Weißenfels Autobahn

Vom Osten lernen

In den neuen Bundesländern werden die Unternehmen besser mit der Krise fertig als im Westen


16.5.2006
In Ostdeutschland behaupten sich manche Industrieunternehmen besser als die im Westen. Denn in der Krise haben Ossis den Wessis eines voraus: die Umbruchkompetenz. So nennt Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck die Erfahrungen im Umgang mit der Wende. Wer heute noch da ist, der hat sich schon einmal durchgebissen.

Es hört sich an wie ein Märchen und ist doch keines: In deutschen Landen leben glückliche Unternehmer. Ob Konzernmanager oder Mittelständler - sie platzen fast vor Optimismus und investieren wie die Weltmeister. Ihre Auftragslage ist bestens, die Perspektive verheißungsvoll. Sie expandieren und suchen dringend qualifizierte Mitarbeiter. Voll des Lobes sind sie über fixe Behörden, engagierte Mitarbeiter und willige Gewerkschaften. Und wo findet man diese Glückspilze? In Ostdeutschland.

Ausgerechnet in dem Teil der Republik, in dem die Arbeitslosigkeit mit 17,3 Prozent mehr als doppelt so hoch ist wie im Westen? In dem zum Teil Löhne von unter fünf Euro gezahlt werden, damit es überhaupt noch neue Jobs gibt? So ist es. Die Katastrophenmeldungen von fehlenden Arbeitsplätzen, Industrieschwund und ABM−Elend sind nicht falsch. Aber sie verstellen den Blick dafür, dass sich die Industrie Ostdeutschlands in der Krise offensichtlich besser behauptet als die im Westen und dass mancherorts die Stimmung fast unanständig gut ist.

Den Umgang mit der Krise lernen



Es ist etwas Sensationelles geschehen, schwärmt Rüdiger Pohl, der Chef des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), trotz des Konjunktureinbruchs ist die Industrieproduktion in Ostdeutschland weiter angestiegen. Und dann schiebt der nüchterne Ökonomieprofessor einen überraschenden Satz nach: Hier kann man den Umgang mit der Krise lernen. Von den Ossis lernen? Warum nicht? Es kann schließlich kein Zufall sein, dass mitten in der konjunkturellen Flaute die ostdeutsche Wirtschaft unerwartete Widerstandskräfte mobilisiert.
Der Volkswagen-Konzern lässt bei Dresden sein Luxusmodell Phaeton fertigenDer Volkswagen-Konzern lässt bei Dresden sein Luxusmodell Phaeton fertigen (© Carlos Revilla)

Lässt man die Baubranche außen vor, deren Schrumpfkur unvermeidlich ist, dann waren die Zuwächse des ostdeutschen Bruttoinlandsprodukts in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre mehr als doppelt so hoch wie in Westdeutschland. Seitdem hält der Trend an: 2002 zum Beispiel kam der Westen auf ein höchst bescheidenes Plus von 0,2 Prozent, während der Osten (ohne Bau) immerhin 1,3 Prozent schaffte. Auch das ein solides Signal: Die ostdeutsche Exportquote hat sich seit Mitte der neunziger Jahre von 11 auf 22 Prozent verdoppelt.

Investieren, weil es sich lohnt



Zu besichtigen ist die Erfolgsgeschichte zum Beispiel im Autoland Sachsen, wie sich die Heimat von Audi und Trabi neuerdings nennt. Da hat Volkswagen mitten in Dresden die Gläserne Manufaktur errichtet und zelebriert vor aller Augen die Montage seines Luxusmodells Phaeton. Der brandneue Golf V kommt aus der VW−Fabrik Mosel bei Zwickau. Im Norden von Leipzig montiert Porsche seit 2002 seinen Geländewagen Cayenne und neuerdings unter demselben Dach auch den teuersten Sportwagen dieser Marke, den Carrera GT. Nicht weit davon errichtet BMW eine der modernsten Automobilfabriken der Welt, so der Bauherr.

