Dossier Familienpolitik
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Familien-Zeitpolitik: Zeit für Fürsorge


6.11.2014
Die Entscheidung für Kinder bedeutet für die meisten Eltern auch heute noch, weniger Zeit für den Beruf zu haben. Beruf und Kinder werden zeitgleich gestemmt, was für viele Eltern zur Rushhour des Lebens führt – verbunden mit großem Zeitdruck. Und das, obwohl die Politik heute verstärkt eine parallele Familien-Zeitpolitik fördert, also die gleichzeitige Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Die Mikrosoziologen und Familienforscher, Hans Bertram und Carolin Deuflhard, beschreiben die Entwicklung der deutschen Familien-Zeitpolitik seit den 1970er-Jahren und machen dabei deutlich, wo die politischen Maßnahmen bis heute nicht weit genug gehen.

Familien mit KindernFür Familien mit kleinen Kindern wird das Leben oft zur Rushhour. Beruf und Familie zu vereinbaren, ist eine Herausfoderung. (© Damian Longerich/www.cupitronic.net)

Menschen, die sich für Kinder engagieren und Zeit für sie aufwenden, sind zeitlich sehr viel mehr belastet als alle anderen Mitglieder der Gesellschaft (Goodin et al. 2008), da diese Zeit immer zusätzlich zur beruflichen Arbeitszeit geleistet wird. Zudem sind seit den 1970er-Jahren die Zeitanforderungen an die Eltern durch die höheren Bildungsansprüche an die Kinder gestiegen (Bianchi/Milkie 2010; Bianchi/Robinson/Milkie 2006). Die Probleme, die mit der hohen zeitlichen Belastung einhergehen, lösen Paare in der Regel dadurch, dass sie die Zeit für die verschiedenen Bereiche untereinander aushandeln, meist mit der Konsequenz, dass diejenigen, die sehr viel mehr Fürsorgezeit leisten – in der Regel die Mütter – am Arbeitsmarkt systematisch benachteiligt werden. Schon seit den frühen 1970er-Jahren ist Familienpolitik deshalb auch Zeitpolitik. Das Gesetz zum Mutterschaftsurlaub (1979), das Bundeserziehungsgeld- und -urlaubsgesetz (1986), der Rechtsanspruch auf Teilzeitarbeit (2001) sowie das Bundeselterngeld- und Elternzeitgesetz (2007) sind zentrale zeitpolitische Maßnahmen in der Geschichte der Bundesrepublik. Diese versuchen Rahmenbedingungen herzustellen, um den Familien die Organisation der Fürsorge für Kinder zu erleichtern.

Weniger Zeit trotz höherer Lebenserwartung: Die Rushhour des Lebens



Trotz der insgesamt gestiegenen Lebenserwartung der Bevölkerung steht den nach 1980 Geborenen heute zwischen dem 28. und 34. Lebensjahr viel weniger Zeit zur eigenen Lebensgestaltung zur Verfügung. Denn genau in der Zeit, in der sich junge Menschen beruflich etablieren wollen, gründen sie häufig auch eine Familie und müssen sich dann besonders intensiv um die Fürsorge ihrer Kinder kümmern, solange diese klein sind. Die länger gewordenen Ausbildungszeiten verzögern die ökonomische Selbstständigkeit, die als eine wichtige Voraussetzung für die Gründung einer Familie angesehen wird. Hinzu kommt, dass der Einstieg in die Berufswelt heute sehr viel diffuser ist als noch in der Elterngeneration. Gleichzeitig sind die Erwartungen an die Eltern in Bezug auf die Sozialisation ihrer Kinder heute auch schon bei sehr kleinen Kindern unverhältnismäßig viel höher.

