Arbeitsmarktpolitik Dossierbild

11.8.2014 | Von:
Frank Oschmiansky
Jürgen Kühl
Tim Obermeier

Debatten um Finanzierungskonzepte

Die Finanzierung der Arbeitsmarktpolitik erfolgt in Deutschland aus unterschiedlichen Quellen. Während sich die Arbeitslosenversicherung aus den Beiträgen der Versicherten finanziert, wird die Arbeitsmarktpolitik in der Grundsicherung für Arbeitsuchende weitestgehend aus Steuermitteln bezahlt. Fragen der Finanzierung standen immer wieder im Fokus von politischen Debatten.

Fragen der Finanzierung der Arbeitsmarktpolitik drehen sich um die Finanzierung der aktiven und passiven Leistungen der Arbeitsmarktpolitik. Unter den passiven Leistungen versteht man Lohnersatzleistungen wie das Arbeitslosengeld I oder das Arbeitslosengeld II. Das Arbeitslosengeld II soll das soziokulturelle Existenzminimum sichern. Aktive Leistungen sind die Maßnahmen der aktiven Arbeitsmarktpolitik wie Qualifizierungen oder geförderte Beschäftigung. Arbeitsmarktpolitik wird in der Arbeitslosenversicherung (SGB III) hauptsächlich aus den Beiträgen der Versicherten finanziert, während die passiven und aktiven Leistungen der Grundsicherung (SGB II) weitgehend aus Steuermitteln finanziert werden.

Kriterien für eine gerechte und effiziente Finanzierung der Arbeitsmarktpolitik

Geldautomat der Bundesagentur für Arbeit.Geldautomat der Bundesagentur für Arbeit. (© AP)
In den Verhandlungen zum Arbeitsförderungsgesetz von 1969 wurde damals gegen die Einwände der Bundesanstalt für Arbeit der Beschluss gefasst, sowohl die "passive" als auch die erheblich verstärkte "aktive" Arbeitsmarktpolitik weiterhin hauptsächlich über die Beiträge an die Bundesanstalt für Arbeit zu finanzieren. Ausgenommen davon blieb lediglich die Finanzierung der Arbeitslosenhilfe, die vom Bund über Steuern geleistet wurde. Obwohl in der Wissenschaft gegen diese Praxis mehrfach theoretische Einwände erhoben wurden und insbesondere die Gewerkschaften immer wieder eine Arbeitsmarktabgabe, also Beiträge aller Erwerbstätigen (2013: 41,8 Millionen) statt nur der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten (2013: 29,8 Millionen), forderten, um die Finanzierungsbasis zu erweitern und die "Gerechtigkeitslücke" aus ihrer Sicht zu schließen, hat sich zumindest im SGB III daran bis heute nichts verändert. Auch der Fall der dynamisierten Beitragsbemessungsgrenze wurde gefordert. Dagegen hat die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe im Jahr 2005 dazu geführt, dass für ein Teilklientel (Bezieher der Grundsicherung) die Finanzierungsstrukturen zugunsten von mehr Steuerfinanzierung, stark verändert worden sind.

In diesem Abschnitt sollen zunächst Kriterien für eine gerechte und effiziente Finanzierung der Arbeitsmarktpolitik präsentiert werden. Anschließend werden Reformvorschläge für alternative Finanzierungskonzepte vorgestellt. Diese betreffen im Wesentlichen die Finanzierung des Versicherungszweiges. Danach werden Vorschläge präsentiert (Grundeinkommen, Negative Einkommensteuer), die weit darüber hinaus gehen. Einige dieser Konzepte verstehen sich dabei als Erweiterung des Sozialsystems, andere als Alternative zum bestehenden Sozialstaat. Die Beschreibung der aktuellen Finanzierungsstrukturen in der Arbeitsförderung (SGB III) und in der Grundsicherung (SGB II) beschließen diesen Abschnitt.

