Arbeitsmarktpolitik Dossierbild

31.3.2011 | Von:
Frank Oschmiansky
Jürgen Kühl

Arbeitszeitpolitik

Arbeitszeitpolitik hat in den letzten Jahren einen deutlichen Wandel vollzogen. Galt insbesondere in den 1980er Jahren Arbeitszeitverkürzung als ein Königsweg zum Abbau der hohen Arbeitslosigkeit, so stand ab den 1990er Jahren Arbeitszeitflexibilisierung im Zentrum der Debatte und in den letzten Jahren hat sich der Fokus in Richtung Arbeitszeitverlängerung verschoben.

Plakat einer Demonstration gegen die Verlängerung der Arbeitszeiten.Plakat einer Demonstration gegen die Verlängerung der Arbeitszeiten. (© AP)

Das Arbeitszeitgesetz

Das Arbeitszeitgesetz gilt grundsätzlich für alle Arbeitnehmer (Arbeiter und Angestellte sowie die zu ihrer Berufsbildung Beschäftigten); ausgenommen sind nur einige Personengruppen und Branchen, beispielsweise Chefärzte, Soldaten, Beamte, Arbeitnehmer, die in häuslicher Gemeinschaft mit den ihnen anvertrauten Personen zusammenleben und sie eigenverantwortlich erziehen, pflegen oder betreuen und insbesondere Personen unter 18 Jahren, für diese gilt das Jugendarbeitsschutzgesetz.

Das Arbeitszeitgesetz regelt die tägliche Arbeitszeit, Pausen, Ruhezeiten, Mehrarbeit, Nachtarbeit und Sonn- und Feiertagsarbeit. Die werktägliche gesetzliche Arbeitszeit der Arbeitnehmer darf 8 Stunden nicht überschreiten. Sie kann auf bis zu 10 Stunden nur verlängert werden, wenn innerhalb von 6 Kalendermonaten oder innerhalb von 24 Wochen im Durchschnitt 8 Stunden werktäglich nicht überschritten werden. Werktage sind auch die Samstage, das Gesetz legt also den Rahmen einer 48-Stunden-Woche fest. Jugendliche dürfen nach dem Gesetz nicht mehr als 8 Stunden täglich und nicht mehr als 40 Stunden wöchentlich beschäftigt werden.

Arbeitszeit: Verkürzen, verlängern, flexibilisieren?

In den 1980er Jahren sahen insbesondere die Gewerkschaften die Möglichkeit, mittels Arbeitszeitverkürzung auch einen wichtigen Beitrag zum Abbau der Arbeitslosigkeit zu leisten. Dies ist möglich, wenn vorhandene Arbeit auf mehr Personen verteilt wird. Die Einführung der 35-Stunden-Woche war in dieser Zeit, das zentrale Ziel der Gewerkschaften.

Arbeitszeitverkürzung kann durch eine Verkürzung der täglichen, wöchentlichen, jährlichen oder der Lebensarbeitszeit erreicht werden. Von den Gewerkschaften wurde häufig Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich gefordert, der bisher gezahlte Lohn sollte weiter gelten. Für die Arbeitgeber sind Arbeitszeitverkürzungen mit Lohnausgleich nichts anderes als Lohnerhöhungen, die ihrer Ansicht nach der Schaffung zusätzlicher Arbeitsplätze entgegenstehen.

Empirische Untersuchungen zu den Arbeitszeitverkürzungen in den 1980er Jahren kamen zu dem Ergebnis, dass die positiven Beschäftigungswirkungen der kostenneutralen Arbeitszeitverkürzungen gut belegt sind. Der Beschäftigungseffekt bewegte sich danach in einer Größenordnung von etwa 50 Prozent des rechnerisch möglichen Maximalwertes. Gleichzeitig gab es aber auch Hinweise, dass die Arbeitszeitverkürzungen zu einer Zunahme der Schwarzarbeit geführt hatten.

Spätere Untersuchungen kommen zu skeptischeren Ergebnissen. Danach haben Arbeitszeitverkürzungen nicht zu der erhofften Beschäftigungsausweitung geführt, vor allem durch den durchgesetzten Lohnausgleich. Teilweise könnte es sogar zu Beschäftigungsverlusten gekommen sein.

