Weißenfels Autobahn

Zur demografischen Lage der Nation


11.5.2006
Wir werden älter, wir werden weniger – na und? Bisher haben wir von der Kinderarmut der deutschen Gesellschaft sogar profitiert, indem wir uns Investitionen in Bildung und Erziehung gespart haben. Doch ab 2015 gehen die "Babyboomer" in Rente. Alterung und Schrumpfung sind nun unausweichlich.

Bisher haben wir vom "Kindermangel" profitiertBisher haben wir vom "Kindermangel" profitiert (Foto: C. Revilla) (© C. Revilla)

Deutschland ist das mit Abstand bevölkerungsreichste Land der Europäischen Union. Seit Ende des Zweiten Weltkrieges ist die Zahl der Einwohner von damals 68 Millionen auf mittlerweile 83 Millionen angewachsen. Warum also sollte man sich um die deutsche Bevölkerungsentwicklung Sorgen machen?

Weil die bevorstehenden demografischen Veränderungen ohne historisches Beispiel sind und deshalb keine Erfahrungen mit den Auswirkungen und keine Konzepte zum Umgang mit diesen Veränderungen existieren. Statt mit Wachstum ist in Zukunft zunächst mit einer starken Zunahme des Anteils älterer Menschen und dann mit einem deutlichen Bevölkerungsrückgang zu rechnen. Beide Phänomene sind für Deutschland unvermeidlich. Denn seit 30 Jahren liegt die Zahl der Kinder je Frau bei nur noch etwa 1,4 – damit ist jede Kindergeneration um ein Drittel kleiner als die ihrer Eltern.

Aus "Babyboomern" werden Rentner



Dass wir von diesem Geburtendefizit bisher relativ wenig gespürt haben,
Bevölkerungsentwicklung und AltersstrukturBevölkerungsentwicklung und Altersstruktur (bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/
hat zwei Gründe: Zum einen ist die durchschnittliche Lebenserwartung seit 1970 um etwa 10 Jahre gestiegen, zum anderen leben heute ungefähr 14 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland: Aussiedler, Ausländer und eingebürgerte Migranten. Sie und die Alten füllen die Lücken, die durch den Geburtenrückgang entstanden sind. Vorerst.

Doch ab 2015 kommt die zwischen 1955 und 1969 geborene, große Gruppe der "Babyboomer" ins Rentenalter. Wenn sie altern, wird die Zahl der Sterbefälle, die schon seit 1972 jene der Geborenen übersteigt, immer weiter anwachsen und kann durch eine realistische Zahl von Zuwanderern nicht mehr ausgeglichen werden. Nach Vorausberechnung des Statistischen Bundesamtes wird bei einer durchschnittlichen jährlichen Netto-Zuwanderung von 200.000 Personen die Einwohnerzahl bis zum Jahr 2050 auf 75 Millionen zurückgehen. Kämen jedes Jahr nur 100.000 Migranten - was in etwa den gegenwärtigen Werten entspricht - könnte die Bevölkerung Deutschlands sogar auf 68 Millionen sinken.

Unabhängig von der absoluten Bevölkerungszahl wird sich das Verhältnis von jüngeren zu älteren Menschen stark verändern. Die Zahl der Personen im heute üblichen Erwerbsalter zwischen 20 und 60 Jahren wird bis 2050 um mehr als ein Fünftel abnehmen [1], die der unter 20-Jährigen sogar um 30 Prozent. Gleichzeitig steigt der Anteil der über 60-Jährigen an der Gesamtbevölkerung von heute 25 auf dann 37 Prozent.

Wir werden älter, wir werden weniger – na und?