Geht man von der Prämisse aus, dass die Leistungen der Arbeitsmarktpolitik ein typisches Mischgut sind, die öffentlichen wie privaten Charakter haben, dann folgt daraus auch die Forderung nach einer gemischten Finanzierung. Aber nach welchen Kriterien soll sich die Mischung orientieren? Die Finanzwissenschaft liefert hierfür drei Gesichtspunkte: das Kongruenzprinzip, das Leistungsfähigkeitsprinzip sowie das Effizienzprinzip:
  • Das Kongruenzprinzip besagt, alle profitierenden Akteure bzw. Institutionen sollen einen Beitrag entsprechend des ihnen zufallenden Nutzens leisten.
  • Das Leistungsfähigkeitsprinzip berücksichtigt die unterschiedliche Zahlungsfähigkeit der Akteure bzw. Institutionen.
  • Das Effizienzprinzip schließlich fordert, die Ausgaben an alternativen Verwendungen zu messen und das günstigste Nutzen-Kosten-Verhältnis zu wählen.
Aus diesen allgemeinen Prinzipien lassen sich in Verbindung mit den Zielen der Arbeitsmarktpolitik eine Reihe von Kriterien für eine funktionsgerechte Finanzierung der Arbeitsmarktpolitik entwickeln. Auch wenn es in der Wissenschaft keinen Konsens darüber gibt, finden sich in der Literatur immer wieder folgende Hinweise:
  • Arbeitslosenversicherung wie auch aktive Arbeitsförderung sollten für die Erwerbspersonen ausreichende Anreize zur Arbeitsaufnahme sowie zur Erhaltung und Erweiterung der Beschäftigungsfähigkeit bieten.
  • Betriebe sollten Anreize zur Vermeidung von Entlassungen und zur kontinuierlichen Qualifizierung erhalten.
  • Das gilt auch für die Tarifpartner, die durch die Existenz einer Arbeitslosenversicherung oder aktiven Arbeitsmarktpolitik nicht davon abgehalten werden sollen, am Verteilungsspielraum aus Produktivitätswachstum und Preissteigerung orientierte oder gar "moderate" Tarifabschlüsse und funktionsgerechte Tarifstrukturen auszuhandeln.
  • Die Art der Finanzierung soll zum sozialen Ausgleich, d.h. zur Begünstigung benachteiligter Gruppen des Arbeitsmarkts beitragen und eine gerechte Verteilung der Finanzierungslasten gewährleisten.
  • Auch regionale Ausgleichswirkungen sollen durch Stabilisierung der regionalen Kaufkraft und eine solidarische Umverteilung der Mittel aktiver Arbeitsmarktpolitik auf Regionen mit besonderen Beschäftigungsproblemen erzielt werden.
  • Die Einnahmen und Ausgaben sollen makroökonomisch, also durch antizyklische Ausrichtung die Konjunktur stabilisieren (d.h., Beitragsgestaltung und Ausgaben müssen entsprechend flexibel und reversibel gehandhabt werden können).
  • Die verfügbaren Mittel für Lohnersatzleistungen und Arbeitsförderung sollten zugunsten der Förderung deckungsfähig sein und der aktiven Arbeitsmarktpolitik Vorrang geben.
Die Verletzung vieler dieser Kriterien hat seit 1969 immer wieder Diskussionsanstöße zur Veränderungen des Finanzierungssystems gegeben. Vor allem die ungerecht verteilten Finanzierungslasten aktiver Arbeitsmarktpolitik (von ihr profitieren auch Nichtbeitragszahler), das faktische Auskonkurrieren aktiver Arbeitsmarktpolitik durch passive Ausgaben (vor allem in Krisenzeiten), sowie die relative Benachteiligung von Regionen mit besonderen Beschäftigungsproblemen in der aktiven Arbeitsmarktpolitik gaben wiederholt Anlass, über andere Finanzierungsstrukturen nachzudenken. Die wichtigsten Alternativen werden kurz vorgestellt.

