Weißenfels Autobahn

Wenn Städte überflüssig werden

Die Globalisierung deformiert ganze Landstriche zu hoffnungslosen Randgebieten


19.5.2006
Welche Chancen hat sie noch, die schrumpfende Stadt? Die Hoffnung auf die Heilungskräfte des Marktes wird immer aussichtsloser. Kredite gibt es nur in Ausnahmefällen. Die Banken wissen: Wo die Menschen davonlaufen, verliert selbst Grund und Boden alle Heiligkeit.

Welche Chancen hat sie noch, welche Zukunft droht der schrumpfenden Stadt? Dass dem Osten Deutschlands die Einwohner weglaufen und längst mehr als eine Million Wohnungen leer stehen, wird "die Geschäftsgrundlage der traditionellen Architektur und Stadtplanung radikal in Frage stellen", prophezeien die Kuratoren des internationalen Ausstellungsprojekts Shrinking Cities. Doch was heißt das genau? Welche Antworten gibt es auf die Radikalfrage?

Im August 2005 erschien der Zweite Bericht zur Baukultur, herausgegeben vom Bundesbauministerium. Dort schleichen die Autoren nur auf Zehenspitzen um das brisante Thema "Schrumpfung" herum. Zwar räumen sie ein, dass die massive Abwanderung uns noch lange beschäftigen dürfte und wir mit allen Lösungsversuchen erst am Anfang stehen. Das Heil der gebeutelten Städte und Regionen allerdings suchen sie unbeirrt in schöneren Häusern und intensiverer Pflege des öffentlichen Raums.

Wie heutzutage üblich, soll nicht die Politik steuern, stattdessen erhofft man sich die Belebung der Innenstädte allein von leistungsfähigen Eigentümern: "Gebraucht werden Akteure, die bereit sind, den eigenen Lebensmittelpunkt mit dem Gebäude und Grundstück zu verbinden, als Kaufleute, Gewerbetreibende, Vermieter und Bewohner." Bürgerschaftliche Selbsthilfe soll den Städten zu Identität und Ansehnlichkeit verhelfen.

An der Peripherie der Weltwirtschaft



Solche Vorstellungen sind tief von der Idee unaufhörlichen Wachstums geprägt. Was aber kann etwa die Bürgerschaft einer Stadt wie Halle an der Saale damit anfangen, die hilflos zusehen muss, wie der kanadische Eisenbahnhersteller Bombardier, nachdem er 150 Millionen Euro staatliche Förderung erhalten und dafür die Arbeitsplätze von 23000 auf 1000 gesenkt hatte, seinen Hallenser Standort schließlich dennoch aufgibt?

Und wenn dann auch noch vom Statistischen Landesamt die Mitteilung kommt, dass im Jahr 2020 rund 80 Prozent aller Einwohner von Halle außerhalb regulärer Erwerbstätigkeit stehen werden weil sie dann entweder unter 20 oder über 65 Jahre alt sind? Niemand hat heute eine Vorstellung davon, wie eine Stadt mit einem solchen Bevölkerungsschema funktionieren könnte. Dabei sind wir von 2020 zeitlich genauso weit entfernt wie vom Jahr der deutschen Vereinigung.

Nein, es lässt sich nicht länger ignorieren: Am Ende des industriellen Zeitalters müssen wir uns auf einen grundlegenden Umbau unseres gesamten gesellschaftlichen Gefüges einstellen. Wo sich Wirtschaftsstrukturen ändern, wandeln sich auch die dazugehörigen Landstriche und Städte. Die Globalisierung organisiert nicht nur die Waren− und Finanzströme der Weltwirtschaft neu, sie erzeugt auch neue Peripherien, also benachteiligte Gebiete, manchmal inmitten von Wohlstandsregionen.

So gesehen wird Ostdeutschland weniger zum nationalen Versagensfall als zum kontinentalen Exempel: Lässt sich hier doch allerhand lernen über Regionen, die für globalisierte Wirtschaftskreisläufe uninteressant geworden und im Status der "funktionalen Irrelevanz" angekommen sind, wie es der namhafte Soziologe Manuel Castells nennt.

Soziale Fantasie für überflüssige Strukturen



In dieser Situation auf Heilungskräfte des Marktes zu hoffen wird immer aussichtsloser, je weiter die Krise voranschreitet. Gerade darin steckt ja der Kern der ostdeutschen Erfahrung: Privates Investitionsvertrauen in die betroffenen Regionen bricht schnell zusammen. Kredite für Neubaumaßnahmen, sogar für Sanierung und Umbau, werden nur in Ausnahmefällen noch gewährt. Banken haben da ein untrügliches Sensorium: Wo die Menschen davonlaufen, verliert selbst Grund und Boden alle Heiligkeit.

Wenn nicht nur einzelnen Städten, sondern ganzen Landstrichen die ökonomische Grundlage entzogen wird, spielt die Ästhetik der Architektur allenfalls am Rande eine Rolle. Der publizistische Applaus, den Architekten inzwischen einheimsen, wenn sie wie in Cottbus, Leinefelde oder Berlin−Marzahn großformatige Plattenbauriegel zu gefälligen Reihenhäusern oder würfelförmigen Stadtvillen umgestalten, mag dem technischen Erfindergeist gelten.

