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Wie wird Arbeitslosigkeit gemessen?


31.1.2014
Die Definition von Arbeitslosigkeit ist eine sozialrechtliche und daher politisch steuerbar. Die Politik macht von dieser Steuerungsmöglichkeit regelmäßig Gebrauch. Die Folge ist eine Arbeitslosenstatistik, die das tatsächliche Ausmaß der Arbeitslosigkeit nur unvollständig abbildet. Dennoch werden die monatlich verkündeten Zahlen kaum hinterfragt.

Zählen Inhaber von Minijobs als arbeitslos?Zählen Inhaber von Minijobs als arbeitslos? (© AP)

Die monatlich verkündete Arbeitslosenzahl und -quote wird von der Bundesagentur für Arbeit (BA) erfasst und herausgegeben. Zusätzlich veröffentlicht das Statistische Bundesamt eine Erwerbslosenzahl und -quote, die den Richtlinien der International Labour Organization (ILO) folgt und daher international vergleichbar ist. Beiden Messkonzepten liegen unterschiedliche Definitionen zugrunde, daher kommen sie zu entsprechend abweichenden Ergebnissen hinsichtlich des Niveaus und der Entwicklung der Arbeits- bzw. Erwerbslosigkeit.

Arbeitslosigkeit: Das Messkonzept der Bundesagentur für Arbeit (BA)



Die offizielle Arbeitslosenzahl der Bundesagentur für Arbeit (BA) basiert auf einer Totalerhebung aus den Geschäftsdaten der Agenturen für Arbeit beziehungsweise der Träger der Grundsicherung für Arbeitsuchende (gemäß Sozialgesetzbuch II). Die Erfassung der Arbeitslosen durch die BA richtet sich nach § 16 des Dritten Sozialgesetzbuches (SGB III). Dort heißt es:

Quellentext

§ 16 Arbeitslose (SGB III)

(1) Arbeitslose sind Personen, die wie beim Anspruch auf Arbeitslosengeld
  1. vorübergehend nicht in einem Beschäftigungsverhältnis stehen,
  2. eine versicherungspflichtige Beschäftigung suchen und dabei den Vermittlungsbemühungen der Agentur für Arbeit zur Verfügung stehen und
  3. sich bei der Agentur für Arbeit arbeitslos gemeldet haben.
(2) An Maßnahmen der aktiven Arbeitsmarktpolitik Teilnehmende gelten als nicht arbeitslos.



Neben der absoluten Zahl der Arbeitslosen ist der Indikator mit der höchsten politischen und publizistischen Aufmerksamkeit die Arbeitslosenquote. Sie gibt Aufschluss über den Anteil der Arbeitslosen am gesamten Arbeitskräftepotential und wird als Quotient aus der Zahl der Arbeitslosen und der Erwerbspersonen (Erwerbstätige (ET) plus Arbeitslose) gebildet. Der Kreis der Erwerbspersonen kann unterschiedlich abgegrenzt werden. Daher ermittelt die Bundesagentur für Arbeit zwei Arbeitslosenquoten.

Die Arbeitslosenquote auf Basis aller zivilen Erwerbspersonen ist die Quote, die monatlich verkündet und medial verbreitet wird. Die zivilen Erwerbspersonen umfassen alle abhängigen zivilen Erwerbstätigen sowie Selbstständigen und mithelfenden Familienangehörigen.

Formel zur Berechnung der ArbeitslosenquoteFormel zur Berechnung der Arbeitslosenquote (© bpb)


Die zweite Arbeitslosenquote wird nur auf Basis der abhängigen zivilen Erwerbspersonen berechnet. Zu dieser Personengruppe gehören alle sozialversicherungspflichtig Beschäftigten einschließlich der Auszubildenden, die geringfügig Beschäftigten, Personen in Arbeitsgelegenheiten in der Mehraufwandvariante, Beamte (ohne Soldaten) und Grenzpendler.

Erwerbslosigkeit: Das Messkonzept der International Labour Organization (ILO)



Im Unterschied zur Arbeitslosenzahl und -quote der Bundesagentur für Arbeit erfasst und veröffentlicht das Statistische Bundesamt seit März 2005 die Erwerbslosenzahl und -quote gemäß Labour-Force-Konzept der International Labour Organization (ILO). Im Gegensatz zur Totalerhebung der Bundesagentur für Arbeit erfasst das Statistische Bundesamt die Zahl der Erwerbslosen im Rahmen seiner Arbeitskräfteerhebung als Stichprobenbefragung der Bevölkerung. Die Arbeitskräfteerhebung ist Teil des Mikrozensus.

Zu den Erwerbslosen gemäß ILO zählen Personen im Alter zwischen 15 und 74 Jahren ohne Erwerbstätigkeit, die sich in den vier Wochen vor der Befragung aktiv um eine Arbeitsstelle bemüht haben und für diese Arbeit binnen zwei Wochen zur Verfügung stehen. Hierbei ist unerheblich, ob sie bei den Agenturen für Arbeit beziehungsweise den Trägern der Grundsicherung arbeitslos gemeldet sind. Als Erwerbstätigkeit im Sinne der ILO gilt zudem bereits eine bezahlte Arbeit ab einer Wochenstunde (auch Selbstständigkeit und Beschäftigung als mithelfende Familienangehörige).

Damit weicht das ILO-Konzept wesentlich von der Systematik der Bundesagentur für Arbeit ab. Denn einerseits können nicht bei den Arbeitsagenturen registrierte Arbeitsuchende erwerbslos im Sinne der ILO-Definition sein. Andererseits zählen Arbeitslose, die eine geringfügige Tätigkeit ausüben für die ILO nicht als Erwerbslose, sondern als Erwerbstätige. Die Arbeitslosenzahl der BA fällt dementsprechend regelmäßig deutlich höher aus, als die Erwerbslosenzahl des Statistischen Bundesamtes.