Aber haben wir denn in den vergangenen 30 Jahren die Kinderarmut der deutschen Gesellschaft gespürt? Durchaus – und wir haben davon profitiert. Seit Anfang der 1970er Jahre wurden hierzulande – im Vergleich zur bestandserhaltenden Zahl von 2,1 Kindern je Frau – mehr als 10 Millionen Kinder zu wenig geboren. Die entsprechenden Investitionen in Bildung und Erziehung, in Kleidung oder Spielplätze haben wir uns gespart. Als in den 1980er und 1990er Jahren nach und nach die große Gruppe der Babyboomer ins Berufsleben trat, mussten diese nur für wenige Kinder und noch nicht für viele Alte aufkommen. Der mittleren und älteren Generation bescherte das enormen Wohlstand, dem Land aber einen Mangel an Zukunftsfähigkeit. Denn so günstig wie in den vergangenen zwanzig Jahren wird die demografische Situation auf absehbare Zeit nicht mehr werden.

So erfreulich es für jeden Einzelnen ist, ein längeres Leben bei guter Gesundheit zu verbringen, so wenig ist die Gesellschaft auf die
Die Abwanderung trifft vor allem Regionen abseits der ZentrenDie Abwanderung trifft vor allem Regionen abseits der Zentren (Foto: C. Revilla) (© C. Revilla)
damit verbundenen Kosten vorbereitet. Bereits heute ist das umlagefinanzierte Rentensystem – die gegenwärtig Erwerbstätigen zahlen mit ihren Beiträgen die Renten der Älteren – auf das Äußerste belastet. Denn es gibt zu wenige Einzahler. 80 Milliarden Euro müssen bereits jährlich aus Steuermitteln zugeschossen werden. Schuld daran ist noch nicht die demografische Entwicklung, sondern der desolate Zustand des deutschen Arbeitsmarktes. Das eigentliche demografische Problem der Rentenkassen steht noch bevor: Wenn die geburtenstarken Jahrgänge etwa von 2015 an in den Ruhestand gehen, wird sich das Verhältnis von potenziellen Einzahlern zu Rentenempfängern, also das Verhältnis der 20- bis 60-Jährigen zu den Älteren, von heute etwa 100 zu 45 bis auf etwa 100 zu 80 im Jahr 2050 verändern.

Weniger Erwerbstätige belasten jedoch nicht nur die sozialen Sicherungssysteme, der Schwund kann auch negative Auswirkungen auf Wirtschaftswachstum und die Innovationsfähigkeit der Gesellschaft haben. Die ökonomische Entwicklung einer Gesellschaft wird im Wesentlichen aus drei Quellen gespeist: Dem Produktionskapital, der Zahl der Arbeitskräfte und dem technischen Fortschritt. Seit Anfang der 1990er Jahre stagniert die Zahl der Erwerbstätigen, und sie wird bald schon aus demografischen Gründen sinken. Wirtschaftswachstum kann dann bei gleich bleibendem Produktionskapital nur noch durch technischen Fortschritt erzielt werden. Ob jedoch die alternden Erwerbstätigen beim Erfinden mit den viel jüngeren Bevölkerungen etwa in Frankreich, den USA, in Indien oder China werden Schritt halten können und ob notwendige Investitionen nicht dort, statt in einem stark alternden Land getätigt werden, ist keineswegs sicher.

Handeln statt jammern



Auch wenn die demografische Alterung und Schrumpfung unabwendbar ist: Die negativen Folgen für Wirtschaft und Gesellschaft können gemildert werden.

Erstens durch eine längere Lebensarbeitszeit. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich in Deutschland das Alter bei Berufseintritt immer weiter nach hinten, das der Pensionierung aber eher nach vorn verlagert. Kürzere Ausbildungszeiten sowie ein späteres Renteneintrittsalter könnten die Folgen des demografischen Wandels erheblich entschärfen.

Die zweite Möglichkeit, auch bei schrumpfendem Erwerbspersonenpotenzial die Zahl der Erwerbstätigen zu halten, liegt darin, mehr Frauen zu beschäftigen. Während die Erwerbstätigenquote von Frauen zwischen 25 und 59 Jahren in Großbritannien bei 72, in Dänemark bei 77 und in Schweden bei 80 Prozent liegt, sind in Deutschland lediglich 69 Prozent der Frauen berufstätig. Mitverantwortlich dafür sind fehlende oder unflexible Möglichkeiten der Kinderbetreuung und fehlende Ganztagsschulen sowie ein veraltetes Steuersystem, welches etwa über das "Ehegattensplitting" den Rückzug von Frauen aus dem Erwerbsleben fördert und Familien, in denen beide Elternteile arbeiten, benachteiligt.