Eine "radikal veränderte Geschäftsgrundlage" für heutiges Planungsdenken findet sich aber eher in den Experimenten junger Architekten, die wie beim Hotel Neustadt in Halle oder beim Berliner Volkspalast nach neuen Nutzungsideen für die überflüssig gewordenen Strukturen suchen. Gefragt ist weniger ästhetische Raffinesse, gefragt ist soziale Fantasie.

Dafür macht unaufhaltsamer Wertverlust selbst starrköpfige Immobilienbesitzer zugänglich, in Leipzig zum Beispiel. Dort hat die Bauverwaltung mit privaten Eigentümern ausgehandelt, dass ihre Grundstücke vorübergehend auch öffentlich genutzt werden können, als Spielplätze oder als nachbarschaftliches Grabeland für Kleingärtner.

Leitbegriff für eine neue Planungskultur: Geduld



Noch "radikaler" gehen Planer und Künstler vor, die mit der Erosion ganzer Stadtviertel rechnen und bereits jetzt anfangen, die dann zu erwartenden, von wildnishaften Landschaftsinseln geprägten Stadtbilder zu erkunden und bei ihren Mitbürgern Neugier auf solch neuartiges Wohnumfeld zu wecken.

Was mit den "Industrieverwaldungen" der IBA Emscher Park als kulturelles Experiment begann, kann demnächst zum Ernstfall in den entvölkert zurückbleibenden Proletariervierteln des ausgehenden Industriezeitalters werden. Und wie das ehemalige Leipziger Fabrikrevier Plagwitz zeigt, können ein attraktiver Fahrradweg und ein kleiner Ausflugsdampfer auf dem alten Industriekanal den Charakter des Stadtteils nachhaltiger verändern als drei überambitionierte Gründerzentren. Wohl nicht zufällig heißt die Leitvokabel für die neue Planungskultur in Leipzig: Geduld.

Geduld braucht es tatsächlich, nicht nur um den Mangel sinnvoll zu gestalten, auch um mit dem Überfluss klarzukommen. Der Fall Görlitz zeigt dies besonders deutlich. Im Zweiten Bericht zur Baukultur wird über das ungewisse Schicksal nur hinweggeplaudert: "Angeblich gibt es einen Banker, der überzeugt ist, dass eine Stadt wie Görlitz überflüssig ist - zu viel Leerstand in der Innenstadt, zu viel Abwanderung aus wirtschaftlichen Gründen. Möglicherweise ist es ja tatsächlich billiger, die Bevölkerung Ostdeutschlands und inzwischen auch westdeutscher Regionen auf weniger Städte zu konzentrieren. Dass kein Mensch im Ernst über eine derartige Maßnahme nachdenkt, zeigt, dass Stadt etwas ist, was eben nicht nur unter finanziellen Gesichtspunkten zu fassen ist."

Ach, wenn das Wünschen doch nur helfen würde. Doch besagten Banker gibt es wirklich, und seine heikle Äußerung nahm er nur aus Rücksicht auf den Görlitzer Bürgermeister zurück, dem er das Leben nicht noch schwerer machen wollte. Man darf wohl unterstellen, dass sein Satz, Görlitz sei "überflüssig", keinem Übelwollen entsprang, sondern tiefer Ratlosigkeit.

Schließlich hält Görlitz schon lange einen Spitzenplatz unter den vom Exodus geplagten Städten Ostdeutschland: Die Zahl betrieblicher Arbeitsplätze fiel von 17500 auf 2300, seit Jahren liegt die Arbeitslosigkeit stabil über 20 Prozent, von vormals 85000 Einwohnern sind rund 60000 noch da.

Zur Jahrtausendwende dann der traurigste Rekord: In der fast fertig sanierten, mit Renaissance, Barock und Jugendstil gesegneten Altstadt erreichte der Wohnungsleerstand 48 Prozent. Am Geld lag es nicht: Nahezu 350 Millionen Euro waren in die Sanierungsgebiete geflossen.

Wer kann sich Altenburg, Torgau, Sangerhausen noch leisten?



Heute freut man sich, wenn ein paar besser gestellte Pensionäre aus dem Westen hier ihren Alterssitz nehmen wollen. Doch selbst wenn sich damit die Görlitzer Bilanzen etwas aufhellen lassen was soll aus all den anderen Kleinodien altdeutscher Stadtbaukunst werden, aus Brandenburg an der Havel, Kamenz, Sangerhausen, Torgau, Altenburg?

Vor reichlich hundert Jahren in die industrielle Neuzeit eingetreten, hatten sie in rasendem Tempo ihre Bevölkerungszahl verdoppelt, verdrei−, manche verzehnfacht. Heute kommen ihnen die Fabriken schneller abhanden, als sie einst entstanden. Steuerlos sich selbst überlassen, stapft der Strukturwandel über jede Kultur blind hinweg. Von ihm ausgemusterte Städte stürzen in regelrechte Daseinskrisen: Wer soll, wer kann sie sich in Zukunft noch leisten? Von Schönheit allein kann vielleicht Venedig leben.

Alles läuft auf die Frage zu: Auf welche Stadt kann man verzichten, auf welche nicht? Wer darf, wer muss darüber entscheiden? Unsere Gesellschaft als Ganzes muss sich fragen, was ihr die Zeugnisse der Bau− und Kulturgeschichte wert sind und wie deren Erhalt zu sichern wäre. Die Zeit drängt, die Uhren des Verfalls ticken unbarmherzig.

Der Artikel erschien in: Die ZEIT Nr. 40/2005


 

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