Arbeitsmarktpolitik Dossierbild

11.8.2014 | Von:
Frank Oschmiansky
Jürgen Kühl
Tim Obermeier

Das Ende des Ernährermodells

Das männliche Ernährermodell ist ein sozialwissenschaftliches Modell. Es bezeichnet die Konstellation in einer Familie, in welcher der Mann einer bezahlten beruflichen, mit entsprechenden Sozialleistungen ausgestatteten Tätigkeit nachgeht und als Hauptverdiener die Familie ernährt. Die Frau leistet in erster Linie unbezahlte Arbeit (Versorgung der Familie und Hausarbeit) und erwirbt höchstens einen Zuverdienst. In den letzten Jahren haben sich jedoch vielfältige Arrangements der Aufteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit gebildet.

Der Ausbau von Kindertagesstätten ermöglicht es mehr Frauen einen Beruf auszuüben.Der Ausbau von Kindertagesstätten ermöglicht es mehr Frauen einen Beruf auszuüben. (© AP)


Das deutsche Wohlfahrtssystem wird im internationalen Vergleich als "starkes Ernährermodell" charakterisiert. Indikatoren dafür sind die geringe kontinuierliche Müttererwerbstätigkeit, die abgeleitete soziale Sicherung der Mütter sowie die geringe öffentliche Betreuungsleistung für Kinder.

Das (männliche) Alleinernährermodell hat allerdings seinen Status als absolut dominantes Rollenmodell auch in der Bundesrepublik verloren. Diesem Modell steht unterdessen ein Modell zweier "erwerbstätiger Erwachsener" ("adult worker model") gegenüber. Im "adult worker model" werden erwachsene Bürger grundsätzlich als Erwerbstätige angesehen und ihre Ansprüche auf wohlfahrtsstaatliche Leistungen weitgehend an diesen Status geknüpft. Ausschlaggebend für diesen normativen Wandel sind gesellschaftliche, rechtliche, ökonomische und wohlfahrtsstaatliche Wandlungsprozesse. Als ein so genanntes modifiziertes Ernährermodell oder Zuverdienermodell gilt ein Regime, in dem beide Partner einer Erwerbstätigkeit nachgehen. Der eine Partner, häufig die Frau, geht neben der Haus- und Familienarbeit einer Teilzeittätigkeit oder einer geringfügigen Beschäftigung nach, während der andere Partner, häufig der Mann, weiterhin Vollzeit erwerbstätig bleibt.

Zunehmend finden sich Arrangements, bei denen nicht die Männer, sondern die Frauen den Großteil des Einkommens erwirtschaften. Man spricht dann von Familienernährerinnen. Endet die Ära des männlichen Ernährermodells?

Das Modell des männlichen Familienernährers bildete nach 1945 nicht nur in der Bundesrepublik die Grundlage des Sozialstaatskompromisses. Das traditionelle Familienmodell der Nachkriegszeit in Westdeutschland sah eine Differenzierung der Geschlechterrollen vor. Die Übernahme der finanziellen Versorgung der Familie durch den Mann und die Zuweisung der Haus- und Erziehungsarbeit an die Frau. Insbesondere eine berufstätige Mutter entsprach nicht dem Idealbild, war mangels Männern aber häufig unausweichlich. Sie stand unter dem Generalverdacht, dass ihr die Entwicklung ihrer Kinder nicht wichtig genug sei, um auf ihre "Selbstverwirklichung" im Erwerbsleben zu verzichten. Es entwickelte sich ein so genanntes "Drei-Phasen-Modell": Erwerbstätigkeit bzw. Ausbildung der Frau vor der Geburt des ersten Kindes als Phase 1; Mutter und Hausfrau als Phase 2 und erneute Erwerbstätigkeit nach der Zeit der Erziehung als Phase 3. Seit den siebziger Jahren wurde dieses Geschlechterarrangement nicht nur aufgrund der ökonomischen Krisen, sondern auch von Seiten der neuen sozialen Bewegungen, insbesondere den Frauenbewegungen, zunehmend in Frage gestellt.

Unterstützt wurde die Nicht- oder eingeschränkte Erwerbstätigkeit verheirateter Frauen durch ein Sozialleistungssystem, welches Sicherungsansprüche in der Renten- und Krankenversicherung vom Ehemann ableiteten und Familientransfers, die nicht neutral gegenüber dem Erwerbs- und Familienmodell waren, sondern die Ehe und die geschlechtshierarchische Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern förderten. Das männliche Ernährermodell verband sich mit der Vorstellung eines Familienlohns als ein Erwerbseinkommen, welches nicht nur individuell existenzsichernd ist, sondern den ganzen Familienbedarf decken sollte.

Die Geschlechterbeziehungen und die Familienstrukturen haben sich allerdings in den vergangenen Jahren tiefgreifend verändert. So ist inzwischen eine Pluralisierung von Lebensformen eingetreten. Hier sind der zunehmende Anteil der Alleinerziehenden, der Bedeutungsverlust der Mehr-Generationenfamilie, der steigende Anteil unverheiratet zusammenlebender Paare, gleichgeschlechtliche Beziehungen und dauerhaft kinderlos bleibende Menschen zu nennen. 2011 lebten 1,6 Millionen Personen als alleinerziehende Mütter (90%) und Väter (10%) mit minderjährigen Kindern in Deutschland, die sich Erwerbs- und Sorgearbeit nicht teilen können und eine Doppelrolle erfüllen müssen.

