Arbeitsmarktpolitik Dossierbild

11.8.2014 | Von:
Frank Oschmiansky
Jürgen Kühl
Tim Obermeier

Leiharbeit / Zeitarbeit / Arbeitnehmerüberlassung

Leiharbeit ist durch eine Dreieckbeziehung zwischen Leiharbeitsfirma, Leiharbeitnehmer und dem entleihenden Unternehmen gekennzeichnet. Die atypische Beschäftigungsform Leiharbeit hat in den letzten Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen und gleichzeitig viele Kontroversen ausgelöst. Ist die Leiharbeit eine Brücke in reguläre Beschäftigung? Werden in der Zeitarbeit besonders niedrige Löhne gezahlt? Diesen und weiteren Fragen geht der folgende Text nach.

Button zur Kampagne der IG Metall gegen niedrigere Bezahlung von Leiharbeit. Foto: APButton zur Kampagne der IG Metall gegen niedrigere Bezahlung von Leiharbeit. (© AP)


Historische Entwicklung

Leiharbeit ist durch eine Dreieckbeziehung zwischen Leiharbeitsfirma (Verleiher), Leiharbeitnehmer und dem entleihenden Unternehmen gekennzeichnet. Wenn ein Arbeitgeber als Verleiher einem Dritten (Entleiher) Arbeitskräfte (Leiharbeitnehmer) zur Erbringung einer Arbeitsleistung zur Verfügung stellt, wird von Leiharbeit bzw. von Arbeitnehmerüberlassung oder Zeitarbeit gesprochen. Die nach dem Arbeitnehmerüberlassungsgesetz festgeschriebene Bezeichnung der Arbeitnehmerüberlassung lautet "Leiharbeit". Der Begriff der Leiharbeit wird auch von Seiten der Kritiker verwendet, während Befürworter eher den Begriff Zeitarbeit benutzen und sich dafür einsetzen, die Wortwahl zu ändern. Aus ihrer Sicht unterläuft der Begriff der Leiharbeit die gesetzlichen Vorgaben des Bürgerlichen Gesetzbuches (§598 BGB), wonach ein Verleih grundsätzlich kostenlos sein muss. Die drei Begriffe werden synonym verwendet.

Die Leiharbeit in Deutschland erlebte bis zum Ausbruch der Banken- und Finanzkrise einen regelrechten Boom. Im Juni 2008 gab es fast 800.000 Leiharbeitskräfte und damit fast doppelt so viele wie im Juni 2004. Während der Finanz- und Wirtschaftskrise sackte die Zahl der Leiharbeiter ab, erreichte dann aber Ende 2011 mit 872.000 ihren Höchststand. Ende 2012 waren 822.000 Leiharbeiter in Deutschland beschäftigt. Hintergrund des enormen Wachstums der Leiharbeit waren der konjunkturelle Aufschwung, die Veränderung der gesetzlichen Rahmenbedingungen und veränderte betriebliche Strategien zur Nutzung der Leiharbeit.

Das entgeltliche Vermitteln von Arbeitskräften wurde erstmals durch das Arbeitsnachweisgesetz von 1922 geregelt. Teile davon wurden am 16. Juli 1927 in das neue Gesetz über Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung (AVAVG) übernommen. In der Zeit des Nationalsozialismus wurden sämtliche Vermittlungsaktivitäten dieser Branche am 5. November 1935 zum uneingeschränkten Monopol. Die damalige Zeitarbeit war damit praktisch nicht mehr existent. Als am 10. März 1952 die Bundesanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung gegründet wurde, traten wieder die Regelungen des AVAVG von 1927 in Kraft.

Vorreiter der modernen Zeitarbeit in Deutschland war das schweizerische Unternehmen ADIA Interim, das im Jahre 1962 eine Niederlassung in Hamburg errichtete. Sie verlieh kaufmännische Leiharbeitskräfte als freie Mitarbeiter und verstieß damit gegen geltendes Recht. Die Bundesanstalt für Arbeit stellte einen Strafantrag. Der Musterprozess zog sich durch alle Instanzen. Im April 1967 hob das Bundesverfassungsgericht das Verbot der gewerbsmäßigen Arbeitnehmerüberlassung auf.

Das Bundessozialgericht verlangte in einem Urteil aus dem Jahre 1970 Zeitarbeitnehmern einen Mindestschutz zu gewährleisten. Dies führte zum Gesetz zur Regelung der gewerbsmäßigen Arbeitnehmerüberlassung (Arbeitnehmerüberlassungsgesetz - kurz AÜG) im Jahr 1972. Der Grundsatz des Gesetzes, nämlich dass die Zeitarbeitsfirma alle Pflichten eines Arbeitgebers hat, ist bis heute unverändert gültig geblieben.

Kernelemente der ersten Fassung des AÜG von 1972 waren:
  • Schutz der Leiharbeiter durch Befristungs-, Wiedereinstellungs- und Synchronisationsverbot. Das Synchronisationsverbot untersagte Leiharbeitsfirmen, die Beschäftigung einer Zeitarbeitskraft auf deren Ersteinsatz bei einem Kundenunternehmen in der Dauer zu beschränken. Das Befristungsverbot schrieb eine generell unbefristete Beschäftigung von Leiharbeitskräften vor, es sei denn eine Befristung ließ sich aus der Person des Arbeitnehmers rechtfertigen. Das Wiedereinstellungsverbot untersagte Leiharbeitsfirmen, einen Leiharbeiter zu entlassen und innerhalb von drei Monaten erneut einzustellen.
  • Schutz der Stammbelegschaft durch eine festgelegte Überlassungshöchstdauer von drei Monaten.
  • Zunächst auf ein Jahr befristete Vergabe der Konzession zur gewerblichen Arbeitnehmerüberlassung durch die Bundesanstalt für Arbeit mit dem Ziel der Ordnung und Kontrolle der Verleihpraxis, die nach Feststellung einer dreijährigen kontinuierlichen und rechtskonformen Tätigkeit von dieser unbefristet erteilt wird.
Reformen und Änderungen im Bereich der ArbeitnehmerüberlassungenReformen und Änderungen im Bereich der Arbeitnehmerüberlassungen (PDF-Icon Grafik zum Download 61 KB) (© bpb)
Gleichzeitig mit der Verabschiedung des AÜG wurde die Bundesregierung beauftragt, alle vier Jahre über Erfahrungen mit der Anwendung dieses Gesetzes zu berichten. Diese Erfahrungsberichte deckten häufige Verstöße der Verleihfirmen gegen Arbeitgeberpflichten und soziale Selbstverständlichkeiten auf. Aus diesen Erfahrungen resultierte ein Überlassungsverbot im Bauhauptgewerbe, denn dort wurden damals die meisten Verstöße registriert. Anfang 1982 wurde "die Arbeitnehmerüberlassung in Betrieben des Baugewerbes für Arbeiten, die üblicherweise von Arbeitern verrichtet werden", gesetzlich verboten. In den nachfolgenden Jahren fand eine schrittweise Deregulierung des Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes statt. 1997 wurden z.B. die Befristungs-, Synchronisations- und Wiedereinstellungsverbote gelockert (einmalige Synchronisation und Wiedereinstellung möglich; einmalige sachgrundlose Befristung möglich) und die Überlassungshöchstdauer auf 12 Monate erhöht.

Durch das Job-AQTIV-Gesetz (2002) wurde die Höchstüberlassungsdauer eines Leiharbeitnehmers an den Entleiher von 12 Monaten auf 24 Monate ausgedehnt, gleichzeitig aber der Gleichbehandlungsgrundsatz ab dem 13. Monat der Beschäftigung im selben Entleihbetrieb eingeführt. Er bezog sich auf die für die in diesem Betrieb geltenden Arbeitsbedingungen, einschließlich des Arbeitsentgelts.

Durch "Hartz I" wurde das Arbeitnehmerüberlassungsgesetz grundlegend überarbeitet. Mit Beginn des Jahres 2004 wurden das besondere Befristungsverbot (eine Beschäftigung kann nicht wiederholt befristet werden, ohne dass ein sachlicher Grund in der Person des Leiharbeiters liegt), das Wiedereinstellungsverbot (Leiharbeitsfirmen dürfen gekündigte Mitarbeiter innerhalb eines Zeitraums von drei Monaten nicht erneut einstellen), das Synchronisationsverbot (Mitarbeiter dürfen von einer Zeitarbeitsfirma nicht nur für die Zeit der Leihtätigkeit eingestellt sein) sowie die Beschränkung der Überlassungsdauer auf 24 Monate ersatzlos aufgehoben. Zudem sind Ausnahmen vom Verbot der Arbeitnehmerüberlassung in Betrieben des Baugewerbes durch Tarifverträge ermöglicht worden.