Bekanntestes Beispiel, betriebsintern durch Arbeitszeitverkürzungen Entlassungen zu vermeiden, war die 4-Tage-Woche bei Volkswagen.

Info

VW-Modell

Um die Entlassung vieler Beschäftigter zu vermeiden, wurde durch den im Dezember 1993 verwirklichten Haustarifvertrag bei Volkswagen die Arbeitszeit rigoros von 36 auf 28,8 Std. in der Woche bei einer Viertagesschicht reduziert. Das Jahresentgelt der Beschäftigten wurde dabei um etwa 20 Prozent reduziert. Um die Monatseinkommen in etwa zu halten wurden vier Zulagen aufgestockt und die Sonderzahlungen sowie das Tarifsurlaubsgeld auf die Monatseinkommen umgerechnet. Die durch VW zu finanzierenden Arbeitskosten gingen um 10,5% zurück. Der Verzicht auf Lohnausgleich wurde im Gegenzug mit der Zusage belohnt, während der Gültigkeit des Tarifvertrages keine Entlassungen vorzunehmen.
Stark genutzt wurden Instrumente des frühzeitigen Übergangs in den Ruhestand, wie Vorruhestands- und Altersübergangsgeld oder das Arbeitslosengeld unter erleichterten Voraussetzungen (§ 428 SGB III, früher § 105c AFG; s. Modul 1: Verknappung des Arbeitskräfteangebots durch Arbeitszeitverkürzung). Allerdings läuft beispielsweise die staatliche Förderung der Altersteilzeit, die 1989 eingeführt worden war, Ende 2009 aus (siehe hierzu das Altersteilzeitgesetz). Andere Instrumente wie der § 428 SGB III (Arbeitslosengeld unter erleichterten Voraussetzungen) sind für Neuzugänge bereits abgeschafft. Hintergrund dieser neuen politischen Akzentsetzungen war die arbeitsmarktpolitische Vorgabe des Lissabon-Prozesses, der eine Beschäftigungsquote der 55-64jährigen von 50 Prozent für alle Mitgliedsstaaten anstrebt.

Die Beschäftigungsquote der Älteren sinkt mit zunehmendem Lebensalter. So waren Ende 2004 in West- und Ostdeutschland zwar rund die Hälfte der 55-jährigen Männer sozialversicherungspflichtig beschäftigt. In den folgenden Altersjahren geht dieser Anteil aber deutlich zurück, am stärksten mit dem 63. Lebensjahr. Bei den 64-jährigen Männern beträgt die Beschäftigungsquote in West und Ost schließlich nur noch rund 5 Prozent (s. Link in der rechten Spalte).

Auch in den anderen Bereichen der Arbeitszeitpolitik ist eine deutliche Wende in der Debatte zu verzeichnen. Verschiedene Wissenschaftler und auch Politiker fordern aus beschäftigungspolitischer Sicht inzwischen eine Verlängerung der Arbeitszeit. So sprach das Institut der deutschen Wirtschaft davon, dass eine Wochenarbeitsverlängerung von einer Stunde kurzfristig bis zu 60.000 Arbeitsplätze schaffen könnte. Dabei wird davon ausgegangen, dass eine Arbeitszeitverlängerung ohne Lohnausgleich eine Absenkung der Stundenlöhne und bei gegebener Produktivität damit der Lohnstückkosten darstelle. Wenn diese Kostensenkungen durch Preissenkungen an die Konsumenten weitergegeben würden, könne dies zu einer erhöhten Binnennachfrage und im Gefolge zu wirtschaftlichem Aufschwung und damit verbundenen Beschäftigungseffekten führen.

Info

Ifo Standpunkt

"Wenn länger gearbeitet wird, steigt die Produktivität des einzelnen Arbeitnehmers. Da die Lohnkosten pro Kopf nicht steigen, lohnt es sich für den Unternehmer, mehr Leute einzustellen. Bei der alten Arbeitszeit gab es Arbeiter, die vor den Werktoren blieben, weil sie dem Unternehmer nicht ganz das liefern konnten, was sie kosten. Viele dieser Arbeitnehmer werden für den Unternehmer rentabel, weil sie wegen der längeren Arbeitszeit nun mehr liefern, als sie kosten. Sie werden eingestellt, weil es dem Unternehmer auf diese Weise gelingt, seinen Gewinn noch mehr zu steigern, als es bereits durch die Mehrarbeit der Stammbelegschaft der Fall ist."