Nach der britischen Sozialwissenschaftlerin Jane Lewis lassen sich nunmehr folgende Muster der Aufteilung der Erwerbs- und der Familienarbeit innerhalb von Paarbeziehungen unterscheiden:

Muster der Aufteilung der Erwerbs- und der Familienarbeit innerhalb von Paarbeziehungen

Ernährermodell ("Male breadwinner model")männlicher Vollzeiterwerbstätiger und weibliche Vollzeit-Familienarbeitende
Doppelverdienermodell
("Dual breadwinner model")
Variante 1
Vollzeiterwerbstätigkeit des Mannes, kurze Teilzeiterwerbstätigkeit der Frau. Die Familienarbeit wird hauptsächlich von der Frau geleistet.
Doppelverdienermodell
Variante 2
Vollzeiterwerbstätigkeit des Mannes und lange Teilzeit-erwerbstätigkeit der Frau. Die Familienarbeit wird hauptsächlich von Verwandten und staatlichen/ zivilgesellschaftlichen/ marktförmig organisierten Einrichtungen erbracht.
Doppelverdienermodell
Variante 3
Mann und Frau sind in Teilzeiterwerbstätigkeit und teilen sich die Familienarbeit.
Doppelkarrieremodell
("Dual career model")
Mann und Frau sind in Vollzeiterwerbstätigkeit. Die Familienarbeit wird hauptsächlich über den Markt zugekauft.

Quelle: Lewis, Jane (2001): The Decline of the Male Breadwinner Model: Implications for Work and Care. In: Social Politics 2, S. 152-169; hier S. 157.
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In immer mehr Haushalten trägt die Frau einen größeren Anteil als der Mann zum gemeinsamen Einkommen bei. In den dargestellten Mustern der Aufteilung der Erwerbs- und der Familienarbeit innerhalb von Paarbeziehungen können somit auch die Frauen den Großteil der Erwerbsarbeit erledigen, während die Familienarbeit meistens weiterhin geteilt wird.

Schauen wir zunächst, ob es empirische Belege dafür gibt, dass das "männliche Ernährermodell" zunehmend seltener wird.

Daten und Fakten

Die Erwerbsbeteiligung der Frauen in der alten Bundesrepublik war bereits in den siebziger und achtziger Jahren kontinuierlich angestiegen. Der Trend steigender Erwerbsquoten setzte sich auch nach der Vereinigung fort, während die traditionell höhere Quote in Ostdeutschland 2000 mit 69,3 Prozent einen Tiefstand erreichte und dann aber wieder kontinuierlich stieg.

Erwerbsquoten und Erwerbstätigenquoten nach Geschlecht 1960 – 2012

JahrErwerbsquote*Erwerbstätigenquote*
InsgesamtMännerFrauenInsgesamtMännerFrauen
Alte Bundesländer (ohne Berlin)**
196067,690,747,667,290,347,2
197066,288,246,265,887,7345,9
198067,184,450,265,282,548,3
199070,882,758,566,378,453,8
199169,281,160,766,778,454,6
199570,781,359,964,874,754,5
200070,380,762,966,174,357,7
200573,280,865,566,573,359,7
200674,381,467,168,174,561,5
200774,881,767,969,676,063,1
200875,281,968,370,677,064,1
200975,481,968,970,576,364,7
201075,781,969,471,176,665,5
201176,382,170,572,577,867,1
201276,482,170,672,878,167,5
Neue Bundesländer (inkl. Berlin)**
199178,984,277,272,578,566,8
199576,879,273,964,070,557,5
200073,777,969,362,366,757,7
200575,779,172,161,263,558,8
200676,980,173,463,465,960,8
200777,981,374,466,068,963,1
200878,281,674,767,870,664,9
200979,282,375,869,171,366,8
201079,682,876,170,672,868,2
201179,682,776,471,774,069,3
201279,082,075,871,874,369,1
Deutschland
199171,381,860,767,878,457,0
199571,981,062,664,673,955,1
200071,078,464,065,472,857,7
200573,780,466,865,471,259,5
200674,881,168,467,172,761,4
200775,581,669,268,974,563,1
200875,881,869,670,075,764,2
200976,282,070,370,275,365,1
201076,582,170,770,975,666,1
201177,082,271,672,477,167,6
201276,982,171,672,677,367,8

*Ab 2005 Jahresdurchschnitt
** Abweichende Gebietsunterscheidungen für die Erwerbstätigenquoten der Jahre 1991 bis 2000: Früheres Bundesgebiet sowie Neue Länder und Berlin-Ost
Quelle: Statistisches Bundesamt, Mikrozensus (Arbeitstabellen), verschiedene Jahrgänge (eigene Berechnungen)

Erwerbsquoten und Erwerbstätigenquoten in den alten Bundesländern von 1960 – 2012Erwerbsquoten und Erwerbstätigenquoten in den alten Bundesländern von 1960 – 2012 (PDF-Icon Grafik zum Download 63 KB) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Erwerbsquoten und Erwerbstätigenquoten in den neuen Bundesländern von 1991 – 2012Erwerbsquoten und Erwerbstätigenquoten in den neuen Bundesländern von 1991 – 2012 (PDF-Icon Grafik zum Download 61 KB) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)


Erwerbsquoten und Erwerbstätigenquoten in Deutschland von 1991 – 2012Erwerbsquoten und Erwerbstätigenquoten in Deutschland von 1991 – 2012 (PDF-Icon Grafik zum Download 60 KB) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
In den 20 Jahren nach 1990 stieg die Erwerbsquote der Frauen um über 20 Prozentpunkte und erklomm seitdem jährlich immer neue Höchststände. Der geschlechtsspezifische Abstand zwischen den Erwerbstätigenquoten von Männern und Frauen hat sich in den letzten Jahren halbiert. Das männliche Ernährermodell wird also immer seltener und Frauen beteiligen sich immer häufiger am Erwerbsleben. Allerdings beschränkte sich die Zunahme der Frauenerwerbsbeteiligung auf die Teilzeitarbeit, einschließlich der geringfügigen Beschäftigung ("Minijobs").

Weitere Informationen zu der unterschiedlichen Wahl der Beschäftigungsverhältnisse zwischen Männer und Frauen finden sich im Modul Beschäftigungsverhältnisse.

