Dossier Familienpolitik

6.11.2014 | Von:
Hans Bertram
Carolin Deuflhard

Familien-Zeitpolitik: Zeit für Fürsorge

Sequenzielle und parallele Zeitpolitik in der Bundesrepublik

Dieser Vorschlag der schwedischen Autorinnen Myrdal und Klein (1956) geht davon aus, dass die Teilhabe der Mütter an Bildung, im Beruf, in der Familie und wieder im Beruf in einer organischen Abfolge organisiert werden kann. Das Drei-Phasen-Modell ist der erste Schritt zu einer sequenziellen Zeitpolitik. Diese versucht, die Teilhabe von Müttern an der gesellschaftlichen Entwicklung und die Fürsorge für Kinder in einem zeitlichen Nacheinander zu organisieren.

Mädchen spielt KartenKinder brauchen Zeit – mit ihren Müttern und Vätern. Deshalb ist eine Zeitpolitik, die Familien unterstützen will, immer auch Gleichstellungspolitik. (© Damian Longerich/www.cupitronic.net)
Der Nachteil dieses Modells ist allerdings evident: Ordnet man den Lebenslauf allein um die Sozialisationsbedürfnisse von Kindern, tritt die Teilhabe der Mütter an Bildung und beruflicher Entwicklung hinter diese zurück. Die Konsequenz ist mittlerweile empirisch gut belegt: Mütter, die sich für ein solches Modell entscheiden, erleben in der Regel keinen beruflichen Aufstieg (Born/Krüger/Lorenz-Mayer 1996). Denn eine Frau, die zu Gunsten der Kinder eine lange Zeit – etwa 15 Jahre Sozialisationszeit – den Beruf verlässt, hat dann kaum mehr die Möglichkeit, dort wieder einzusteigen, wo sie aufgehört hat, und die Karriereschritte nachzuholen, die kontinuierlich Erwerbstätige schon vollzogen haben.

Schon die Nachfolgerin von Bruno Heck, Aenne Brauksiepe (CDU), setzte sich deshalb bereits Ende der 1960er-Jahre für Teilzeitarbeit und für den Ausbau der Infrastruktur durch Ganztagsschulen ein. Damit machte sie deutlich, dass eine sequenzielle Zeitpolitik des geordneten Nacheinander unterschiedlicher Aufgaben im Lebensverlauf durch eine parallele Zeitpolitik ergänzt werden muss, damit die Teilhabe am Beruf und die Fürsorge für Kinder auch zeitgleich geleistet werden können. Auch Brauksiepes Nachfolgerinnen, Käte Strobel (SPD) und Katharina Focke (SPD), formulierten nicht nur ein Recht auf personale und berufliche Entfaltung, sondern trugen viel dazu bei, dass Zeitpolitik zu einer besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie immer auch in eine Gleichstellungspolitik eingebettet sein muss, da es andernfalls zu einer Doppelbelastung der Mütter kommt (siehe hierzu auch "Mütter heute: Leitbilder, Lebensrealitäten und Wünsche"). Trotz dieser politischen Debatten blieb die Zeitpolitik auch in der Amtszeit dieser beiden Ministerinnen im Wesentlichen dem sequenziellen Modell verhaftet: Sowohl die Verbesserung der beruflichen Wiedereingliederung nach einer Familienphase (Arbeitsförderungsgesetz 1969) als auch die Einführung von Pflegetagen für Eltern erkrankter Kinder (1974) sowie das 1979 eingeführte Gesetz zum Mutterschaftsurlaub folgten weiterhin diesem Modell (Gerlach 2010).

Zeitpolitik in der DDR: Mehr Gleichwertigkeit von Familie und Beruf

Das 1976 in der früheren DDR eingeführte Babyjahr, zunächst ab dem zweiten Kind, mit sechs Monaten Lohnfortzahlung und sechs Monaten Krankengeld sowie einer Arbeitsplatzgarantie, war demgegenüber ein klarer Bruch mit dem sequenziellen Modell der Bundesrepublik.

Hier wurde zum ersten Mal deutlich, dass die Fürsorge für Kinder nicht unabhängig und außerhalb der Arbeitswelt stattfinden kann, sondern eine dem Beruf gleichberechtigte Aufgabe darstellen muss, die weder zu einer ökonomischen noch zu einer beruflichen Benachteiligung führt. Auch die kürzere Wochenarbeitszeit (1976) für Mütter von mindestens zwei Kindern mit 40 statt 43,5 Stunden – ohne Lohnminderung – zeigt, dass die Zeitpolitik der DDR die Gleichwertigkeit beider Teilhabebereiche, nämlich Beruf und Familie, zu jener Zeit deutlicher zum Ausdruck brachte als die damalige Zeitpolitik der Bundesrepublik.

Zeitpolitische Maßnahmen seit 1980 und nach der Wiedervereinigung

Unter Familienminister Heiner Geißler (CDU) von 1982 bis 1985 zeigte die Zeitpolitik in der Bundesrepublik relativ große Übereinstimmungen mit den zeitpolitischen Maßnahmen in der DDR. Das Bundeserziehungsgeld- und -urlaubsgesetz (1986), das Geißler in seiner Amtszeit auf den Weg brachte, mit einer Unterstützung von 600 DM pro Monat in den ersten zehn Lebensmonaten des Kindes (ab dem 7. Lebensmonat einkommensabhängig), zehn Monaten Arbeitsplatzgarantie nach der Geburt des Kindes sowie der Einbeziehung der Väter, entspricht in Vielem der Ausweitung des gewährten Babyjahres bereits ab dem ersten Kind und der Einrichtung eines Erziehungsurlaubs für Väter im gleichen Jahr in der DDR. Die Regelungen in der DDR waren insgesamt etwas großzügiger: Das Babyjahr konnte für 12 Monate in Anspruch genommen werden und verlängerte seine Laufzeit für dritte Kinder auf 18 Monate, wohingegen die Bezugszeit des Erziehungsgeldes in den alten Bundesländern erst 1990 auf 18 Monate ausgedehnt wurde.

Nach der Wiedervereinigung wurden die zeitpolitischen Vorstellungen der Familienpolitik der alten Bundesländer auf die neuen übertragen und entsprechend die bestehenden Regelungen im Hinblick auf das Babyjahr abgeschafft und das Erziehungsgeld eingeführt. 1992 wurden die Pflegetage für Eltern kranker Kinder von fünf auf bis zu zehn Arbeitstage verlängert, der Erziehungsurlaub wurde auf bis zu drei Jahre mit Arbeitsplatzgarantie ausgeweitet (1992) sowie das Erziehungsgeld 1993 auf 24 Monate ausgedehnt (Gerlach 2010). Insgesamt ergaben sich damit nur unwesentliche Änderungen an den Zeitregelungen, die Mitte der 1980er-Jahre in Westdeutschland entwickelt worden waren. Erst zu Beginn des neuen Jahrtausends wurde die Grundlage für eine parallele Zeitpolitik im Bereich von Familie und Beruf geschaffen, indem man sich auf politischer Ebene auf eine strukturelle Veränderung in Bezug auf die Arbeitszeit einigte.

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Autoren: Hans Bertram, Carolin Deuflhard für bpb.de
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