Und überall der gleiche Refrain: Wir investieren im deutschen Osten, weil es sich dort lohnt - mag Leipzig in einer neuen Vergleichsstudie über sieben deutsche Wirtschaftsregionen auch Lichtjahre hinter Stuttgart und München liegen.

Im Umfeld der nun in Sachsen ansässigen Autoriesen gedeihen die Zulieferer, ganz überwiegend Mittelständler. Sie sind wiederbelebte Teile ehemaliger Kombinate, Ableger von Unternehmen aus dem Westen der Republik, auch Töchter von Firmen aus den USA, Kanada und Japan. Über 700 Autozulieferer mit 64000 Beschäftigten sind es mittlerweile im ganzen Freistaat Sachsen. Sie lassen keinen Zweifel daran zu, dass es richtig war, im Osten zu investieren. Ob Hersteller von Fensterhebern, Nockenwellen, Autotüren, Achsen, Getriebeteilen sie loben den Standort Ost über den grünen Klee. Arbeitnehmer und Unternehmer bilden eine Schicksalsgemeinschaft.

Flexibilität ist der Schlüssel



Man muss mit Leuten wie Knut Angres reden, um sich vom Optimismus anstecken zu lassen.
Im thüringischen Hermsdorf werden Präzisionsprodukte für Elektronik und Sensorik entwickelt.Im thüringischen Hermsdorf werden Präzisionsprodukte für Elektronik und Sensorik entwickelt. (© Carlos Revilla)
Er ist der Geschäftsführer einer Airbag−Fabrik, die der japanische Konzern Takata in dem 3500−Seelen−Städtchen Elterlein am Fuß des Erzgebirges aufgemacht hat. Angeblich gefielen den aus Tokyo angereisten Managern die bunt blühenden Frühlingswiesen so gut, dass sie sich für Elterlein entschieden. Heute floriert das Werk mit seinen 470 Mitarbeitern, die täglich 25000 Airbags für ein halbes Dutzend Automarken produzieren. Infrastruktur, Motivation der Mitarbeiter, Kontakte zu den Abnehmern sind bestens. Und die Lage in der tiefsten sächsischen Provinz? Elterlein ist der Nabel Europas, sagt Angres lachend.

Der Großinvestor BMW sieht das nüchterner. Für Leipzig entschieden sich die Bayern am Ende einer langen Auslese zwischen 250 Bewerbern. Nicht die Lohnkosten gaben den Ausschlag, die wären bei Leipzigs härtestem Konkurrenten, dem tschechischen Kolin, deutlich niedriger gewesen. Was letztlich zählte, waren Faktoren wie Verfügbarkeit von qualifizierten Fachkräften, Flexibilität bei der Arbeitszeit und schnelle Umsetzung von Projekten. Peter Claussen, der Leiter des BMW Werks Leipzig, verspricht: Das Werk in Leipzig wird moderner, kompakter und weit flexibler als die älteren Werke sein. Konkret: Im ersten Schritt will BMW in Leipzig die 3er−Serie um 15 Prozent kostengünstiger herstellen als in seinen anderen Werken.

Flexibilität ist das Schlüsselwort auf der Suche nach dem Geheimnis des ostdeutschen Erfolges. Abgesehen davon, dass Ossis 100 Stunden mehr im Jahr arbeiten als Wessis: Sie sind auch bereit, sich auf unbequeme Arbeitszeiten einzulassen. So handelte BMW für sein Werk Leipzig mit der IG Metall eine BMW−Formel für Arbeit aus. Deren Ziel sind flexible Arbeitszeiten zur Steigerung der Betriebsnutzungszeit und damit höhere Produktivität. Es gilt eine flexible Wochenarbeitszeit, die je nach Auftragslage zwischen 38 und 44 Stunden schwanken kann, Wochenende inbegriffen.