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Info

Erwerbsquote und Erwerbstätigenquote

Erwerbsquote

Die Erwerbsquote entspricht dem prozentualen Anteil der Erwerbspersonen im Alter von 15 Jahren und älter an der Bevölkerung dieser Altersgruppe. Die Zahl der Erwerbspersonen ergibt sich aus der Summe der Erwerbstätigen und Erwerbslosen.

Erwerbstätigenquote

Die Erwerbstätigenquote beschreibt den Anteil der Erwerbstätigen einer Altersgruppe an der Gesamtbevölkerung derselben Altersgruppe.

Erwerbstätige Personen sind alle Personen, die in der Berichtswoche mindestens eine Stunde gegen Entgelt gearbeitet haben. Dazu zählen außerdem Personen, die z. B. aufgrund von Krankheit, Mutterschutz oder Elternzeit vorübergehend nicht gearbeitet haben.

Erwerbslose Personen sind all diejenigen, die in der Berichtswoche nicht gearbeitet, aber in den letzten vier Wochen aktiv nach Arbeit gesucht haben. Um als erwerbslose Personen zu gelten, müssen die Arbeitssuchenden innerhalb von zwei Wochen eine Tätigkeit aufnehmen können. Auf den zeitlichen Umfang der gesuchten Tätigkeit, sowie der Meldung bei einer Agentur für Arbeit oder einem kommunalen Trägers kommt es nicht an.

Nichterwerbstätige Personen sind Personen, die in der Berichtswoche nicht erwerbstätig oder erwerbslos sind.

Die Angaben beruhen auf dem international vergleichbaren Konzept der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) und werden aus den Daten der Arbeitskräfteerhebung, die in allen Staaten der Europäischen Union sowie in der Schweiz, Norwegen und Island durchgeführt wird, ermittelt. In Deutschland ist die Arbeitskräfteerhebung in den Mikrozensus integriert.

Quelle: Statistisches Bundesamt

Auch das Arbeitsvolumen, also die tatsächlich geleistete Arbeitszeit der Frauen, ist seit 1991 kontinuierlich angestiegen. 2010 entfielen 42,9 Prozent aller geleisteten Arbeitsstunden auf Frauen. Das Arbeitsvolumen der Frauen steigt aber deutlich langsamer an als der Anteil der Frauen an der Beschäftigung insgesamt. Ein leicht erhöhtes Arbeitsvolumen verteilt sich also auf eine weitaus größere Zahl von Arbeitnehmerinnen. Grund ist die Verbreitung von Teilzeitbeschäftigung und geringfügiger Beschäftigung bei Frauen. Zum internationalen Frauentag am 8. März 2014 hat das Statistische Bundesamt mitgeteilt, dass 2012 45 Prozent der Frauen ihren Lebensunterhalt durch eine eigene Erwerbstätigkeit deckten.

Trotz der zunehmenden Erwerbsbeteiligung steht Deutschland im internationalen Vergleich der Erwerbstätigenquote von Frauen im Mittelfeld. Der Teilzeitanteil an allen Erwerbstätigen ist jedoch hoch und liegt über dem OECD Durchschnitt. Die Tabelle zeigt die Erwerbstätigenquoten der Frauen in ausgewählten Ländern im Jahr 2012 sowie die Teilzeit- und Arbeitslosenquoten.

Erwerbstätigenquoten der Frauen von 15-64 Jahren, Teilzeitanteil an allen Erwerbstätigen und Arbeitslosenquoten 2012


In ausgewählten Ländern, in Prozent

Landin Erwerbstätigkeitin TeilzeitArbeitslosenquote
Dänemark70,019,47,7
Norwegen73,819,83,3
Schweden71,814,38,1
Schweiz73,626,04,3
Finnland68,213,07,8
Großbritannien65,724,98,1
USA62,713,48,2
Niederlande70,437,85,3
Österreich67,319,24,4
Deutschland68,022,15,5
Japan60,720,54,6
Frankreich60,013,89,9
Belgien56,818,77,6
Italien47,817,810,8
OECD insgesamt57,216,98,2

Quelle: OECD Employment policies and data http://www.oecd.org/els/emp/

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Info

Das Beispiel Schweden

"Das "adult worker model" wurde, was die Beschäftigungsquoten von Frauen betrifft, erfolgreich auf den Weg gebracht. Im Jahr 2000 waren 86% der Mütter von Kindern im Vorschulalter und 94% der Mütter von Schulkindern erwerbstätig. In Vollzeit (vierzig Stunden und mehr) arbeiten fünfundvierzig Prozent der Mütter, in langer Teilzeit (30-39 Stunden) vierzig Prozent und weniger als zwanzig Stunden pro Woche nur fünfzehn Prozent. Die durchschnittliche Stundenzahl, die Mütter mit Kindern im Vorschulalter arbeiteten, betrug 31 Stunden im Jahr 2001."

Björnberg, Ulla (2004): Sind Zwei-Verdiener-Familien "partnerschaftliche" Familien? Sozialpolitik und Geschlechtergleichheit in schwedischen Familien. In: Leitner, Sigrid / Ostner, Ilona / Schratzenstaller, Margit (Hrsg.): Wohlfahrtsstaat und Geschlechterverhältnis im Umbruch. Was kommt nach dem Ernährermodell? Wiesbaden; S. 356-380; hier S. 362.

