"Die Regionen müssen sich an die Schrumpfung anpassen"
Interview mit Steffen Kröhnert vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung
In vielen Regionen wird es in Zukunft kein Bevölkerungswachstum mehr geben. Ein Subventionsregen für schrumpfende Regionen sei nicht sinnvoll, meint Steffen Kröhnert. Die Kommunen und Regionen müssten sich deshalb auf die Schrumpfung einstellen und ihre Infrastruktur konzentrieren, sagt der Bevölkerungsforscher im bpb-Interview.Zuletzt ist die Zahl der geborenen Kinder gestiegen, ebenso die Zahl der Kinder pro Frau: Nach den Schrumpfungsprognosen der vergangenen Jahre waren das positive Nachrichten. Hat sich die demografische Entwicklung umgekehrt?
Wenn man auf die Geburtenrate blickt hat sich die Lage tatsächlich etwas gebessert. Wobei es noch zu früh ist, das als dauerhaften oder großen Erfolg zu feiern. Die absolute Zahl der Geburten wird sicherlich weiterhin sinken, weil die Gruppe der Eltern seit den 70er-Jahren immer kleiner geworden ist. Gegen das Fehlen der Eltern, die in der Vergangenheit nicht geboren wurden, kann man heute nichts mehr tun.
Die Kinderzahl je Frau ist auch nicht genug gestiegen, um das als großen Erfolg zu werten. Ich denke, dass die neue Familienpolitik diesen Anstieg bewirkt hat, insbesondere das Elterngeld, das ja 2007 eingeführt wurde. Aus meiner Sicht hat das gerade in der bürgerlichen Mittelschicht dazu geführt, dass sich mehr Frauen für ein Kind entschieden haben - weil sie nicht mehr diesen großen Wohlstandsverlust hinnehmen müssen, wenn sie für eine begrenzte Zeit aus dem Berufsleben aussteigen. Insgesamt kann man das aber noch nicht als Entwarnung betrachten oder als Lösung des demografischen Problems bezeichnen.
Sie haben 2006 beklagt, Deutschland sei nicht kinder- und familienfreundlich. Wo stehen wir jetzt?
In der Vergangenheit wurde lange Zeit noch über das Modell der traditionellen Familie diskutiert: Die Frau erzieht als Hausfrau die Kinder, der Vater ist der Familienernährer. Davon wenden sich alle politischen Lager mehr und mehr ab und erkennen an, dass eine moderne Familienpolitik auf Vereinbarkeit von Familie und Beruf beruht.
Ein Schritt in diese Richtung war das Elterngeld, ein weiterer Schritt sind die gesetzlichen Regeln für Betreuungsplätze, für die Drei- bis Sechsjährigen und nun auch immer mehr für die Unter-Dreijährigen. In Zukunft werden wir vielleicht auch noch über mehr steuerliche Entlastung von Eltern sprechen.
Elterngeld und Steuerentlastungen verbessern in erster Linie die wirtschaftliche Situation der Eltern. Gibt es einen Zusammenhang zwischen wirtschaftlichem Wohlstand und niedrigen oder hohen Kinderzahlen?
In der Vergangenheit gab es geringe Kinderzahlen gerade in der bürgerlichen Mittelschicht. Insbesondere bei den sehr gut qualifizierten Frauen, weil für diese die Opportunitätskosten am höchsten sind: Sie haben die größten finanziellen Einbußen beim Ausstieg aus dem Berufsleben. Bei den ganz wohlhabenden Schichten waren die Kinderzahlen tendenziell höher, weil dort Geld nicht so eine Rolle spielte. Bei den ganz armen Schichten waren sie ebenfalls höher, weil dort über staatliche Leistungen in der Regel ein höheres Einkommen erzielt werden kann als auf dem Arbeitsmarkt.
In sehr wirtschaftsschwachen Regionen Ostdeutschlands ist in den letzten Jahren tatsächlich auch die Kinderzahl von Unter-Zwanzigjährigen angestiegen. Das interpretiere ich als einen Ausweg aus der Perspektivlosigkeit angesichts fehlender Arbeitsplätze. Das frühe Kinderkriegen ist noch immer eine gesellschaftlich akzeptierte Form, sich eine Lebensperspektive aufzubauen. Um zu verhindern, dass diese Kinder wegen ihrer sozialen Herkunft Nachteile haben, darf man sie bei der Bildung nicht zurücklassen.
In der Studie "Die demografische Zukunft Europas" haben Sie die Regionen Europas verglichen und ihre Zukunftsfähigkeit bewertet. Welche Faktoren sind dabei von Bedeutung?