Ifo Standpunkt Nr. 59 vom 18.11.2004

Umgesetzt wurde bereits die Anhebung des Renteneintrittsalters, was letztlich auch zu einer längeren Lebensarbeitszeit führt. Schrittweise wird das Renteneintrittsalter von 65 auf 67 Jahren erhöht. Für Versicherte, die vor dem 1.1.1947 geboren sind, gilt als Regelaltersgrenze nach wie vor die Vollendung des 65. Lebensjahres. Für jüngere Versicherte wird die Regelaltersgrenze zunächst um einen Monat im Jahr, ab Jahrgang 1958 um 2 Monate im Jahr angehoben werden, bis mit dem Jahrgang 1964 die neue Regelaltersgrenze 67 erreicht wird. Versicherte mit mindestens 35 Versicherungsjahren können mit 63 Jahren in Rente gehen, müssen dann aber einen versicherungsmathematischen Abschlag in Höhe von 0,3% pro Monat in Kauf nehmen. Für "besonders langjährig Versicherte" mit 45 Versicherungsjahren verbleibt es bei der Altersgrenze 65, diese Grenze soll künftig auch auf schwerbehinderte Menschen Anwendung finden. Mit diesen Neuregelungen ist, nachdem die gesetzliche Regelaltersgrenze von 65 Jahren fast 100 Jahre lang stabil geblieben war, ein erheblicher Einschnitt erfolgt. Das IAB weist darauf hin (s. Link in der rechten Spalte), dass durch die Rente mit 67 ab 2012 ein zusätzlicher Bedarf an Arbeitsplätzen entsteht. Je nach getroffenen Annahmen wird dieser für 2030 auf 1,2 bis über 3 Mio. geschätzt.

Neben einer Verkürzung der wöchentlichen oder Lebensarbeitszeit kann Arbeitszeitflexibilisierung Gegenstand der modernen Arbeitszeitpolitik sein. Die Arbeitgeber fordern in den Arbeitszeitdebatten in erster Linie die Arbeitszeit flexibler zu gestalten, also auch Wochenendarbeit ohne besondere Zuschläge zu ermöglichen, flexible Arbeitszeitkonten einzurichten oder Arbeit auf Abruf zu ermöglichen. All dies hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Für Unternehmen sind die Betriebszeiten entscheidend, also Maschinenlaufzeiten, Nutzung teurer Anlagen, Ladenöffnungszeiten. Vielfältigste Arbeitszeitarrangements und -flexibilisierungen dienen der Optimierung der Betriebszeiten.

Eine besonders moderne Form der Flexibilisierung sind Arbeitszeitkonten, beispielsweise Gleitzeitmodelle, Jahresarbeitskonten, Langzeit- und Lebensarbeitszeitkonten oder Arbeitszeitguthaben aus Altersteilzeitvereinbarungen im Blockmodell.

Altersteilzeit im Blockmodell umfasst mehrere hundert Arbeitsstunden und kann über Jahre ausgeglichen werden. Sie ist ein unternehmerisches Instrument des Personalab- und -umbaus. Altersteilzeit ist gegen Insolvenz abgesichert im Altersteilzeitgesetz. Rund 35 Prozent der Betriebe nutzen dieses Arbeitszeitmodell. Von allen Beschäftigten in der anspruchsberechtigten Altersgruppe der 55- bis 64-Jährigen stand Ende 2007 jeder sechste in Altersteilzeit (16,5 %), bei den 60- bis 64-Jährigen sogar jeder vierte. Für Beschäftigte in Altersteilzeit gibt es Zuschüsse von der BA (diese Förderung läuft Ende 2009 aus), wenn im Gegenzug Arbeitsplätze mit Arbeitslosen oder Auszubildenden besetzt werden.