Erwerbstätigenquoten von Müttern und Vätern nach Alter des jüngsten Kindes 2011Erwerbstätigenquoten von Müttern und Vätern nach Alter des jüngsten Kindes 2011 (PDF-Icon Grafik zum Download 52 KB) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Mütter sind in Deutschland noch immer seltener berufstätig als Väter. Dennoch zeigt sich, dass das Dreiphasenmodell, bei dem nach der Geburt von Kindern die Erwerbstätigkeit von Frauen für eine Familienphase unterbrochen wird, sich langsam wandelt. Die Berufstätigkeit von Müttern mit Kindern unter 15 Jahren ist in den letzten Jahren gestiegen. Doch mit der Geburt eines Kindes gibt weiterhin ein Teil der Mütter ihre Erwerbstätigkeit zeitweise auf und kehrt erst mit zunehmendem Alter des Kindes wieder in das Erwerbsleben zurück. Bei Vätern hingehen ist nur eine minimale Veränderung der Erwerbstätigenquote in Abhängigkeiten vom Alter der Kinder festzustellen. Die Erwerbsbeteiligung von Vätern mit Kindern unter 15 Jahren hat sich in den letzten Jahren auch kaum verändert. Bei den Vätern ist die traditionelle "Ernährerrolle" immer noch weit verbreitet. Die egalitäre Verteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit zwischen den Geschlechtern ist somit noch lange nicht erreicht.

Paarfamilien nach Vollzeit-/Teilzeittätigkeit der Partner 2011Paarfamilien nach Vollzeit-/Teilzeittätigkeit der Partner 2011 (PDF-Icon Grafik zum Download 51 KB) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Empirisch zeigt sich also, dass das "Ernährermodell" in Deutschland zwar seltener wird, aber weiterhin noch häufig anzutreffen ist. Am weitesten verbreitet ist das "modernisierte Ernährermodell", bei dem der Vater vollzeit- und die Mutter teilzeiterwerbstätig ist. 2011 hatten fast drei Viertel (73%) aller Ehepaare und über die Hälfte (52%) alles nichtehelichen Lebensgemeinschaften dieses Arrangement. Das beliebteste Erwerbsmuster ist nicht das Alleinverdienermodell, sondern die Kombination Mann Vollzeit, Frau Teilzeit. Häufig ist es jedoch so, dass auch Paare mit einer egalitären Vorstellung von familiärer Arbeitsteilung, nach Geburt des Kindes in eine traditionelle Arbeitsteilung zurückfallen. Man spricht von einer Traditionalisierungsfalle. Möglicherweise werden diese Diskrepanzen durch das Familien-, Sozial- und Steuerrecht begünstigt.

Rechtliche Rahmenbedingungen

Rollenerwartungen sind durch Rechtsnormen beeinflusst. In Westdeutschland wurde von Beginn an das Ernährermodell durch Regeln der Sozial-, Arbeitsmarkt- und Steuerpolitik verfestigt. Die Umsetzung gleicher Teilhabechancen vollzieht sich seitdem eher langsam. Wichtige Schritte bislang waren u.a.:
  • das Gleichberechtigungsgesetz von 1958 (bis 1958 konnte eine Ehefrau nur mit Zustimmung ihres Ehemanns erwerbstätig sein),
  • die Ehe- und Scheidungsrechtsreform von 1977 (Hier wurde die Hausfrauenehe als gesetzliches Leitbild aufgegeben. Der § 1356 BGB legte für die Haushaltsführung und Erwerbstätigkeit fest, dass Ehegatten die Haushaltsführung im gegenseitigen Einvernehmen zu regeln haben),
  • das Gesetz zur Einführung eines Mutterschaftsurlaubs von 1979 (ermöglichte einen Mutterschaftsurlaub von bis zu sechs Monaten nach Geburt des Kindes),
  • das arbeitsrechtliche Gleichbehandlungsgesetz von 1980 (Im Zuge einer Anpassung bundesdeutschen Rechts an Richtlinien der Europäischen Gemeinschaft wurden in das BGB Diskriminierungsverbote im Hinblick auf das Geschlecht aufgenommen; § 611a ff. BGB),
  • das Erziehungsgeldgesetz von 1986 und seine Revisionen bis hin zum Bundeselterngeld- und Elternzeitgesetz von 2007 (siehe unten),
  • das Teilzeit- und Befristungsgesetz von 2001 (mit dem Rechtsanspruch auf Teilzeitarbeit für Vollzeitbeschäftigte wurde die Möglichkeit einer "parallelen" Vereinbarung von Beruf und Familie gestärkt).
  • Ausbau der Kinderbetreuung und Rechtsanspruch ab dem 01. August 2013 auf frühkindliche Förderung in einer Tageseinrichtung oder in der Kindertagespflege für Kinder unter 3 Jahren.
Eine Vielzahl von Regelungen im Sinne des "Ernährermodells" bestehen allerdings noch:
  • das Ehegattensplitting, das eine geschlechterhierarchische Arbeitsteilung steuerlich belohnt,
  • die beitragsfreie Mitversicherung von nicht-erwerbstätigen Ehepartnerinnen und Ehepartnern in der Kranken- und Pflegeversicherung,
  • Unterhaltsverpflichtungen von Eltern gegenüber erwachsenen Kindern – zum Beispiel während der Ausbildung oder in der Bedarfsgemeinschaft des SGB II,
  • die Konstruktion der Bedarfsgemeinschaft im SGB II, die durch die eingeführten gegenseitigen Unterhaltsverpflichtungen familiäre Abhängigkeiten der Ehe auf nicht-eheliche Lebensgemeinschaften und Hausgemeinschaften ausweitet,
  • die in Deutschland trotz des Anspruchs auf einen KITA-Platz noch rückständige Infrastruktur von frühkindlichen Bildungs- und Betreuungseinrichtungen,
  • bestehende Mini-Job-Regelungen, die die arbeitnehmerseitige Sozialversicherungsfreiheit für geringfügig Beschäftigte formulieren und insofern der Vorstellung eines "Hinzuverdienstes" zum eigentlichen Familieneinkommen entsprechen.
Anders als in anderen Ländern (allen voran die skandinavischen), in denen nicht die Absicherung über die Ehe, sondern eine individuelle Existenzsicherung - auch für verheiratete Frauen und Mütter - gefördert wird, ist in der Bundesrepublik das soziale Sicherungssystem durch seine starke Verknüpfung mit der Ehe geprägt. Dies alles bedeutet eine Reihe von Nachteilen für Frauen: Altersarmut von Frauen, ihre Abhängigkeit von der Unterstützung durch ihre Männer in und nach der Ehe, während eine eigenständige Existenzsicherung durch Anreizsysteme für Nicht-Erwerbstätigkeit (Ehegattensplitting, Versorgungsausgleich, Hinterbliebenenversorgung) bzw. wegen fehlender Möglichkeiten der Vereinbarung von Familie und Beruf (fehlende Krippenplätze vor allem in Westdeutschland, keine oder eingeschränkte Rückkehrrechte in den Beruf) systematisch erschwert wird. Besonders hervorgehoben wird im Allgemeinen die hohe Abgabenlast für Zweitverdiener, die das "männliche Ernährermodell" wesentlich begünstigt.

