Ein Bergmann ist kein Nanotechniker
Bis heute ist Gelsenkirchen durch die Montanindustrie geprägt - auch sozial und kulturell
Die Montanindustrie prägt Gelsenkirchen bis heute - auch politisch, sozial und kulturell. Die Realitäten des Strukturwandels anzuerkennen, fällt manchem noch immer schwer. "In 100 Jahren Montangeschichte haben sich die Menschen daran gewöhnt, dass alles groß, stark und schwer ist", so der Sozialwissenschaftler Stefan Goch, Experte für den Strukturwandel in Nordrhein-Westfalen."Es war ein Paukenschlag", erinnert sich Heinz Feige an den 19. Februar 1966. "Es gab die größte Demonstration, die ich je gesehen hatte." Der 78-Jährige war damals stellvertretender Bezirksleiter der Industriegesellschaft Bergbau und Energie. Rund 20.000 Gelsenkirchener versammelten sich im Ortsteil Erle. Bergleute und ihre Familien, Kaufleute sowie Handwerker, sie alle trugen schwarze Fahnen bei sich aus Protest gegen die Schließung der Zeche Graf Bismarck. Vergeblich. Am 30. September wurde der Betrieb der Zeche, zu jenem Zeitpunkt eine der modernsten Förderanlagen Europas, endgültig eingestellt. Das bedeutete das Aus für 6.700 Bergleute.
Die Ereignisse des Jahres 1966 gelten als "Knall von Gelsenkirchen" und stehen symbolhaft für einen radikalen Strukturwandel, der eine ganze Region erfasste. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts hatte die Industrialisierung im Ruhrgebiet zu einem ungeahnten Aufschwung geführt. Kohle, Stahl und Eisen prägten die Region seitdem nicht nur ökonomisch, sondern auch politisch, sozial und kulturell. Gelsenkirchen wuchs zu einem wichtigen Standort der Schwerindustrie heran. Die vielen Feuer, mit denen das Grubengas abgefackelt wurde und die in der Stadt weithin zu sehen waren, brachten Gelsenkirchen den Beinamen "Stadt der 1000 Feuer" ein – eine pulsierende Großstadt, in die immer mehr arbeitsuchende junge Menschen strömten.
Am Ende des Ersten Weltkrieg war die Industrialisierung des Ruhrgebiets abgeschlossen. Während des Zweiten Weltkrieges zählte Gelsenkirchen zu den Zentren der Kriegswirtschaft und wurde stark zerstört. Doch der Wiederaufbau Deutschlands kurbelte auch hier die Konjunktur an. Nicht nur die Baubranche benötigte immens viel Eisen und Stahl. "1945 wurde uns die Kohle noch aus den Händen gerissen", so Feige, der damals als 17-Jähriger im Bergbau begann und nach 22 Jahren zur Gewerkschaft wechselte. Die deutsche Wirtschaft lief auf Hochtouren, und als Motor galt das Ruhrgebiet mit seinen Kumpels und Stahlkochern.
Die Kohlekrise setzt ein
Ende der 1950er Jahre waren etwa 80.000 Arbeiter im Bergbau und in der Eisen- und Stahlindustrie von Gelsenkirchen tätig. Die Stadt zählte 13 Zechen und rund 60 Schächte. 1959 erreichte Gelsenkirchen mit über 391.000 Einwohnerinnen und Einwohnern einen Rekordstand. Seitdem ist die Zahl um etwa 30 Prozent auf heute knapp 270.000 gesunken. Gelsenkirchen kämpft heute mit einer Arbeitslosenquote von rund 20 Prozent (Stand Mai 2006) - eine der höchsten Westdeutschlands. Die jüngeren und gut qualifizierten Arbeitskräfte verlassen die Revierstadt.
"Das Schlimmste ist die Vernichtung des Bergbaus", sagt Feige. "Unsere Basis war der Schacht." Die Erinnerung an die Bergbautradition, die Kumpels und an Gelsenkirchen, wie es einmal war, treiben dem Ex-Gewerkschaftler Tränen in die Augen, seine Stimme stockt. Er ist Realist genug, um die sozioökonomischen Gründe des Strukturwandels nicht zu verkennen, und doch: Es bleibt Unverständnis.