Kurzzeitkonten sind beispielsweise Gleitzeit-, Ampel- oder Jahreszeitkonten. Auf ihnen kann man von einer bis 150 Stunden Zeitguthaben sammeln, in Ausnahmen auch mehr. Der Ausgleichzeitraum beträgt einen Monat bis zu einem Jahr. Damit kann ein Unternehmen flexibel auf die Auftragslage reagieren. Arbeitnehmer können dadurch angesammelte Stunden "abbummeln" oder sie für freie Tage nutzen. Diese Konten sind in der Mehrheit nicht vor Betriebsinsolvenzen geschützt. Sie sind laut einer Befragung von Betriebsräten aber in rund 74 Prozent aller Unternehmen verbreitet.

Langzeitkonten ermöglichen das langfristige Ansparen mit dem Ziel der längerfristigen Freistellung, etwa für Qualifizierung oder Weiterbildung, Kinderbetreuung oder Pflege, für den Übergang in die Altersrente oder für ein "Sabbatical" (längere Unterbrechung der Arbeit). Daneben kann man ein Wertguthaben aber auch bei Verringerung der Arbeitszeit und Wechsel auf einen Teilzeitarbeitsplatz einsetzen, um das Teilzeitentgelt aufzustocken. Sie umfassen mehrere hundert Arbeitsstunden. Der Ausgleichszeitraum erstreckt sich über viele Jahre. Sie gelten in Unternehmen als Instrument der Personalbindung und Qualifizierungen. Im Herbst 2005 boten 7 Prozent der deutschen Unternehmen Langzeitkonten an, bei den Großunternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern sogar jedes vierte Unternehmen.

Um die Akzeptanz der Arbeitszeitflexibilisierung sicherzustellen, ist es wichtig, dass die Beschäftigten die Gewissheit haben, dass ihre über Jahre "angesparten" Ansprüche bei Insolvenz des Arbeitgebers geschützt sind. Seit 2009 gilt das Gesetz zur Verbesserung der Rahmenbedingungen für die Absicherung flexibler Arbeitszeitregelungen, kurz "Flexi II" genannt. Es schützt die sogenannten Langzeitkonten. Für Gleitzeit-, Beschäftigungssicherungs- oder Kurzzeitkonten, also Arbeitszeitkonten im Allgemeinen, gilt das "Flexi II" allerdings nicht. Diese Konten dienen der flexiblen Gestaltung der werktäglichen oder wöchentlichen Arbeitszeit.

Dem neuen Gesetz zufolge dürfen Langzeitkonten seit Jahresbeginn nur noch in Geld und nicht mehr in Zeit geführt werden, wobei es jedoch Übergangsregelungen gibt. Arbeitgeber sind zudem verpflichtet, die Wertguthaben ihrer Mitarbeiter für einen möglichen Insolvenzfall durch eine doppelhändige Treuhand oder ein gleichwertiges Sicherungsmodell zu schützen.

Diese Insolvenzsicherungspflicht wird durch die Deutsche Rentenversicherung Bund überprüft und greift, sobald ein Wertguthaben einen Betrag in Höhe einer festgelegten monatlichen Bezugsgröße - derzeit 2520 Euro - übersteigt. Außerdem gibt es bei einem Wechsel des Arbeitgebers eine begrenzte Mitnahmemöglichkeit von Langzeitkonten: Ab Juli 2009 können Arbeitnehmer ihr Wertguthaben beim Ausscheiden aus dem Unternehmen komplett auf die Deutsche Rentenversicherung Bund übertragen. Es muss dafür allerdings eine Mindestgröße von zurzeit circa 15120 Euro übersteigen. Das Guthaben können die Arbeitnehmer dann für die im Gesetz benannten Zwecke über die Deutsche Rentenversicherung Bund abbauen.

Der Staat unterstützt diese Flexibilisierung, indem er während der Ansparzeit Sozialversicherungsbeiträge und Steuern auf die angesparte Summe stundet. Erst zu dem Zeitpunkt, zu dem das angesparte Arbeitsentgelt für eine Freistellung oder Verringerung der Arbeitszeit zur Aufstockung genutzt wird, müssen Sozialversicherungsbeiträge und Steuern gezahlt werden.