Zudem wurde ein allgemeiner Gleichbehandlungsgrundsatz eingeführt. Danach sollen die wesentlichen Arbeitsbedingungen (englisch: Equal-Treatment) einschließlich des Arbeitsentgelts (Equal-Pay) von Zeitarbeitskräften in einem Kundeneinsatz generell den Arbeitsbedingungen entsprechen, die im Kundenbetrieb für vergleichbare Arbeitnehmer gelten. Von diesem Grundsatz kann in zwei Fällen abgewichen werden:
  • beim Einsatz vormals Arbeit Suchender in den ersten sechs Wochen der Beschäftigung: Untergrenze der Entlohnung bildet hier das zuletzt gezahlte Arbeitslosengeld,
  • sofern ein Tarifvertrag eine andere Lösung vorsieht.
Bis zum 1.1.2004 galt als Übergangsregelung das alte Recht, außer bei Abschluss von Tarifverträgen mit abweichenden Regelungen. Ende Mai 2003 kam es zum Abschluss von Flächentarifverträgen mit den beiden großen Zeitarbeitsverbänden Bundesverband Zeitarbeit Personal-Dienstleistungen e.V. (BZA), der sich 2011 mit dem Arbeitgeberverband Mittelständischer Personaldienstleister e.V. (AMP) zum Bundesarbeitgeberverband der Personaldienstleister (BAP) zusammenschloss und dem Interessenverband Deutscher Zeitarbeitsunternehmen (iGZ).

Die Tarifgemeinschaft Christlicher Gewerkschaften für Zeitarbeit und Personaldienstleistungen (CGZP) wurde am 14.12.2010 auf Antrag der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di vom Bundesarbeitsgericht für tarifunfähig erklärt, da sie die Anforderungen an eine Tariffähigkeit nicht erfülle. Mit ihr abgeschlossene Tarifverträge sind also ungültig. Deshalb können zu 90 Prozent sozialversicherte Zeitarbeitnehmer und die Träger der Sozialversicherung – zumindest ab diesem Zeitpunkt – Restvergütungen und Sozialversicherungsbeiträge geltend machen. Umstritten ist, ob solche Forderungen auch rückwirkend für die Zeit vor dem Urteil berechtigt sind.

In der historischen Betrachtung der Leiharbeit ist weiterhin das erste Gesetz zur Änderung des Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes zur Verhinderung von Missbrauch in der Arbeitnehmerüberlassung aus dem Jahr 2011 von Bedeutung. Mit dem Gesetz, das einige Neuerungen für die Zeitarbeit brachte, hat die Bundesregierung die Europäische Richtlinie über Leiharbeit (2008/104/EG) in nationales Recht umgesetzt.

Der neue geschaffene § 3a AÜG gibt den Tarifpartnern der Zeitarbeit zukünftig die Möglichkeit, eine Lohnuntergrenze (Mindestlohn) für Beschäftigte in der Leiharbeit zu vereinbaren, die dann auf Antrag der Tarifpartner durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales per Rechtsverordnung verbindlich festgelegt wird. Die Mitgliedsgewerkschaften des Deutschen Gewerkschaftsverbundes haben daraufhin mit dem Interessenverband Deutscher Zeitarbeitsunternehmen (iGZ) und dem Bundesarbeitgeberverband der Personaldienstleister (BAP) Tarifverträge geschlossen, die einen Mindestlohn für die Leiharbeit festschreiben. Ab dem 01. November 2012 galt zunächst ein Mindestlohn in Höhe von 8,19 Euro West und 7,50 Euro Ost. Seit dem 01. Januar 2014 liegt der Mindestlohn in der Zeitarbeit bei 8,50 Euro im Westen und bei 7,68 Euro im Osten. Bis zum Jahr 2016 steigt der Mindestlohn in Westdeutschland auf 9 Euro und in Ostdeutschland auf 8,50 Euro. Durch die Mindestlöhne in der Zeitarbeit soll Lohndumping und die missbräuchliche Nutzung der Leiharbeit verhindert werden. Es bestand damals die Sorge, dass durch die vollständige Freizügigkeit für Arbeitnehmer in der EU ab dem 01. Mai 2011 vermehrt osteuropäische Arbeitskräfte zu Niedriglöhnen beschäftigt werden. Durch den Mindestlohn in der Zeitarbeit wollte man u.a. hier Vorsorge treffen.

Die Arbeitnehmerüberlassung ist in Deutschland grundsätzlich erlaubnispflichtig. Im Rahmen der Reform des Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes ist das Erfordernis der Erlaubnispflicht ausgedehnt worden. Alle privaten und öffentlichen Arbeitgeber, die Arbeitnehmerüberlassung im Rahmen ihrer wirtschaftlichen Tätigkeit betreiben wollen, benötigen eine Erlaubnispflicht, die sie von der Bundesagentur für Arbeit erhalten können.

Weiterhin soll mit der überarbeiteten Vorschrift des § 9 Nr. 2 AÜG verhindert werden, dass Unternehmen Mitglieder der Stammbeschäftigung zum Wechsel in Zeitarbeitsfirmen "veranlassen", um sie sich von dort zu schlechteren Bedingungen zurück zu leihen. Somit sind den Unternehmen "Drehtüreffekte" untersagt, was einige versucht hatten. Diese Drehtürklausel ist auch als "Lex Schlecker" bekannt geworden. Die Drogeriekette Schlecker plante damals festangestellte Mitarbeiter zu entlassen und über neue Verträge mit einer Leiharbeitsfirma ("Meniar - Menschen in Arbeit") zu deutlich schlechteren Konditionen wieder im Unternehmen zu beschäftigten. Nachdem diese Praxis bekannt würde schaltet sich das Bundesministerium für Arbeit und Soziales ein, prüfte den Vorgang und änderte anschließend das Arbeitnehmerüberlassungsgesetz.

Das Gesetz zur Änderung des Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes beinhaltet zudem weitere Verbesserungen der Arbeitnehmerrechte für Zeitarbeitskräfte. Um den Übergang von Leiharbeitsbeschäftigten in die Stammbelegschaft eines Unternehmens zu verbessern, müssen die Entleihunternehmen die Zeitarbeitskräfte über freie Arbeitsplätze im Betrieb informieren. Den Zeitarbeitnehmern ist zudem der Zugang zu Gemeinschaftseinrichtungen (z.B. Kinderbetreuungsangebote, Betriebskantine) zu gewähren. Dadurch soll verhindert werden, dass Leiharbeiter im Entleihunternehmen wie Beschäftigte zweiter Klasse behandelt werden.

Eine weitere Kontroverse hat zudem ein neuer Satz ausgelöst, der im Rahmen der Umsetzung der Europäischen Richtlinie über Leiharbeit in das Arbeitnehmerüberlassungsgesetz eingefügt wurde. Im §1 heißt es nun: "Die Überlassung von Arbeitnehmern an Entleiher erfolgt vorübergehend." Die Überlassungshöchstdauer, die 2004 im Rahmen des Ersten Gesetzes für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt (Hartz I) abgeschafft wurde und der Einsatz von Zeitarbeitern, der seitdem zeitlich unbefristet möglich war, wird dadurch wieder eingegrenzt. Die Politik vermied es, eine konkrete Dauer vorzugeben und orientierte sich an den europarechtlichen Vorgaben, dass Leiharbeit vorübergehend erfolgt. Ein dauerhafter Einsatz von Leiharbeitern ist damit zwar verboten, doch was genau "vorübergehend" meint bleibt unklar und führte zu einigen Gerichtsverhandlungen, die die Frage klären sollten, wie lange ein Leiharbeiter in einem Unternehmen eingesetzt werden darf.

Im Dezember 2013 wurde eine Entscheidung des Bundesarbeitsgerichts bezüglich der Frage erwartet, wie lange ein Unternehmen einen Leiharbeiter leihen darf, was also "vorübergehend" heißt. Das Bundesarbeitsgericht hat es in einer Entscheidung dann aber vermieden den Begriff "vorübergehend" zu definieren und den Gesetzgeber aufgefordert eine konkrete Definition vorzunehmen. Im Koalitionsvertrag haben sich SPD und CDU/CSU darauf verständigt, den Begriff "vorübergehend" in der Legislaturperiode mit einer Überlassungshöchstdauer von 18 Monaten gesetzlich festzulegen. Weiterhin schreiben die Koalitionspartner, dass sie die Leiharbeit auf ihre Kernfunktionen hin orientieren wollen und spätestens nach 9 Monaten hinsichtlich des Arbeitsentgelts mit den Stammarbeitnehmern gleichgestellt werden sollen.

Im Jahr 2012 feierte das Arbeitnehmerüberlassungsgesetz seinen 40. Geburtstag. Die historische Entwicklung der Zeitarbeit in Deutschland ist zunächst durch starke Deregulierungstendenzen geprägt. Ausweitung der Überlassungshöchstdauer oder die Lockerung von Befristungs-, Synchronisations- und Wiedereinstellungsverbot sind Teil dieser Entwicklung. Die Leiharbeit erlebte dadurch, insbesondere seit ihrer Reform im Jahr 2003/2004 einen enormen Aufschwung. Parallel traten jedoch immer neue Problem zu Tage, die zu einer schrittweisen (Re-)Regulierung der Leiharbeit führten. Heute ist Leiharbeit ein fester Bestandteil des deutschen Arbeitsmarktes, der aber weiterhin große Kontroversen hervorruft und immer wieder in der Kritik steht. Im nächsten Abschnitt werden zunächst die Zahlen und Wirkungen der Leiharbeit dargestellt, bevor die Kontroversen über diese Form der atypischen Form der Beschäftigung dargestellt werden.

