Weißenfels Autobahn

Don Quijote und die Demografie

Eine Kreisstadt mit stolzer Geschichte droht zu veröden


19.5.2006
Die Gemeinde Warin teilt das Schicksal vieler Kleinstädte in Mecklenburg-Vorpommern. Obwohl idyllisch zwischen klaren Seen und sattgrünen Wäldern gelegen, nahe der Ostsee und der Landeshauptstadt Schwerin, zieht es zum Wohnen niemanden her. Die Jungen gehen, die Alten bleiben ─ eine Kreisstadt mit stolzer Geschichte droht zu veröden.

Wenn jemand in seinem Umfeld mal einen guten Rat brauchte, dann war Wolfgang Griese (57) schon immer gern zur Stelle. Als Baudirektor im Kreis Warin machte er in den 1980er-Jahren aus rückständigen DDR-Betrieben moderne Exportfirmen. Als diese mit der Wende untergingen, zögert Griese nicht lange. Er selbst hatte zwar gleich einen attraktiven Posten als Bauingenieur in einer westdeutschen Firma bekommen, doch in seiner Freizeit verbrachte er jede Minute damit, Investoren für Supermärkte und Kleinbetriebe in Warin anzuwerben. In sein Warin, wie Griese sagt, denn Warin ist für den Vater von zwei erwachsenen Kindern die "schönste Stadt in ganz Deutschland". Hier lebt er seit fast 50 Jahren, hier hat er sich seinen Traum vom Haus am See erfüllt.

Dass seine Kinder und die seiner Freunde und Bekannten hier wegziehen mussten, weil es in der Gegend keine Arbeit gibt, beobachtet Griese mit schwerem Herzen. Doch tatenlos zusehen, wie sein Warin, ehemalige Kreisstadt und staatlich anerkannter Luftkurort, einfach so vergreist und verödet, das kommt für den 57-jährigen nicht in Frage. Obwohl er seit drei Jahren erwerbsunfähig und auf Gehhilfen angewiesen ist, setzt er sich in seinem Amt als stellvertretender Bürgermeister in jeder freien Minute in Bewegung für seine Stadt.

Ferienort für Auserwählte



Wer zum ersten Mal nach Warin kommt, versteht Menschen wie Griese, ihre Liebe zu diesem Ort. Die malerische Altstadtkulisse mit gothischen Backsteinkirchen, restaurierten Fachwerkhäusern und Bürgervillen wird von zwei Seen umschlängelt, drumherum wächst sattes Grün – ein Anblick, der schon viele Besucher gerührt hat. Früher, im 13. Jahrhundert waren es die Pilger, denn Warin war einst Bischofssitz mit einer ansehnlichen Burg. Diese Burg steht seit 1835 nicht mehr, dafür zieren noch heute zwei silberne Bischofsstäbe auf rotem Untergrund das Stadtwappen. Jahrhunderte später wurden aus den religiösen Pilgern erholungssuchende Touristen. In DDR-Tagen erlebte Warin eine wahre Hochzeit. Die Regierung erklärte die Kreisstadt in Nordwestmecklenburg zum Luftkurort und baute FDGB-Ferienhäuser, um die produktivsten Arbeiter mit einen auserwählten Urlaub zu belohnen. Auch heute kommen noch Feriengäste, im Jahr 2005 zählte der Ort 4.000 Übernachtungen.

Doch jedes Jahr im September, wenn die Touristen ihre Koffer gepackt haben und in ihre Arbeitswelt zurückkehren, dann kommt das Warin zum Vorschein, wie es seine Einwohner seit 15 Jahren immer deutlicher erleben. Eine Stadt ohne Leben. Mit einem malerischen Kirchenplatz, der wie leergefegt ist. Mit einer Einkaufsstraße, auf der niemand mehr bummelt, deren Geschäfte nur noch halbtags geöffnet sind. Warin hat seit der Wende fast ein Fünftel seiner Bevölkerung verloren. Die Betriebsschließungen z.B. der Molkerei und der Matratzenfabrik haben dazu geführt, dass vor allem junge Leute und ihre Familien einer neuen Arbeit in den Westen hinterhergezogen sind. Heute sind von den 3.800 Einwohnern Warins mehr als 2.000 über 50 Jahre alt.

"Kein Drive dahinter"



Stückweise hat die Stadt in den vergangenen 15 Jahren Teile ihrer Identität verloren: der Bahnhof dicht, das Postamt geschlossen, die Eingänge zu den Tanzlokalen zugenagelt. Vor allem die Schließung des Krankenhauses mit einer Unfallchirurgie und Entbindungsstation hat Warin getroffen. 30 Ärzte und 126 Krankenschwesten – viele von ihnen mussten aus Warin weggehen und haben ihre Familien gleich mitgenommen. Wolfgang Griese wird es schwer ums Herz, als er vor dem verfallenen Krankenhausbau steht und sich an die Schließung 1997 zurückerinnert: "Das Krankenhaus hatte einen sehr guten Ruf, wir haben gute Zahlen geschrieben. Doch die Klinik in Schwerin lief nicht so gut, und da haben die unser Haus einfach dicht gemacht", sagt Griese.

Heute müssen die Wariner für einen Facharztbesuch in die 30 Kilometer entfernte Landeshauptstadt fahren – für die älteren Bewohner und jene ohne Führerschein wird das oft zum organisatorischen Problem. Es gibt in Warin keinen Orthopäden, keinen Augenarzt mehr, obwohl gerade sie gebraucht würden. Drei Allgemeinärzte gibt es, doch sie stehen kurz vor dem Rentenalter – und finden niemanden, der ihre Praxis übernehmen will.

