Arten der Arbeitslosigkeit
Es gibt verschiedene Ursachen, die zur Arbeitslosigkeit führen. Unterscheidungen von verschiedenen Arten der Arbeitslosigkeit helfen, da daraus folgende Maßnahmen gegen die konstatierte Arbeitslosigkeit dann von der jeweiligen Form derselben abhängig sind. Üblicherweise wird von den meisten Ökonomen und Arbeitsmarktforschern Arbeitslosigkeit gemäß ihrer Ursächlichkeit in friktionelle, saisonale, konjunkturelle und strukturelle Arbeitslosigkeit untergliedert.
Aufgrund von ungünstigen klimatischen Bedingungen im Winter sind Bau- und Landarbeiter von saisonaler Arbeitslosigkeit betroffen. (© AP)Friktionelle Arbeitslosigkeit
Unter friktioneller Arbeitslosigkeit (auch Fluktuationsarbeitslosigkeit oder Sucharbeitslosigkeit genannt) versteht man die häufig unvermeidliche Arbeitslosigkeit zwischen der Aufgabe der alten und dem Finden einer neuen Tätigkeit. Sie ist in der Regel nur von kurzer Dauer und auch in Phasen einer Vollbeschäftigung unvermeidlich, im Stukturwandel oft sogar sinnvoll. Eine solche Arbeitslosigkeit ist eine Begleiterscheinung aller durch Arbeitsvertragsfreiheit gekennzeichneten Arbeitsmärkte.
Das Ausmaß dieser Form von Arbeitslosigkeit hängt auch stark von der Effektivität der Arbeitsmarktinstitutionen (insbesondere der Arbeitsvermittlung der Arbeitsagenturen) ab. Daher ist eine effektive und effiziente Arbeitsvermittlung, die dazu führt, dass Arbeitsangebot und Arbeitsnachfrage schnell und passend zueinander finden, das wirkungsvollste arbeitsmarktpolitische Instrument zur Verringerung der friktionellen Arbeitslosigkeit. Daneben soll die Möglichkeit der Sanktionierung bei Ablehnung einer von der Arbeitsvermittlung angebotenen Stelle die Arbeitssuche beschleunigen. Jeder Beschäftigte kann sich trotzdem als arbeitssuchend registrieren lassen, um Stellenangebote nachsuchen und zugleich aktiv auf vielen Wegen eine neue Arbeit suchen.
Als "normales" Niveau friktioneller Arbeitslosigkeit wird häufig eine Quote unter 1 Prozent der Erwerbspersonen genannt.
Konjunkturelle Arbeitslosigkeit
Sie tritt auf, wenn die Konjunktur schwächer wird und die Nachfrage zurückgeht. Bei einem Mangel an Absatzmöglichkeiten entlassen die Unternehmen Arbeitskräfte, die sie im Aufschwung wieder einstellen. Eine schwache Konjunktur betrifft aber alle Wirtschaftsbereiche, wie das Produzierende Gewerbe, die Exportwirtschaft und die Dienstleistungen unterschiedlich. Konjunkturelle Arbeitslosigkeit kann ein kurz- oder mittelfristiges Problem sein, sie kann aber auch bei anschließend nur langsam wieder wachsender Wirtschaft zu einem langfristigen Problem werden. In diesen Fällen werden aus Konjunkturarbeitslosen immer öfter Langzeitarbeitslose, die viele Monate oder Jahre arbeitslos sind.