In der aktuellen Banken- und Finanzkrise werden diese Konten häufig gelehrt, um Kündigungen vermeiden. Experten gehen davon aus, dass das Guthaben auf den Arbeitszeitkonten insgesamt deutlich zurückgehen wird. Ob ein Arbeitszeitkonto bei einem Auftragsrückgang angetastet werden kann, hängt davon ab, was in der konkreten Arbeitszeit-Vereinbarung geregelt ist. Häufig muss aber der Betriebsrat zustimmen, wenn Guthaben von einem Langzeitarbeitskonto genommen wird.

Daten und Fakten

Betrachtet man die Entwicklung der tariflichen Jahresarbeitszeit in Stunden in Deutschland, so zeigt sich, dass die Veränderungen im letzten Jahrzehnt minimal sind. Lediglich in Ostdeutschland ist es zu einer Verringerung gekommen.


Tarifliche Jahresarbeitszeit in Stunden.Tarifliche Jahresarbeitszeit in Stunden. Lizenz: cc by-nc-nd/2.0/de (bpb)
Durchschnittliche Jahresarbeitszeit und ihre Komponenten in Deutschland.Durchschnittliche Jahresarbeitszeit und ihre Komponenten in Deutschland. Lizenz: cc by-nc-nd/2.0/de (bpb)


Internationale Vergleiche von Arbeitszeiten kranken immer an der schwierigen Informationslage. So werden die Statistiken in den einzelnen Ländern unterschiedlich häufig aktualisiert, und Faktoren wie Länge des Jahresurlaubs und Teilzeitarbeit werden von Land zu Land unterschiedlich berücksichtigt.

Durchschnittliche vereinbarte Wochenarbeitsstunden 2007.Durchschnittliche vereinbarte Wochenarbeitsstunden 2007. Lizenz: cc by-nc-nd/2.0/de (bpb)
Durchschnittliche Wochenarbeitszeit im Jahr 2006.Durchschnittliche Wochenarbeitszeit im Jahr 2006. Lizenz: cc by-nc-sa/2.0/de (bpb)

Geht man von den tariflich vereinbarten Wochenarbeitszeiten aus, so stehen die Franzosen mit einer landesweit geltenden 35-Stunden-Woche als die "faulsten" Europäer da. Deutschland liegt leicht unter dem EU-15 Durchschnitt.

Betrachtet man die durchschnittliche normalerweise geleistete Wochenarbeitszeit in der Haupttätigkeit verändert sich die Reihenfolge beträchtlich. Danach wird in den Niederlanden am kürzesten gearbeitet, in Frankreich dagegen länger als in Deutschland. Hauptgrund ist die unterschiedliche Verbreitung von Teilzeitarbeit.

Durchschnittliche tatsächliche Wochenarbeitsstunden.Durchschnittliche tatsächliche Wochenarbeitsstunden. Lizenz: cc by-nc-nd/2.0/de (bpb)
Betrachtet man die tatsächlich geleisteten Arbeitsstunden von Vollzeitbeschäftigten unter Einbeziehung geleisteter Überstunden, ergibt sich wieder ein anderes Bild. Hier liegt Deutschland von den hier betrachteten Ländern hinter Großbritannien an zweiter Stelle.

Diese Daten belegen keinesfalls die von den Medien häufig verbreitete Formel vom "Freizeitweltmeister" Deutschland.