Historische Diskurse zur Finanzierung der Arbeitsmarktpolitik

Vereinfachend lassen sich die wichtigsten Reformvorschläge der letzten dreißig Jahre in vier Kategorien einteilen:
  1. Trennung von Steuer- und Beitragsfinanzierung,
  2. Erweiterung des Kreises der Beitragszahler,
  3. Umstellung der Beitragsbemessung,
  4. Regelbindung des Bundeszuschusses.
Vorschläge wie beispielsweise die Einführung eines garantierten Grundeinkommens oder einer negativen Einkommenssteuer würden fünftens die Finanzierung der gesamten Sozialpolitik auf grundsätzlich neue Beine stellen.

Trennung der Finanzierungsquellen

Dieser Vorschlag sieht vor, die aktive Arbeitsmarktpolitik durch Steuern und die passive Arbeitsmarktpolitik weiterhin durch Beiträge zu finanzieren. Gegen eine solche Trennung sprechen mehrere Argumente. Die organisatorische Folge wäre voraussichtlich die Aufspaltung der Bundesagentur für Arbeit in eine öffentlich-rechtliche Anstalt zur Verwaltung der Lohnersatzleistungen für Arbeitslose und in eine Institution zur Arbeitsförderung. Die steuerfinanzierten Ausgaben für aktive Arbeitsmarktpolitik unterlägen den schwankenden politischen Mehrheiten im jährlichen Poker um den Staatshaushalt. Da sie direkt mit den Ausgaben für andere Politikfelder konkurrieren müssten, fielen sie den oft nur fiskalisch motivierten Konsolidierungszielen des Staatshaushalts leicht zum Opfer. Ein berechenbares und antizyklisches Ausgabenverhalten wäre nicht gewährleistet. Auch der institutionelle Anreiz zur Umwandlung von Mitteln für Arbeitslosengeld in Mittel für Arbeitsförderung würde deutlich vermindert, und die Koordination aktiver und passiver Arbeitsmarktpolitik erforderte einen höheren Aufwand.

Das Ergebnis getrennter Finanzierung könnte ein deutliches Sinken des Budgets aktiver Arbeitsmarktpolitik sein. Deshalb wurde dieser Vorschlag vor allem von den Arbeitgebern unterstützt. Aber auch die Exekutive liebäugelte hin und wieder mit diesem Vorschlag, da er aus Effizienzgesichtspunkten einen entscheidenden Vorzug hat. Die Ausgaben aktiver Arbeitsmarktpolitik würden bei Steuerfinanzierung stärker als bisher der Konkurrenz mit anderen staatlichen Aufgabenbereichen unterliegen und damit die Beweislast der Kosten-Effektivität erhöhen. In der aktuellen Spardebatte wurde auch die Beschäftigungsförderung genannt.

Erweiterung des Kreises der Beitragszahler

Die Erweiterung des Kreises der Beitragszahler wurde vor allem von den Gewerkschaften in der Form einer zusätzlichen Arbeitsmarktabgabe für Beamte, Selbständige und Freiberufler wiederholt gefordert. Dass dagegen sowohl die Arbeitgeber als auch die Ministerialbeamten votierten, verwundert wenig. Die Arbeitgeber verteidigten die Interessen der Selbständigen und Freiberufler. Sie wiesen auch auf die technische Schwierigkeit hin, bei diesen Gruppen eine klare Bemessungsgrundlage als Äquivalent zu Lohneinkommen zu definieren. Die Einbeziehung der Beamten wurde immer wieder aus Verfassungsgründen abgelehnt.