Gewerkschaften spielen kaum eine Rolle



Während sich BMW wenigstens noch bei der Gewerkschaft absicherte, sucht man deren Präsenz auf der bescheidenen Ebene eines Klein− oder Mittelbetriebs vergebens. Die im Westen traditionelle Rolle der Tarifpartner bedeutet im Osten herzlich wenig. So haben sich zum Beispiel in Sachsen−Anhalt 151 Unternehmen aus verschiedenen Branchen im Allgemeinen Arbeitgeberverband der Wirtschaft (AVW) zusammengeschlossen. Der vertritt zwar die Interessen seiner Mitglieder, handelt aber keine Tarifverträge mit den Gewerkschaften aus. Das besorgt die Betriebsleitung direkt mit der Belegschaft.

Betriebsvereinbarungen sind in den Neuen Bundesländern eher die Regel als die Ausnahme, drei von vier ostdeutschen Unternehmen halten sich nicht an offizielle Tarifverträge. Dass die Gewerkschaften in den Betrieben kaum eine Rolle spielen, wird von potenziellen Investoren eindeutig als Standortvorteil wahrgenommen. Die spektakuläre Niederlage der IG Metall im Kampf um die Einführung der 35−Stunden−Woche in Ostdeutschland bestätigte, was Alexander Eickelpasch vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung Berlin (DIW) so formuliert: Im Osten bilden Arbeitnehmer und Unternehmer eine Art Schicksalsgemeinschaft.

Als Resultat dieser Verbundenheit liegt das Lohnniveau im Osten de facto nur bei 70 Prozent des Westens. Und das wird von den Betroffenen eben als Investition ins Überleben ihres Unternehmens akzeptiert. Ein zweiter Schlüssel zu den Erfolgen des Ostens ist die Bereitschaft zur Kooperation. Einheit macht stark, das hat man den Ossis lange genug eingetrichtert. Jetzt handeln sie nach dieser Devise und fahren gut damit.

Innovative Netzwerke



Zum Beispiel beim Airbag−Hersteller Takata: Der hat sich mit der Sachsen Feuerwerk GmbH bei Freiberg zusammengetan, die seit Generationen Böller, Knaller und Silvesterraketen herstellt. Warum eigentlich, so fragten sich die Takata−Leute, sollten sie die Treibsätze für die Auslösung der Airbags aus den USA importieren? Mithilfe des Fraunhofer Instituts für Chemische Technologie entwickelten die Freiberger Pyrotechniker Gasgeneratoren für Takata. Die Zusammenarbeit ist so erfolgreich, dass Takata−Manager Andres versichert: Wir wollen weiter ausbauen.

Das ist ein Beispiel unter vielen, wie sie Mitglieder der Verbundinitiative Automobilzulieferer Sachsen 2005 (AMZ) bereitwillig erzählen. Vor vier Jahren betrieb die Landesregierung die Gründung der AMZ, um kleinen Unternehmen die Chance zu bieten, innovative Produkte gemeinsam zu entwickeln und am Markt anzubieten. Allein hätten sie kaum eine Chance. Denn die Autohersteller fügen in aller Regel keine Einzelteile mehr zusammen, sondern verlangen von ihren Lieferanten fertige Module oder ganze Komponenten.

An AMZ−Projekten waren inzwischen gut 300 Unternehmen beteiligt. Ähnlich in Sachsen−Anhalt. Hier arbeiten seit Mitte der neunziger Jahre Automobilzulieferer im Kompetenznetz Mahreg zusammen, das aus einer Initiative der Bundesregierung hervorgegangen ist. Inzwischen liegt die Zahl der Netzwerker bei 150, hinter ihnen stehen ungefähr 10000 Mitarbeiter. Sie rühmen sich, gemeinsam eine Gesamtfahrzeugkompetenz zu bieten. Spezialität der Netzbauer ist die Einbindung der regionalen Hochschulen und Forschungsinstitute, um wissenschaftliche Erkenntnisse gezielt umzusetzen. Auch hier ist das Hauptanliegen, den Autoherstellern dank Vernetzung komplexere und damit höherwertige Produkte liefern zu können.

