Arbeitsmarktpolitik Dossierbild

11.8.2014 | Von:
Sabrina Bersheim
Frank Oschmiansky
Jürgen Kühl
Stefan Sell

Die Lage auf dem Ausbildungsmarkt: Zahlen, Daten, Fakten

Hintergründe der Ausbildungsmarktsituation: Regionale und berufsspezifische Besetzungs- und Versorgungsprobleme

In manchen Regionen bieten Arbeitgeber deutlich mehr Ausbildungsplätze an, als Bewerber vorhanden sind, in anderen Regionen treffen die Ausbildungsbewerber auf einen sehr angespannten Ausbildungsmarkt, der ihnen kaum Perspektiven bietet. Dieses Missverhältnis schlägt sich nieder in Besetzungsproblemen auf Seiten der Arbeitgeber oder Versorgungsproblemen auf Seiten der Bewerber. Das Bundesinstitut für Berufsbildung indiziert die Situation anhand der Angebots-Nachfrage-Relation. Die Angebots-Nachfrage-Relation am Ausbildungsmarkt unterliegt starken regionalen sowie berufsspezifischen Schwankungen.

Bundesweit lag der Wert der Angebots-Nachfrage-Relation 2013 bei 91,9. Das bedeutet, 91,9 Ausbildungsplatzangebote trafen auf 100 Nachfrager. "Die bundesweit höchsten Angebots-Nachfrage-Relationen wurden 2013 wie im Vorjahr in Mecklenburg-Vorpommern (104,7), in Thüringen (102,3) und in Bayern (101,5) gemessen. In allen drei Ländern wurden demnach mehr Ausbildungsplatzangebote als Ausbildungsplatznachfrager registriert. Relativ niedrige Werte wurden dagegen aus Niedersachsen (85,1), Nordrhein-Westfalen (86,8) und Schleswig-Holstein (88,1) vermeldet."

Eckwerte zur Ausbildungsmarktentwicklung nach Ländern

Ergebnisse für das Jahr 2013

BundeslandAngebote je 100 institutionell
erfasste Ausbildungsinteressierte (AQI)
Baden-Württemberg 95,2
Bayern 101,5
Berlin 91
Brandenburg 94,4
Bremen 90,9
Hamburg 89
Hessen 88,3
Mecklenburg-Vorpommern 104,7
Niedersachsen 85,1
Nordrhein-Westfalen 86,8
Rheinland-Pfalz 90
Saarland 92,5
Sachsen 95,1
Sachsen-Anhalt 94,2
Schleswig-Holstein 88,1
Thüringen 102,3
Alte Länder 91,3
Neue Länder + Berlin 95,9
Bundesgebiet* 91,9

*Abweichungen in den Summen von "Alte Länder" und "Neue Länder und Berlin" zum "Bundesgebiet" können sich durch regional nicht zuordenbare Daten ergeben.
Quelle: Bundesinstitut für Berufsbildung, Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge fällt auf historischen Tiefstand - Die Entwicklung des Ausbildungsmarktes im Jahr 2013

Auch bei bestimmten Berufen ist das Missverhältnis größer als bei anderen. Hier ergibt sich ein Mismatch aus den Präferenzen der potentiellen Auszubildenden, die sich häufig nicht mit der Angebotssituation decken. So liegt die Nachfrage in bestimmten Berufen regelmäßig über, in anderen regelmäßig deutlich unter dem Angebot. Besonders beliebt sind beispielsweise die Ausbildung zum/zur Tierpfleger/-in, Gestalter/-in für visuelles Marketing sowie Mediengestalter/-in Bild und Ton.

"Im Jahr 2013 blieben in solchen Berufen zwischen 42% und 48% der Nachfrager mit ihren Bewerbungen erfolglos, während umgekehrt nur ein bis zwei Prozent der betrieblichen Ausbildungsplatzangebote unbesetzt waren", fasst das BIBB die betriebliche Angebots-Nachfrage-Relation zusammen. "Umgekehrt gilt: Noch stärker als im vorausgegangenen Jahr 2012 lag 2013 die Anzahl der Ausbildungsangebote in den Berufen Restaurantfachmann/-frau, Klempner/-in, Fachverkäufer/-in im Lebensmittelhandwerk und Fleischer/-in deutlich über der Anzahl der Nachfrager, die sich auf diese Berufe bewerben. In diesen Berufen waren die Erfolgsaussichten der Ausbildungsplatznachfrager sehr hoch; nur wenige blieben bei der Suche erfolglos. Der Anteil unbesetzter Lehrstellen lag dagegen bei bis zu 30%", heißt es weiter.