Beamte haben keinen Arbeitnehmerstatus, sondern unterliegen der Fürsorgepflicht des Staates und haben dementsprechend kein Entlassungsrisiko, solange sie im Gegenzug ihre Treuepflicht gegenüber dem "Arbeitgeber" Staat erfüllen. Insbesondere die Länder (mit vielen Beamten) widersprachen einer Arbeitsmarktabgabe aller Erwerbstätigen. Die positiven Effekte der Arbeitsförderung werden als unerheblich und nicht direkt nachweisbar bezeichnet. Allgemein wird auch bezweifelt, ob eine solche Erweiterung des Kreises der Beitragszahler tatsächlich die erwünschte Beitragsgerechtigkeit verbessern könne, da ja auf der anderen Seite auch Ansprüche auf Leistungen entstehen würden. Dieses Argument trifft auch die immer wieder vorgebrachte Überlegung, die Bemessungsgrenze zu kappen oder stark zu erhöhen.

Veränderung der Beitragsbemessung

Ein weitergehender Vorschlag betrifft die Art der Bemessung: Welche Einkommensquellen sollen herangezogen werden? Welche Anreizwirkungen haben die verschiedenen Formen der Bemessung? Es stellt sich z. B. die Frage nach der Zweckmäßigkeit einer rein lohnbezogenen Bemessungsgrundlage der Arbeitgeberbeiträge. Schon Ende der fünfziger Jahre wurde diese kritisiert und mit Alternativen konfrontiert. Nicht nur der Faktor Arbeit (Löhne), sondern auch der Faktor Kapital sollte zur Finanzierung der sozialen Sicherung herangezogen werden. Ende der siebziger Jahre wurde als neue Bemessungsgrundlage für die Arbeitgeber daher die Bruttowertschöpfung vorgeschlagen. Neben der Lohn- und Gehaltssumme kämen danach die Gewinne, Fremdkapitalzinsen, Mieten, Pachten, Unternehmenssteuern und Abschreibungen hinzu. Bei gleichem Beitragssatz wäre diese Bemessungsgrundlage fast doppelt so ergiebig. Die Beitragssätze könnten entsprechend halbiert und die Arbeitseinkommen bzw. die Lohnnebenkosten der Unternehmen entsprechend entlastet werden. Das populärste Argument für eine solche Wertschöpfungsabgabe insbesondere zur Arbeitslosenversicherung lautet, dass diejenigen Unternehmen, die durch den höchsten technischen Fortschritt die meisten Arbeitskräfte freisetzen (also Arbeitslosigkeit angeblich erzeugen), auch entsprechend zur Kasse gebeten werden sollen.

Gegen diesen Vorschlag spricht das Äquivalenzprinzip. Bei einer Wertschöpfungsabgabe würden die Versicherten den Arbeitgeberbeitrag nicht mehr als Leistung für ihre individuelle Arbeitslosenversicherung ansehen. Verlieren aber die Beitragszahlungen die Beziehung zwischen Beitrag und Gegenleistung, so ist mit einem erhöhten Abgabenwiderstand zu rechnen. Darüber hinaus sind die beschäftigungspolitischen Auswirkungen stark umstritten. In der ersten Runde findet zwar eine klare Umverteilung statt. Für die Unternehmensseite gibt es klare Gewinner und Verlierer: Die kapitalintensiven Unternehmen verlieren, die arbeitsintensiven gewinnen. In der zweiten Runde verwischen sich jedoch die Grenzen, je nachdem, ob und auf wen sich die gestiegenen Kosten durch höhere Preise abwälzen lassen. Die sekundären Verteilungswirkungen für kleinere und mittlere Einkommen werden ungünstig eingeschätzt. Dem stehen jedoch niedrigere Kosten auf der arbeitsintensiven Seite gegenüber und die (zumindest theoretische) Möglichkeit, dass diese Kostensenkung auch in niedrigeren Preisen weitergegeben wird. In Anbetracht der diesbezüglichen Gewinner (Handwerk, personenbezogene Dienstleistungen) liegt die Vermutung nahe, dass im Gegenzug nun auch hier die kleineren und mittleren Einkommen profitieren. Die sekundäre Verteilungsbilanz wäre insgesamt wieder ausgeglichen und im Zuge der sich ausweitenden Dienstleistungsgesellschaft möglicherweise sogar positiv.