Das Bundeselterngeldgesetz

Zum 1. Januar 2007 trat das Bundeselterngeldgesetz in Kraft und trat an die Stelle des Bundeserziehungsgeldgesetzes. Kernelement des Elterngeldes ist gerade im Vergleich zum Erziehungsgeld die Anknüpfung an das Erwerbseinkommen. Das Elterngeld beträgt mindestens 300 Euro und höchstens 1.800 Euro. Es soll Familien vereinfacht werden ihre Erwerbstätigkeit zu unterbrechen, um Zeit mit ihren Kindern zu verbringen.

Das Bundesfamilienministerium schreibt auf seiner Internetseite zu den Anspruchsvoraussetzungen und Höhe des Elterngeldes, dass das Elterngeld bei Voreinkommen zwischen 1.000 und 1.200 Euro das nach der Geburt wegfallende Einkommen zu 67 Prozent ersetzt. Für Geringverdiener mit einem Einkommen unter 1.000 Euro vor der Geburt des Kindes steigt die Ersatzrate schrittweise auf bis zu 100 Prozent: je geringer das Einkommen, desto höher die Ersatzrate. Für Nettoeinkommen ab 1.200 Euro und mehr vor der Geburt des Kindes sinkt die Ersatzrate des Elterngeldes moderat von 67 auf 65 Prozent (bei Voreinkommen von 1.240 Euro und mehr auf 65 Prozent, bei Voreinkommen von 1.220 Euro auf 66 Prozent). Bei Arbeitslosengeld II-Empfängern wird das Elterngeld, auch der Mindestbetrag von 300 Euro, vollständig als Einkommen angerechnet. Für Elternpaare, die im Kalenderjahr vor der Geburt ihres Kindes gemeinsam ein zu versteuerndes Einkommen von mehr als 500.000 Euro, bei Alleinerziehenden 250.000 Euro, hatten entfällt der Anspruch auf Elterngeld.

Elterngeld kann für maximal 14 Monate in Anspruch genommen werden. Ein Elternteil kann höchstens für zwölf Monate Elterngeld beantragen. Anspruch auf zwei weitere Monatsbeträge haben die Eltern, wenn beide vom Angebot des Elterngeldes Gebrauch machen möchten (Partnermonate). Anspruch auf die Partnermonate besteht, wenn sich in mindestens zwei Bezugsmonaten das Erwerbseinkommen mindert (etwa durch Arbeitszeitreduzierung während der Elternzeit oder im Mutterschutz). Dann ist auch Teilzeitarbeit während der Partnermonate zulässig, wenn die Arbeitszeit 30 Wochenstunden im Durchschnitt eines Bezugsmonats nicht überschreitet.

Mit dem Elterngeld wird das Ziel verfolgt, die Kosten, die durch die zeitweise Unterbrechung der Erwerbstätigkeit aufgrund der Geburt eines Kindes entstehen, durch eine Lohnersatzleistung zu kompensieren. Es orientiert sich am zuvor bezogenen Erwerbseinkommen und belohnt damit, anders als es beim Erziehungsgeld der Fall war, die Erwerbsbeteiligung. Mit dem Elterngeld wurde außerdem ein Anreiz geschaffen, partnerschaftlich Teilzeiterwerbsarbeit und Kindererziehung zu teilen. Es wird daher als wichtiger Schritt zur Überwindung des "Ernährermodells" interpretiert.

Da Elterngeld von einem Partner nur noch maximal zwölf Monate bezogen werden kann, sollen Anreize entstehen, möglichst schnell wieder einer Erwerbstätigkeit nachzugehen. Gegenüber dem Erziehungsgeld entfällt somit der Anreiz sich vom Erwerbsleben zurückzuziehen. Die zwei zusätzlichen Partnermonate sollen zudem zu einer egalitäreren Aufteilung der Familienarbeit beitragen.

Im Vergleich zum Erziehungsgeld ist der Anteil der Väter, die die Leistung in Anspruch nehmen, deutlich gestiegen. Waren es beim Erziehungsgeld nur 3,3 Prozent, so sind es beim Elterngeld bereits fast 30 Prozent. Der Anteil ist seit Einführung kontinuierlich gestiegen. Allerdings stellen über 78 Prozent der Väter nur Anträge für die beiden Pflichtmonate. Die durchschnittliche Bezugsdauer von Vätern lag 2012 bei 3,2 Monaten. Weiterhin ist interessant, dass Väter häufiger eine Auszeit nehmen, wenn die Frau einer Erwerbstätigkeit nachgeht. Das Elterngeld trägt dazu, Familien- und Erwerbsarbeit gerechter zu verteilen. Es wird davon gesprochen, dass Väter nicht mehr nur Ernährer der Familie sein wollen, sondern sich als "neue Väter" verstehen, die auch ein Recht auf Vereinbarkeit von Familie und Beruf reklamieren, um sich um ihren Nachwuchs zu kümmern. Empirisch lässt sich feststellen, dass auch nach der Geburt eines Kindes die Arbeitszeiten der Väter hoch bleiben und sie häufig nur die beiden Partnermonate des Elterngeldes in Anspruch nehmen, um die staatliche Transferleistung maximal auszuschöpfen. Es zeigt sich, dass es für Frauen wie für Männer Kind und Karriere kein Gegensatz mehr sein müssen und sie heute beides unter einen Hut bringen wollen.