Passungsprobleme am Ausbildungsmarkt

Wenn sowohl eine zunehmende Zahl an Ausbildungsstellen frei bleibt, während parallel immer mehr Ausbildungsplatznachfrager erfolglos suchen, ist das ein Indiz für so genannte Passungsprobleme. Das BIBB bildet diese Probleme anhand eines Indikators ab. Dieser errechnet sich aus dem Prozentanteil der unbesetzten an allen betrieblichen Stellen und dem Prozentanteil der noch Suchenden an den gemeldeten Bewerbern. Je höher der Wert, desto größer das Matchingproblem.

Entwicklung des Mismatch zwischen Angebot und Nachfrage am AusbildungsmarktEntwicklung des Mismatch zwischen Angebot und Nachfrage am Ausbildungsmarkt (PDF-Icon Grafik zum Download 58 KB) (© bpb)
Deutschlandweit zeigt der BIBB-Indikator, dass die Passungsprobleme aufgrund des steigenden Anteils sowohl an erfolglosen Bewerbern als auch an unbesetzten Stellen zugenommen haben. Im Westen Deutschlands ist der Mismatch allerdings stärker gewachsen als in den neuen Bundesländern. Dort haben sich die Passungsprobleme 2013 sogar leicht entspannt. Hintergrund ist hier allerdings lediglich ein Rückgang des Anteils der noch suchenden an allen Bewerbern.

Für das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) ist die zunehmende Passungsproblematik eine der zentralen Herausforderungen. "Obwohl bereits verschiedene Maßnahmen zur Verhinderung von Matchingproblemen realisiert wurden, bleibt diese Thematik eine der wesentlichen Herausforderungen der kommenden Jahre. Gemeinsam mit allen für die berufliche Bildung verantwortlichen Akteuren müssen hier wirksame Strategien entwickelt werden, um Angebot und Nachfrage künftig besser zusammenzubringen", verkündete das Ministerium anlässlich der Veröffentlichung des Berufsbildungsberichtes 2014.

Erfolgreiche und erfolglose Ausbildungsplatzsuche: Verbleib von Bewerbern für Berufsausbildungsstellen

Verbleib der Bewerber um eine AusbildungsstelleVerbleib der Bewerber um eine Ausbildungsstelle (PDF-Icon Grafik zum Download 54 KB) (© bpb)
2013 mündeten lediglich 45 Prozent der von der Bundesagentur für Arbeit registrierten Bewerber (im Unterschied zu den vom BIBB zugrunde gelegten ausbildungsinteressierten Jugendlichen) in eine ungeförderte duale Ausbildung ein, 7 Prozent fanden eine geförderte betriebliche Ausbildungsstelle. Damit wurde nur etwa jeder zweite von der Arbeitsagentur als ausbildungsfähig eingestufte Bewerber in eine Lehrstelle vermittelt. 23 Prozent der Bewerber besuchten in Ermangelung einer Lehrstelle eine weiterführende Schule, befanden sich in einer Fördermaßnahme oder leisteten gemeinnützigen oder sozialen Dienst. 5 Prozent nahmen eine (in der Regel ungelernte) Erwerbstätigkeit auf, 21 Prozent verblieben "anderweitig" (sog. Sonstige).

Das Übergangssystem

Zahlreiche nicht vermittelte Ausbildungsbewerber landen (gemeinsam mit den nicht ausbildungsreifen Jugendlichen) im so genannten Übergangssystem. Es umfasst (Berufs-)Bildungsmaßnahmen für die Personen, die die allgemeine Schulpflicht beendet haben, aber (noch) nicht in eine Berufsausbildung übergehen konnten. Der Erfolg der Maßnahmen des Übergangssystems ist höchst umstritten. Ihr Ziel ist es, die Chancen der Teilnehmer auf eine voll qualifizierende Berufsausbildung zu erhöhen. Die Betroffenen holen beispielsweise ihren Haupt- oder Realschulabschluss nach oder absolvieren Praktika in Betrieben. Ein Teil der Jugendlichen besucht eine Berufsfachschule, ohne einen Abschluss zu erhalten. Weitere, die auch nach einer berufsvorbereitenden Maßnahme keinen Ausbildungsplatz finden, können ohne Anbindung an einen Betrieb, in der Regel bei einem sozialen Träger, ausgebildet werden.