Die Diskussion um die Veränderung der Bemessungsgrundlage für Arbeitgeberbeiträge blieb weitgehend akademisch. Die empirisch zuverlässige Bestimmung der betrieblichen Wertschöpfung stößt auf große, praktische Schwierigkeiten. Zu umstritten oder unklar blieben die Beschäftigungs- und Verteilungswirkungen. Der Vorschlag wurde deshalb politisch nie ernsthaft in Erwägung gezogen, obwohl ihm beispielsweise der von 1976 bis 1982 amtierende Arbeitsminister Ehrenberg nahe stand.

Regelgebundener Bundeszuschuss

Der Vorschlag eines regelgebundenen Bundeszuschusses sollte der Verletzung mehrerer oben angeführter Kriterien entgegenwirken:
  • der Nichtübereinstimmung von Beitragsbelastung und Kostenentlastung durch aktive Arbeitsmarktpolitik,
  • der systematischen Vernachlässigung benachteiligter Zielgruppen des Arbeitsmarkts,
  • der pro- statt antizyklischen Ausgabenpolitik und
  • der regional nicht konformen Konzentration der Mittel für aktive Arbeitsmarktpolitik.
Die historisch früheste Variante wurde von Dieter Mertens, dem ersten Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in die Diskussion eingebracht. Sie sah vor, den Bundeszuschuss ab einem bestimmten Niveau der Arbeitslosigkeit "einrasten" zu lassen. Den Rücklagevorschriften im Arbeitsförderungsgesetz entsprechend sollte bei der Bundesanstalt für Arbeit eine Reserve einer Monatsausgabe angesammelt werden; die Beitragssätze oder Bundeszuschüsse sollten dann automatisch steigen, wenn diese Rücklage nennenswert angetastet wird.

Ein anderer und weitergehender Vorschlag des Arbeitsmarktforschers Günther Schmid begründete die Ausweitung einer regelgebundenen Steuerfinanzierung durch den Bund mit drei Argumenten:
  1. mit der Notwendigkeit einer Grundsicherung,
  2. einer beschäftigungspolitischen Selbstbindung und
  3. einer Mischfinanzierung aktiver Arbeitsmarktpolitik.
Der Bund sollte schon vom ersten Tag an verpflichtet werden, für jeden Arbeitslosengeldempfänger einen steuerfinanzierten Grundbetrag zuzuschießen. Dieser sollte mindestens dem Sozialhilfeniveau entsprechen. Diesem Vorschlag liegt die Überlegung zugrunde, dass die Ursache von Arbeitslosigkeit immer ein Gemisch von individuellen und sozialen, angebot- und nachfrageseitigen, endogenen und exogenen Faktoren ist. Die Zuweisung der finanziellen Verantwortung für die soziale Sicherung nur auf den Kreis der Beitragszahler (also der jeweils sozialversicherten Arbeitnehmer) ist aus dieser Sicht funktionslogisch nicht gerechtfertigt.

Alle Steuern zahlenden Bürger sollten daher schon von Anfang an gemäß ihrer Leistungsfähigkeit zur Grundsicherung bei Arbeitslosigkeit herangezogen werden. Außerdem wird dadurch der Anreiz für geld- und finanzpolitische Akteure erhöht, gegen eine sich selbst verstärkende Arbeitslosigkeit frühzeitig geeignete beschäftigungs- und wirtschaftspolitische Maßnahmen zu ergreifen.

