Die duale Ausbildung
Traditionell dominiert in der Mehrzahl der Länder Europas der Lernort Berufsbildende Schule das öffentlich-rechtlich standardisierte Angebot der Berufsausbildung. In Deutschland ist es die betriebliche plus schulische Ausbildung.
Im Berufsschulzentrum "August von Parseval" in Bitterfeld erhalten 4.500 Schüler/Auszubildende Unterricht in verschiedenen Fachrichtungen und Schulformen. (© AP)Schulische Ausbildung bevorzugen insbesondere die osteuropäischen, skandinavischen (Ausnahme Dänemark) und romanischen Staaten sowie Belgien und die Niederlande. Die vollzeitschulische Berufsfachschule stellt dort die typische Vorbereitung für den Übergang in eine anschließende Facharbeiter- und Angestelltentätigkeit dar. Die angelsächsischen Länder sind noch traditionell durch den direkten Einstieg in ein Beschäftigungsverhältnis geprägt, um anschließend "on the job" Berufserfahrungen und Qualifikationen zu erwerben. In der Europäischen Union wird nur in Deutschland, Österreich und Dänemark das duale System praktiziert.
Das duale System der Berufsausbildung in Deutschland ist nicht das Ergebnis bewusster Planung und Entwicklung, es ist vielmehr in einem komplexen historischen Prozess zu einem in sich gefügten Ganzen gewachsen. Betriebslehre und Berufsschule haben sich lange Zeit mehr oder weniger unabhängig voneinander entwickelt und sich erst sehr spät zu einem speziellen Qualifikationssystem, eben dem "dualen System", zusammengefunden und sind schließlich bewusst gestaltet worden. Was unter dualer Ausbildung verstanden wird, wie und warum dieses Ausbildungssystem entstand, ist Gegenstand dieses Abschnitts.
Was ist die duale Ausbildung?
Duale Ausbildung bedeutet, dass der überwiegende Teil der Ausbildung im Betrieb erfolgt, ergänzt durch Unterricht in der Berufsschule. Für beide Lernorte gibt es eigenständige – jedoch aufeinander abgestimmte – Regelungen.
Die Ausbildung im Betrieb erfolgt auf der Grundlage einer Ausbildungsordnung, im Rahmen eines Ausbildungsvertrages und überwiegend am Arbeitsplatz. Die Ausbildungsordnung regelt die staatliche Anerkennung des Berufes, die Berufsbezeichnung, die Ausbildungsdauer, das Ausbildungsberufsbild (Mindestanforderungen), den Ausbildungsrahmenplan (Anleitung zur sachlichen und zeitlichen Gliederung) und die Prüfungsanforderungen.
Entwicklung der durchschnittlichen Ausbildungsvergütungen. Lizenz: cc by-nc-nd/2.0/de/ (bpb)In die Berufsschule gehen Auszubildende 1-2 Tage die Woche. Der Lehrplan der Berufsschule enthält etwa ein Drittel allgemein bildende Inhalte und etwa zwei Drittel berufsbezogene Inhalte. Für die Ausbildung in den Berufsschulen sind die Kultusminister in den 16 Bundesländern verantwortlich, die sich im Rahmen der Kultusministerkonferenz untereinander abstimmen. Auf regionaler Ebene sind die zuständigen Stellen bei den Kammern mit Akkreditierungs-, Prüfungs- und Kontrollaufgaben befasst. Das Berufsbildungsgesetz (BBiG) in der ersten Fassung vom 14.8.1969 ist der bundesrechtliche Rahmen für alle Rechtsvorschriften der beruflichen Aus- und Fortbildung.
Arbeitsrechtliche Bestimmungen gelten auch für die betriebliche Ausbildung, z. B. das Bürgerliche Gesetzbuch, das Jugendarbeitsschutzgesetz und das Mutterschutzgesetz.
Bei Beginn der Berufsausbildung muss die Vollzeitschulpflicht erfüllt sein. Weitere Zugangsvoraussetzungen für den Zugang zur dualen Berufsausbildung bestehen nicht.
Kurze Historie
Die duale Ausbildung in Deutschland hat eine lange Tradition. Einst wurde die Ausbildung im Handwerk von den Zünften betrieben, um eine geregelte Meisterausbildung zu etablieren. Bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts war die Ausbildung eine rein handwerkliche Domäne. Erst 1821 wurde die erste Lehrwerkstätte außerhalb des Handwerks gegründet. 1830 bestanden bereits in mehreren deutschen Ländern berufliche Fortbildungsschulen. Die Lehrinhalte orientierten sich dabei an den Berufen der Schüler.