Um solche Situationen zu vermeiden, sieht der keynesianische Ansatz vor, durch staatliche Ausgabenprogramme im Rahmen einer antizyklischen Finanzpolitik den Nachfrageausfall auszugleichen. In Deutschland fand dies seinen Niederschlag im Stabilitäts- und Wachstumsgesetz von 1967, das der Politik Instrumente für eine antizyklische Politik an die Hand gab. Dieser Ansatz, der in Deutschland insbesondere in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre verfolgt wurde, ist jedoch umstritten. Während einige Ökonomen in einer solchen Politik nach wie vor den Schlüssel zur Bekämpfung der konjunkturellen Arbeitslosigkeit sehen, scheiterte dieser Ansatz nach Meinung anderer Ökonomen daran, dass die Politiker nicht in der Lage waren, die Ausgabenprogramme zu beenden, wenn sich die konjunkturelle Lage wieder besserte. Sie sehen das Grundproblem konjunktureller Arbeitslosigkeit in zu hohen Löhnen und einer zu geringen Flexibilität des Arbeitsmarktes. Staatliche Ausgabenprogramme interpretieren sie als kontraproduktiv. Allerdings hat dieser Ansatz in der Bundesrepublik in der Rezession 2009/2010 eine Renaissance erlebt (durch zwei Konjunkturpakete und dem massiven Einsatz des Kurzarbeitergeldes) mit dem Resultat, dass die Bundesrepublik deutlich besser durch diese Krise kam als andere Nationen.
Das klassische arbeitsmarktpolitische Instrument zur Milderung konjunktureller Arbeitslosigkeit ist das Kurzarbeitergeld. Das Kurzarbeitergeld (Kug) ist eine Leistung der Bundesagentur für Arbeit. Es wird Arbeitnehmern bei unvermeidbarem, vorübergehendem Arbeitsausfall, der auf wirtschaftlichen Ursachen oder einem unabwendbaren Ereignis beruht, gezahlt. Es stellt bei einem vorübergehend angesehenen Beschäftigungsrückgang eine Möglichkeit dar, die totale Arbeitslosigkeit einzelner zu vermeiden, also Arbeitsausfall gleichmäßiger zu verteilen. Mitte 2009 bezogen z.B. gut 1,4 Mio Beschäftigte in über 35.000 Betrieben Kurzarbeitergeld. Rund 50.000 wurden qualifiziert, bis zu 400.000 vor Entlassung bewahrt. Weitere 10 EU-Länder nutzen dieses Instrument, allerdings in unterschiedlichem Ausmaß. Kurzarbeitergeld kann aber auch bei Strukturkrisen einzelner Branchen wirksam sein, wenn die Strukturkrise absehbar vorübergehender Natur ist. Außerdem kann ein erhöhtes Angebot von Tätigkeiten auf dem sog. Zweiten Arbeitsmarkt (z.B. Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen) die Folgen konjunktureller Arbeitslosigkeit lindern.
Strukturelle Arbeitslosigkeit
Erwerbstätige nach Sektoren, 1882 - 2007; Quellen: 1882, 1925: Ergebnisse der Berufszählung im Reichsgebiet - Erwerbspersonen; ab 1950 Statistisches Bundesamt Lizenz: cc by-nc-nd/2.0/de/ (© bpb)Prof. Dr. Meinhard Miegel
"Die Bereitschaft der Bevölkerung, diesem Wandel angemessen Rechnung zu tragen, war bis in die jüngste Zeit nur mäßig und ist auch noch heute oft noch nicht ausreichend. Viele zögern, die industriegeprägten Sicht- und Verhaltensweisen aufzugeben und sich den Bedingungen einer Wissens-, Kommunikations- und Informationsgesellschaft zu stellen. Politik und Gewerkschaften bestärkten und bestärken sie in dieser Haltung, indem sie lange die Veränderungen als vorübergehend oder korrekturbedürftige Fehlentwicklungen darstellten."
Prof. Dr. Meinhard Miegel (in "Arbeitslosigkeit in Deutschland. Phantom und Wirklichkeit.", München 2001)
Erwerbstätige nach Sektoren 1950-2010 Lizenz: cc by-nc-nd/2.0/de/ (© BPB)Da jene Arbeitskräfte, die bereits arbeitslos sind oder durch die Abnahme der nachgefragten Arbeit in der Industrie arbeitslos werden, von ihrem Qualifikationsprofil nicht identisch sind mit jenen, die für die Kommunikations- und Informationstechnologien gebraucht werden, entsteht strukturelle Arbeitslosigkeit (im Fachjargon "mismatch"). Strukturelle Arbeitslosigkeit kann aber auch durch zu hohe Reallöhne begründet sein, die die Produktivität eines Arbeitsplatzes übersteigen und so Menschen mit geringerer Produktivität in die Arbeitslosigkeit drängt (klassische Arbeitslosigkeit).