Drittens muss sich Deutschland auf eine neue Form der Zuwanderung vorbereiten. Qualifizierte Migranten, die künftige Lücken im Fachkräfteangebot schließen können, sollten gezielt angeworben und ihnen und ihren Familien ein dauerhaftes Bleiben in Deutschland ermöglicht werden. Alle entwickelten Industrieländer werden – mehr oder weniger – demografisch altern und sich deshalb um qualifizierte Einwanderer bemühen. Und diese werden sich für jene Länder entscheiden, welche ihnen die besten Bedingungen der Einwanderung bieten.

Vor allem aber braucht Deutschland eine moderne Familienpolitik. Vergleiche mit anderen westeuropäischen Ländern zeigen, dass sich höhere Kinderzahlen weniger durch hohes Kindergeld, sondern vielmehr durch Investitionen erreichen lassen, welche die Vereinbarkeit von Familie und Beruf für beide Partner ermöglichen: durch Kinderkrippen, Kindergärten, Ganztagsschulen, aber auch durch steuerliche Förderung der Dienste von Tagesmüttern oder Haushaltshilfen.

Deutschland zerfällt in Schwund- und Boomregionen



Während sich der jährliche Bevölkerungsschwund auf nationaler Ebene noch nicht einmal im Promillebereich abspielt, ist der Rückgang auf regionaler Ebene längst harte Realität. Aufgrund des massiven Geburteneinbruchs in den neuen Bundesländern nach der Wende und der Abwanderung von über 1,5 Millionen, vorwiegend jungen Menschen, haben manche entlegenen und wirtschaftsschwachen Regionen im Osten bereits ein Viertel ihrer Bevölkerung verloren. Ein Trend, der sich weiter fortsetzt. Denn wo heute die Jungen fehlen, können morgen keine Familien gegründet werden. Der Osten hat allenfalls einige Inseln der Stabilität zu bieten – die Hauptstadtregion, die Räume Dresden und Leipzig sowie die thüringische Städtereihe von Jena über Erfurt bis nach Eisenach.

Doch auch der Westen hat seine Schwundzonen. Vor allem verlieren solche Regionen Einwohner, in denen alte Industrien prägend waren. So im Ruhrgebiet, im Saarland, im südlichen Niedersachsen und im bayerischen Oberfranken. Aber auch in Gebieten fernab urbaner Zentren, wo sich eine moderne Dienstleistungswirtschaft kaum mehr ansiedelt, schrumpft die Bevölkerung. Wenn die Jungen auf der Suche nach Arbeit abwandern, bleiben, im Osten wie im Westen, eher die Älteren und sozial Schwachen zurück. Ein Umstand, der fast zwangsläufig zu weiterem wirtschaftlichem und demografischem Abstieg führt.

Von der deutschen Völkerwanderung profitieren vor allem die wirtschaftsstarken Räume im Westen. In Zukunft können bei bundesweit rückläufigen Einwohnerzahlen nur solche Regionen weiter wachsen oder stabil bleiben, die attraktiv genug sind, um den weniger werdenden jungen Menschen eine Zukunft zu versprechen. Mit Wachstum rechnen können wichtige Metropolregionen wie München oder Hamburg, das Main-Neckar- und das Rhein-Main-Gebiet. Einen positiven Sonderfall bildet der ländliche Westen Niedersachsens um die Städte Vechta und Cloppenburg. Die Region um das "Oldenburger Münsterland" ist nicht nur die bundesweit geburtenstärkste, sie hat sich in der jüngeren Vergangenheit auch wirtschaftlich beeindruckend entwickelt und weist einen enormen Zugewinn an Arbeitsplätzen aus.


Fußnoten

1.
10. Koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes, Variante fünf

 

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