Somit entsteht heute für diejenigen, die Fürsorgezeiten und berufliche Entwicklung aufeinander beziehen wollen, eine Rushhour im Lebensverlauf. Insofern ist die heutige Generation junger Eltern zeitlich überfordert, zumindest im Vergleich zur Generation ihrer Eltern, welche noch häufiger das traditionelle Familienmodell gelebt hat, in dem sich die Mutter als Hausfrau um die Kinder kümmert und der Vater als Alleinversorger berufstätig ist. Dies hat zur Folge, dass sich insbesondere qualifizierte junge Erwachsene zunehmend dafür entscheiden, nur noch einen Bereich – und zwar den Berufsbereich – als zentrales Element in diesem Lebensabschnitt zu interpretieren und erst einmal auf Kinder zu verzichten.

Die Entstehung des zeitpolitischen Diskurses



Die Fürsorge für kleine Kinder sowie deren Unterstützung in ihrer schulischen Entwicklung und beim Erwachsenwerden werden seit Mitte des 19. Jahrhunderts als wichtige Aufgaben der Familie angesehen (Ariès et al. 1993), die im Wesentlichen als Kernelemente der Mutterrolle interpretiert wurden. Die dahinter liegende Logik leitete sich einerseits aus der sich arbeitsteilig entwickelnden Industriegesellschaft ab, andererseits aber auch aus der Entdeckung des Kindes als einer eigenständigen Persönlichkeit sowie der Kindheit als Lebensphase.

Seit dem Zweiten Weltkrieg bis etwa 1970 lebte – zumindest in Westdeutschland – die Mehrzahl aller Kinder in Familienhaushalten, in denen der Vater arbeitete und die Mutter zu Hause für die Kinder sorgte. In dieser familiären Lebensform war nur der außerhäuslich erwerbstätige Mann den Zeiterfordernissen der industriellen Güterproduktion unterworfen, während sich die Mutter um die kindlichen Bedürfnisse nach Fürsorge und Zuwendung sowie die Regeneration der Familie kümmerte. Hochschild (1995) nennt dieses Modell traditional-warm, weil die Zuständigkeiten von Vater und Mutter gesellschaftlich vorgegeben waren, es zugleich aber einen klar definierten und organisierten Raum für Fürsorge gab, der ebenso anerkannt war wie die wirtschaftlichen Erfordernisse. Denn die Bedürfnisse eines Kindes ergeben sich aus dem kindlichen Entwicklungsprozess und sind mit der Zeitlogik eines industriellen Dreischichtenbetriebes kaum in Übereinstimmung zu bringen. 1970 war allerdings noch gut die Hälfte der Erwerbstätigen hauptsächlich als Schichtarbeiter in der Industrie beschäftigt, und bis in die 1950er-Jahre hinein galt noch die 48-Stunden-Woche. Spontaneität, Offenheit und Zuwendung für die unaufschiebbaren Bedürfnisse von Kindern waren innerhalb dieser Rahmenbedingungen kaum unterzubringen. Insofern korrespondiert diese familiäre Organisationsform mit den Produktionsbedingungen der Industriegesellschaft.

Im Übergang von der Industrie- zur Wissensgesellschaft verlor dieses Modell seit den 1960er-Jahren dramatisch an Bedeutung und wurde zunehmend durch die Zweiverdiener- und Einelternfamilie ersetzt (Bertram 1991; Bertram/Deuflhard 2014). Auch im wissenschaftlichen und öffentlichen Diskurs wurde dieses Lebensmodell zunehmend in Frage gestellt. Autoren wie Mitscherlich (1953) wiesen darauf hin, dass die Erziehung von Kindern in einem solchen Familienmodell "vaterlos" ist. Zudem verlangt dieses Modell einen hohen Preis von den Frauen, da sich ihre Teilhabe an der Gesellschaft im Grundsatz nur über den Mann und die Kinder vermittelt (u.a. König 1946; Hochschild 1995). Im Ersten Familienbericht der Bundesregierung (1968), unter dem damaligen Familienminister Bruno Heck (CDU), wurde diese Kritik aufgegriffen und die mangelnde Möglichkeit von Hausfrauen und Müttern, an der gesellschaftlichen Entwicklung teilzuhaben, mit dem Vorschlag eines Drei-Phasen-Modells des weiblichen Lebenslaufs beantwortet.


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Autoren: Hans Bertram, Carolin Deuflhard für bpb.de
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