Formen der Arbeitslosigkeit
Quelle: www.dgb.de Lizenz: cc by-nc-nd/2.0/de/ (© bpb)Saisonale Arbeitslosigkeit
Saisonale Schwankungen ergeben sich im Jahresverlauf aufgrund von Klimabedingungen (z. B. Arbeitslosigkeit in der Bau- oder Landwirtschaft im Winter) oder aufgrund von Nachfrageschwankungen (z. B. in der Tourismusbranche in der Nebensaison). Arbeitslosigkeit, die dadurch entsteht, dass einige Sektoren der Volkswirtschaft jahreszeitbedingt unterschiedlich ausgelastet sind, bezeichnet man als saisonale Arbeitslosigkeit.
Saisoneffekte der Arbeitslosigkeit. Quelle: BA Lizenz: cc by-nc-nd/2.0/de/ (© bpb)
Entwicklung der Arbeitslosenzahlen 2005-2009. Quelle: IAB Lizenz: cc by-nc-nd/2.0/de/ (© bpb)Diese Form der Arbeitslosigkeit verschwindet üblicherweise wieder im Jahresverlauf. Saisonale Arbeitslosigkeit kann zwar durch gezielte Hilfen wie beispielsweise das Saison-Kurzarbeitergeld (ähnlich dem früheren Schlechtwettergeld) verringert werden, ihre Höhe ist jedoch von der gesamtwirtschaftlichen Situation am Arbeitsmarkt im Allgemeinen weitgehend unabhängig.
Saisoneffekte der Arbeitslosigkeit Lizenz: cc by-nc-nd/2.0/de/ (© bpb)"Freiwillige" und "unfreiwillige" Arbeitslosigkeit
Unterschieden wird in der Arbeitsmarkttheorie auch zwischen "freiwilliger" und "unfreiwilliger" Arbeitslosigkeit. "Freiwillige" Arbeitslosigkeit bezieht sich dabei darauf, dass bestehende Arbeitsplätze wegen einer zu geringen Lohnhöhe, wegen zu kurzer Befristung, zu langer Berufswege, fehlender Berufsperspektiven, nicht ganzjähriger oder unterwertiger Beschäftigung nicht angenommen werden. Entweder weil überhaupt auf Arbeit verzichtet wird oder weil der Arbeitslose auf die Suche nach einer besseren Beschäftigung geht. Für die Arbeitsvermittlung ist die Zumutbarkeit geregelt. "Unfreiwillige" Arbeitslosigkeit hingegen bezeichnet die Unmöglichkeit einen Arbeitsplatz zu herrschenden Bedingungen zu finden.
Zum Weiterlesen
Rothschild, Kurt W. (1990): Arbeitslose: Gibt's die? Ausgewählte Beiträge zu den ökonomischen und gesellschaftspolitischen Aspekten der Arbeitslosigkeit, Marburg.
Sesselmeier, Werner / Blauermel, Gregor (1997): Arbeitsmarkttheorien. Ein Überblick; Heidelberg.
Zerche, Jürgen / Schönig, Werner / Klingenberger, David (2000): Arbeitsmarktpolitik und –theorie: Lehrbuch zu empirischen, institutionellen und theoretischen Grundfragen der Arbeitsökonomik; München, Wien.

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weitere Inhalte:
- Arbeitslosigkeit
- Ausgewählte Arbeitslosenquoten
- Das Konzept der aktiven Arbeitsmarktpolitik
- Die öffentliche Arbeitsvermittlung
- Die soziale Situation in Deutschland
- Förderung der Teilhabechancen am ersten Arbeitsmarkt
- Halbstaatliche Arbeitsvermittlung bzw. Auftragsvermittlung
- Öffentliche und private Arbeitsvermittlung: historische Entwicklung
- Präventive öffentliche Arbeitsvermittlung: Die "Job-to-Job" Vermittlung
- Private Arbeitsvermittlung
- Vermittlungswege und Marktanteile der Vermittlungsakteure
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