Ende der 1950er Jahre greift die Kohlekrise in Gelsenkirchen sowie im Ruhrgebiet um sich. 1958 legen die ersten Bergleute "Feierschichten" ein. Der Kohleabsatz geht zurück, Halden des schwarzen Rohstoffes türmen sich auf den Zechegeländen. Doch zunächst wird die Kohlekrise nicht in ihrer gesamten Tragweite erfasst. Das Wirtschaftswunder hält noch an und die entlassenen Bergleute finden rasch neue Arbeit. "Man dachte, das sei ein vorübergehender Einbruch, und immerhin hatte man ja durchaus 100 Jahre Konjunkturschwankungen erlebt", sagt Stefan Goch, Privatdozent der Ruhr-Universität Bochum am Lehrstuhl Politikwissenschaft und wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Stadtgeschichte Gelsenkirchen.
Das Erdöl als Ersatz
Doch ab den 1960er Jahren wird deutlich, dass ein ganzer Industriezweig wegbricht. 1966/67 kommt es zur ersten spürbaren Nachkriegsrezession. Goch sieht darin eine zweite Kohlekrise: "Diesmal ging es einen Schritt weiter. Aus einer ökonomischen Branchenkrise wurde eine regionale Krise." Bis in die 1950er Jahre werden noch 80 Prozent der deutschen Steinkohle im Ruhrgebiet gefördert. Doch die Kohle verliert als Energieträger rasant an Bedeutung, das Erdöl tritt an ihren Platz. Es ist günstiger, billiger zu fördern und einfacher zu transportieren. Als weitere Energiequellen kommen Erdgas und Kernenergie hinzu. Und die internationale Konkurrenz im Bergbau, später auch in der Eisen- und Stahlindustrie nimmt zu: Andernorts wird billiger gefördert und produziert, nicht zuletzt aufgrund schlechterer Arbeitsbedingungen. Der Anteil der Steinkohle als Primärenergie geht von rund 70 Prozent im Jahr 1957 auf etwa 23 im Jahr 1972 zurück. Mitte der 1970er Jahre gerät dann die Eisen- und Stahlindustrie in Turbulenzen: Zwischen 1974 und 1990 sinkt die Zahl der Beschäftigen an Rhein und Ruhr um die Hälfte, von rund 226.000 auf 123.000.
Es gibt keine alternativen Arbeitsplätze. Die Montanindustrie dominiert das Ruhrgebiet: Es fehlen neue Industriezweige, ebenso der unternehmerische Mittelstand. Gelsenkirchen wird von der "Stadt der 1000 Feuer" zur Stadt der "1000 Gefeuerten". Zunächst schreiten die Rationalisierung und Modernisierung des Bergbaus voran, die Förderproduktivität steigt sogar. Dennoch wird immer deutlicher, dass es um Zechenstilllegungen und die Schrumpfung des Bergbaus geht – um einen Kahlschlag. In die Zeche Graf Bismarck wird bis zuletzt investiert. Sie gilt nicht als unwirtschaftlich, vielmehr soll die Schließung Kapital für neue Branchen freisetzen. Der ehemalige Gewerkschafter Heinz Feige erinnert sich an das Aus der Zeche und die zähen Debatten. "Tag und Nacht wurde da verhandelt. Unter den Arbeitern machte sich Druck breit." Ärger und Verzweiflung über die bevorstehende Schließung kamen auf, es drohten Generalstreiks.
Geld für eine sterbende Industrie
Doch der tiefgreifende Strukturwandel im Ruhrgebiet verlief relativ friedlich, nicht zuletzt, weil die Folgen der Umwälzungen abgefedert wurden. "Niemand ist ins 'Bergfreie' gefallen", so Goch. Die "freigesetzten Kräfte" wurden durch Frühverrentung, staatlich subventionierte Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen usw. sozial aufgefangen. Der Niedergang an sich konnte damit aber nicht gestoppt werden. "Hier gab es oft den Vorwurf, es sei zu lange Geld in eine sterbende Industrie gesteckt worden", sagt Goch. "Doch damit wurde der Wandel sozial verträglich gemacht." Ab Ende der 1950er Jahre wurden die ersten umfassenden Sozialpläne aufgestellt. Nach und nach formte sich eine regionale Strukturpolitik heraus. Es bildeten sich Mechanismen der Konfliktlösung, insbesondere da es seit 1951 die Montanmitbestimmung gab: Im Bergbau sowie in der Eisen- und Stahlindustrie sah sie die paritätische Besetzung der Aufsichtsräte mit Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertretern vor. Damit mussten in den Betriebsleitungen und Vorständen Wege der Zusammenarbeit gefunden werden.
