Dossier Familienpolitik

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16.9.2014 | Von:
Sabine Diabaté

Mütter heute: Leitbilder, Lebensrealitäten und Wünsche

Mutterwerden: Zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Die Aufgaben und Verantwortungsbereiche, die einer Mutter heute von Seiten der Gesellschaft zugeschrieben werden, sind breit gefächert. Frauen, die eine Familie gründen wollen oder bereits eine haben, sehen sich heute mit verschiedenen, teilweise miteinander konkurrierenden, Anforderungen konfrontiert. Wunsch und Wirklichkeit müssen irgendwie in Einklang gebracht werden: Frauen möchten sich vor der Familiengründung um ihre Ausbildung und ökonomische Absicherung kümmern, gleichzeitig eine für sie optimale Partnerwahl treffen und ein Arrangement mit Partner und Arbeitgeber finden, welches ihnen eine Vereinbarkeit von Familie und Beruf ermöglichen kann. Und das nicht nur wegen des Geldes, sondern auch aus dem Bedürfnis heraus, Erwerbsarbeit als Teil der Selbstverwirklichung und persönlichen Weiterentwicklung in das individuelle Lebensmodell zu integrieren, als Gegengewicht zum Privat- und Familienleben. Dabei sind die Frauen selbst Regisseurin, müssen ihre Entscheidungen treffen und ihre Wünsche mit den gegebenen Möglichkeiten realisieren. Diese Aufgaben werden z. T. durch familienpolitische Maßnahmen (z.B. Kinder- und Elterngeld) unterstützt, die darauf abzielen, Eltern Wahlfreiheit zwischen verschiedenen Lebensmodellen zu ermöglichen. Jedoch wird vielfach diskutiert (s. Gleichstellungsbericht; BMFSFJ 2012), dass die aktuellen familienpolitischen Maßnahmen zwar eine Vielzahl von mütterlichen Lebensentwürfen fördern, jedoch widersprüchliche Signale setzen und lediglich bestimmte Familienmodelle finanziell begünstigen (z.B. verheiratete Elternpaare zuungunsten unverheirateter Elternpaare). Beispielsweise wird einerseits verstärkt auf die Eigenverantwortlichkeit von Frauen und Müttern gesetzt, indem sie im Falle einer Trennung nur eine begrenzte Zeit Ansprüche auf nachehelichen Unterhalt haben. Andererseits werden durch gesellschaftliche Werthaltungen zur Mutterschaft, die sich in institutionellen Regelungen wie den bestehenden steuerrechtlichen Regelungen widerspiegeln, die Versorgerehe in besonderer Weise begünstigt. Da insbesondere in Westdeutschland (ähnlich in Südeuropa und Österreich) die ersten drei Lebensjahre der kindlichen Entwicklung als besonders wichtig erachtet werden, ist hier gesellschaftlich die Vorstellung weit verbreitet, dass ein Kind unter drei Jahren leidet, wenn es nicht von der Mutter betreut wird (European Values Study 2008). Dementsprechend ist in diesem Lebensabschnitt Müttererwerbstätigkeit wenig akzeptiert. Neben diesem gesellschaftlichen Druck für Frauen, Kinder unter drei Jahren selbst zu betreuen, tragen familienpolitische Regelungen wie das Ehegattensplitting und die kostenlose Mitversicherung der (zumeist) Partnerinnen nach der Geburt eines Kindes häufig ebenfalls dazu bei, die Erwerbstätigkeit zu unterbrechen. Diese Unterbrechung kann die Erwerbsbiographie von Frauen nachhaltig und langfristig brüchig machen, nicht selten misslingt der Wiedereinstieg in den Beruf. Aufstiegschancen oder Jobsicherheit für Mütter werden erschwert, Rentenansprüche fallen geringer aus als bei Männern, so dass es insgesamt zu einem ökonomischen Ungleichgewicht in Partnerschaften kommen kann. Dies kann zur Unzufriedenheit für Mütter und Väter führen, da sie aufgrund ökonomischer und auch gesellschaftlicher Zwänge nicht die nötige Wahlfreiheit haben, ihr Leben so zu gestalten, wie sie es sich wünschen und wie sie es brauchen. Dies kann Partnerschaften konfliktbehaftet und auch instabil machen (Beck-Gernsheim 1992). Eine Trennung bzw. Scheidung birgt zusätzlich das Risiko von Altersarmut, besonders für Frauen. Vor diesem Hintergrund können Entscheidungen, die junge Frauen hinsichtlich ihrer Familien- und Berufsplanung treffen, weitreichende lebenslange Konsequenzen nach sich ziehen. Die Abwägung dieser Wünsche und auch Risiken stellt eine große Herausforderung dar, die Entscheidung für eine Mutterschaft ist also voraussetzungsvoll.