In der Gewerbeverordnungsnovelle von 1897 wurde das duale Prinzip der Berufsausbildung - praktische Ausbildung im Betrieb, theoretischer Unterricht in der Berufsschule - erstmals festgeschrieben. Im Jahr 1923 wurde in Preußen der Begriff der "Berufsschule" eingeführt. Ab Mitte der 1920er Jahre nahm die Lehrlingsausbildung auch in der Industrie Gestalt an. Ab 1930 wurden in den Kammern Prüfungen für die Industrielehrlinge abgenommen. Die Nationalsozialisten führten 1938 die klassische Pflichtberufsschule mit den einheitlichen Bezeichnungen Berufsschule, Berufsfachschule und Fachschule ein.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Berufsschulrecht der NS-Zeit weitgehend beibehalten (Berufsschulpflicht, Berufsschullehrer als Landesbeamte, Landkreise bzw. Städte als Schulträger u.a.). Der Begriff duales System der Berufsausbildung wurde aber erst vom Deutschen Ausschuss für das Erziehungs- und Bildungswesen in seinem "Gutachten über das berufliche Ausbildungs- und Schulwesen" im Jahre 1964 geprägt.
Entscheidende Impulse wurden mit der Inkraftsetzung des Berufsbildungsgesetzes 1969 gesetzt. Hierin wurden die Interessen des Staates, der Arbeitgeber und Arbeitnehmer berücksichtigt. Grundlegend war, dass das
- zersplitterte Ausbildungsrecht für verschiedene Berufe zusammengefasst,
- Unklarheiten in den Ausbildungsrechten beseitigt und
- der Einfluss des Staates auf die Ausbildung gesichert wurde.
Strukturelle Probleme des dualen Systems
Die strukturellen Ursachen der seit vielen Jahren abnehmenden Absorptionsfähigkeit des dualen Systems (...) sind grundlegender Natur:
- Der Rückgang der Beschäftigung im tradiert ausbildungsintensiveren industriellen Sektor wird durch eine entsprechende Steigerung der Ausbildungsplätze im Dienstleistungssektor nicht annähernd ausgeglichen.
- Durch veränderte Personalrekrutierungsstrategien stellen Unternehmen am oberen Ende der Qualifikationsniveaus zunehmend Hochschulabsolventen für Tätigkeitsbereiche ein, die zuvor Absolventen einer dualen Ausbildung offen standen. Absehbar ist, dass diese Entwicklung durch die Ausweitung unmittelbar berufsbezogener Hochschulabschlüsse wie dem des Bachelors weiter verstärkt wird.
- Die Segmentierung zwischen Stamm- und Randbelegschaften und die Verkürzung der Planungsvorläufe in der Personalarbeit verringern insbesondere am unteren Ende der betrieblichen Hierarchien das Interesse der Unternehmen an sich erst langfristig amortisierenden Ausbildungsinvestitionen. Dementsprechend fahren Unternehmen ihre Aufwendungen für geregelte Berufsausbildung zurück, setzen verstärkt auf betriebsspezifische Qualifizierungen und weichen – etwa im Baugewerbe, aber auch in der Fertigung und Montage der Industrie – auf an- und ungelernte Beschäftigte aus.
Links und PDF-Dokumente
Zum Weiterlesen
Berufsbildungsberichte des BMBF (jährlich)
Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) (2008): Grund- und Strukturdaten 2007/2008. Daten zur Bildung in Deutschland. Bonn / Berlin.
Dietrich, Hans / Severing, Eckart (Hrsg.) (2007): Zukunft der dualen Berufsausbildung – Wettbewerb der Bildungsgänge; Bonn.
Euler, Dieter / Severing, Eckart (2006): Flexible Ausbildungswege in der Berufsbildung; Nürnberg, St. Gallen.
»http://www.bmbf.de/pub/Studie_Flexible_Ausbildungswege
_in_der_Berufsbildung.pdf«
Greinert, Wolf-Dietrich (1993): Das "deutsche System" der Berufsausbildung. Geschichte, Organisation, Perspektiven. Baden-Baden.
Loebe, Herbert / Severing, Eckart (Hrsg.) (2008): Berufsausbildung im Umbruch. Ansätze zur Modernisierung des dualen Systems. Bielefeld.
Zöller, Arnulf (Hrsg.) (2006): Vollzeitschulische Berufsausbildung – eine gleichwertige Partnerin des dualen Systems? Bonn.

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weitere Inhalte:
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