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Demografischer Wandel

13.3.2019 | Von:
Kathrin Schwarze-Reiter
Roland Preuß

Bevölkerungswachstum in Niger

Es wird eng: Bis 2050 könnten zehn Milliarden Menschen auf der Erde leben. Was das für das westafrikanische Niger, aber auch für Europa bedeutet. Eine Reportage.

Das Bild zeigt mehrere Frauen und ihre Kinder in Niger.Niger hat weltweit die höchste Geburtenrate: Eine Frau bekommt im Durchschnitt 7,3 Kinder. (© picture-alliance/dpa)

"Ich habe nur vier", sagt Salamatou Baubacan. Vier Kinder tauchen aus der kreisrunden Ziegelhütte auf, stellen sich neben ihre Mutter, blinzeln unter dem Strohdach in die vom Himmel sengende Mittagssonne. Vier Kinder, das klingt immer noch beachtlich für eine gerade 20-Jährige. Doch dann treten Kind Nummer fünf, Kind Nummer sechs und Kind Nummer sieben durch die Wellblechtür: Wenn Fremde, noch dazu Weiße, sie danach fragen, ist Salamatou Baubacan ihr Kinderreichtum ziemlich unangenehm. Sie verschweigt dann die Hälfte ihres Nachwuchses.

Reich ist, wer viele Kinder hat

Tatsächlich hat die junge Frau aus Niger bereits acht Kinder auf die Welt gebracht, das erste starb noch im Mutterleib, die Jüngsten sind Zwillinge. Ihre Eltern hatten Salamatou Baubacan mit elf verheiratet, mit 13 wurde sie zum ersten Mal schwanger. Nach ihren eigenen Wünschen hat sie nie jemand gefragt. Inzwischen ist sie 20 und immer noch jung, ihr Mann ist schon 42. Salamatou Baubacan wird weitere Kinder bekommen: "Für uns gibt es keine Grenze. Inschallah, so Gott will, werden wir noch mehr Kinder bekommen." Verhüten? Kommt nicht infrage. Die Familie lebt im Landkreis Kollo, im ländlichen Niger gelten Kinder als Arbeitskräfte, Statussymbol und Altersversorger. Reich ist hier nicht, wer viel Geld sein eigen nennt. Reich ist, wer viele Kinder hat. Kinder verschaffen den Eltern Respekt.

Mütter mit sechs, neun oder 15 Kindern sind keine Seltenheit in dem westafrikanischen Staat. Niger ist das Land mit der weltweit höchsten Geburtenrate, eine Frau bekommt im Durchschnitt 7,3 Kinder. Niger ist ein Extrembeispiel, aber das Land steht dennoch stellvertretend für viele afrikanische Staaten südlich der Sahara: Seine Bevölkerung wächst trotz hoher Kindersterblichkeit rasant, weit stärker als noch vor wenigen Jahren erwartet. Im Herbst haben die Vereinten Nationen (UN) ihre Vorhersagen, wie viele Menschen auf der Erde künftig leben werden, erneut korrigieren müssen, nach oben. Die Weltbevölkerung wird demnach bis 2050 um 2,2 Milliarden anwachsen, auf dann 9,8 Milliarden Menschen. Was dies im Zeitalter neuer und weltweiter Migrations- und Flüchtlingsbewegungen bedeutet, liegt auf der Hand – auf der Erde wird es enger werden. Auch in Europa.

Merkel: "Wir müssen uns zentral mit Afrika beschäftigen"

Der Hauptgrund für das starke Bevölkerungswachstum liegt in Afrika. Derzeit leben etwa 1,25 Milliarden Menschen auf dem Kontinent. In zwölf Jahren werden es laut UN-Prognose 1,6 Milliarden sein, Mitte des Jahrhunderts 2,5 Milliarden – doppelt so viele wie heute. Es sind Menschen, die Schulen, Ärzte, Arbeitsplätze brauchen, Menschen, die Hoffnungen haben, eine Zukunft suchen. Im Nahen Osten sieht es nicht besser aus. Frauen im Irak, in Jemen oder in den Palästinensergebieten gebären im Durchschnitt vier Kinder. Das Bevölkerungswachstum auf Europas Nachbarkontinent Afrika und in der Nachbarregion Nahost ist dramatisch.