Das Elterngeld orientiert sich in seinen Regelungen stark an ähnlichen Modellen in Skandinavien. So gibt es in Dänemark einen 12-monatigen (inklusive zwei Väterwochen) Elterngeldanspruch. Er beträgt in den ersten sechs Monaten 100 Prozent, in den Folgemonaten 90 Prozent des vorherigen Lohns. In Schweden besteht ein 13-monatiger (inklusive zwei Partnermonate) Anspruch auf ein Elterngeld als 80-prozentige Lohnersatzleistung, die als Leistung der Sozialversicherung gezahlt wird.

Um nach Bezug des Elterngeldes wieder einer Berufstätigkeit nachgehen zu können, gibt es ein ganzes Bündel von Maßnahmen zur Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die im entsprechenden Text behandelt werden.

Regelungen im SGB III und im SGB II

Bereits § 1 Abs. 1 des SGB III normiert, dass die Gleichstellung von Frauen und Männern als durchgängiges Ziel zu verfolgen ist. § 8 SGB III ist dann die zentralen Kernnormen zur Förderung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf von Frauen und insbesondere von Müttern, aber auch für Männer bzw. Väter.

§

Sozialgesetzbuch

§ 8 SGB III Vereinbarkeit von Familie und Beruf

  1. Die Leistungen der aktiven Arbeitsförderung sollen in ihrer zeitlichen, inhaltlichen und organisatorischen Ausgestaltung die Lebensverhältnisse von Frauen und Männern berücksichtigen, die aufsichtsbedürftige Kinder betreuen und erziehen oder pflegebedürftige Angehörige betreuen oder nach diesen Zeiten wieder in die Erwerbstätigkeit zurückkehren wollen.

  2. Berufsrückkehrende sollen die zu ihrer Rückkehr in die Erwerbstätigkeit notwendigen Leistungen der aktiven Arbeitsförderung unter den Voraussetzungen dieses Buches erhalten. Hierzu gehören insbesondere Beratung und Vermittlung sowie die Förderung der beruflichen Weiterbildung durch Übernahme der Weiterbildungskosten. Inwieweit diese Regelungen in der Praxis der Arbeitsförderung Anwendung finden, wird im Modul Förderung ausführlich dargestellt.

Auch im SGB II werden grundlegende gleichstellungspolitische Anforderungen formuliert: In § 1 SGB II heißt es: "Die Gleichstellung von Männern und Frauen ist als durchgängiges Prinzip zu verfolgen." Seit 2011 gibt es in jedem Jobcenter eine "Beauftragte für Chancengleichheit", die in Fragen der Gleichstellung von Frauen und Männern in der Grundsicherung für Arbeitsuchende, der Frauenförderung sowie der Vereinbarkeit von Familie und Beruf bei beiden Geschlechtern unterstützen und beraten soll.

Überwiegend kritisch werden die leistungsrechtlichen Regelungen des SGB III und des SGB II hinsichtlich der Aufweichung des Ernährermodells interpretiert. Im SGB III führt die prozentuale Bindung des Arbeitslosengeldes an den letzten Nettolohn dazu, dass Männer in der Regel aufgrund der häufig günstigeren Steuerklasse und des höheren Lohnes ein höheres Arbeitslosengeld beziehen.

In der früheren Arbeitslosenhilfe fielen Frauen häufiger aus dem Bezug als Männer, weil die Einkommensanrechnung des Partnereinkommens Frauen überproportional benachteiligte. Durch die Abschaffung der Arbeitslosenhilfe und die Anpassung der neuen Berechnungsverfahren für das Arbeitslosengeld II an die Regeln der Sozialhilfe verschärft sich die "Ehegattensubsidiarität", d.h. die Heranziehung des Partners zur Finanzierung der Dauerarbeitslosigkeit der Partnerin nochmals. Andererseits wird im SGB II eine Aktivierungspolitik definiert, die für Leistungsberechtigte faktisch keine geschlechtsspezifischen Unterschiede in der Erwerbspartizipation mehr kennt. Damit wird die Orientierung an der "Ernährerehe" aufgegeben, woraus sich positive Wirkungen für die Unterstützung der Arbeitsmarktintegration von Frauen ergeben können.

Eine Untersuchung im Auftrag des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales, die das SGB II aus gleichstellungspolitischer Sicht betrachtete, kam zu dem Ergebnis, dass die Gleichstellungspolitik "bislang nicht systematisch in die Prozesse und Abläufe" der Jobcenter integriert ist.

Quellentext

Prof. Dr. Matthias Knuth (IAQ – Institut Arbeit und Qualifikation)

In einer Gesellschaft, die das Ernährermodell grundsätzlich überwunden, ihr Steuer- und Sozialversicherungssystem individualisiert und günstige Rahmenbedingungen für eine gleichberechtigte Erwerbstätigkeit der Geschlechter – insbesondere auch von Vätern und Müttern - geschaffen hätte, wären Lohnersatzleistungen, die auf dem Ernährermodell basieren, ein Anachronismus.