Die Ausgaben für aktive Arbeitsmarktpolitik sollten wie bisher im Wesentlichen aus Beiträgen finanziert werden. Aus funktionslogischen Gründen sollte aber auch hier ein regelgebundener Bundeszuschuss greifen. Ein Regelsatz von 30 bis 50 Prozent entspräche dem Umfang der Entlastung des Bundeshaushalts durch aktive arbeitsmarktpolitische Maßnahmen. Nach Möglichkeit sollten auch die Länder und die gesetzlichen Kranken- und Rentenversicherungen an diesem Finanzierungsverbund beteiligt werden. Bisher waren auch diese Institutionen "Trittbrettfahrer" aktiver Arbeitsmarktpolitik, da die Kosten der Arbeitslosigkeit für sie höher als die Kosten aktiver Arbeitsmarktpolitik sind. Der regelgebundene Bundeszuschuss hätte auch den Vorteil, über den Weg seiner Steuerfinanzierung auch ausgewählte Personengruppen in die Finanzierung mit einzubeziehen. Es geht hierbei um Personengruppen, die bisher weder zur Finanzierung der Arbeitslosigkeit noch zur Finanzierung der Arbeitsmarktpolitik beitrugen, nämlich die Beamten, Selbständigen und Freiberuflichen.

Die Entwicklung der Vorschläge verlief ähnlich wie den Überlegungen zu einer anreizkompatiblen Bemessung der Arbeitgeberbeiträge. Beim Mertens-Vorschlag blieb der Umfang des Bundeszuschusses unklar. Die Sozialpartner befürchteten daher eine gleichsam automatische Inpflichtnahme der Arbeitnehmer und Arbeitgeber bei steigender Arbeitslosigkeit, so dass der Vorschlag auf wenig Gegenliebe stieß. Fragwürdig ist dieser Vorschlag auch aus beschäftigungspolitischer Sicht, weil ihm die implizite Theorie einer lohnkosteninduzierten Arbeitslosigkeit zugrunde liegt. Dagegen konnten sich die Sozialpartner mit dem zweiten Vorschlag halbwegs anfreunden, ohne dass er jedoch die Schwelle politischer Durchsetzungsfähigkeit überschritten hätte. Die fiskalpolitische Selbstbindung eines regelgebundenen Zuschusses des Bundes stieß auch auf strikte Ablehnung bei der Exekutive, insbesondere beim Finanzministerium.

Im Fall, dass ein Akteur steuer- und sozialversicherungspflichtige Beschäftigung aus eigenem Budget finanziert, profitieren von den induzierten Lohneinkommen drei Gebietskörperschaften (Bund, Länder, Gemeinden) und vier Sozialversicherungszweige (Arbeitslosen-, Kranken-, Renten- und Pflegeversicherung). Die Zusatzeinnahmen werden für ihre Zwecke verwendet und beteiligen sich nicht an der Finanzierung der Beschäftigungsförderung. Eine "Budgetausgleichspolitik" (Dieter Mertens) unterbleibt. Partielle Fiskalinteressen herrschen vor und statt weitgehend selbstfinanzierte Arbeit zu schaffen, wird Arbeitslosigkeit finanziert.

Ein weiterer Vorschlag zur Finanzierung der Arbeitsmarktpolitik ist die Einführung einer "erfahrungsbasierten Finanzierung" der Arbeitslosenversicherung (Experience Rating). Die Beitragsleistungen der Unternehmen zur Arbeitslosenversicherung werden dabei in Abhängigkeit von der Inanspruchnahme der Arbeitslosenversicherung bestimmt. Umso mehr Personen ein Unternehmen in die Arbeitslosigkeit entlässt, umso höher sind seine Beiträge zur Arbeitslosenversicherung. Schnellen Entlassungen und kurzfristigen Beschäftigungsverhältnissen wird damit ein Kostenfaktor auf Unternehmerseite entgegengesetzt. Vor allem in den USA hat sich das "Experience Rating" etabliert und die meisten vorliegenden empirischen Untersuchungen kommen für die USA zu dem Ergebnis, dass das "Experience Rating" erfolgreich zur Verringerung der Zahl der temporären Entlassungen beigetragen hat. In den arbeitsmarktpolitischen Diskussionen wurde vor allem in den 90er Jahren eine Übertragung des Modells auf Deutschland diskutiert. Im Rahmen der Arbeit der Hartz-Kommission sind ähnliche Überlegungen angestellt worden, die jedoch keine ausreichende Unterstützung fanden.