Daten, Fakten, Kontroversen

Die Leiharbeit hatte zunächst nur eine geringe Bedeutung für den Arbeitsmarkt, da sie nur als Mittel zur Überwindung eines kurzfristigen Personalbedarfs der Unternehmen gedacht war. Die 1972 gültige Überlassungshöchstdauer spiegelt diese Funktionsweise wider. Die Überlassungshöchstdauer wurde seit 1972 regelmäßig nach oben verschoben, bis man sie im Zuge der Hartz Reformen zur Flexibilisierung des Arbeitsmarktes ganz abschaffte. Leiharbeit hat damit eine größere Bedeutung als Flexibilisierungsinstrument auf dem Arbeitsmarkt erlangt. Die Tabelle gibt einen Überblick über die Entwicklung der Zahl der Leiharbeiter in Deutschland.

Entwicklung der Beschäftigung in der Leiharbeit

jeweils 31. Dezember

Jahr Leiharbeitnehmer JahrLeiharbeitnehmer
1973 – 19921993 – 2012
1973 19.4171993 108.846
1974 10.3171994 146.188
1975 8.9201995 162.275
1976 12.4501996 177.632
1977 15.6671997 199.677
1978 20.5601998 232.242
1979 30.4771999 286.362
1980 33.2272000 337.845
1981 26.1372001 302.907
1982 16.8972002 308.543
1983 21.5482003 327.789
1984 31.7462004 389.090
1985 46.9462005 464.539
1986 55.7692006 631.076
1987 64.3552007 721.345
1988 80.2012008 673.768
1989 96.9332009 632.377
1990 118.8752010 823.509
1991 123.7732011 871.726
1992 109.3262012 822.379

Quelle: Statistik der Bundesagentur für Arbeit, Arbeitnehmerüberlassung, Leiharbeitnehmer und Verleihbetriebe - Zeitreihe ab 1973, Nürnberg, Juli 2013

Die Leiharbeit ist eine boomende Branche. Bei den Verleihbetrieben standen Ende Dezember 2012 bundesweit insgesamt 822.000 Leiharbeitnehmer unter Vertrag, 167 Prozent mehr als im Dezember vor zehn Jahren. Insgesamt hat die Leiharbeitsbranche jedoch nur einen geringen Anteil an der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung in Deutschland. Im April 2013 waren nur 2,5 Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in der Zeitarbeit tätig. Die Zahl der Leiharbeitnehmer hat einen kontinuierlichen Aufschwung hinter sich. Während der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009 gab es jedoch einen deutlichen Rückgang der Leiharbeiternehmer. Atypische Beschäftigte, und hier vor allem Leiharbeitnehmer, bekamen die Krise schnell zu spüren, da sie als Flexibilitätsreserve der Unternehmen als Erste unter den Auftragsrückgängen zu leiden hatten. Die Branche erholte sich jedoch sehr schnell und profitierte vom wirtschaftlichen Aufschwung in Deutschland. Während Ende 2009 "nur" noch 632.377 Leiharbeitnehmer registriert wurden, waren es ein Jahr später im Dezember 2010 schon wieder 823.509 und damit fast 200.000 mehr. Die Entwicklung der Beschäftigten in der Leiharbeit gilt deshalb vielen auch als Frühindikator für den Arbeitsmarkt, weil sie für viele Unternehmen als Flexibilitätspuffer fungiert, um Auftragsspitzen abzufedern.

Wenn Unternehmen viele neue Aufträge erhalten, werden häufig zunächst Zeitarbeiter eingestellt – andersherum sind Zeitarbeiter dann auch die Ersten, die unter einem Auftragsrückgang zu leiden haben, bevor die Stammbeschäftigten entlassen werden. Diese Entwicklung ließ sich während der Wirtschaftskrise beobachten. Auch wenn die Leiharbeit insgesamt nur einen geringen Anteil an der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung hat, ging der Zuwachs der Beschäftigtenzahlen nach der Wirtschaftskrise zu einem großen Anteil auf das Konto der Leiharbeitsbranche. Mit Neueinstellungen warten Unternehmen dann meistens solange, bis sich der Aufschwung verfestigt hat. Hiermit lässt sich dann u.a. auch erklären, dass die Zahl der Leiharbeiter im Dezember 2012 wieder leicht, um 5,7 Prozent, auf 822.379 zurückgegangen ist, sich aber weiter auf einem vergleichsweise hohen Niveau bewegt. In Zeiten des Fachkräftemangels wollen einige Unternehmen qualifizierte Kräfte lieber dauerhaft an sich binden als sie sich vorübergehend zu leihen.

Zahl der Verleihbetriebe in DeutschlandZahl der Verleihbetriebe in Deutschland (PDF-Icon Grafik zum Download 44 KB) (© bpb)
Ein weiterer und wahrscheinlich wichtigerer Faktor für den Anstieg der Leiharbeitnehmer waren immer wieder die Veränderungen der Rahmenbedingungen. Die Branche hat mit jedem Deregulierungsschritt an Bedeutung für den Arbeitsmarkt gewonnen. Am deutlichsten lässt sich das an der Entwicklung der Zahl der Leiharbeiter im Zuge der Liberalisierung nach den Hartz Reformen beobachten, die zu einem deutlichen Anstieg führte. Die letzten Jahre standen dagegen wieder im Trend der Regulierung und die Einführung von Mindestlöhnen könnte das Flexibilitätsinstrument Leiharbeit für viele Unternehmen unattraktiv gemacht haben.

Da die Verleihbetriebe eine Erlaubnis zur Arbeitnehmerüberlassung benötigen und damit bei der Bundesagentur für Arbeit registriert sind, kann diese auch genaue Auskunft über die Zahl der Verleihbetriebe in Deutschland erteilen. Die Zahl der Verleihbetriebe mit einer Erlaubnis zur gewerbsmäßigen Arbeitnehmerüberlassung wurde zuerst 2006 erfasst und belief sich damals auf 12.550. Seitdem ist die Zahl kontinuierlich angestiegen und 2012 besaßen bereits über 18.000 Unternehmen eine Erlaubnis zur Arbeitnehmerüberlassung, knapp 44 Prozent mehr als noch im Jahr 2006. Während der Finanz- und Wirtschaftskrise kam es nur kurzzeitig zu einem Rückgang der Verleihbetriebe.

Die Leiharbeitsbranche ist durch viele kleine und mittlere Betriebe gekennzeichnet. Mehr als 50 Prozent der Verleihbetriebe beschäftigten nicht mehr als 19 Zeitarbeiter, während elf Prozent der Betriebe 100 und mehr Leiharbeitnehmer beschäftigen. Aufgrund der vielen kleinen und mittleren Verleihunternehmen gibt es in diesen Betrieben nur selten einen Betriebsrat. Die vier führenden Zeitarbeitsunternehmen in Deutschland, Randstad, Adecco, Persona und Manpower, beschäftigten im Jahr 2012 knapp 145.000 Zeitarbeitskräfte. 11.200 oder 62 Prozent der Verleihbetriebe waren im Dezember 2012 überwiegend oder ausschließlich in der Arbeitnehmerüberlassung tätig. Der Rest sind sogenannte Mischbetriebe, die Arbeitnehmer sowohl selbst beschäftigen als auch verleihen.

Leiharbeit ist eine Branche mit einer erheblichen Fluktuation. Den 481.000 im zweiten Halbjahr 2012 neu abgeschlossenen Leiharbeitsverhältnissen standen 658.000 beendete Leiharbeitsverhältnisse gegenüber. Ein Zeitarbeiter kann selbstverständlich mehrmals im Jahr anfangen und sein Arbeitsverhältnis unfreiwillig oder freiwillig beenden. Die Arbeitsverhältnisse zwischen Verleihern und Leiharbeitnehmern sind überwiegend von kurzer Dauer. Statistisch erfasst wird die Länge der zwischen Verleihern und Leiharbeitnehmern bestehenden Arbeitsverhältnisse bis zu deren tatsächlichem Ende. 49 Prozent der Beschäftigungsverhältnisse dauert lediglich unter drei Monate, 51 Prozent dauerten drei Monate und länger.

In der Gesamtbeschäftigung ohne Zeitarbeit beträgt die Beschäftigungsdauer 50,6 Monate im Durchschnitt, während die durchschnittliche Dauer in der Arbeitnehmerüberlassung im Jahr 2012 10,3 Monate betrug. Leiharbeit überwiegt (noch) in einfachen und Helfertätigkeiten für gering Qualifizierte. Doch der Trend geht hin zu einer Expansion der Leiharbeit für spezialisierte und höherwertige Tätigkeiten.