In einer Erwerbsordnung wie der deutschen dagegen, in deren Steuer, Sozialversicherungs- und Bildungssystem das Ernährermodell trotz seiner Überholung durch die gesellschaftliche Realität tief eingeschrieben bleibt, läuft diese Reform auf eine Aufkündigung des Ernährermodells "von unten" hinaus. Gerade diejenigen, die ihm am tiefsten verhaftet sind – z.B. aus dem Ausland nachgezogenen nichterwerbstätige Ehefrauen ohne berufliche Qualifikation und ohne Sprachkenntnisse - sollen dieses Modell nun nicht mehr praktizieren dürfen, während die Gattinnen von Führungskräften bequem vom Splittingvorteil leben können oder jedenfalls könnten.

Gleichzeitig aber – darin liegt die Widersprüchlichkeit – werden langzeitarbeitslose Frauen, deren Ehemänner erwerbstätig sind, durch engere Grenzen bei der Bedürftigkeitsprüfung von deren Einkommen abhängiger als bisher, und durch fehlende Rentenbeiträge bei fehlendem Leistungsanspruch auch abhängig von abgeleiteter Alterssicherung. "Hartz IV" hat den Männern etwas genommen, ohne den Frauen etwas zu geben.

Quelle: Knuth, Matthias (2006): "Hartz IV" – die unbegriffene Reform. In: Sozialer Fortschritt 7; S. 160-168; hier S. 165.


Die Führungsrolle von Frauen in der Arbeitswelt

Einen weiteren Hinweis auf die schleichende Erosion des männlichen Ernährermodells zeigt der Anteil der Frauen in Führungspositionen. Die Repräsentation von Frauen auf den mittleren und höheren Führungsetagen kann zu einem Kulturwandel beitragen und macht deutlich, dass sich Frauen heutzutage nicht mehr nur in der Rolle als Hausfrau sehen, sondern beruflich erfolgreich sein wollen. Aber noch immer ist der Anteil von Frauen in Führungspositionen der privaten und der öffentlichen Unternehmen gering. Daran haben das Gleichstellungsgebot von Männern und Frauen im Grundgesetz, die bisher betriebene Frauenförderung und extra eingestellte Gleichstellungsbeauftragte, gender mainstreaming als EU-Vorgabe, Selbstverpflichtungen der Wirtschaft und Initiativen zu einem Gleichstellungsgesetz von 2001 wenig geändert.

Zehn Jahre nach der "Vereinbarung zwischen der Bundesregierung und den Spitzenverbänden der deutschen Wirtschaft zur Förderung der Chancengleichheit von Frauen und Männern in der Privatwirtschaft" vom Juli 2001 hatte die Debatte über höhere Frauenanteile in Führungspositionen Mitte 2011 durch – wenn auch unterschiedliche – Vorschläge einer Quotenregelung aus der Bundesregierung wieder an Aktualität und Brisanz gewonnen. Eine verbindliche Quote für Frauen in Führungspositionen steht seitdem regelmäßig wieder auf der Tagesordnung. Zuletzt forderte die ehemalige Familienministerin Kristina Schröder anstatt einer verbindlichen Quote für Frauen in Führungspositionen eine "Flexiquote", bei der Unternehmen gesetzlich verpflichtet werden, sich selbst eine individuelle Frauenquote zu geben. Das Modell der Flexi-Quote hatte keinen großen Erfolg. Im Koalitionsvertrag haben sich SPD und CDU/CSU darauf verständigt, den Anteil weiblicher Führungskräfte in Deutschland zu erhöhen und gesetzliche Verpflichtungen zur Erhöhung der Frauenanteile in Aufsichtsräten, Vorständen und in den obersten Management-Ebenen festzulegen.

Diese unterschiedlichen Ansätze und Vorgehensweisen bedürfen der Abstimmung mit der Wirtschaft, die sich weiterhin gegen eine gesetzlich festgelegte Quote wehrt. Die Unternehmen setzten auf freiwillige Selbstverpflichtungen. Somit darf man gespannt bleiben, ob höhere Frauenanteile in Führungspositionen in welchen und wie vielen Unternehmen künftig per Selbstverpflichtung der Wirtschaft, per Sanktionen bei verfehlten Selbstverpflichtungen oder per gesetzlicher Frauenquote erreicht werden.

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat mit Hilfe seines "Managerinnen-Barometers" für 2013 bei Vorständen der 200 größten Unternehmen einen Frauenanteil von 4 Prozent ermittelt, in Aufsichtsräten von 15 Prozent. Bei den Aufsichtsräten stieg der Anteil in den letzten Jahren, während er bei den Vorständen stagnierte. Knapp 72 Prozent der Frauen gelangten als Vertreterinnen der Arbeitnehmerschaft, also über Mitbestimmungsregeln, in diese Gremien. In 10 Unternehmen des DAX-30 gab es 2013 Frauen im Vorstand und in 28 Unternehmen Frauen im Aufsichtsrat. Der Frauenanteil in den Vorständen der DAX-30-Unternehmen lag 2013 nur bei 6,3 Prozent, bei den Aufsichtsräten waren es 21,9 Prozent.

Einen interessanten Vergleich liefert auch der Frauenanteil in den berufungsautonomen Hochschulen. 2012 waren 20,4 Prozent aller Professoren weiblich, während der Frauenanteil bei den Promotionen 2012 bei 45 Prozent lag. Je höher die Hierarchieebene, desto weniger Frauen sind dort tätig. Die meisten Frauen in Führungspositionen finden sich im unteren Management. In Führungspositionen – aber nicht nur dort verdienen Frauen deutlich weniger als Männer. Auch bei den nicht monetären Leistungen wie Diensthandy oder Firmenwagen hinken sie hinterher.

Hindernisse für Frauen in Führungspositionen bestehen in der fehlenden flächendeckenden Verfügbarkeit von Kindertagesstätten, Kinderhorten und anderer Betreuung, Ganztagsschulen zum einen und bei praktikablen Vereinbarkeitsmodellen für Familie und Beruf, bei familienfreundlichen Arbeitszeiten und bei der in Führungspositionen vorherrschenden Anwesenheitskultur.