Wolfgang Griese würde am liebsten Ärzte aus dem Ausland holen: "Unsere einzige Chance ist, dass es in der Ukraine oder so dermaßen unterbezahlte Ärzte gibt, dass sie sich hier ansiedeln würden. Aber junge müssen das sein, damit die auch gleich 'ne Familie mitbringen", sagt er. In die Ukraine hatte Griese sogar schon Kontakte aufgenommen. Doch da das Land kein Mitglied der Europäischen Union ist, gestalte sich die Sache äußerst schwierig, bekam Griese vom Sozialministerium Mecklenburg-Vorpommerns zu hören. Auf Hindernisse trifft er allerdings oft schon in der Kommune. "Die jammern alle viel zu viel 'rum, anstatt etwas zu bewegen. Da ist einfach kein Drive hinter" sagt er, und dass er sich manchmal wie Don Quijote fühle, der ganz allein gegen Windmühlen kämpft.

Heimatverbundene Jugend



Mit Abwanderung, Veralterung und Ärztemangel hat gerade das Flächenland Mecklenburg-Vorpommern besonders zu kämpfen. Allein in der ersten Hälfte des vergangenen Jahres sind 3.570 vor allem junge Menschen aus Mecklenburg-Vorpommern weggezogen. Dorthin, wo sie Arbeit finden konnten. "Wanderungsverluste" nennt dies das statistische Landesamt. Am höchsten seien sie gegenüber Hamburg, Schleswig-Holstein und Berlin gewesen – hierhin zog es die meisten Abwanderer.

"Mecklenburg-Vorpommern war noch 1998 ein junges Land, doch der extrem starke Geburtenrückgang und die besonders starke Abwanderung führen dazu, dass die Region schneller altert als Gesamtdeutschland", erklärt Prof. Gabriele Doblhammer vom Max-Planck-Institut für Demografie in Rostock. "Dabei konnten wir feststellen, dass die jungen Mecklenburger gegenüber Jugendlichen in den anderen Bundesländern eine besonders hohe Gebundenheit zu ihrer Heimatregion haben. Sie würden sogar Gehaltseinbußen in Kauf nehmen, um hier wohnen bleiben zu können."

Martina ist ein typisches Beispiel dafür. Sie ist 25 Jahre alt und ausgebildete Köchin. Sie brutzelt Schweinemedaillons mit Zitronennudeln – diesmal nur für sich und ihre Mutter. Martina hat sich eine Auszeit genommen. Sechs Jahre lang hatte sie in der Schweiz gearbeitet, weil sie daheim nach der Ausbildung keinen Arbeitsplatz gefunden hatte. Vor drei Monaten war sie am Ende ihrer Kräfte, wollte in ihre Heimat zurück. Zur Familie hauptsächlich, denn von den Freunden war ja kaum jemand geblieben nach dem Schulabschluss.

Martina will es noch einmal versuchen, hier in Warin. Sie weiß, was sie kann, ist selbstbewusst und freundlich. "Am liebsten würde ich hier gleich einen runtergewirtschafteten Laden übernehmen und den so richtig zum Laufen bringen. Aber das traut einem ja keiner zu, und man braucht für solch ein Projekt 'ne Menge Kohle", sagt sie. Also konzentriere sich die Suche erst einmal auf eine Anstellung. Wenn es die nächsten drei Monate nicht klappt, dann müsse sie eben wieder weg, in die Schweiz.

Hilferuf von der Schule



In der Zwischenzeit packt Martina ehrenamtlich mit an wo sie kann, und da ist sie bei Wolfgang Griese an der richtigen Stelle. Der Wariner Drachenbootverein, den Griese vor zwei Jahren mit einem Freund gegründet hat, hatte als Vereinshaus einen runtergekommenen DDR-Zweigeschosser erworben, aber kein Geld für die Modernisierung. Martina half Griese bei der Suche nach ehrenamtlichen Helfern. Sie mobilisierte ihre alten Freunde von der Schule – diejenigen, die in Warin geblieben und heute arbeitslos sind. Junge Zimmerer, Fliesenleger, Maurer – alle packten zusammen an und machten aus dem maroden Bau ein vorzeigbares Objekt.

Der Gemeinschaftsraum, Getränkeausschank und Imbiss mit Hausmannskost sollen dann ab Beginn der Sommersaison nicht nur den 50 Vereinsmitgliedern, sondern allen Warinern offen stehen. Die gemeinsame Aktion habe alle zusammengeschweißt, sagt Martina, und auch für Wolfgang Griese war es eine kleine Bestätigung, dass es sich manchmal doch lohnt, für eine Sache zu kämpfen.

Griese muss schon wieder los, Unterstützung leisten. Der Hilferuf kam diesmal von der Direktorin der einzig verbliebenen Realschule. Für September kommen in diesem Jahrgang nicht genügend Schüler zusammen, um den Schulbetrieb aufrecht zu erhalten. "Wenn die Schule schließt, wäre das eine Katastrophe für Warin. Dann würden auch noch die Lehrer unser einzigen weiterführenden Schule mit ihren Familien gehen", sagt Griese. Noch will er aber die Schule und sein Warin nicht aufgeben. "Irgendeiner muss ja kämpfen, sonst passiert hier bald gar nichts mehr."


 

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