Leitbild des idealen Timings: Wann ist der "richtige" Zeitpunkt, Mutter zu werden?

Angesichts der weitreichenden Konsequenzen der früh im Leben getroffenen Entscheidungen ist es nicht verwunderlich, dass junge Frauen (und auch Männer) die Familiengründung zeitlich weiter nach hinten aufschieben, bis sie die für sie notwendig erscheinenden Voraussetzungen erfüllt haben. Man könnte von einem Leitbild des idealen Timings für Familiengründungsprozesse sprechen: Zu dieser Normalitätsvorstellung könnte beispielsweise gehören, dass eine junge Frau zunächst eine Ausbildung absolvieren sollte, dann einen "idealen Partner" findet, mit diesem zusammenzieht und die Partnerschaft festigt. Beruflich erfolgt der Einstieg ins Erwerbsleben, dann die Etablierung im Job (im Idealfall mit einem sicheren Arbeitsplatz), auf privater Ebene ggf. die Eheschließung und dann wird eine Familie gegründet.

In der Realität werden jedoch mittlerweile rund ein Drittel aller Kinder in nichtehelichen Lebensgemeinschaften geboren. Die Forschung (FLB 2012) zeigt außerdem, dass die Ehe heute kaum noch als Voraussetzung für die Familiengründung gesehen wird: Lediglich 10% der Ostdeutschen und 18% der Westdeutschen bejahen diese Forderung. Die Ehe scheint in dieser Hinsicht an Bedeutung verloren zu haben; vor allem im Osten der Republik spielt sie kaum eine Rolle. Bei höher qualifizierten Frauen führen lange Ausbildungszeiten, Auslandsaufenthalte und das Streben nach einer gesicherten Stellung im Beruf auf einem eher unsicheren Arbeitsmarkt zu einer Verzögerung der Familiengründung oftmals in die Mitte oder auch das Ende des 4. Lebensjahrzehntes. In der Forschung wird diese Lebensphase, in der junge Erwachsene Ausbildung und Familiengründung parallel vereinbaren müssen, auch die "Rushhour des Lebens" genannt. Hinzu kommt der sogenannte "Mismatch" auf dem Partnermarkt, d.h. dass viele männliche und weibliche Singles nicht zueinander passen, da ihre Ansprüche sich widersprechen. Hier treffen hoch gebildete Single-Frauen auf Männer, deren Vorstellungen von Partnerschaft und Elternschaft nicht mit denen der Frauen kompatibel sind. Ergebnis vieler Studien zur Partnerwahl (Hassebrauck und Küpper 2002) besagen, dass Männer oftmals lieber Partnerschaften mit "statusniedrigeren" Frauen eingehen, d. h. mit Frauen, die z. B. einen niedrigeren Bildungsstand haben als sie selbst oder weniger Ambitionen, sich beruflich zu verwirklichen. Auch deswegen kann oftmals besonders der Wunsch von höher qualifizierten oder beruflich stark eingebundenen Frauen nach einer (früheren) Familiengründung nicht realisiert werden.

