Weißenfels Autobahn

Mehr als Sand und Kiefern

Der Kreis Teltow-Fläming in Brandenburg überrascht mit Wachstums-Spitzenwerten


15.5.2006
Oft wird Brandeburg im Zusammenhang mit gescheiterten Großprojekten wie etwa Cargolifter, dem Lausitzring oder der Chipfabrik in Frankfurt (Oder) genannt. Doch hier findet sich auch Deutschlands "Wachstumsspitzenreiter": Der Landkreis Teltow-Fläming.

Erfolg und Misserfolg liegen oft nahe beieinander – wie in der brandenburgischen Wirtschaftsförderung. Oft wird das ostdeutsche Bundesland in einem Atemzug genannt mit gescheiterten Großprojekten wie etwa Cargolifter, dem Lausitzring oder der Chipfabrik in Frankfurt (Oder). Doch in Brandenburg findet sich auch der Ostdeutsche "Wachstumsspitzenreiter": Der Landkreis Teltow-Fläming. Die Region südlich von Berlin, im "Speckgürtel" der Hauptstadt gelegen, weist seit einigen Jahren erstaunliche Zahlen für Wachstum, Firmenansiedlungen und Investitionen auf.
In der ehemaligen Montagehalle für Luftschiffe in Brandenburg befindet sich heute ein FreizeitparkIn der ehemaligen Montagehalle für Luftschiffe in Brandenburg befindet sich heute ein Freizeitpark (© Carlos Revilla)

Die Wirtschaftsförderung aus den Töpfen des Bundes und der EU hat sich hier offenbar gelohnt. Allein zwischen 1997 und 2001 wuchs das Bruttoinlandsprodukt, der Wert aller in Teltow-Fläming hergestellten Waren und Dienstleistungen, um 56,1 Prozent - selbst im bundesweiten Vergleich absolute Spitze. Auch in den Landkreis-Rankings verschiedener Wirtschaftsinstitute und Magazine landete Teltow-Fläming wiederholt auf den vorderen Plätzen: Im Prognos-Zukunftsatlas 2004 etwa, in dem das Wachstumspotenzial deutscher Kreise verglichen wurde, lag der Landkreis an erster Stelle im Osten. In der Zeitschrift "Focus-Money" erreichte Teltow-Fläming im Dezember 2005 zwar "nur" Platz vier hinter Dresden, dem Ohrekreis in Sachsen-Anhalt und Oberhavel bei Berlin. Doch der Bau des neuen Flughafens Berlin-Brandenburg dürfte erneut die Wachstumszahlen in Teltow-Fläming nach oben treiben.

Düstere Aussichten nach der Wende



Eine unerwartete Erfolgsgeschichte - denn nach der Wende hatte es hier, wie nahezu überall in Ostdeutschland, mager ausgesehen. Das ifa-Kombinat, das LKW für den gesamten Ostblock fertigte, war zusammengebrochen. Rund 10 000 Arbeitsplätze gingen auf einen Schlag verloren. Zudem zog die russische Armee ihre bis zu diesem Zeitpunkt im Landkreis stationierten Truppen ab und hinterließ die schwierige Hypothek von etwa 420 km² ungenutzter Militärfläche.

Heute werden Teile davon als Industriegebiete genutzt. Rund 50 Gewerbegebiete sind seit dem Mauerfall im Landkreis entstanden. Im "Preußenpark", "Brandenburg-Park" oder "Industriepark Ludwigsfelde", wie nur drei von ihnen heißen, haben vor allem kleine und mittlere Unternehmen einen Standort gefunden – vorwiegend aus den Bereichen Biotechnologie, Automobilbau und Luftfahrttechnik, aber auch Holzverarbeitende Wirtschaft, Schienenverkehrstechnik, Metallverarbeitung und Informationstechnologien. Teltow-Flämings

Mittlerweile sind im Landkreis auch Unternehmen ansässig, die zu den Weltmarktführern ihrer Branche gehören: Rolls-Royce und MTU produzieren Turbinen für Airbus und andere Flugzeughersteller. DaimlerChrysler hat eine Niederlassung eröffnet, seit Januar läuft dort der neue Kleinlastwagen "Sprinter" vom Band. Und Volkswagen baut ein Logistikzentrum für ganz Ostdeutschland auf.

Rückgrat der Region



Was aber ist das Erfolgsgeheimnis des Wirtschaftswunders in Teltow-Fläming? Die Lebensadern des Landkreises sind die Straßen. Die meisten Unternehmen zieht es wegen der guten Verkehrsverbindungen ins südliche Berliner Umland. Viele haben sich etwa entlang der Autobahn A10, dem Berliner Ring, angesiedelt – neben Rolls-Royce auch die Karosserieteilebauer von Thyssen-Umformtechnik sowie zahlreiche Unternehmen der Logistikbranche.