Das Wachstum der Leiharbeit basiert einerseits auf einer steigenden Zahl von Betrieben, die Zeitarbeit nutzen, andererseits auch darauf, dass größere Betriebe, die bereits zuvor Leiharbeit nutzten, den Anteil der Leiharbeitskräfte an ihren Belegschaften deutlich gesteigert haben. Nach dem IAB-Betriebspanel, einer jährlichen repräsentativen Arbeitgeberbefragung in allen Branchen und Betriebsgrößen, stieg die Nutzung von Leiharbeit in den fünf Jahren bis 2008 von 2 auf 3 Prozent aller Betriebe; bei mittleren Betrieben (50-249 Beschäftigte) auf 23 Prozent, in noch größeren von 31 auf 48 Prozent. Im Jahr 2009 ist die Zahl der Betriebe die Leiharbeit nutzen wieder zurückgegangen. Zeitarbeit ist vor allem bei mittleren und größeren Betrieben verbreitet. Es gibt Betriebe, in denen die Zahl der Leiharbeiter höher ist, als die Zahl der Stammbelegschaft. Hinzu kommt, dass eine Reihe von Betrieben die Aufhebung der Höchstüberlassungsdauer nutzte, um eigene Leiharbeitseinheiten zu gründen und damit die Arbeitskosten zu senken. Die dortigen Beschäftigten werden nicht mehr gemäß den eigenen Tarifverträgen, sondern auf der Basis eines für die Leiharbeitsbranche gültigen Tarifvertrags entlohnt. Die Konzernleihe, also die Überführung ganzer Belegschaften oder großer Teile in konzerneigene Verleihbetriebe, so dass zu schlechteren Bedingungen dieselbe Arbeit verrichtet wird, stößt auf Widerstand der Gewerkschaften, der Beschäftigten und ihrer Personalvertretungen. Dies hat mitunter zu erfolgreichen Lösungen mit dem Mutterkonzern geführt. Die Drehtürklausel im Arbeitnehmerüberlassungsgesetz hat diese Entwicklung weiter eingeschränkt.

Der Strukturwandel in Deutschland vom primären und sekundären Sektor hin zum tertiären Sektor wird auch an den Einsatzfeldern der entliehenen Arbeitnehmer deutlich. Während im Juni 1998 noch 39 Prozent aller Leiharbeitnehmer in Metall- und Elektroberufen tätig waren, verringerte sich dieser Anteil bis Juni 2011 auf 21 Prozent. Dagegen stieg im selben Zeitraum der Anteil der Leiharbeitnehmer, die in Dienstleistungsberufen tätig sind, von 20 Prozent auf 30 Prozent an, der Anteil der Zeitarbeitnehmer, die als Hilfspersonal tätig sind, von 28 Prozent auf 33 Prozent.

Leiharbeit ist eine männliche dominierte Form atypischer Beschäftigung. Während Frauen vor allem als Teilzeitbeschäftigte arbeiten, stellen Männer fast drei Vierteil aller Leiharbeiter. Dies hängt auch damit zusammen, dass Entleihtätigkeiten – trotz des oben genannten Strukturwandels – weiterhin im gewerblichen Bereich überwiegen. Fast die Hälfte aller männlichen Leiharbeitnehmer arbeitet als Hilfsarbeiter oder Schlosser bzw. Mechaniker. Bei den Frauen stehen Hilfsarbeiten sowie Organisations-, Verwaltungs- und Büroberufe im Vordergrund. Frauen stellten zuletzt 26 Prozent aller Leiharbeitnehmer. Allerdings hat ihr Anteil über die Jahre hinweg zugenommen (Anteil im Jahr 1998: 20 Prozent). Der Anteil formal gering Qualifizierter liegt mit knapp 30 Prozent aller Leiharbeiter zwar etwas höher als der Anteil gering Qualifizierter insgesamt (13 Prozent); ist aber angesichts der hohen Anteile von Helfertätigkeiten in der Zeitarbeit erstaunlich niedrig.

Leiharbeit spielt in der Arbeitsvermittlung eine große Rolle. 34 Prozent der offenen Stellen, die der Bundesagentur für Arbeit gemeldet wurden, entfielen im Jahresdurchschnitt 2012 auf die Leiharbeitsbranche. Vom Vorsitzenden des Hauptpersonalrats der BA wurde im Oktober 2012 kritisiert, dass sich die Relation der ausgegebenen Vermittlungsvorschläge in Leiharbeit und solcher in Nicht-Leiharbeit gravierend zu Gunsten der Leiharbeit verschoben hat. 2007 kamen auf einen Vermittlungsvorschlag in Leiharbeit noch etwa drei Vermittlungsvorschläge in ein reguläres Beschäftigungsverhältnis. 2011 hat sich das Verhältnis auf 1,0 zu 1,7 verschoben.

Internationaler Vergleich

Anteil von Leiharbeitern an allen Arbeitnehmern in EuropaAnteil von Leiharbeitern an allen Arbeitnehmern in Europa (PDF-Icon Grafik zum Download 54 KB) (© bpb)
Während Deutschland 2006 noch im Mittelfeld lag, was den Anteil von Beschäftigten in der Zeitarbeit an allen Erwerbstätigen anging, liegt Deutschland mittlerweile in der Spitzengruppe der europäischen Länder. In der EU stellt Deutschland inzwischen einen der größten und am schnellsten wachsenden Teilarbeitsmärkte für Leiharbeit dar. Mit gegenwärtig rd. 2 Prozent aller Erwerbstätigen und fast 3 Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten hat Deutschland rasch aufgeholt und den EU-Durchschnitt übertroffen. Nach wie vor sind die Zeitarbeitsanteile in den nordischen Staaten Dänemark, Schweden, Finnland und Norwegen sowie südlich in Spanien und Italien unter 1,0 Prozent. Dagegen haben die Niederlande mit 2,5 Prozent, Frankreich mit 2 Prozent und Belgien mit 1,7 Prozent im Jahr 2010 wesentliche höhere Anteile. Den größten Leiharbeitssektor in der EU hat Großbritannien. Die Zahlen stammen vom europäischen Dachverband der Zeitarbeitsbranche Eurociett. Internationale Vergleiche sind wegen unterschiedlicher Regelungen, Definitionen und Erfassungsmethoden nur eingeschränkt möglich. Für Frankreich, die Niederlande, Großbritannien, Dänemark, Schweden, die Schweiz und Österreich legten Vanselow/Weinkopf im August 2009 eine vergleichende Studie mit Lehren für Deutschland vor.

In einer Übersicht zur Leiharbeit in Europa weisen Eckhard Voss und Katrin Vitolis daraufhin, dass man innerhalb der EU-Länder länderspezifische Besonderheiten bezüglich der Nutzung der Leiharbeit beobachten kann. So arbeitet etwa in Ländern wie Bulgarien, Belgien, Schweden oder dem Vereinigten Königreich ein Anteil von 30-40 Prozent Hochqualifizierter in Leiharbeit. In Ländern wie Frankreich, Belgien oder den Niederlanden nutzt eine relativ starke Minderheit von Leiharbeitnehmern (10-20 Prozent) diese Form der Beschäftigung als Finanzierung ihres Studiums oder um einen Hinzuverdienst zur Haus- und Familienarbeit oder Rente zu erzielen, während in Deutschland diese Funktion eher durch die geringfügige Beschäftigung besetzt ist. Eine Gemeinsamkeit aller europäischen Länder ist die Erwartung an die Leiharbeit, dass sie für am Arbeitsmarkt benachteiligte Personen als Brücke in reguläre Beschäftigungsverhältnisse funktionieren soll. Die Zusammensetzung der Zeitarbeiter in Europa spiegelt diese Funktion wieder, da am Arbeitsmarkt benachteiligte Gruppen, wie ältere Arbeitnehmer oder ehemals Langzeitarbeitslose, in allen Ländern überrepräsentiert sind.

Zeitarbeiter im internationalen VergleichZeitarbeiter im internationalen Vergleich (PDF-Icon Grafik zum Download 61 KB) (© bpb)
Seit 2008 gibt es eine europäische Leiharbeitsrichtlinie, die mittlerweile in allen EU-Ländern umgesetzt werden musste. Weiterhin bleiben länderspezifische Besonderheiten, beispielsweise bei der Überlassungshöchstdauer und der Umsetzung des in der EU-Richtlinie formulierten Equal-Pay-Prinzips bestehen. Eine Übersicht zu den Regelungen in der Arbeitnehmerüberlassung innerhalb der EU-Staaten finden Sie hier.

