitswesen hat deutlich zugenommen. Während noch vor wenigen Jahren nur Experten über die Finanzierbarkeit und Qualitätssicherung des Gesundheitssystems nachdachten, suchen heute viele Bürgerinnen und Bürger nach Antworten.

Mehr lesen

Publikationen zum Thema

Coverbild APuZ 26-2017 Arbeitsmarktpolitik

Arbeitsmarkt-
politik

Arbeitsmarktpolitik versucht den Rahmen zu setzen, in dem wir arbeiten. Dass sie dabei nicht immer a...

APuZ_15/2011_80.jpg

Humanisierung der Arbeit

"Hauptsache Arbeit!" lautet oft der Ruf – die Qualität der Arbeitsplätze rückt dabei in den Hin...

Gewerkschaften

Gewerkschaften

Mit dem Übergang vom wohlfahrts-
staatlichen Kapitalismus zum Finanzmarkt-Kapitalismus setzte ei...

Migration und Arbeitsmarkt

Migration und Arbeitsmarkt

Durch den demografischen Wandel droht der deutschen Gesellschaft nicht nur die Überalterung, sonder...

Arbeitsmarktpolitik

Arbeitsmarkt-
politik

Die Instrumente der Arbeitsmarkt- und Beschäftigungs-
politik haben sich im Laufe der Jahre stä...

APuZ48_2010.jpg

Arbeitslosigkeit

2003 verkündete Gerhard Schröder ein umfassendes Reformprogramm für Deutschland: die "Agenda 2010...

Arbeitslosigkeit: Psychosoziale Folgen

Arbeitslosigkeit: Psychosoziale Folgen

Der Verlust der eigenen Arbeit kann kann zu psychischen Beeinträchtigungen führen, die den Betroff...

Abstieg - Prekarität - Ausgrenzung

Abstieg - Prekarität - Ausgrenzung

Die Mittelschicht schrumpft. Immer mehr Menschen haben Angst vor dem sozialen Abstieg. Die aktuelle ...

Entgrenzung von Arbeit und Leben

Entgrenzung von Arbeit und Leben

Die Ansprüche der Arbeitswelt wachsen, dabei bleibt das Privatleben oft auf der Strecke. Aber wie l...

Grundeinkommen?

Grund-
einkommen?

Seit einiger Zeit diskutiert Deutschland über die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens. Ist e...

Zum Shop

Dossier

Demografischer Wandel

Zu- und Auswanderung, Geburtenrate, Sterblichkeit - die sind die drei zentralen Faktoren für die demografische Entwicklung. Der demografische Wandel wird unsere Gesellschaft spürbar verändern - ob auf Kommunal-, Landes- oder Bundesebene, im Bereich der Sozialversicherungen, der Arbeitswelt, der Infrastruktur oder der Familienpolitik. Das Dossier beleuchtet die wichtigsten Bereiche und skizziert den Stand der Debatte.

Mehr lesen