Geänderte Rahmenbedingungen für Teilzeitarbeit

Durchschnittliche Arbeitszeit und ihre Komponenten für alle Arbeitnehmer (2004-2009). Quelle: Berechnungen des IAB (Forschungsgruppe Arbeitszeit und Arbeitsmarkt)Durchschnittliche Arbeitszeit und ihre Komponenten für alle Arbeitnehmer (2004-2009). Lizenz: cc by-nc-nd/2.0/de (bpb)
Bei den Arbeitnehmern ist die deutsche Teilzeitquote 2009 auf 34,6% gestiegen, fast drei Prozentpunkte mehr als 2004 (vgl. Tabelle). Teilzeitbeschäftigung ist im Gesetz über Teilzeitarbeit und befristete Arbeitsverträge geregelt. Dieses Gesetz hat mit Wirkung zum 01.01.2001 das Beschäftigungsförderungsgesetz abgelöst. Zentrale Neuerungen sind ein Diskriminierungsverbot sowie ein Rechtsanspruch auf Arbeitszeitreduzierung. Arbeitgeber müssen dem Wunsch auf Arbeitszeitreduzierung nachkommen, sofern keine betrieblichen Gründe dem entgegen stehen. Zudem verfügt der Arbeitnehmer über eine Rückkehroption in eine Vollzeitbeschäftigung bzw. kann er den Wunsch äußern, seine Arbeitsstunden wieder zu erhöhen. Diese Regelung hatte zunächst zu großen Protesten aus dem Arbeitgeberlager geführt, scheint aber laut erster Befunde zu keinen wesentlichen Problemen in der Praxis zu führen.

Info

Rudolf Buschmann: Rot-grüne Arbeitsrechtsbilanz

"In der Praxis werden die Wirkungen der Vorschrift gleichwohl als "kümmerlich" bezeichnet, was mit dem arbeitgeberseitigen Widerstand zusammenhängt. Dieser erscheint paradox. Weitaus größer als die Zahl der Arbeitszeitverringerungen (...) ist nämlich die Zahl der arbeitsvertraglich vereinbarten Arbeitszeitverringerungen auf Initiative des Arbeitgebers, der den Beschäftigten die Alternativen der betriebsbedingten Kündigung oder der Stundenreduzierung zur Wahl stellt."

Buschmann, Rudolf (2005): Rot-grüne Arbeitsrechtsbilanz. In. AuR 8-9; S. 302.

Arbeitszeitpolitik

Die Bedeutung der Arbeitszeitkomponente im Krisenjahr 2009 als das Arbeitsvolumen um –2,6% sank, das sind bald anderthalb Milliarden weniger geleistete Arbeitsstunden oder anderthalb Millionen Beschäftigungsverhältnisse, ist vor allem drei etwa gleich großen Beiträgen zu verdanken: der auf 1,14 Millionen gestiegenen Kurzarbeit, dem Abbau von Überstunden und Guthaben auf den Arbeitszeitkonten und einer vorübergehenden Unterschreitung der tariflichen Arbeitszeit bei weiter expansiver Teilzeitarbeit. 2010 wurde das Arbeitsvolumen der Vorkrisenzeit wieder erreicht und 2011 könnte es weiter zunehmen. In Wirklichkeit hat das Arbeitsvolumen 2010 die IAB-Prognose übertroffen (vgl. Tab.).

Beschäftigte Arbeitnehmer, Selbständige, Arbeitszeiten und ArbeitsvolumenBeschäftigte Arbeitnehmer, Selbständige, Arbeitszeiten und Arbeitsvolumen Lizenz: cc by-nc-nd/2.0/de (bpb)
Arbeitszeitpolitisch ebenso interessant sind die längerfristigen Trends der Arbeitzeitkomponenten.
So sinkt die Zahl der Vollzeit-Arbeitnehmer stetig und liegt 2011 schon anderthalb Millionen Personen unter der Zahl von 2002. Dagegen steigt die Teilzeitarbeit um zweieinhalb Millionen und erreicht rd. 35% aller Arbeitnehmer. Die Beschäftigung in Nebentätigkeiten hat sich mehr als verdoppelt und beträgt schon 7% der Arbeitnehmer. Die tarifliche/betriebsübliche Arbeitszeit sinkt nur allmählich, vor allem weil Wochenvollzeitarbeit und Urlaub einschl. weitere Freistellungen nahezu stagnieren. Das Volumen bezahlter Überstunden hat das Vorkrisenniveau noch nicht wieder erreicht, gleichwohl mit gut 1,2 Milliarden Stunden rechnerisch ein beachtliches Beschäftigungsäquivalent. Je Arbeitnehmer stiegen die Überstunden von 38,4 Stunden im Jahr 2009 auf 43,6 Stunden in 2010. Bei nahezu Stagnation der tatsächlichen Arbeitzeit in Vollzeit und kontinuierlicher Expansion in Teilzeit und Nebentätigkeiten beträgt die durchschnittlich Arbeitszeit aller Erwerbstätigen im Jahr 2010 gut 1.415 Stunden. Das Arbeitsvolumen der Selbständigen und Mithelfenden steigt weiter, unterbrochen nur durch die Stagnation im Krisenjahr 2009. Auch deren Jahresarbeitszeit schätzt das IAB sinkend ein, wenn auch höher als die der Arbeitnehmer.