Entwicklung der Weltbevölkerung (1900 bis 2015)
Das Schaubild zeigt die Entwicklung der Weltbevölkerung in Milliarden. Während im Jahr 1900 noch unter 2 Milliarden Menschen auf der Erde lebten, sind es heute bereits über 7 Milliarden.Die Weltbevölkerung ist seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts rasant angestiegen. (© Süddeutsche Zeitung)



Die Entwicklung besorgt Politiker, Entwicklungshelfer, Gesundheits- und Bildungsexperten, Wissenschaftler. Wenn angesichts von Bevölkerungszunahme und Klimawandel die falschen Entscheidungen getroffen würden, "riskiert der Kontinent eine soziale und wirtschaftliche Katastrophe", warnt das UN-Kinderhilfswerk Unicef. Angela Merkel sieht es ähnlich. Es gebe für die steigende Zahl der Afrikaner in vielen Regionen des Kontinents zu wenig Wirtschaftswachstum, sagte die Kanzlerin jüngst. Sie forderte: "Wir müssen uns zentral mit Afrika beschäftigen."

Lange hatten Bevölkerungsexperten Zuversicht verbreitet, sie sahen erste Früchte von Fortschritt und Entwicklung. Je weiter die Staaten sich modernisieren, je wohlhabender sie werden, desto kleiner werden die Familien: Die Geburtenraten in vielen sich entwickelnden Ländern fielen. Auch dort, wo man es nicht vermutet hätte, in Indien, Brasilien oder Iran. Die Menschheit werde 2050 bei der Bevölkerungszahl mit neun Milliarden ihren Höhepunkt erreichen, hatte 2009 die Zeitschrift Economist geschrieben. 2018 erweist sich das als überholt.

"Das waren die Zeiten des Optimismus. Es gab lange die Hoffnung, dass alles gut wird", sagt Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. Er befürchtet: "Inzwischen muss man damit rechnen, dass die Menschheit erst gegen Ende des Jahrhunderts aufhört zu wachsen – womöglich später." Eher später, schätzen mittlerweile auch die UN. In Niger, wo heute etwa 21 Millionen Menschen leben, dürfte man im Jahr 2050 bei 66 Millionen angekommen sein. "Das geben die Ressourcen des Landes nicht her", warnt Klingholz. "Die meisten müssen auswandern oder sie werden an Hunger oder durch Krankheiten sterben."

Von der kargen Ernte kann sich eine Familie kaum ernähren

Salamatou Baubacan kocht vor ihrer Hütte über einem Holzfeuer Reis, sie ahnt von all dem nichts, sie muss tagtäglich ihr schweres Leben leben. Der Boden ihres Grundstücks ist hart wie Stein, ihr Mann Hamidou und sie haben den Wüstensand festgestampft, eine Lehmmauer und einen Zaun aus Zweigen um den kleinen Hof mit der Hütte gebaut. In dieser Hütte leben die Familie. Das Ehepaar und die sieben Kinder teilen sich einen Raum von zehn Quadratmetern. Sie haben zwei große Betten und eine Kommode hineingezwängt, die Türen hängen schief in den Angeln. Zum Schlafen drängen sich fünf Kinder auf dem einem Bett, über der Matratze baumelt ein löchriges Moskitonetz, es bietet kaum Schutz gegen die Mücken, die Malaria übertragen. Die Eltern und die übrigen zwei Kinder schlafen in dem anderen Bett, sie müssen ganz ohne Netz auskommen.

Den Staub zusammenzukehren, der sich auf alles und jeden in der Hütte legt, wäre sinnlos. In der Sahelzone geht die Steppe nahtlos in die Sahara über, der Sand ist überall, dringt durch jede Ritze, bedeckt Haare, Haut und Kleider. Wegen der Versteppung lassen sich nur auf drei Prozent der endlosen Landschaften Nigers Getreide, Gemüse oder anderen Nutzpflanzen anbauen. Familie Baubacan hat dabei noch Glück – sie lebt nahe dem Fluss Niger. Der überspült in der Regenzeit die Felder. Hamidou Baubacan baut in den Auen Kartoffeln, Papayas und Reis an. Doch mit der kargen Ernte kann er die Familie kaum ernähren. Seit einigen Jahren setzt die Regenzeit verspätet ein, der Fluss bleibt länger trocken, die Pflanzen auf den Feldern verdorren, die Baubacans hungern. Ein Zwilling wog bei der Geburt gerade einmal 1500 Gramm, bei den Nachbarn starb ein Baby an Unterernährung.

Was sich Salamatou Baubacan wünscht? "Meine Kinder sollen ein gutes Leben haben und immer genug zu essen", sagt sie. Wovon all ihre Kinder wirklich leben sollen, weiß sie nicht. Das Feld am Fluss kann nicht alle ernähren. "Vielleicht müssen meine Kinder woanders ihr Glück suchen." Die Bauersfrau hat gehört, dass das Leben außerhalb Nigers besser sein soll; sie verdrängt, dass sie ihre Kinder vielleicht in die Fremde schicken muss.


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