Vor allem sind eine möglichst günstige Geburtenzahl und moderate Zuwanderung entscheidend. Dabei ist es wünschenswert, dass jüngere und gut qualifizierte Menschen zuwandern weil die Bevölkerungen europäischer Länder insgesamt altern. Hierbei spielt wiederum das Arbeitsplatzangebot vor Ort eine Rolle: Möglichst viele Jobs im gut qualifizierten Bereich und in der Dienstleistungswirtschaft, aber auch ein hohes Bruttoinlandsprodukt und ein hohes Pro-Kopf-Einkommen sind Faktoren, die sich auf die demografische Zukunftsfähigkeit auswirken.
Wie steht es um die Zukunftsfähigkeit Deutschlands? Wie haben einzelne Regionen abgeschnitten?
In Deutschland gibt es insgesamt eine sehr große Heterogenität. Einige Regionen in Bayern und Baden-Württemberg oder auch die Region Hamburg schneiden im europäischen Vergleich gut ab. Diese Regionen sind durch ihren Arbeitsmarkt und ihren Wohlstand Magneten für Zuwanderer, sodass dort die demografische Lage noch günstig ist.
Viel problematischer - auch im europäischen Maßstab - sieht es in ländlichen Regionen Ostdeutschlands aus. In peripheren Regionen Brandenburgs und in fast ganz Sachsen-Anhalt sind keine der günstigen Faktoren gegeben, weder Zuwanderung noch ein tragfähiger Arbeitsmarkt für Hochqualifizierte. Es gibt ostdeutsche ländliche Regionen, die finden sich unter den Schlusslichtern Europas und es gibt süddeutsche Regionen, die finden sich unter den sehr gut bewerteten Regionen in Europa.
Können die schlecht bewerteten Regionen ihren Rückstand wieder aufholen?
Das Ziel der Entwicklung in der Bundesrepublik war immer die Angleichung von Regionen, was den Lebensstandard betrifft. Gedacht war das als eine Angleichung nach oben, unter Wachstumsbedingungen. In vielen Regionen haben wir jedoch in Zukunft keine Wachstumsbedingungen mehr. Der europäische Vergleich zeigt, dass unter Schrumpfungsbedingungen die Unterschiede der Lebensqualität zwischen den Regionen eher größer werden. Ich halte es nicht für eine effiziente Verwendung von Steuergeldern, wenn man einen Subventionsregen über die schrumpfenden Regionen ausgießt. In der Regel wird da mit viel Geld wenig erreicht.
Was können Regionen und Kommunen tun, um zukunftsfähig zu werden?
Klassische Formen von Wirtschafts- und Ansiedlungspolitik sind für Regionen, die momentan demografisch noch gut aufgestellt sind, noch immer wirksam. Aber gerade für Regionen, die im Vergleich schlecht abschneiden, stehen andere Aufgaben an. Unter die Besten zu kommen ist einfach wegen der geografischen und historischen Bedingungen nicht mehr möglich. Sie müssen sich an die Schrumpfung anpassen und die Folgen für die regionale Bevölkerung mildern - etwa die Infrastruktur auf Mittelzentren konzentrieren und sich darauf vorbereiten, dass sich der ländliche Raum entleert.
Gibt es Kommunen, die sich bereits auf die Schrumpfung eingestellt haben?
In Ostdeutschland gibt es durchaus Kommunen, von denen man lernen kann. Das wird aber nicht immer offensiv vermarktet, da Schrumpfung ja immer noch negativ besetzt ist. Schwedt an der Oder ist ein Vorbild, wenn es um Rückbau geht. Die Stadt hat sehr viele Plattenbauten aus DDR-Zeiten abgerissen und die verbleibenden aufgewertet. Dadurch hat die Innenstadt an Wohnqualität gewonnen.
Die meisten ostdeutschen Städte haben, auch durch den Aufbau Ost, intern an Wohnqualität gewonnen, weil man mit viel Geld die alten Stadtkerne saniert hat. Viele Mittelstädte verzeichnen daher wieder Zuzug. Im Rahmen eine demografischen Zukunftsdebatte kann man davon ausgehen, dass diese Städte im besten Falle als lebenswerte Orte erhalten bleiben – und vielleicht einige Dörfer im dünn besiedelten Raum verschwinden.
Das Interview führte Martin Hetterich.
von Steffen Kröhnert finden Sie auf bpb.de außerdem: Zur demografischen Lage der Nation
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