Mitarbeiter des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts in der Hans-Böckler-Stiftung meinen, ein bloßes Einschwenken nach der Krise auf die alten Arbeitszeittrends wäre eine vertane gesellschafts- und wirtschaftspolitische Großchance. Eine spätere Regelaltersgrenze erfordere geringere Arbeitsbelastungen. Gerade Schicht- und Nachtarbeiter bräuchten Entlastung. Kürzere Arbeitszeiten seien am wirkungsvollsten, will man nicht auf Produktion und Dienstleistungen rund um die Uhr verzichten. Kürzere Vollzeitarbeit für Frauen und Männer sei eine Alternative zu überlangen Arbeitszeiten vieler Männer und zur Teilzeitarbeit von Frauen. Auf dem Weg in die Wissensgesellschaft sei mehr Zeit für lebenslanges Lernen erforderlich. Kürzere Arbeitszeiten seien auch erforderlich, um Erwerbsarbeit und außerbetriebliche, insbesondere familiale Zeitanforderungen besser auszubalancieren.

Info

Vorteile einer familienfreundlichen Personalpolitik

"Auch Unternehmen profitieren von den Vorteilen einer familienfreundlichen Personalpolitik. Beschäftigte, die bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf unterstützt werden, kehren früher aus der Elternzeit zurück, fehlen seltener, sind weniger stressbelastet und arbeiten motivierter. Hinzu kommen Wettbewerbsvorteile durch eine höhere Arbeitgeberattraktivität. Neben dem Gehalt werden familienfreundliche Angebote immer wichtiger, um qualifizierte Beschäftigte zu gewinnen und zu halten."

Quelle: http://www.bmfsfj.de/BMFSFJ/Familie-und-arbeitswelt.html

Eine Studie des Instituts Zukunft der Arbeit im Auftrag des Bundesfamilienministeriums von Februar 2011 beziffert das Potential auf 1,5 Millionen zusätzliche Vollzeitstellen, die bei flexibleren und familienfreundlicheren Arbeitszeiten mit gegenwärtig nicht erwerbstätigen Müttern besetzt werden könnten. Nach dem Sozioökonomischen Panel arbeiteten 2009 je ein Viertel der Mütter in Teilzeit bis 20 Wochenstunden oder vollzeitnah 20 bis 35 Stunden. Fast jede sechste Mutter arbeitet über 35 Wochenstunden in Vollzeit. Gut 11% der Mütter arbeiten vorübergehend nicht, da sie in Elternzeit oder Mutterschutz sind. Ausbildung und geringfügige/ gelegentliche Arbeit sind nach dieser Quelle bei gut 1% der Mütter gegeben. Der Staat solle die öffentliche Kinderbetreuung verbessern und die Steuerbegünstigung von Teilzeit oder geringfügiger Tätigkeit abbauen. Die Unternehmen sollten mehr auf Arbeitszeitkonten und Vertrauensarbeitszeiten setzen. Kinderbetreuung im Betrieb, Telearbeit von zu Hause und unter mehreren geteilte Arbeitsplätze werden empfohlen. Unternehmen sollten sich von überlangen Arbeitszeiten und der herrschenden Präsenzkultur verabschieden. Die existierenden flexiblen Arbeitszeitformen seien so nicht familienfreundlich und dienten vor allem den Arbeitgebern. Schon die Hälfte der 1,5 Millionen zusätzlichen Vollzeitstellen erbringe 12,6 Milliarden Euro mehr Sozialbeiträge und 5,7 Milliarden mehr Steuereinnahmen.

