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Berufliche Bildung im internationalen Vergleich


11.8.2014
Das duale System der Berufsausbildung eröffnet den Ausbildungsabsolventinnen und -absolventen berufliche Perspektiven, die im Idealfall auf die dauerhafte Integration in einem Betrieb ausgerichtet sind. Es verfügt also über eine besondere Integrationsfunktion. In vielen Staaten ist aber nicht das duale Ausbildungssystem, sondern ein schulisches Ausbildungssystem oder "training on the job" das vorherrschende System der Berufsausbildung. Wie wirkt sich diese Heterogenität auf dem Arbeitsmarkt aus?

Landwirtschaftliche Landeslehranstalt Rotholz, Tirol/ÖsterreichLandwirtschaftliche Landeslehranstalt Rotholz, Tirol/Österreich. Das Engagement der öffentlichen Hand unterscheidet sich hinsichtlich der Höhe der öffentlichen Ausgaben für die berufliche Erstausbildung. (© picture-alliance, APA/picturedesk.com)


Systeme der Berufsausbildung



2013 hat die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in ihrem Deutschlandbericht zur Studie "Skills beyond school" der dualen Berufsausbildung einen besonderen Stellenwert zugemessen. Dort wurden der starke Praxisbezug der Berufsausbildung und der damit verbundene "reibungslose Übergang von der Schule in das Berufsleben" als "solides Fundament für eine spätere Weiterqualifizierung" und die damit verbundenen beruflichen Aufstiegsmöglichkeiten hervorgehoben. Verbesserungsbedarf wurde weniger im Bereich der (dualen) Berufsausbildung, sondern mehr für die Flexibilität und Durchlässigkeit der Hochschulen und im Bereich der beruflichen Weiterbildung identifiziert.

Eine Berufsausbildung wird in Deutschland traditionell in Anbindung an einen Ausbildungsbetrieb im dualen System oder in Vollzeitschulform an Berufs(fach)schulen absolviert. Derzeit existieren 348 staatliche anerkannte Ausbildungsberufe in Deutschland. Für Jugendliche und junge Erwachsene, die nach ihrem Schulabschluss keine Ausbildungsstelle finden konnten, wird im sogenannten Übergangssystem eine Vielzahl von Bildungsgängen angeboten, die eine berufliche oder persönliche Qualifizierung vermitteln sollen und die Eingliederung in eine Berufsausbildung zum Ziel haben. Berufsberatung, Berufsorientierung und Ausbildungsstellenvermittlung werden per Gesetz auch von den Arbeitsagenturen und ihren Berufsberaterinnen und Berufsberatern erbracht, um Schülerinnen und Schülern frühzeitig beim Übergang von allgemeinbildender Schule in eine Berufsausbildung zu begleiten. Der Gesetzgeber sieht hierzu auch finanzielle Fördermöglichkeiten vor.

Schulberufssystem und duale Berufsausbildung sind im europaweiten Vergleich die dominierenden Formen der beruflichen Ausbildung. Dennoch ist die Berufsausbildung international von großer Heterogenität geprägt. Zwar werden in allen EU-Staaten überwiegend entweder duale Berufsausbildung oder vollzeitschulische Berufsausbildung angeboten, jedoch unterscheiden sich die Ausbildungsstruktur und insbesondere die Relevanz der Berufsausbildungssysteme von Staat zu Staat deutlich. So existieren beispielsweise in Belgien, Frankreich und Finnland analog zu Deutschland ein duales sowie ein schulisches Ausbildungsmodell. Die duale Berufsausbildung nimmt jedoch in beiden Staaten nur einen sehr geringen Stellenwert ein, das Vollzeitschulberufssystem ist hingegen weit ausgebaut. In anderen Staaten, wie beispielsweise Island und Estland, wird Berufsausbildung ausschließlich an Berufsschulen angeboten.

Auch die Zugangsbedingungen variieren zwischen den Nationalstaaten. In Norwegen gilt eine Ausbildungsplatzgarantie und die Berufsausbildung wird ausschließlich schulisch durchgeführt. In Litauen gilt ein Mindestalter von 14 Jahren, was im EU-Vergleich besonders niedrig ist. Einige Staaten bieten eine Berufsausbildung in verschiedenen Qualifizierungsstufen an, die unterschiedliche Abschlüsse vermitteln, welche je nach Land von beruflicher Grundbildung (niedrigste Stufe) bis hin zum Gesellenbrief oder der Hochschulreife (höchste Stufe) reichen. Aber auch hier sind die Systeme sehr heterogen: In Rumänien müssen die Auszubildenden für die Zulassung zur höchsten Qualifikationsstufe bereits das Abitur nachweisen.