Weitere Informationen zum Übergangssystem finden Sie hier.

Laut einer Studie des BIBB führen die Übergangsmaßnahmen nur bei etwa jedem zehnten Teilnehmer zu einem vollwertigen Berufsabschluss. Vergleichsweise wenige Teilnehmer beginnen nach der Übergangsphase direkt eine voll qualifizierende Berufsausbildung. Nach einem Jahr hat etwa die Hälfte eine Berufsausbildung beginnen können. Durchschnittlich nehmen die Jugendlichen an 1,3 Programmen teil und verbringen insgesamt fast 17 Monate im Übergangssystem. Problematisch sind vor allem eine fehlende zentrale Strukturierung der Maßnahmeinhalte und das Fehlen von Abschlusszertifikaten. So nehmen die Jugendlichen häufig wiederholt an Programmen mit ähnlichen Inhalten und Bildungszielen teil, ohne dem Ziel des Berufsabschlusses näher zu kommen.

Entwicklung der Teilnehmer im ÜbergangssystemEntwicklung der Teilnehmer im Übergangssystem (PDF-Icon Grafik zum Download 43 KB) (© bpb)
2012 lag die Zahl der Jugendlichen, deren Suche nach einem Ausbildungsplatz erfolglos blieb und die deshalb an einer Maßnahme des Übergangssystems teilnahmen, bei rund 260.000. Gegenüber 2011 entspricht das einem Rückgang um etwa 22.000 Teilnehmer. 2011 sank die Zahl der Anfänger und Anfängerinnen im Übergangsbereich erstmals unter 300.000 Personen. Seit 2005 hat sie sogar um rund 160.000 Teilnehmer abgenommen. Dennoch ist ihre Zahl weiterhin hoch.

Altbewerber

Ein Teil der unversorgten und ausbildungsreifen Bewerber bewirbt sich im Folgejahr oder späteren Ausbildungsjahren erneut um einen Ausbildungsplatz. Laut Berufsbildungsbericht 2014, der sich auf Daten der Bundesagentur für Arbeit bezieht, hat sich die Zahl der Altbewerber zwar in den letzten Jahren deutlich entspannt, ist 2013 aber wieder etwas gestiegen. "Die bis 2005 angespannte Ausbildungsmarktsituation vergangener Jahre (rückläufiges Ausbildungsangebot bei steigenden Schulabgängerzahlen) hatte zu einem deutlichen Anstieg der Zahl der sogenannten Altbewerber und Altbewerberinnen geführt. […]

In den Folgejahren konnte die Zahl der Altbewerber und Altbewerberinnen als Folge der gemeinsamen Anstrengungen und der sich entspannenden Ausbildungsmarktsituation reduziert werden", heißt es dort. 2013 war bundesweit allerdings wieder ein leichter Anstieg der Zahl der Bewerber aus früheren Berichtsjahren zu verzeichnen. 2013 gab es etwa 2.000 Altbewerber mehr als im Vorjahr, ihre Zahl stieg auf insgesamt 165.779. Die BA sieht hier einen Zusammenhang mit den doppelten Abiturjahrgängen des Jahres 2012.

Bewerber und Bewerberinnen aus früheren Berichtsjahren stellen rund ein Drittel aller gemeldeten Bewerber. Ihr Anteil lag 2013 bundesweit bei rund 30 Prozent. 2012 waren es noch 29 Prozent, 2011 31 Prozent.

Wie aus der BA/BIBB-Bewerberbefragung 2012 hervorgeht, ist die Gruppe der Altbewerber sehr heterogen mit zum Teil guten, zum Teil aber auch sehr schlechten Ausbildungschancen. Negative Auswirkungen auf die Chancen am Ausbildungsmarkt haben vor allem ein lange zurückliegender Schulentlasszeitpunkt, ein schlechterer Notendurchschnitt und ein höheres Alter des jeweiligen Bewerbers. Auch angesichts des Fachkräftemangels gilt es in den kommenden Jahren zum einen, Altbewerber nachzuqualifizieren und zum anderen, den Übergangsbereich effizienter zu gestalten, um seinen Teilnehmern tatsächlich den Weg in eine reguläre Ausbildung zu erleichtern.

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