Kehren nicht nur die alten Trends der Arbeitszeiten wieder, sondern gelangen wir in eine Renaissance der Arbeitszeitpolitik mit einer neuen Arbeitskultur, dann sind auch die immer längeren Betriebszeiten in Form längerer Laufzeit der teuren Maschinen und längerer Ladenöffnungszeiten einzubeziehen.


Links und PDF-Dokumente

Zum Weiterlesen

Das IAB hat verschiedene Informationsplattformen mit mehreren hundert Literaturangaben und vielen downloads bereitgestellt:

Eine Informationsplattform zum Thema: Arbeitszeitpräferenzen der Beschäftigten Findet sich hier:
http://infosys.iab.de/infoplattform/default.asp?step=5&JavaScriptEnabled=true

Eine Informationsplattform zum Thema Altersteilzeit findet sich hier: http://infosys.iab.de

Eine Informationsplattform zum Thema Arbeitszeitkonten findet sich hier:
http://infosys.iab.de/infoplattform/dokSelect.asp?
pkyDokSelect=58&show=Lit


Als historische Abhandlung empfehlenswert:
Otto, Karl A. (1990): Wieviel wurde in unterschiedlichen Epochen gearbeitet? Ein quantitativer Vergleich. In: König, Helmut / Greiff, Bodo von / Schauer, Helmut (Hrsg.): Sozialphilosophie der industriellen Arbeit; Sonderheft 11 des Leviathan, S. 51-76.

Weitere Literaturtipps

Brenke, K. (2004): Dauer der Arbeitszeiten in Deutschland, in: DIW-Wochenbericht Nr. 47, S. 731-737.

Eichhorst, W. (2010): Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Wie konsistent sind die Reformen? In: Regards sur l´Economie Allemande 96, S. 13-21

Fuchs, J.; Hummel, M.; Klinger, S.; Spitznagel, E.; Wanger, S.; Zika, G. (2010): Der Arbeitsmarkt schließt an den vorherigen Aufschwung an, IAB-Kurzbericht Nr. 18, September, Nürnberg. Download kostenlos unter http://doku.iab.de/kurzber/2010/kb1810.pdf

Herzog-Stein, A.; Seifert, H. (2010): Stabile Beschäftigung durch flexible Arbeitszeiten, in: Arbeit. Zeitschrift für Arbeitsforschung, Arbeitsgestaltung und Arbeitspolitik, H. 2+3, 19 Jg., 147-163

Hildebrandt, Eckart / Wotschack, Philip / Kirschbaum, Almut (unter Mitarbeit von Svenja Pfahl und Franziska Scheier) (2009): Zeit auf der hohen Kante. Langzeitkonten in der betrieblichen Praxis und Lebensgestaltung von Beschäftigten. Forschung aus der Hans-Böckler-Stiftung, Bd. 98.

Klammer, U. / Weber, H. (2001): Flexibel in den Ruhestand? Ergebnisse und Überlegungen zur Altersteilzeit. In: WSI-Mitteilungen 2; S. 102-112.

Seifert, Hartmut (Hrsg.) (2005): Flexible Zeiten in der Arbeitswelt, Frankfurt/New York.

Seifert, Hartmut (2006): Konfliktfeld Arbeitszeitpolitik. Entwicklungslinien, Gestaltungsanforderungen und Perspektiven der Arbeitszeit. Gesprächskreis Arbeit und Qualifizierung der Friedrich Ebert Stiftung, Bonn.
http://library.fes.de/pdf-files/asfo/04303.pdf

Spitznagel, E./Wanger, S. (2004): Mehr Beschäftigung durch längere Arbeitszeiten? IAB Forschungsbericht Nr. 5, Nürnberg

Wanger, Susanne (2009): Altersteilzeit: Beliebt, aber nicht zukunftsgerecht. IAB Kurzbericht 8; Nürnberg.
http://doku.iab.de/kurzber/2009/kb0809.pdf

Wotschak, Philip / Hildebrandt, Eckart / Scheier, Franziska (2008): Langzeitkonten – Neue Chancen für die Gestaltung von Arbeitszeiten und Lebensläufen? In: WSI Mitteilungen 11/12, S. 619-626.

Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/2.0 Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/2.0
Autoren: Frank Oschmiansky, Jürgen Kühl für bpb.de
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