Kleinunternehmen profitieren



Ein Großabnehmer ist Volkswagen im nahen Wolfsburg. In der Branche heißt die Ecke zwischen Harz und Havel bereits Golf−Region. Die Beispiele für erfolgreiche Netzwerke finden sich vor allem in Automobilindustrie, Chemie, Maschinenbau und Optik. Unternehmen der Metallverarbeitung haben um die Stahlproduktion von Eisenhüttenstadt mit Erfolg ein Netz geknüpft. Im brandenburgischen Schwarzheide ist das BASF−Werk Kern eines Netzes, das Wissenschaft und Industrie zusammenbringt. Das Chemiedreieck um Bitterfeld, wie Phönix aus dem Ruß auferstanden, bietet als Chemiepark mit ausgebautem Stoffverbund eine zusätzliche Variante der Vernetzung.

Zu Dutzenden arbeiten solche Zusammenschlüsse, in denen jeder Beteiligte seine Unabhängigkeit wahrt. Eine Idee mit Verbreitungspotenzial: Von der Vernetzung profitieren gerade die für Ostdeutschland typischen Kleinunternehmen, die selten in der Lage sind, sich eigene Forschungskapazitäten zu leisten. Das IWH in Halle stellte jüngst fest, dass in Ostdeutschland im Vergleich zu Westdeutschland deutlich mehr Unternehmen an Innovationskooperationen partizipieren. Eike Röhling, im Bundeswirtschaftsministerium für die Neuen Länder zuständig, hat noch eine weitere Tugend entdeckt: Die Bereitschaft, mit Forschungseinrichtungen zusammenzuarbeiten, ist im Osten größer als im Westen.

Effiziente Behörden



Das alles würde dem Osten in der Wirtschaftskrise wenig helfen, wenn nicht die Behörden mitspielten. Ob im Ministerium, beim Landrat oder beim Bürgermeister: Investoren gleich welcher Größe berichten, sie seien mit offenen Armen empfangen und persönlich betreut worden. Bürokratische Hürden scheint es in den neuen Bundesländern kaum zu geben. Porsche will eine ökologisch wertvolle Fläche neben dem neuen Werk als Prüfstrecke für seinen Cayenne nutzen - kein Problem. Hinterher rühmt Porsche−Chef Wendelin Wiedeking die Effizienz und die Flexibilität, mit der die Behörden des Freistaates Sachsen und der Stadt arbeiten.

Auch Kollege Helmut Panke von BMW preist die sehr gute Zusammenarbeit mit den öffentlichen Stellen. Sein Beleg: Am 18. Juli 2001 erhielt Leipzig den Zuschlag für das neue BMW−Werk; nicht einmal zwei Jahre später, im Mai 2003, wurde Richtfest gefeiert. Das öffentliche Engagement half auch anderen Investoren. Der amerikanischen Softwarefirma Oracle etwa, die ein Call−Center von Dublin nach Potsdam verlegte, oder Vestas, dem weltweit größten Hersteller von Windkraftanlagen, der sich in Lauchhammer niederließ.

Schon einmal durchgebissen



Gerade in der Krise haben Ossis den Wessis eines voraus: die Umbruchkompetenz. So nennt Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck die Erfahrungen im persönlichen Umgang mit der Wende. Anders gesagt: Wer heute noch da ist, der hat sich schon einmal durchgebissen. Viele der Neuunternehmer sind Techniker, die Betriebsteile abgewrackter Kombinate übernahmen und ihren ganzen Stolz dareinsetzen, sie zu einem erfolgreichen Unternehmen zu machen.

Abgewickelte Hochschulprofessoren stehen ihnen oft an unternehmerischem Ehrgeiz nicht nach. Platzeck hat noch etwas anderes beobachtet. In all den Talkshows zum Thema Deutschland in der Krise jammern in aller Regel Westdeutsche unter sich. Die viel zitierten Jammer−Ossis machen sich dagegen rar. Der Osten könnte dem Westen ein oder zwei Dinge über den Kapitalismus beibringen, stand voriges Jahr in dem US−Wirtschaftsmagazin Business Week zu lesen. Kein schlechter Vorschlag.

Der Artikel erschien in der ZEIT Nr. 47/2003


 

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