Zwar zeigt sich in den meisten Ländern ein Trend Leiharbeit verstärkt zu nutzen, allerdings ging die Zeitarbeit in der Krise 2009 in allen europäischen Ländern zurück. Überraschenderweise ist ein Zusammenhang zwischen der Regulierungsdichte und der Nutzung der Leiharbeit nicht zu erkennen. Sowohl Länder praktisch ohne Beschränkungen wie die USA und Großbritannien, als auch Länder mit umfassender Regulierung des Leiharbeitsmarktes wie Frankreich und Belgien weisen überdurchschnittliche Quoten auf.

In Frankreich haben Leiharbeitskräfte nicht nur Anspruch auf den gleichen Lohn wie vergleichbare Stammbeschäftigte, sondern erhalten zusätzlich auch noch eine so genannte "Prekaritätsprämie" in Höhe von 10 Prozent des Bruttolohns. Flexibel zu arbeiten, wird hier also zusätzlich belohnt und nicht mit geringeren Löhnen bestraft. Die deutschen Leiharbeitsverbände wehren sich gegen diesen Vergleich häufig unter Verweis darauf, dass das Arbeitsverhältnis von französischen Zeitarbeitskräften endet, sobald ein betrieblicher Einsatz ausläuft. Hierbei ist allerdings zu berücksichtigen, dass auch in Deutschland die Nachbeschäftigung von Leiharbeitskräften nach Ende eines betrieblichen Einsatzes eher unüblich ist, zumal über Arbeitszeitkonten innerhalb betrieblicher Einsätze Plusstunden angesammelt werden können, die dann nach Ende eines betrieblichen Einsatzes ausgeglichen werden.

Wirkungen

Zeitarbeit ist die in den letzten Jahren am stärksten gewachsene Form atypischer Beschäftigung in Deutschland. Mit der Deregulierungen der Zeitarbeit seit 2004 verbanden sich verschiedene Hoffnungen. Als Instrument der Flexibilisierung des Arbeitsmarktes sollte die Zeitarbeit dazu beitragen, dass Unternehmen ihren Personalbedarf flexibel an die Auftragslage anpassen können. Zeitarbeit sollte vor allem Arbeitslosen wieder eine Chance geben, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen (Integrationsfunktion). Zudem sollte die Zeitarbeit eine Brücke in reguläre Beschäftigung außerhalb der Zeitarbeitsbranche sein. Diese Brücken- und Integrationsfunktion der Leiharbeit war Gegenstand einiger wissenschaftlicher Untersuchungen.

Eine weitere Funktion der Leiharbeit sollte die Möglichkeit sein, dass Leiharbeiter nach ihrem Einsatz eine normale Beschäftigung im Entleihunternehmen aufnehmen (Klebeeffekt). Die Zeitarbeit fungiert dann ähnlich wie die befristete Beschäftigung als verlängerte Probezeit. Eine Studie im Auftrag der Bertelsmann Stiftung ermittelte einen Klebeeffekt für sieben Prozent der Zeitarbeitskräfte. Der Klebeeffekt findet in kleinen öfter als in großen Betrieben statt. Die Wirkungsforschung zu den Folgen der Hartz-Gesetze, in dessen Rahmen die Leiharbeit dereguliert wurde, bilanzierte zum Klebeeffekt: "Die mit Leiharbeit ebenfalls erhofften Klebeeffekte sind relativ gering und spielen lediglich im Bereich qualifizierter Tätigkeiten eine nennenswerte Rolle."

Auf die Funktion der Zeitarbeit als Beschäftigungsperspektive und Integrationsinstrument für Arbeitslose deuten zunächst die Zahlen der Bundesagentur für Arbeit hin. 63 Prozent der im zweiten Halbjahr 2012 neu eingestellten Zeitarbeitskräfte waren unmittelbar zuvor nicht oder noch nie beschäftigt gewesen. In den letzten Jahren ist dieser Anteil leicht zurückgegangen. Der hohe Anteil wird häufig als Argument für die positive arbeitsmarktpolitische Funktion der Zeitarbeit angeführt. Hingegen hatten ein Drittel aller Zeitarbeitskräfte eine Tätigkeit in der Arbeitnehmerüberlassung direkt im Anschluss an eine andere Beschäftigung aufgenommen. Knapp ein Drittel dieser Gruppe war unmittelbar zuvor bereits bei einem anderen Zeitarbeitsunternehmen beschäftigt gewesen. Die Branche ist zwar aufnahmefähig für Personen aus der Arbeitslosigkeit, gleichzeitig werden jedoch überdurchschnittliche viele Personen aus der Leiharbeit, häufig nach sehr kurzen Beschäftigungsdauern, direkt wieder in die Arbeitslosigkeit entlassen. Das Risiko als Leiharbeiter wieder arbeitslos zu werden liegt fünfmal so hoch wie im Schnitt der restlichen Branchen. 61 Prozent der Personen, die aus Arbeitslosigkeit eine Beschäftigung der Leiharbeit aufnahmen, waren sowohl sechs als auch zwölf Monate in der Leiharbeit oder einem anderen Arbeitsverhältnis sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Damit liegt die Zeitarbeit unter dem Durchschnitt im Vergleich zu allen anderen Wirtschaftszweigen: Zeitarbeit ist damit eine Branche mit einer sehr hohen Dynamik, das heißt einer hohen Anzahl von neu begonnen und beendeten Beschäftigungsverhältnissen.

Zur Beurteilung der Brückenfunktion der Leiharbeit müssen jedoch längere Erwerbsverläufe betrachtet werden. Eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, die die Erwerbsverläufe von Leiharbeitern des Jahres 2006 betrachtet, kommt zu dem Ergebnis, dass Leiharbeit im Gegensatz zu einer fortwährenden Arbeitslosigkeit für eine künftige Beschäftigung gerade für Langzeitarbeitslose von Vorteil ist, eine reguläre Beschäftigungsaufnahme jedoch noch aussichtsreicher ist. Insgesamt schaffen es 17 Prozent (2008 nur noch 14 Prozent) der ehemals Arbeitslosen in einem Jahr nach ihrem Einsatz in Leiharbeit außerhalb der Leiharbeit beschäftigt zu werden. Die Autoren fassen ihre Ergebnisse deshalb wie folgt zusammen: "Somit zeigen die deskriptiven Auswertungen, dass für ehemals Arbeitslose mittels Leiharbeit keine breite Brücke, sondern wohl eher ein schmaler Steg aus Arbeitslosigkeit in Beschäftigung außerhalb der Branche führt." Insgesamt ist die Leiharbeit damit für Arbeitslose eine bessere Alternative als weiterhin arbeitslos zu bleiben, da sich die anschließenden Beschäftigungschancen erhöhen.

Internationale Studienergebnisse kommen zu gemischten Ergebnissen und lassen keine eindeutigen Aussagen zu. Als Erklärung für die Brückenfunktion wird angeführt, dass Arbeitslose durch die Aufnahme einer Beschäftigung in der Zeitarbeit ihre Berufserfahrung steigern können. Sie kommen mit neuen Arbeitgebern in Kontakt und können ihre Leistungsbereitschaft unter Beweis stellen. Der wichtigste Grund für erfolgreiche Übergänge aus Leiharbeit in Beschäftigung ist die konjunkturelle Lage. Bei verbesserter wirtschaftlicher Lage können Arbeitslose Leiharbeit eher als Brücke in reguläre Beschäftigung nutzen.

Quellentext

Arbeitsbedingungen in der Zeitarbeit

Die Ergebnisse der aktuellen BIBB/BAuA-Befragung zeigen, dass die Tätigkeit von Zeitarbeitnehmern im Vergleich häufiger körperlich anstrengend und monoton ist, oft findet sie unter ungünstigen Umgebungsbedingungen statt. Dies hängt auch mit den Haupteinsatzgebieten der Zeitarbeit zusammen: Produktion und Dienstleistungsbereich. Mit diesen hohen körperlichen und monotonen Anforderungen gehen auch mehr körperliche Beschwerden einher: Zeitarbeitnehmer berichten deutlich häufiger, Schmerzen in Rücken, Nacken, Beinen und Armen zu haben – und das trotz ihres durchschnittlich jungen Alters.

Quelle: BAuA - Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (2014): Factsheet 03: Arbeitsbedingungen in der Zeitarbeit, Dortmund.

Leiharbeit ist eine expandierende Beschäftigungsform. Sie dient Unternehmen als bewährte Aushilfe bei unvorhergesehenen Auftragsspitzen, Terminarbeiten und Zulieferengpässen. Im Einvernehmen mit Betriebsräten und Belegschaften stabilisieren die Unternehmensleitungen die Stammbelegschaften. Wie im Abschwung der Beschäftigungspuffer Leiharbeit wirkt, so sind Leiharbeiter im Aufschwung meist die ersten Neuen im Betrieb. In der öffentlichen Debatte wurde vielfach die Sorge geäußert, dass es durch den Einsatz der Leiharbeiter zu Verdrängungseffekten regulärer Beschäftigung kommt. Die Unternehmen also von der Einstellung neuen Personals Abstand nehmen und lieber auf Zeitarbeit zurückgreifen, die für sie aufgrund der niedrigen Löhne vielleicht sogar günstiger ist und sie dadurch Arbeitskosten sparen. Auch wenn die Löhne denen der Stammbeschäftigten entsprechen, könnte es sich für Unternehmen trotzdem lohnen auf Zeitarbeiter zurückzugreifen, weil dadurch indirekte Kosten wie z.B. der Verwaltungsaufwand entfallen. Da atypische Beschäftigungsformen mit vielen Risiken für die Arbeitnehmer verbunden sind, wird eine Substitution regulärer Normalarbeitsverhältnisse durch Leiharbeit vielfach negativ bewertet.