Daneben existieren mit dem Grundeinkommen oder einer Negativen Einkommenssteuer Vorschläge, die die Finanzierung der Sozialpolitik und der Arbeitsmarktpolitik grundlegend ändern würden.

Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/ Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autoren: Frank Oschmiansky, Jürgen Kühl, Tim Obermeier für bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


Dossier

Rentenpolitik

Die Alterssicherung stellt, egal wie sie organisiert ist, in allen modernen Gesellschaften einen erheblichen Anteil an der Verwendung des Sozialprodukts dar. Sie ist quantitativ der Kernbereich des Sozialstaats.

Mehr lesen

Dossier

Gesundheitspolitik

Der Reformdruck im deutschen Gesundheitswesen hat deutlich zugenommen. Während noch vor wenigen Jahren nur Experten über die Finanzierbarkeit und Qualitätssicherung des Gesundheitssystems nachdachten, suchen heute viele Bürgerinnen und Bürger nach Antworten.

Mehr lesen

Publikationen zum Thema

Coverbild APuZ 26-2017 Arbeitsmarktpolitik

Arbeitsmarkt-
politik

Arbeitsmarktpolitik versucht den Rahmen zu setzen, in dem wir arbeiten. Dass sie dabei nicht immer a...

APuZ_15/2011_80.jpg

Humanisierung der Arbeit

"Hauptsache Arbeit!" lautet oft der Ruf – die Qualität der Arbeitsplätze rückt dabei in den Hin...

Gewerkschaften

Gewerkschaften

Mit dem Übergang vom wohlfahrts-
staatlichen Kapitalismus zum Finanzmarkt-Kapitalismus setzte ei...

Migration und Arbeitsmarkt

Migration und Arbeitsmarkt

Durch den demografischen Wandel droht der deutschen Gesellschaft nicht nur die Überalterung, sonder...

Arbeitsmarktpolitik

Arbeitsmarkt-
politik

Die Instrumente der Arbeitsmarkt- und Beschäftigungs-
politik haben sich im Laufe der Jahre stä...

APuZ48_2010.jpg

Arbeitslosigkeit

2003 verkündete Gerhard Schröder ein umfassendes Reformprogramm für Deutschland: die "Agenda 2010...

Arbeitslosigkeit: Psychosoziale Folgen

Arbeitslosigkeit: Psychosoziale Folgen

Der Verlust der eigenen Arbeit kann kann zu psychischen Beeinträchtigungen führen, die den Betroff...

Abstieg - Prekarität - Ausgrenzung

Abstieg - Prekarität - Ausgrenzung

Die Mittelschicht schrumpft. Immer mehr Menschen haben Angst vor dem sozialen Abstieg. Die aktuelle ...

Entgrenzung von Arbeit und Leben

Entgrenzung von Arbeit und Leben

Die Ansprüche der Arbeitswelt wachsen, dabei bleibt das Privatleben oft auf der Strecke. Aber wie l...

Grundeinkommen?

Grund-
einkommen?

Seit einiger Zeit diskutiert Deutschland über die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens. Ist e...

Zum Shop

Dossier

Demografischer Wandel

Zu- und Auswanderung, Geburtenrate, Sterblichkeit - die sind die drei zentralen Faktoren für die demografische Entwicklung. Der demografische Wandel wird unsere Gesellschaft spürbar verändern - ob auf Kommunal-, Landes- oder Bundesebene, im Bereich der Sozialversicherungen, der Arbeitswelt, der Infrastruktur oder der Familienpolitik. Das Dossier beleuchtet die wichtigsten Bereiche und skizziert den Stand der Debatte.

Mehr lesen