Zahlreiche Studien belegen: Frauen in Führungspositionen verbessern das Unternehmensergebnis, fördern die Entscheidungsfindung und tragfähige Kompromisse, verbessern die Akzeptanz in der Belegschaft und stärken das Image des Unternehmens bei Kunden, Kapitalgebern und in der Öffentlichkeit. Führungspositionen für Frauen führen zu mehr interessierten Bewerberinnen.

Fünf EU-Staaten haben diese Vorteile erkannt und eine gesetzliche Frauenquote eingeführt. So will Frankreich bis 2016 einen Frauenanteil von 40 Prozent in Aufsichtsräten und eine ähnliche Regelung für Unternehmensvorstände. Norwegen hat seit 2003 für Aufsichtsräte börsennotierter Unternehmen einen Anteil von 40 Prozent vorgeschrieben, den sich auch andere Unternehmen zum Vorbild nehmen. Die Vizepräsidentin der EU-Kommission Viviane Reding befürwortet einen entsprechenden Wert als Zielvorgabe für Frauen in Führungspositionen. In Deutschland ist eine Mehrheit von 70 Prozent (79 Prozent der Frauen und 62 Prozent der Männer) nach einer aktuellen Umfrage des Bundesfamilienministeriums für eine Förderung von Frauen in Führungspositionen per Gesetz.

Anteil Frauen an abhängig Beschäftigten, Angestellten und Führungskräften in der Privatwirtschaft 2010Anteil Frauen an abhängig Beschäftigten, Angestellten und Führungskräften in der Privatwirtschaft 2010 (PDF-Icon Grafik zum Download 57 KB) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Der Arbeitsmarkt wird weiblicher und nicht nur die Erwerbstätigenquoten der Frauen steigen, sondern auch ihr Anteil an den Führungspositionen in der Wirtschaft. Das männliche Ernährermodell scheint langsam zu erodieren, obwohl es weiterhin Regelungen im Steuer- und Abgaberecht gibt, die eine traditionelle Aufteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit fördern. Insgesamt ist die familiäre Arbeitsteilung bunter geworden. Wir finden unterschiedliche individuelle Arrangements und Familien lassen sich heute nicht mehr dauerhaft auf ein Muster der Aufteilung von Erwerbs- und Familienarbeit festlegen.

In Zeiten des demografischen Wandel und vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels will auch die Wirtschaft nicht mehr auf qualifizierte weibliche Arbeitskräfte verzichten und macht gerade Frauen vielfältige Angebote. Gesetzlichen Verpflichtungen steht die Wirtschaft weiterhin kritisch gegenüber.

Das männliche Ernährermodell hat nicht mehr die Bedeutung, die es noch in den 1960er Jahre hatte. Von einem Ende kann aber noch nicht gesprochen werden, denn es besitzt weiterhin eine prägende normative Kraft für die Gestaltung der Geschlechterbeziehungen.

Links

BMFSFJ: Elterngeld und Elternzeit
http://www.bmfsfj.de/BMFSFJ/Service/rechner,did=76746.html

Projekt "Familienernährerinnen"
http://www.familienernaehrerin.de/

IAB Infoplattform Frauenquote - Geschlechtervielfalt in den Chefetagen
http://infosys.iab.de/infoplattform/dokSelect.asp?pkyDokSelect=133&sortLit=2&show=Lit

Datenreport 2013: Familie, Lebensformen und Kinder
http://www.bpb.de/nachschlagen/datenreport-2013/familie-lebensformen-und-kinder/

WSI GenderDatenPortal
http://www.boeckler.de/wsi_38957.htm

Zum Weiterlesen

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Berghahn, Sabine (2003): Der Ritt auf der Schnecke – Rechtliche Gleichstellung in der Bundesrepublik Deutschland.
http://www.fu-berlin.de/sites/gpo/pol_sys/gleichstellung/Der_Ritt_auf_der_Schnecke/Ritt-Schnecke-Vollstaendig.pdf?1361541637

Berghahn, Sabine; Wersig Maria (2006): Vergemeinschaftung von (Ehe-) Partnern durch die Reformen der Agenda 2010 – eine Rückkehr zum "Geschlechtervertrag" des 19. Jahrhunderts? Femina Politica 2/2005: 84-95.

Berghahn; Sabine (2001): Ehe als Übergangsarbeitsmarkt?; WZB Discussion Paper FS I 01-207; Berlin. http://www.econstor.eu/bitstream/10419/43933/1/345124006.pdf

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Bonin, Holger; Clauss, Markus; Gerlach, Irene; Laß, Inga; Mancini, Anna Laura; Nehrkorn-Ludwig, Marc-André; Niepel, Verena; Schnabel, Reinhold; Stichnoth, Holger; Sutter, Katharina (2013): Evaluation zentraler ehe- und familienbezogener Leistungen in Deutschland. Endbericht. Mannheim.
http://ftp.zew.de/pub/zew-docs/gutachten/ZEW_Endbericht_Zentrale_Leistungen2013.pdf

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http://www.bmfsfj.de/RedaktionBMFSFJ/Broschuerenstelle/Pdf-Anlagen/Kif_C3_B6G-Vierter-Zwischenbericht-zur-Evaluation-des-Kinderf_C3_B6rderungsgesetzes,property=pdf,bereich=bmfsfj,
sprache=de,rwb=true.pdf


Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2011): Gleichstellungsbericht 2010. Erster Gleichstellungsbericht - Neue Wege-Gleiche Chancen - Gleichstellung von Frauen und Männern im Lebensverlauf. Berlin.
http://www.bmfsfj.de/RedaktionBMFSFJ/Broschuerenstelle/Pdf-Anlagen/Erster-Gleichstellungsbericht-Neue-Wege-Gleiche-Chancen,property=pdf,bereich=bmfsfj,sprache=de,rwb=true.pdf

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