Die Diskrepanz zwischen dem genannten Idealalter für die Geburt des ersten Kindes und dem tatsächlichen Durchschnittsalter zeigt sich generell für alle Bildungsgruppen. Das geäußerte Idealalter liegt bei 27 Jahren (BiB 2012) und damit rund 2 Jahre unter dem von der amtlichen Statistik ausgewiesenen Durchschnittsalter von 29 Jahren bei der Geburt des ersten Kindes (im Jahr 2011). In vielen deutschen Großstädten ist eine Mutter bei der Geburt ihres ersten Kindes 35 Jahre alt und die Zahl der Erstgebärenden über 40 Jahre steigt.

Muttersein: Zwischen Wunsch und Wirklichkeit

In der Gesellschaft hat Mutterschaft gleichermaßen viele Gesichter: Mütter sind aufopferungsvolle Betreuerinnen oder unermüdliche Familienmanagerinnen, oftmals zerrissen zwischen den vielen Ansprüchen an sich selbst und solchen, die sie bei ihren Kindern, dem Partner, der Herkunftsfamilie, dem Arbeitgeber, der näheren Umgebung (z.B. Freunde) und auch in der Gesellschaft insgesamt wahrnehmen. So konkurrieren verschiedene, sich widersprechende Leitbilder von Mutterschaft miteinander. In dieser Gemengelage sind Mütter gleichzeitig noch auf der Suche nach einer inneren Balance, um ihre eigenen Bedürfnisse mit denen ihrer Umgebung ins Gleichgewicht zu bringen. Zusätzlich gibt es gängige und weit verbreitete Vorstellungen davon, wie eine "gute Mutter" sein sollte, wie sie sich gegenüber ihren Kindern und gegenüber ihrem Partner idealerweise zu verhalten hat. Und diese Vorstellungen und Erwartungen an Mütter, die eine breite Gruppe innerhalb der Bevölkerung für normal hält, spiegeln sich in den Medien, aber auch in alltäglichen Situationen, in denen Menschen miteinander über Beruf, Eltern und Familie sprechen, wider. Wenn Frauen von diesen Vorstellungen abweichen, werden sie als "Rabenmütter" (Ruckdeschel 2009) bzw. "egoistische Karrierefrauen" oder aber auch als "Heimchen am Herd" verunglimpft, je nachdem, in welchem Umfeld sich Mütter befinden.

Blickt man über den Tellerrand nach Frankreich, wird deutlich, wie unterschiedlich die Debatte um Mutterschaft geführt werden kann. Hier sind vor allem die Mütter, die nicht erwerbstätig sind und ihre Kinder selbst tagsüber betreuen, Zielscheibe von Kritik. In Frankreich hat sich dafür der Begriff der Gluckenmutter etabliert, die "Mère Poule". Seit einiger Zeit formiert sich in Frankreich jedoch auch eine Protestbewegung (Hesse 2013). Es gibt eine wachsende Zahl von Müttern, die ihre Kinder stillen: Zwischen dem Jahr 1995 und 2012 stieg die Stillquote in Frankreich von 45 auf 69 Prozent. Die neue Mutter-Generation in Frankreich wünscht sich mehr Zeit für sich und ihre Kinder und versteht sich als feministische Avantgarde. Von Kritikern werden sie als "hyper mères" beschimpft.

Hierzulande mehren sich jedoch (offenbar gegenläufig zur Entwicklung in Frankreich) auch Stimmen in der Debatte, die Mütter zunehmend unter Druck sehen, kurz nach der Geburt wieder in den Job zurückzukehren. Deutlich werden diese Konfliktlinien in Deutschland auch im Kontext des viel diskutierten Betreuungsgeldes für Eltern, welches vom 1. Lebensjahr bis zum Einstieg in den Kindergarten an Eltern gezahlt werden soll. Zwischen diesen beiden Polen bewegt sich das aktuelle Mutterleitbild in der öffentlichen Debatte. Festzustellen ist, dass in vielen der genannten Positionen selten mit dem "Wohl der Mütter", sondern allein mit dem Kindeswohl argumentiert wird. Frauen sind daher, unabhängig davon, wie sie sich entscheiden, oftmals gezwungen, sich zu rechtfertigen. Es gibt wohl wenig andere Themen, die so stark polarisieren und sowohl positive als auch negative Gefühle wachrufen.

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Autor: Sabine Diabaté für bpb.de
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