Eine Studie der Bertelsmann Stiftung vergleicht die Veränderung in der Anzahl der Stammarbeitskräfte mit der Veränderung in der Anzahl der Zeitarbeitnehmer in den Kundenbetrieben, um den Substitutionseffekt zu untersuchen. Die Autoren kommen zu dem Ergebnis, dass der Aufbau von Zeitarbeit nicht zu einem nennenswerten Abbau regulärer Beschäftigung führt. Den stärksten Aufbau von Zeitarbeitskräften finden sie in den Betrieben, die auch mehr Stammpersonal einstellen. Häufiger beobachten sie den Abbau von Zeitarbeitskräften beim gleichzeitigen Aufbau der Stammbelegschaft. Die Verdrängungsthese wird deshalb verneint und darauf verwiesen, dass die Nutzung von Zeitarbeit eher mit Effizienzgewinnen für die Unternehmen verbunden ist und hilft die Stammbelegschaft zu sichern oder auszubauen. Diese Studie ist eine rein deskriptive Untersuchung. Eine weitere Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung untersucht mögliche Substitutionseffekte mit einem makroökonometrischen Modell, um die gesamtwirtschaftliche Wirkung der Leiharbeit auf den deutschen Arbeitsmarkt zu ermitteln.

Zeitarbeit hat erheblich zum Beschäftigungsaufbau der letzten Jahre beigetragen. Die Hälfte des Beschäftigungsgewinns verdrängt jedoch reguläre Beschäftigung während die andere Hälfte des Anstiegs der Leiharbeit zusätzliche neue Arbeitsplätze sind. Der Verdrängungseffekt ist somit nicht eindeutig zu beurteilen.

Leiharbeit stand vor allem in der Kritik, weil in der Branche besonders niedrige Löhne gezahlt wurden. Viele Medien berichteten über Unternehmen in denen Leiharbeiter die gleiche Tätigkeit wie Stammbeschäftigte ausübten, dafür aber wesentlich geringer bezahlt wurden. Die Gewerkschaften forderten deswegen gleichen Lohn für gleiche Arbeit und die Verwirklichung des Grundsatzes Equal-Pay. Arbeitgebervertreter rechtfertigten die niedrigen Löhne mit dem Hinweis, dass Leiharbeiter häufig direkt aus der Arbeitslosigkeit rekrutiert werden und zunächst nur geringe Löhne erhielten, weil ihre Produktivität geringer sei. Ein Blick auf die Zahlen macht deutlich, dass im Jahr 2010 zwei von drei Zeitarbeitern (68 Prozent) für einen Niedriglohn arbeiteten. Je jünger die Zeitarbeiter sind, desto wahrscheinlicher beziehen sie auch einen Niedriglohn. Laut Daten des Statistischen Bundesamtes lag die Niedriglohnschwelle im Jahr 2010 bei 10,36 Euro.

Eine Untersuchung des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung im Auftrag der Bertelsmann Stiftung kommt zu dem Ergebnis, dass die durchschnittlichen Entgelte in der Zeitarbeit deutlich unter denen in der Gesamtwirtschaft liegen. Der durchschnittliche Lohn eines Mannes in Westdeutschland ohne Ausbildung in der Zeitarbeit lag mit 1.282 Euro 50 Prozent unter dem durchschnittlichen Lohn, den er in der Gesamtwirtschaft erhielt. In die Metallerzeugung entliehene Leiharbeiter erhielten 2010 rund 40 Prozent weniger Gehalt. Diese enormen Differenzen bei den mittleren Bruttoarbeitsentgelten lassen noch keine validen Schlüsse zur Ungleichbehandlung von Leiharbeitern zu, da die Höhe des Lohns durch viele Faktoren (Qualifikation, Geschlecht, Alter, Branche etc.) bestimmt werden kann. Ein Vergleich der durchschnittlichen Verdienste in und außerhalb der Leiharbeitsbranchen bildet das Ausmaß der Lohnunterschiede nicht vollständig ab. Unter Berücksichtigung fast aller relevanten Merkmale, die die Lohnhöhe beeinflussen können, verdienten Leiharbeiter, nach einer Untersuchung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, zwischen 2000 und 2008 im Schnitt rund 18 Prozent weniger als Arbeitnehmer, die nicht in diesen Branchen tätig sind. Damit schrumpft der Lohnunterschied von Leiharbeitern im Vergleich zu Beschäftigten außerhalb der Branchen etwas, liegt aber immer noch bei 18 Prozent (Ost 15 Prozent und West 19 Prozent).

Die geringen Löhne und hohen Lohnunterschiede werden auch innerhalb der Leiharbeitsbranche als Probleme angesehen und führten letztendlich dazu, dass in der Leiharbeit ein Mindestlohn beschlossen wurde, auf den sich der DGB und die Arbeitgeberverbände der Zeitarbeit geeinigt haben. Der Mindestlohn wurde in das Arbeitnehmer-Entsendegesetz aufgenommen und auf diesem Wege für allgemein verbindlich erklärt.

Der Equal-Pay-Grundsatz, der eine Gleichbehandlung von Leiharbeitern und Stammbeschäftigten vorschreibt, hat dazu geführt, dass es mittlerweile zahlreiche Tarifverträge für die Leiharbeit gibt, weil dadurch vom Grundsatz der gleichen Bezahlung (Equal-Pay) abgewichen werden kann. Der Vorteil für Leiharbeitskräfte besteht jedoch darin, dass mittlerweile die große Mehrheit tariflich entlohnt wird und unter dem Schutz von Tarifverträgen steht.

Einige Tarifverträge, durch die in besonderem Maße vom Equal-Pay-Grundsatz abgewichen wurden, sind von der Tarifgemeinschaft Christlicher Gewerkschaften für Zeitarbeit und Personalserviceagenturen (CGZP) mit dem Arbeitgeberverband Mittelständischer Personaldienstleister (AMP) abgeschlossen worden. Vor allem in den unteren Lohngruppen waren dabei teilweise sehr niedrige Löhne von vier bis sechs Euro vorgesehen. Der niedrigste Stundenlohn in einem der westdeutschen Haustarifverträge lag 2006 bei unter fünf Euro; in Ostdeutschland waren es teilweise sogar weniger als vier Euro. Am 14.12. 2010 hat das Bundesarbeitsgericht die CGZP für tarifunfähig erklärt, so dass deren Tarifverträge nicht mehr gelten. Für die Leiharbeitsbranche sind heute die Tarifverträge maßgeblich, die der DGB mit dem Interessenverband Deutscher Zeitarbeitsunternehmen (iGZ) und Bundesarbeitgeberverband der Personaldienstleister (BAP) geschlossen wurde. Eine Besonderheit sind die Branchenzuschläge, die die Tarifparteien für einige Branchen vereinbart haben, um die Entgeltlücke zwischen Stammbeschäftigten und Leiharbeitern zu schließen. Den ersten Abschluss dieser Art erzielte die IG Metall mit den Zeitarbeitsverbänden am 22.05.2012. Der Tarifvertrag trat zum 1. November 2012 in Kraft und hat eine Laufzeit bis Ende 2017. Demnach haben Leiharbeitskräfte, die in der Metall- und Elektroindustrie beschäftigt sind, Anspruch auf einen Zuschlag, der sich nach der Einsatzdauer im Betrieb richtet. Nach einem Einsatz von sechs Wochen haben sie Anspruch auf einen Zuschlag zum Tariflohn von 15 Prozent. Nach 3/5/7/9 Monaten Einsatzdauer erhalten sie einen Zuschlag von 20/30/45/50 Prozent. Die Basis für die Zuschläge bildet der Tarifvertrag für die Zeitarbeit von DGB/BAP/iGZ. Tarifabschlüsse mit unterschiedlichen Zuschlägen gibt es außerdem in folgenden Branchen:
  • Metall- und Elektroindustrie: 15 - 50 % Zuschlag
  • Chemische Industrie : 10 - 50 %
  • Kautschukindustrie: 3 - 16 %
  • Kunststoff verarbeitende Industrie: 3 - 25 %
  • Holz und Kunststoff verarbeitende Industrie: 7 - 31 %
  • Textil- und Bekleidungsindustrie: 5 - 25 %
  • Eisenbahn: 3 - 14 %
  • Druckindustrie: 8 - 45 %
Durch die Branchenzuschläge gleichen sich die Löhne von Zeitarbeitskräften und Stammbeschäftigten langsam an und es werden deutliche Veränderungen in der Zeitarbeitsbranche erwartet, da sich Leiharbeit tendenziell verteuert und nicht mehr als Instrument für billige Arbeitskräfte fungiert. Es bleibt abzuwarten wie sich die Branchen weiter entwickeln.