Auch der Staat griff ordnend in die Bergbaukrise ein: Im März 1967 begann eine konzertierte Aktion von Regierung, Gewerkschaften und Unternehmen. Nachdem Gewerkschaften und Unternehmen keinen Kompromiss fanden, machte die Regierung Druck und drohte mit der Streichung aller Subventionen. Mit der Gründung der Ruhrkohle AG (RAG) wurde 1968 ein Ausweg gefunden. In der RAG fusionierten die größten Steinkohleunternehmen im Revier zum Großkonzern: Mit 52 Bergwerken, 29 Kokereien und 5 Brikettfabriken wurden rund 80 Prozent der deutschen Steinkohleförderung gebündelt. Zweck der RAG war es, den Schrumpfungsprozess zu lenken – staatlich subventioniert. Mit dem Kohlepfennig, einem Aufschlag auf den Strompreis, subventionierten die Verbraucher ab 1974 unmittelbar die RAG. Der Kohlepfennig wurde 1994 als verfassungswidrig erklärt.
"Durch die Ruhrkohle AG wurden die Verluste gewissermaßen verstaatlicht. Die Unternehmen konnten ihre profitablen Zweige erhalten. Mancher Zechenname lebt bis heute weiter als Immobilien- oder auch als Kraftwerksname. Die Sozialpläne kamen den Beschäftigten, aber auch den Unternehmen zu Gute", so Goch in seiner Bilanz. Die Unternehmen wurden für die Zechenstilllegung entschädigt und erhielten Geld, das sie in neue Branchen investieren konnten. Die RAG, seit 1997 die RAG Aktiengesellschaft, hat sich derweil zu einem weltweit tätigen Konzern gewandelt und betreibt heute noch sieben Bergwerke in Nordrhein-Westfalen. Die Gewinne bringen allerdings längst die Chemie- und Immobilienbranche.
Der Mythos Bergmann bleibt
Die Sozialpläne konnten den Niedergang der Region nicht aufhalten. 1999 kam das Aus für die letzte Kokerei in Gelsenkirchen, nach 117 Jahren Koksproduktion. Im Jahr darauf schloss mit "Ewald Hugo" die letzte Zeche in der Revierstadt, 3.000 Bergleute verloren ihre Arbeit. Vom Anfang der Krise Ende der 1950er Jahre bis zu diesem Zeitpunkt verschwanden rund zwei Drittel der Arbeitsplätze unmittelbar in der Montanindustrie. Darüber hinaus gingen, vor allem im produzierenden Gewerbe, viele indirekt von Kohle und Stahl abhängige Arbeitsplätze verloren. Das Ausmaß ist schwer zu bestimmen: "Die Vermutung geht bis zu 2,3 Arbeitsplätzen pro Montanarbeitsplatz," sagt Goch.
Der Verlust der Arbeitsplätze ist im Ruhrgebiet so schnell vorangeschritten, dass die Region kaum Zeit fand, ihre soziale und kulturelle Prägung aus der Industrieära abzuschütteln. "In 100 Jahren Montangeschichte haben sich die Menschen daran gewöhnt, dass alles groß, stark und schwer ist und dass man eher dicke Arme braucht", sagt Goch. Der Wandel einer ganzen Region verläuft über mehrere Generationen hinweg. Vertrauen in Großbetriebe und das Zögern, selbst unternehmerisch aktiv zu werden, sind zum Teil tradiert. "Der Mythos Bergmann ist noch präsent", sagt Goch. "Sie machen aus einem Bergmann nicht einfach einen Nanotechniker."
Doch der Wandel ist nicht aufzuhalten. Heute werden neue Rohstoffe gehandelt: Gelsenkirchen tritt als modernes Wissenschafts-, Dienstleistungs- und Produktionszentrum auf. Seit Ende der 1990er Jahre gilt die Revierstadt als Zentrum für Solartechnologie, und weitere alternative Branchen sind im Entstehen. Doch ob sich ein Standort erfolgreich neu profilieren kann, hängt immer auch von der gesamtwirtschaftlichen Perspektive ab. Bislang konnte der immense Arbeitsplatzverlust nicht ausgeglichen werden. So wurden mit der Solartechnologie 400 neue Stellen geschaffen - nur ein erster Schritt im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit und auf dem Weg zur "Stadt der 1000 Sonnen".
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