Marius Busemeyer, Professor für Politikwissenschaft an der Universität Konstanz, unterscheidet die Berufsausbildungssysteme entlang zweier Dimensionen: dem Engagement der öffentlichen Hand und dem Engagement der Betriebe in der beruflichen Erstausbildung.

Das Engagement der öffentlichen Hand unterscheidet sich hinsichtlich der Höhe der öffentlichen Ausgaben für die berufliche Erstausbildung (öffentliche Ausgaben können beispielsweise für die Unterhaltung von staatlichen Berufsschulen, Lehrpersonal und –material getätigt werden, aber auch für staatlich finanzierte Ausbildungsvermittlung), der unterschiedlich stark ausgeprägten Mechanismen der Zertifizierung von beruflichen Fertigkeiten und einer unterschiedlich starken Verknüpfung der beruflichen Erstausbildung mit Weiterbildung und aktiver Arbeitsmarktpolitik. Das Engagement der Betriebe kann vor allem hinsichtlich der Beteiligungsbereitschaft der Betriebe an der beruflichen Erstausbildung unterschieden werden. Inwieweit ist ein Betrieb dazu bereit, Ressourcen (vor allem Zeit, Geld und Arbeitsmittel) in die Berufsausbildung zu investieren, auch wenn die in der Berufsausbildung erworbenen Fähigkeiten zu einer überbetrieblichen Mobilität der Arbeitnehmenden führen, sie ihre beruflichen Kenntnisse also nach erfolgreich absolvierter Berufsausbildung auch in anderen Unternehmen als dem Ausbildungsbetrieb verwenden können. Anhand dieser Kriterien können vier Ausbildungssysteme unterschieden werden:
  1. etatistisches Ausbildungssystem (hohes öffentliches Engagement, niedriges betriebliches Engagement),
  2. liberales Ausbildungssystem (niedriges öffentliches und betriebliches Engagement),
  3. segmentalistisches Ausbildungssystem (niedriges öffentliches Engagement, hohes betriebliches Engagement und
  4. kollektives Ausbildungssystem (hohes öffentliches und hohes betriebliches Engagement).
Je nach Ausbildungssystem dominiert ein schulisches oder ein duales Ausbildungssystem. In liberalen Systemen ist auch ein vorrangig betriebliches Ausbildungssystem zu identifizieren. Als Beispiel für Staaten mit etatistischem System ist Frankreich zu nennen. Die Berufsbildung obliegt dort überwiegend dem zuständigen staatlichen Ministerium und den Regionen. Die Sozialpartner sind ebenfalls beteiligt. Sie haben Regulierungsinstanzen geschaffen und fungieren bei Fragen der Berufsbildung als beratender Gesprächspartner für die öffentliche Hand. Die Berufsbildung in Frankreich wird vorrangig von staatlichen Berufsschulen und technischen Fachschulen durchgeführt. Eine Art der dualen Berufsausbildung existiert auch in Frankreich. Etwa jede/r vierte Auszubildende ist dem dualen System zuzuordnen. Die duale Berufsausbildung endet mit einem Zertifikat, das den Ausbildungsabsolventen die berufliche Qualifikation für ein relativ weites Berufsfeld - z.B. Gesundheitswesen oder Einzelhandel - bescheinigt.

Das Ausbildungssystem Großbritanniens kann als liberales Ausbildungssystem bezeichnet werden. In England und Wales können berufliche Prüfungen nicht nur von Auszubildenden, sondern von jeder Person abgelegt werden. Wie und wann die geprüften beruflichen Kenntnisse erworben wurden, spielt keine Rolle. Ausbildungsangebote werden sowohl von privaten und staatlichen Instituten als auch von Arbeitgebern angeboten. Letztere bieten teilweise nicht nur die Ausbildung im Betrieb an, sondern darüber hinaus auch außerbetriebliche Ausbildung in Weiterbildungszentren. Die nach bestandener Prüfung erworbenen Zertifikate werden durch verschiedene Zertifizierungsagenturen vergeben und sind daher nicht landesweit standardisiert. Am weitesten verbreitet sind die Part One GNVQs für 14 bis 16-Jährige und GNVQs (General National Vocational Qualification).