Pro und Contra

Von der Deregulierung der Leiharbeit versprechen sich die Befürworter neben einer Ausweitung dieses Beschäftigungssegments auch die Erschließung zusätzlicher Beschäftigungspotentiale. Vor allem bei den Entleihern erwartet man eine Effizienzsteigerung über eine verbesserte Auslastung der Arbeit. Die Zeitarbeit wird als wichtiger Flexibilitätspuffer in einem ansonsten recht stark regulierten Arbeitsmarkt angesehen. Sie stellt damit eine Alternative zu Überstunden, befristeter Beschäftigung oder der Auslagerung von Unternehmensteilen dar. Urlaubs- und Krankenausfälle oder Bedarfsspitzen können so gut kompensiert werden. Den entleihenden Unternehmen ermöglicht Zeitarbeit also einen Zuwachs an Flexibilität. Im Rahmen einer Betriebsbefragung nannten die Betriebe folgende Hauptgründe, die aus ihrer Sicht für den Einsatz von Leiharbeitskräften sprachen: Abfangen von Produktionsspitzen, Möglichkeit, das Arbeitsverhältnis schnell und unbürokratisch zu beenden, Ersatz kranker Mitarbeiter und Personalbeschaffung einfacher/schneller als direkt über den Arbeitsmarkt. Die Forschung hat jedoch einen Funktionswandel der Leiharbeit festgestellt. Demnach nutzen immer mehr Unternehmen Leiharbeit als strategisches Instrument der Gewinnsteigerung und nicht mehr nur temporär. Es kommt damit zu einer Verflechtung von Stamm- und Leiharbeitskräften. Diese Entwicklungen kritisieren vor allem die Gewerkschaften, weil dadurch Belegschaften erster und zweiter Klasse innerhalb eines Unternehmens existieren, die häufig die gleichen Tätigkeiten bei unterschiedlicher Entlohnung ausüben.

Die Befürworter verweisen auch darauf, dass Leiharbeit als Einstiegshilfe für Erwerbslose, Berufseinsteiger und Berufsrückkehrer wirken kann. Anders als beim schwierigen Sprung von der Erwerbslosigkeit in ein Normalarbeitsverhältnis werden durch die Leiharbeit die Hürden für eine dauerhafte Arbeitsmarktintegration schrittweise gesenkt. Zeitarbeit bietet demnach für Personen eine Chance, die sonst keine Chancen gehabt hätten, sich in der Praxis zu bewähren. Häufig wird darauf verwiesen, dass die Möglichkeit bestehe, vom Entleihbetrieb übernommen zu werden (Klebeeffekt).

Kritiker wenden ein, dass durch Leiharbeit Stammbelegschaften, Löhne und Tarifstrukturen unter Druck gesetzt werden. Zudem sei es unklar, ob die Arbeitnehmerüberlassung tatsächlich einen positiven Beitrag zur Beschäftigung leiste oder eher zum Abbau regulärer betrieblicher Beschäftigung führe. Verwiesen wird darauf, dass aus Sicht der Beschäftigten Leiharbeit schlechter entlohnt und mit nur kurzfristiger Erwerbstätigkeit und geringen Aufstiegschancen verbunden ist. Zugleich wird der von den Befürwortern angeführte Klebeeffekt in Frage gestellt. Denn aus Sicht des Verleihbetriebes ist er immer verbunden mit dem Verlust eines guten Arbeitnehmers. Für die Verleihfirma sei der Klebeeffekt daher eher ein unerwünschter Nebeneffekt.

Die Leiharbeitsbranche hat sich durch die gesetzlichen Regulierungen in den letzten Jahren zunehmend "normalisiert". Mindestlohn und Branchenzuschläge konnten Auswüchsen beim Lohndumping durch Leiharbeit entgegenwirken. Die IG Metall kämpft weiterhin gegen bestehende Missstände in der Leiharbeit. Mit ihrer Kampagne "Gleiche Arbeit – Gleiches Geld" fordert sie faire Arbeits- und Entgeltbedingungen für Leiharbeitnehmer und verfolgt das Ziel, die vollständige Gleichstellung von Stammbeschäftigten und Leiharbeitnehmern gesetzlich zu verankern. Dazu gehört vor allem der Anspruch auf gleichen Lohn für gleiche Arbeit, der vom ersten Tag an verwirklicht werden soll. Dagegen wenden die Arbeitgeber ein, dass Leiharbeitskräfte häufig nur kurzfristig beschäftigt sind, vielfach erst eingearbeitet werden müssen und somit weniger produktiv sind als das Stammpersonal. Aus Sicht des DGB ist es nach wie vor nicht gelungen, Leiharbeit zu einer stabilen Beschäftigung zu machen. In ihrem Schwarzbuch Leiharbeit dokumentiert die IG Metall die Auswirkungen auf die Menschen, die sich mit der zunehmenden Verbreitung und dem dauerhaften Einsatz von Leiharbeit verbinden.

Zitat

IG Metall, Schwarzbuch Leiharbeit

Das Problem ist nicht, dass es Leiharbeit gibt, sondern dass sie nicht zum Abpuffern von Produktionsspitzen genutzt wird. Die Unternehmen planen mit Billigarbeitern, um den Gewinn zu maximieren. Wir brauchen wieder die zeitliche Begrenzung! Das würde vieles vereinfachen. Ich bin seit zehn Jahren Leiharbeiter.

Die Arbeitgeberverbände der Zeitarbeit iGZ und BAP lehnen eine weitere Regulierung der Zeitarbeit ab. Die Vereinbarung von Tarifverträgen, Mindestlohn und Branchenzuschlägen wird als Ausweis einer funktionierenden Tarifautonomie gesehen. Durch die Branchenzuschläge wären die Zeitarbeitgeber bereits an die Grenze ihrer Belastbarkeit gegangen, was dazu führt, dass Leiharbeit insgesamt teurer und somit eventuell auch unattraktiver für die Kundenunternehmen wird. Die Zeitarbeitsverbände sehen dadurch auch negative Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt, vor allem für Geringqualifizierte, die häufig über die Leiharbeit einen Weg zurück in den Arbeitsmarkt gefunden hätten.

Zitat

Ingo Kramer, (BDA)

Die Zeitarbeit ist eine Schlüsselbranche für die deutsche Wirtschaft – und für unseren Arbeitsmarkt unverzichtbar.

Quelle: Ingo Kramer, Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA)

Nachdem sich die SPD und CDU/CSU im Koalitionsvertrag auf weitere Neuregelungen im Bereich der Leiharbeit verständigt haben bleibt abzuwarten, wie sich die atypische Beschäftigung Leiharbeit in den nächsten Jahren entwickelt und was aus dem Koalitionsvertrag letztendlich umgesetzt wird. Bleibt die Leiharbeit ein Flexibilisierungsinstrument der Unternehmen, um sich kostengünstig Personal zu beschaffen oder spezialisiert sich die Branchen als Zulieferbetrieb für gefragte Fachkräfte an Unternehmen?

Links

Literatur

Adamy, Wilhelm (2010): Die Risiken der Leiharbeit: Arbeitslosigkeit, Verarmung, Erkrankung. Gute Arbeit. Zeitschrift für Gesundheitsschutz und Arbeitsgestaltung 22 (5): 17-21.

BAuA - Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (2014): Factsheet 03: Arbeitsbedingungen in der Zeitarbeit, Dortmund.

Bellmann, Lutz (2004): Zur Entwicklung der Leiharbeit in Deutschland. Theoretische Überlegungen und empirische Ergebnisse aus dem IAB-Betriebspanel. Sozialer Fortschritt 6/2004: 135-142.

Bellmann, Lutz; Kühl, Alexander (2007): Weitere Expansion der Leiharbeit? Eine Bestandsaufnahme auf Basis des IAB-Betriebspanels. Abschlussbericht. HBS. Düsseldorf.

Bornewasser, Manfred; Zülch, Gert (Hrsg.) (2013): Arbeitszeit – Zeitarbeit. Flexibilisierung der Arbeit als Antwort auf die Globalisierung. Wiesbaden: Springer Fachmedien.

Brenke, Karl; Eichhorst, Werner (2008): Leiharbeit breitet sich rasant aus. DIW Wochenbericht 19/2008: 242-252.

Bundesagentur für Arbeit (2013): Zeitarbeit in Deutschland – Aktuelle Entwicklungen. Nürnberg, Juli 2013.

Burda, Michael C.; Kvasnicka, Michael (2006): Zeitarbeit in Deutschland. Trends und Perspektiven. Perspektiven der Wirtschaftspolitik 7 ( 2): 195-225.