Arbeitsmarktstatistik nach International Labour Organization und Bundesagentur für Arbeit

ILO-ArbeitsmarktstatistikBA-Arbeitsmarktstatistik
ErhebungDie ILO-Erwerbsstatistik beruht auf einer Stichprobenbefragung der Bevölkerung. Die Quelle der Erwerbslosendaten ist die Arbeitskräfteerhebung im Rahmen des Mikrozensus.Die Arbeitslosenzahl der BA wird aus den Geschäftsdaten der Arbeitsagenturen und der Jobcenter gewonnen und beruht auf einer Totalerhebung.
AlterPersonen im Alter zwischen 15 bis 74 Jahren.Personen, die nicht jünger als 15 Jahre sind und die aktuelle Rentenaltersgrenze noch nicht erreicht haben.
Aktive Suche, wenn …innerhalb der letzten vier Wochen spezifische Schritte unternommen wurden, um eine abhängige Beschäftigung oder selbstständige Tätigkeit zu finden.alle Möglichkeiten zur beruflichen Eingliederung genutzt werden, insbesondere Verpflichtungen aus der Eingliederungsvereinbarung wahrzunehmen, bei der Vermittlung durch Dritte mitzuwirken und die Selbstinformationseinrichtungen der Agenturen für Arbeit zu nutzen.
Verfügbarkeit, wenn …der Befragte innerhalb von zwei Wochen eine neue Tätigkeit aufnehmen kann.ein Arbeitsloser den Vorschlägen der Agentur für Arbeit zeit- und ortsnah Folge leistet und bereit ist, jede zumutbare Beschäftigung aufzunehmen.
Beschäftigungslosigkeit, wenn …keine Beschäftigung ausgeübt wird (beziehungsweise eine Beschäftigung von weniger als einer Wochenstunde). eine Beschäftigung von weniger als 15 Wochenstunden ausgeübt wird.

Quelle: Statistisches Bundesamt, Was beschreibt die ILO-Arbeitsmarktstatistik?, S.305 und Bundesagentur für Arbeit, Arbeitslosigkeit und Erwerbslosigkeit

Entwicklung der Arbeitslosenquoten in Deutschland, 1992-2012Entwicklung der Arbeitslosenquoten in Deutschland, 1992-2012 Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Je nach verwendeter Methode ergeben sich unterschiedliche Arbeitslosenquoten und -zahlen. 2012 lag die Arbeitslosenquote gemäß Bundesagentur für Arbeit auf Basis aller zivilen Erwerbspersonen bei 6,8 Prozent und auf Basis aller abhängigen zivilen Erwerbspersonen bei 7,6 Prozent. Nach den ILO-Kriterien belief sich die Erwerbslosenquote auf 5,3 Prozent.

Die Zahl der Arbeitslosen gemäß Bundesagentur für Arbeit belief sich 2012 auf über 2,89 Millionen Menschen. Die Zahl der Erwerbslosen nach ILO-Kriterien lag bei 2,32 Millionen Menschen.


Arbeitslosenquoten im internationalen Vergleich nach Eurostat August 2013, saisonbereinigtArbeitslosenquoten im internationalen Vergleich nach Eurostat August 2013, saisonbereinigt (Klick auf Grafik öffnet PDF) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Vorteile des Labour-Force-Konzeptes



Die von der ILO herausgegebenen Richtlinien zur Messung, Definition und Erhebung von Arbeitslosigkeit sind von der nationalen Sozialgesetzgebung unabhängig. Damit ermöglichen sie internationale Vergleiche. Sie eignen sich ebenfalls besser für intertemporale Vergleiche, denn rein statistische und damit arbeitsmarktunabhängige Zuwächse oder Rückgänge der Arbeitslosenzahl durch Änderungen im Sozialrecht sind so ausgeschlossen. Die (zusätzliche) Erhebung von Erwerbslosenzahlen gemäß ILO-Definition ist daher Standard in vielen Ländern. Auch die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) sowie Eurostat, das Statistikamt der Europäischen Union, verwenden das Labour-Force-Konzept für Vergleiche unter ihren Mitgliedstaaten.

Saisonbereinigte Arbeitslosenzahlen



Im Verlauf eines Jahres steigt und fällt die Arbeitslosigkeit. In der Regel steigt die Arbeitslosigkeit im Winter besonders stark an und sinkt in den Sommermonaten. Dies liegt zum einen an speziellen Branchen, wie der Bauwirtschaft. Aber auch regelmäßige Termine wie Schulferien oder saisonbedingte positive Ausschläge wie in der Tourismusbranche beeinflussen die Entwicklung der Arbeitslosigkeit. Für diese saisonalen Schwankungen berechnen Statistiker Durchschnittswerte. Dieser von Monat zu Monat unterschiedliche Effekt wird bei den Arbeitslosenzahlen berücksichtigt. Das Ergebnis sind saisonbereinigte Zahlen. Um den wirklichen Trend auf dem Arbeitsmarkt zu erkennen, der hauptsächlich auf der konjunkturellen und nicht der saisonalen Entwicklung basiert, eignen sich saisonbereinigte Zahlen besser.

Saisonbereinigte Arbeitslosenquoten nach ILO-DefinitionSaisonbereinigte Arbeitslosenquoten nach ILO-Definition Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)



Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/
Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autoren: Sabrina Bersheim, Frank Oschmiansky, Stefan Sell für bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.

 

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