Erstgenannte bieten eine berufsbezogene Vorbereitung für eine Berufsausbildung oder Erwerbstätigkeit, zweitgenannte führen in bis zu zweijährigen Ausbildungsgängen zu berufsqualifizierenden Zertifikaten – je nach gewählten Fächern – im kaufmännischen, sozialen oder informationstechnologischen Bereich. Beide Varianten richten sich an Schüler/-innen, die nach ihrem Schulabschluss weiter an einem Vollzeitausbildungsprogramm teilnehmen. Berufsbegleitend und insbesondere auch als Angebot für Ältere konzipiert, werden die NVQs (National Vocational Qualifications) verstärkt praxisbezogen angeboten und die Auszubildenden dual in Betrieben und staatlichen Angeboten ausgebildet. Eine Vergütung erhalten sie in den Praxisphasen durch die Betriebe. In England und Wales versucht man also eine betriebsübergreifende Zertifizierung beruflicher Kenntnisse zu erreichen, ohne den Ausbildungsweg zu stark formalisieren zu wollen.

Das japanische Ausbildungssystem entspricht dem segmentalistischem System. Das staatliche Angebot zur beruflichen Ausbildung umfasst eine Vielzahl schulischer Angebote. An den Fachoberschulen werden berufliche Kenntnisse in Form von theoretischem Unterricht vermittelt. Es existieren zum Beispiel Programme in den Bereichen Hauswirtschaft, Pflege, Fischerei, Informatik, Kunst, Musik etc. Beliebter als die Berufsfachschulen sind jedoch die akademische Ausbildung an Universitäten und der Besuch allgemeinbildender Oberschulen. Für eine Vielzahl von Berufsfachschülerinnen und -schülern ist die Ausbildung die Alternative zu einer Hochschulausbildung, die sie nicht beginnen konnten (z.B. wegen fehlender schulischer Qualifikation). Ein zweites Ausbildungssegment, das jedoch nicht mit dem staatlichen System systematisch verzahnt ist, wird durch die Betriebe angeboten. Sie engagieren sich stark für die Qualifizierung ihrer Mitarbeiter/-innen. Eine Standardisierung oder betriebsübergreifende Zertifizierung der Kenntnisse wird jedoch nicht angestrebt. Das japanische Ausbildungssystem stellt sich demnach zweigeteilt, also segmentiert, dar.

Das deutsche Ausbildungssystem gehört zu den kollektiven Ausbildungssystemen, d.h. ein hohes Engagement der öffentlichen Hand trifft auf ein ebenso starkes betriebliches Engagement. Das öffentliche Engagement drückt sich überwiegend durch die Bereitstellung finanzieller Mittel aus: Berufsschulen, Lehrpersonal und Unterrichtsmaterial sowie die dazugehörige Infrastruktur werden den Betrieben und Auszubildenden kostenlos zu Verfügung gestellt. Dies gilt sowohl für die theoretische Ausbildung im dualen System als auch für die Ausbildungsgänge des Schulberufssystems. Die Betriebe übernehmen im dualen System die Kosten der praktischen Berufsausbildung in ihren eigenen und externen Betriebsstätten, die Personalkosten (inkl. Bewerberauswahl und Ausbildungsvergütungen) und stellen sicher, dass die Ausbildungsinhalte den zentral festgelegten Standards entsprechen. Diese dienen der Sicherung einer bundesweiten Vergleichbarkeit der durch die Berufsausbildung erworbenen Kenntnisse und Fähigkeiten und somit der Einhaltung von Qualitätsstandards. Der Berufsbildungsforscher Martin Baethge sieht das kollektive System der Berufsausbildung durch das Berufsprinzip geprägt. Auszubildende werden frühzeitig in einem konkreten Berufsbild ausgebildet und spezialisieren sich auf ebendieses. Gleichermaßen erhalten die Auszubildenden aufgrund der in Deutschland bundesweit einheitlichen Zertifizierung der Berufsausbildung betriebsübergreifende Kenntnisse, sodass nach Berufsabschluss eine Mobilität der Nachwuchsfachkräfte innerhalb ihres erlernten Berufs betriebsübergreifend weitestgehend hindernisfrei möglich ist.


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Autoren: Kathrin Schultheis, Stefan Sell für bpb.de
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