Crimmann, Andreas; Ziegler, Kerstin; Ellguth, Peter; Kohaut, Susanne; Lehmer, Florian (2009): Forschungsbericht zum Thema "Arbeitnehmerüberlassung". Endbericht zum 29. Mai 2009. Bundesministerium für Arbeit und Soziales. Forschungsbericht Arbeitsmarkt, 397. Nürnberg.

Deutscher Bundestag (2014): Zwölfer Bericht der Bundesregierung über Erfahrungen bei der Anwendung des Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes – AÜG.

Deutscher Bundestag (2010): Zusammenstellung der schriftlichen Stellungnahmen zur öffentlichen Anhörung von Sachverständigen in Berlin am 28. Juni 2010. Ausschuss für Arbeit und Soziales. Ausschussdrucksache 17(11)207.

Dütsch, Matthias (2011): Wie prekär ist Zeitarbeit? Eine Analyse mit dem Matching-Ansatz. Zeitschrift für ArbeitsmarktForschung 43 (4): 299-318.

Gensicke, Miriam; Herzog-Stein, Alexander; Seifert, Hartmut; Tschersich, Nikolai (2010): Einmal atypisch - immer atypisch beschäftigt? WSI-Mitteilungen 4/2010: 179-187.

Gundert, Stefanie; Hohendanner, Christian (2011): Leiharbeit und befristete Beschäftigung. Soziale Teilhabe ist eine Frage von stabilen Jobs. IAB Kurzbericht 4/2011. Nürnberg.

Internationale Arbeitsorganisation, ILO (2009): Private Employment Agencies, temporary agency workers and their contribution to the labour market. Genf.

Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (Hrsg.) (2013): Handbuch Arbeitsmarkt 2013. Analyse, Daten, Fakten. IAB Bibliothek 334. Bielefeld: W. Bertelsmann.

Jahn, Elke; Weber, Enzo (2013): Zeitarbeit: Zusätzliche Jobs, aber auch Verdrängung. IAB-Kurzbericht 02/2013. Nürnberg.

Keller, Berndt; Seifert, Hartmut (2011): Atypische Beschäftigung und soziale Risiken. Entwicklung, Strukturen, Regulierung. WISO-Diskurs der Friedrich-Ebert-Stiftung. Bonn.

Kvasnicka, Michael (2005): Does Temporary Agency Work Provide a Stepping Stone to Regular Employment? Discussion Paper des Sonderforschungsbereich 649 Nr. 31/2005. Berlin.

Lehmer, Florian (2012): Dient die Arbeitnehmerüberlassung für Langzeitarbeitslose als Brücke in nachhaltige Beschäftigung? Sozialer Fortschritt 61 (8): 190–197.

Lichtblau, Karl; Schleiermacher, Thomas; Schäfer, Holger (2011): Zeitarbeit in Deutschland. Treiber für Flexibilität und Wachstum. Studie der IW Consult GmbH in Zusammenarbeit mit dem Institut der deutschen Wirtschaft Köln.

Mayer, Christian; Scheibe. Herbert (2012): Wer sind die Leiharbeiter? Abschlussbericht für die Hans-Böckler-Stiftung. Düsseldorf. http://www.boeckler.de/pdf_fof/S-2010-401-3-1.pdf

Promberger, Markus (2006): Leiharbeit im Betrieb. Strukturen, Kontexte und Handhabung einer atypischen Arbeitsform. Abschlussbericht für die Hans-Böckler-Stiftung. In Zusammenarbeit mit Lutz Bellmann, Christoph Dreher, Frank Sowa, Simon Schramm und Stefan Theuer. Düsseldorf.

Promberger, Markus (2012): Eine Strategie oder viele Strategien? Zur Polyvalenz flexibler Beschäftigungsformen im betrieblichen Einsatz am Beispiel der Leiharbeit. S. 163-183 in Krause; Alexandra;. Köhler, Christoph (Hrsg.): Arbeit als Ware. Zur Theorie flexibler Arbeitsmärkte. Bielefeld: Transcript.

Rheinisch-Westfälisches Institut für Wirtschaftsforschung (2012): Durchlässiger Arbeitsmarkt durch Zeitarbeit? Studie im Auftrag der Bertelsmann Stiftung. Gütersloh.

Rheinisch-Westfälisches Institut für Wirtschaftsforschung (2012a): Herausforderung Zeitarbeit? Studie im Auftrag der Bertelsmann Stiftung. Gütersloh.

Schröder, Gerhard (2010): Fleißig, billig, schutzlos. Leiharbeiter in Deutschland. ppb Schriftenreihe (Bd. 1027). Bonn.

Schwaab, Marcus-Oliver; Durian, Ariane (Hrsg.) (2009): Zeitarbeit. Chancen - Erfahrungen - Herausforderungen. Wiesbaden: Gabler.

Spermann, Alexander (2011): The New Role of Temporary Agency Work in Germany. IZA discussion paper, 6180. Bonn.

Vanselow, Achim; Weinkopf, Claudia (2009): Zeitarbeit in europäischen Ländern – Lehren für Deutschland? Arbeitspapier 182 der Hans Böckler Stiftung. Düsseldorf.

Vogel, Berthold (Hrsg.) (2004): Leiharbeit. Neue sozialwissenschaftliche Befunde zu einer prekären Beschäftigungsform. Hamburg: VSA-Verlag.

Weinkopf, Claudia; Vanselow, Achim (2008): (Fehl-)Entwicklungen in der Zeitarbeit? Expertise im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung. Bonn.

Wetzel; Detlef; Weigand, Jörg (Hrsg.) (2012): Schwarzbuch Leiharbeit. IG Metall. Frankfurt am Main.

Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/ Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autoren: Frank Oschmiansky, Jürgen Kühl, Tim Obermeier für bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


Dossier

Rentenpolitik

Die Alterssicherung stellt, egal wie sie organisiert ist, in allen modernen Gesellschaften einen erheblichen Anteil an der Verwendung des Sozialprodukts dar. Sie ist quantitativ der Kernbereich des Sozialstaats.

Mehr lesen

Dossier

Gesundheitspolitik

Der Reformdruck im deutschen Gesundheitswesen hat deutlich zugenommen. Während noch vor wenigen Jahren nur Experten über die Finanzierbarkeit und Qualitätssicherung des Gesundheitssystems nachdachten, suchen heute viele Bürgerinnen und Bürger nach Antworten.

Mehr lesen

Publikationen zum Thema

Coverbild APuZ 26-2017 Arbeitsmarktpolitik

Arbeitsmarkt-
politik

Arbeitsmarktpolitik versucht den Rahmen zu setzen, in dem wir arbeiten. Dass sie dabei nicht immer a...

APuZ_15/2011_80.jpg

Humanisierung der Arbeit

"Hauptsache Arbeit!" lautet oft der Ruf – die Qualität der Arbeitsplätze rückt dabei in den Hin...

Gewerkschaften

Gewerkschaften

Mit dem Übergang vom wohlfahrts-
staatlichen Kapitalismus zum Finanzmarkt-Kapitalismus setzte ei...

Migration und Arbeitsmarkt

Migration und Arbeitsmarkt

Durch den demografischen Wandel droht der deutschen Gesellschaft nicht nur die Überalterung, sonder...

Arbeitsmarktpolitik

Arbeitsmarkt-
politik

Die Instrumente der Arbeitsmarkt- und Beschäftigungs-
politik haben sich im Laufe der Jahre stä...

APuZ48_2010.jpg

Arbeitslosigkeit

2003 verkündete Gerhard Schröder ein umfassendes Reformprogramm für Deutschland: die "Agenda 2010...

Arbeitslosigkeit: Psychosoziale Folgen

Arbeitslosigkeit: Psychosoziale Folgen

Der Verlust der eigenen Arbeit kann kann zu psychischen Beeinträchtigungen führen, die den Betroff...

Abstieg - Prekarität - Ausgrenzung

Abstieg - Prekarität - Ausgrenzung

Die Mittelschicht schrumpft. Immer mehr Menschen haben Angst vor dem sozialen Abstieg. Die aktuelle ...

Entgrenzung von Arbeit und Leben

Entgrenzung von Arbeit und Leben

Die Ansprüche der Arbeitswelt wachsen, dabei bleibt das Privatleben oft auf der Strecke. Aber wie l...

Grundeinkommen?

Grund-
einkommen?

Seit einiger Zeit diskutiert Deutschland über die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens. Ist e...

Zum Shop

Dossier

Demografischer Wandel

Zu- und Auswanderung, Geburtenrate, Sterblichkeit - die sind die drei zentralen Faktoren für die demografische Entwicklung. Der demografische Wandel wird unsere Gesellschaft spürbar verändern - ob auf Kommunal-, Landes- oder Bundesebene, im Bereich der Sozialversicherungen, der Arbeitswelt, der Infrastruktur oder der Familienpolitik. Das Dossier beleuchtet die wichtigsten Bereiche und skizziert den Stand der Debatte.

Mehr lesen