Seit auch die Bundesstraße 101, die Berlin und das südliche Sachsen verbindet, ausgebaut wird, lassen sich auch hier immer mehr Firmen nieder. Die B 101 gilt als das Rückgrat der Region. Wie wichtig sie ist, zeigt auch das Engagement mit dem sich der Landkreis für den Ausbau einsetzte: Als der Bund nur drei Fahrbahnen finanzieren wollte, gab der Landkreis weitere 24 Millionen Euro für eine vierte Spur dazu. 2008 soll die Bundesstraße nun endgültig fertiggestellt sein.

"Dass eine gute Verkehrsinfrastruktur zentral für die wirtschaftliche Entwicklung einer Region ist, haben wir uns nach der Wende bei unserem früheren Partnerkreis Paderborn abgeguckt", so Herbert Vogler, Geschäftsführer der landkreiseigenen Struktur- und Wirtschaftsförderungsgesellschaft. "Deshalb waren auch die Straßen das erste, worum wir uns gekümmert haben". Doch das eigentliche Erfolgsgeheimnis ist für Vogler die schnelle und effiziente Arbeitsweise der Verwaltung: "Wir rühmen uns damit, die kürzestem Genehmigungsfristen zu haben", sagt er und fügt hinzu: "Wenn die Politik will, kann sie die Beamten mitziehen".

Mehr als Sand und Kiefern



Warum Teltow-Fläming ein Musterbeispiel für einen gelungenen Wirtschaftsaufschwung wurde – warum dort und nicht in anderen Landkreisen Brandenburgs Wirtschaftsförderung erfolgreich war, hat mehrere Gründe. Als positive Standortfaktoren einer Region gelten eine gute Infrastruktur, genügend qualifizierte Arbeitskräfte und der Sitz einer Hochschule. "Wenn mehrere dieser Faktoren zusammenkommen, dann sind die Chancen groß, dass Wirtschaftsförderung erfolgreich ist", erklärt der Wirtschaftswissenschaftler Joachim Ragnitz. "Sie ist das Sahnehäubchen".

Ragnitz arbeitet seit 1994 als Leiter der Abteilung Strukturwandel am Institut für Wirtschaftsforschung in Halle. Er weiß nur zu gut, dass Wirtschaftförderung allein niemals aus einem strukturschwachen Gebiet eine florierende Wirtschaftsregion machen kann. "Wo es nur Kiefern und Sand gibt", sagt Ragnitz mit Blick auf das gescheiterte Investitionsprojekt Cargolifter, "kann kein Unternehmen überleben". Teltow-Fläming verfügt über Infrastruktur und qualifizierte Arbeitskräfte.

Doch der Schlüssel zum Erfolg ist nach Ragwitz´ Meinung die Nähe zu Berlin. Das gesamte Umland profitiert von der Hauptstadt – auch was die Arbeitskräfte angeht. Seit 1995 hat Berlin jährlich mehr als 12.000 Einwohner an die brandenburgischen Landkreise im "Speckgürtel" verloren. Der Landkreis Teltow-Fläming ist auf diese Weise zwischen 1994 und 2004 von 146.400 auf 161.400 Einwohner angewachsen.

Nord-Süd-Gefälle



Doch die Strahlkraft der Hauptstadt hat Grenzen. Je weiter eine Region von Berlin entfernt ist, desto schwieriger ist eine wirtschaftliche Entwicklung. Auch in Teltow-Fläming ist es der Norden, wo die Wirtschaft boomt. Im Süden sieht es dagegen mager aus. Neue Unternehmen haben sich hier kaum angesiedelt. Die Arbeitslosenquote im März 2006 war in Luckenwalde mit 19,1 Prozent deutlich höher als im nördlicher gelegenen Zossen. Allerdings sind auch hier 12,1 Prozent der Einwohner arbeitslos gemeldet. Tatsächlich hat sich die wirtschaftliche Entwicklung bisher noch nicht signifikant in der Arbeitslosenquote des Landkreises niedergeschlagen: 15,4 Prozent ist nicht wenig. Dennoch gibt es in Teltow-Fläming Grund zur Hoffnung. Die Arbeitslosenzahlen sinken. "2000 weniger als noch im März des Vorjahres", sagt Herbert Vogler stolz. Das sei die zweitniedrigste Quote im Gebiet der Arbeitsagentur Potsdam.

Auch für den Süden des Landkreises wollen sich Landrat und Wirtschafts- und Strukturförderungsgesellschaft nun etwas einfallen lassen. Das Zauberwort heißt Tourismus. Mit der so genannten Fläming-Skate – rund 190 Kilometer Skatebahnen und Radwege – hofft der Landkreis, Urlauber in den Süden, nach Luckenwalde oder Jüterbog zu locken. Zudem soll Ende Mai 2006 auch die wiederaufgebaute Trasse der Anhalter Bahn, die auf ihrem Weg von Berlin nach Leipzig auch durch Teltow-Fläming führt, eröffnet werden. Die Fahrtzeit von Berlin bis Luckenwalde beträgt dann nur noch eine knappe halbe Stunde. Die Bahnstrecke ist der neue Hoffnungsträger für die Region.


 

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